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Gutmenschen = gute Menschen?

  • Gibt es global anerkannteGutmenschen?
  • Rollenmodelle für Gutmenschen
  • Der barmherzige Samariter, das bessere Vorbild?
  • Wie erkennt man Gutmenschen?
  • Wer weiß, was gut ist?
  • Was ist „gut sein“, was reicht, um gut zu sein? 
  • Anti-gut?
  • Ein bisschen Gutmensch gefällig?
  • Gute, in der Literatur diskriminiert?
  • Sind gute Frauen und gute Männer ebenbürtig?
  • Hat Gutsein eine bevorzugte Jahreszeit?
  • Gutes auf Aufforderung?
  • Was bleibt zu guter letzt an Einsicht übrig?

Sind Gutmenschen gute Menschen?

Oder charakterisiert dieser Begriff  willkürlich positiv oder negativ ?

Ist er ein Killerargument, um jene, die der eigenen Gesinnung zuwiderlaufen, zu diskreditieren oder bezeichnet er gute Menschen, denen mitunter etwas Naivität unterstellt wird?

So oder so, es ist eine Aufgabe, die Bedeutung samt die ihr innewohnende Bewertung freizulegen, ohne selbst dabei moralinmäßig zu übersäuern.

 

Das Wort Moralin geht übrigens auf Friedrich Niezsche zurück, der wohl kein Gutmensch war, sich aber dafür, wie schon Dante oder Dyonisos von Halikarnassos, ohne Umschweife dem Übermenschen widmete. Das Wort Übermensch bezeichnet Typen höchster Wohlgeratenheit, als Alternative zu  modernen oder guten Menschen, zu Christen etc., also einen Hybriden aus Heiligkeit und Genius. Damit wird klar, der Gutmensch ist kein Übermensch, ob man ihn an Niezsche misst oder nicht.

Gibt es global anerkannte Gutmenschen?

Guter Mensch Dalai Lama
Ihm geht es nicht um gut oder schlecht, nur seine Anhänger wollen es. © Traugott-Hajdu

Gibt es einen universell gültigen Typ Güte? (Also einen weltweit gültigen Standardtypus?)

Das kann man bejahen und verneinen. Bejahen lässt es sich, weil es Persönlichkeiten in Gegenwart und Geschichte gibt, die unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer Religion und Nationalität als gütige Menschen weltweit anerkannt sind.

 

Manche sehen in ihnen Gutmenschen, es gibt aber genug Anteile der Weltbevölkerung, welche diese Persönlichkeiten nicht kennen. Viele von den ethischen oder moralischen Vorbildern sind als reelle Menschen gar nicht fassbar, weil es nur Überlieferungen gibt.

 

Wir sind trotz mancher religiöser Fanatisierungstendenzen (etwa im Islam) in der Gegenwart immerhin durchaus zu einem Punkt gekommen, an dem eine Religionsgemeinschaft der anderen ( vor allen deren Mitgliedern) nicht grundsätzlich Schlechtigkeit unterstellt und absolute Verdammnis prophezeit.

Verneinen muss man aber die globale Gültigkeit einfach, weil der Gutmensch, von dem hier geschrieben wird, christliche Wurzeln hat. Das historische Rollenmodell für den Homobonus/ Bonhomme/ Gutmenschen war außerdem ein Kapitalist und ein Unternehmer, der vielleicht gar nicht so schlecht in die heutige wirtschaftsliberale Zeit gepasst hätte.

Rollenmodelle  für  Gutmenschen

Der Name Gutmensch verbreitete sich unter Christen durch den Heiligen Homobonus:

Es war der Vorname eines italienischen Kaufmannssohns, der mit Familiennamen Tucinge hieß und im zwölften Jahrhundert lebte.

Homobonus/Uomobona war Kaufmannssohn und Kaufmann und zwar ein besonders frommer. Er versäumte keine einzige Eucharistie. Die Fähigkeit und quasi göttliche Lizenz, zu arbeiten und Geld zu verdienen, führte er darauf zurück, dass er dadurch Arme unterstützen könne. Dank einer fetten Erbschaft und einer cleveren Geschäftsidee war er zu seinem Wohlstand gelangt.

 

Homobonus verkaufte nämlich Stoffe anstatt fertige Kleider, da die meisten sich ihre Kleidung selber nähten. Mit 50 Jahren war also dieser gute Mensch so reich, dass er nicht mehr arbeiten musste. Daher wird er auch mit dem Geldsäckel dargestellt. Innozenz III, einer der mächtigsten Päpste der Geschichte, sprach ihn heilig, der Papst, der bestimmen wollte, wen er als Herrscher krönen oder salben würde und wen nicht, was die Entscheidung, Uomobona zu heiligen, durchaus in ein eigenes Licht rückt.

 

In den USA wird der gute Mann als Maskottchen für Unternehmen und Geschäftsleute gern gekauft. Was bekanntlich nicht dazu führen soll, dass diese freigiebiger, sondern reicher werden sollen. (S. Aufschrift: Make a fortune! Verdiene sehr viel Geld ). Außerdem ist anzumerken, dass Wohltätigkeit eben Gutmenschen und nicht zwangsläufig gute Menschen ausmacht.

Sie beseitigt nämlich weder die Wurzeln von Armut noch das eigentliche Elend. Sie lindert temporär und scheint gar nicht zu wollen, dass Bedürftigkeit aufhört...

Der barmherzige Samariter, das bessere Vorbild?

Der barmherzige Samariter ist laut Wikipedia kein Gleichnis, weil die Erzählung nicht alltäglich ist, sondern eine Beispielerzählung. Sie fordert zur Nächstenliebe auf, also, zu seinem nächsten Menschen gut zu sein. (Der Alltag sah anders aus, wie unten nachzulesen ist.)

Ein Mann wird überfallen und weder ein Priester noch ein Levit (jene also mit dem Urheberrecht aufs Leviten lesen ;-)) kümmern sich um das Elend des Mannes.

 

Erst der Samariter (dessen Namen, wie jener des Priesters und Leviten, eine Religionszugehörigkeit und nicht eine Eigenschaft bezeichnet) rettet den Mann und kümmert sich noch dazu auch finanziell um dessen Pflege. Wer der „Nächste“ ist, entscheidet sich nicht durch die Identität des Bedürftigen, der übrigens ein unbekanntes Opfer nicht geklärter Herkunft ist, sondern vom Subjekt her:

der Helfende (Samariter) wird dem Bedürftigen zum Nächsten.

 

Ein guter Mensch ist also der, der entscheidet, wer der Nächste ist. (Ja, auch das lässt sich doppelt deuten: sich für den Nächsten entscheiden, oder entscheiden, wer der NÄCHSTE ist. Das könnte eine ganz probate Differenzierung zwischen dem guten Menschen und dem Gutmenschen sein.

Dass im heutigen Sprachgebrauch genau die Kernfigur des Gleichnisses nicht nur für Hilfsbereitschaft steht, sondern auch für die Distanzierung vom Gutmenschentum,  dürfte egoistisch motiviertem Schlechtmachen zu verdanken sein.

„Ich bin doch kein Samariter.“ Die Alternativen wären Priester oder Levit…wenn man spitzfindig sein möchte.

Aber:

Wie erkennt man Gutmenschen ?

Zwischen dem mit Kalkül aufgehängten Fähnchen des Gutmenschentums und echter Güte zu unterscheiden, ist nicht immer leicht.

 

Vielleicht kennen wir gute Menschen und Gutmenschen persönlich, aber repräsentativ ist das nicht. Denn von irgendwoher brauchen wir ein geeichtes Maß, um sowohl das Adjektiv „gut“ als auch die Typenbezeichnung „Gutmensch“ einzugrenzen, aber ein solches gibt es nicht.

 

Man muss sich leider am Hörensagen und an der Meinung eines ausgewählten Kollektivs orientieren. Und diesem Kollektiv muss man auch ein repräsentatives Maß an Güte zuschreiben können. Wer diese nicht kennt, kennt sich auf dem Gebiet nicht aus und wird zumindest verzerrend beurteilen.

Im Privaten ist die Identifizierung noch schwerer, denn zur Not werden auch schon mal enge Familienmitglieder idealisiert, vielleicht weil es zu schmerzlich ist, eigenes Fleisch und Blut, besonders, wenn es von Vorfahren stammt, als das anzuerkennen, was sie wirklich sind oder waren.

 

Fremde, die zugewandert sind, erkennt eine Gesellschaft selten a priori als gut. Solange sie als Opfer betrachtet werden, die gezwungenermaßen ihr Vaterland gegen die Fremde eingetauscht haben, mögen sie Vorschussgüte zuerkannt bekommen, denn Täter sind böse, Opfer sind gut. Verlieren sie aber den Opferbonus, verlieren sie auch das Gütesiegel.

 

Aber es gäbe da schon ein klares Unterscheidungskriterium: Gutmenschen wollen gut sein, gute /gütige Menschen sind es. (Wobei auch Gutmenschen graduell gut sein können, wenn sie herausfinden,was das in der Realität  bedeutet.)

Wer weiß , was gut ist?

Kein Gutmensch im Nirvana!
Kein Gutmensch im Nirvana! © Traugott-Hajdu

Es scheint so, dass ein Teil der Gutmenschen nicht ohne Vorbild oder Guru auskommt, wobei letzterer bei näherem Augenschein oft das Gegenteil von dem ist, was er repräsentieren soll. Jedenfalls sind Gurus nicht automatisch Gutmenschen.

 

Manchmal legen sie es gar nicht darauf an, gut zu sein, sondern einen transzendenten Zustand zu erlangen der mitunter sehr hedonistisch sein kann. Besonders obskur sind solche Gurus, die von anderen das Beste verlangen, es selber aber nicht leben und Heil jenseits normaler physischer und psychischer Reichweite verlagern.

Sekten ködern ihre Mitglieder mitunter gerne damit, dass ein bestimmtes meist selbstloses Verhalten, das sie nicht ungewollt mit Selbstaufgabe verwechseln, zu einem paradiesischen Daseinszustand führt. Wer eine Sekte gründet und leitet, muss wohl automatisch ein Gutmensch sein, denn der Sektenobhut eines schlechten Menschen möchte sich wohl kaum einer anvertrauen!?

Damit sind nicht jene Lehrer gemeint, die ohne Aufhebens tatsächlich direkt Menschen an ihren spirituellen Wachstumserfahrungen teilhaben lassen, doch die sind in den seltensten Fällen prominent oder weltberühmt.

 

 

Auch große Gesellschaften (meist Männerbünde, die viel Brimborium und Rituale betreiben und sich gerne transzendenzheischender Symbole bedienen) proklamieren das Gute und erheben Aspekte davon zu ihrem Wahlspruch.

 

Ein Beispiel ist folgendes sinngemäß wiedergegebenes Zitat: „Nicht äußerer weltlicher Glanz bestimme den Wert des Ethischen. Streben nach Glanz, Macht Reichtum und äußerem Schein führt zum Untergang und hochmütiger Wissensdünkel und schwindende Scheu vor dem Heiligen  sind zu überwinden.“

 

Derlei Gesellschaften wird übrigens von Außenstehenden eher selten Gutmenschentum unterstellt.

Sich Aufnahmeritualen zu unterziehen oder altmodische Kleidungsstücke umzuhängen, produziert weder gute Menschen noch Gutmenschen. 

Gutes kann sehr wohl in solchen Gesellschaften und in Mitgliedern manifest sein, aber große Worte darüber verdrängen meist große und sogar kleine wirklich gute Taten.

Oder, um in Begriffen Max Webers zu sprechen: Wenn Gesinnungsethik pathetisch proklamiert wird, raubt sie der Verantwortungsethik den Atem. In Bünden, ja in Gesinnungsgemeinschaften aller Art (also auch Religionsgemeinschaften, Clubs und Parteien) werden durch die Rituale ethische Inhalte nicht mental vertieft (was der vorgebliche Sinn von Ritualen wäre), sondern nur Bindungen gestärkt. Das Interesse am Profit aus der Bindung schlägt zu oft jenes, Gutes zu tun.

 

Aber, wissen es unsere Nächsten besser (eingeschlossen der Autorin dieses Blogs)? Die, die einem nahe stehen, wie etwa Eltern und Lehrer? Und wenn sie es wissen, weil es einen Konsenz in der Gesellschaft gibt, dem sie folgen, können sie das glaubwürdig und als erstrebenswert vermitteln? Die Frage ist wohl sehr berechtigt in Zeiten, wo verschiedene Kulturen und Religionsgemeinschaften bunt gewürfelt miteinander leben. Da sind Wertekonflikte und somit auch der um die Definition des Guten nicht zu vermeiden. (Was auch Einfluss auf die Beurteilung von Menschen hat.)

 

Auch Familien sind Verbände, die wie jede andere Gesellschaft funktionieren. Es liegt an der Leitung, (gleich ob demokratisch oder durch ein Familienoberhaupt) ob die kleinste soziale Gemeinschaft sich der Gesinnung oder der Verantwortung verschreibt. Das was Güte und Gutsein bedeuten, muss immer wieder, besonders aber in Krisenzeiten und in Zeiten langer Prosperität reflektiert werden. 

Was ist "gut sein" , was reicht, um gut zu sein?

In der Union von cholerischem Enterich und Kopfbürzelträger...
In der Union von cholerischem Enterich und Kopfbürzelträger sucht man vergebens nach etwas Gutem. © Traugott-Hajdu

Anders als bei den meisten Fragen gibt es schon auf de Frage "Was bedeutet es, gut zu sein?" mehr als eine Antwort. Man könnte im Gegenteil sogar bemerken: Es gibt überhaupt keine eindeutige oder gar richtige Antwort darauf, sondern nur unzählige Meinungen und Vorstellungen darüber, was das denn sei, gut zu sein, da jede dieser Meinungen und Vorstellungen an einem eigenen Weltbild und dessen bevorzugten Werten und Bewertungen von Gut und Böse hängen.

 

Wer kann also mit Sicherheit sagen, was einen Menschen, sowie dessen Fühlen, Denken und Handeln als unzweifelhaft gut qualifiziert?

Und was „reicht“, wenn schon nicht um gut zu sein, dazu, wenigstens ein bisschen ein Gutmensch zu sein? (was besser ist, als es hundertprozentig sein zu wollen….)

 

Ist etwa ein Manager, der aufgrund notwendiger Rationalisierungsmaßnahmen hunderte Arbeitsplätze streicht und somit ebenso viele in die Beschäftigungslosigkeit treibt, um eine Firma und tausende andere Jobs vor dem sicheren Ruin zu retten, gut zu nennen? Oder ist eine unermesslich reiche, aber traurige Prinzessin, zu deren Job es ohnedies zählt, plakativ karitativ zu sein, und die sich in Krankenhäusern mit mitleidsvollem Blick fotografieren lässt ein Gutmensch gar ein guter Mensch? (Über ihre Motivation und Herzensgüte ist hier nicht die Rede. Ob die vorhanden waren, das wüssten nur die, die ihr persönlich begegneten und vor allem sie selbst.)

Aber vielleicht zählen ja beim Gutsein mehr als der Erfolg dessen Absicht und Richtung des Handelns und beim Gutmenschentum nicht, wie er sich selbst, sondern wie andere ihn sehen.

 

Geschichte und Geschichten zeigen zudem: Das, was Gutmenschen als gut erachten, dient nie Allen und meist zu Wenigen. Wer gut ist, tut gut, und ob das reicht, das wird wohl erst am Ende dieser Überlegungen mit Vorbehalt zu entscheiden sein.

Anti-Gute

Bei ihnen ist es schwierig, sie als a priori schlecht zu bezeichnen, denn das trifft des Pudels Kern nicht. Die beiden größten Relativierer des Gutseins, die ein tödlich ambivalentes oder gar zynisches Verhältnis zum Gutmenschentum hatten, waren Kain und Mephisto.

Kain hatte das Gefühl in den Augen Gottes nicht gut genug zu sein und verdarb sich die letzte Chance, das in Erfahrung zu bringen mit einem Brudermord. (Der Wettbewerb ums Gutsein hat seine Härten und Tücken). 

Mephisto führt Gutsein genüsslich ad absurdum
Mephisto führt Gutsein genüsslich ad absurdum. © Traugott-Hajdu

Mephisto wusste, dass Gutsein Fassade oder auch ein Gebäude ohne Fundament sein kann, welches sich mit den richtigen Verlockungen, die in Richtung Optimierung und Lustgewinn zielen, leicht zum Einsturz gebracht werden kann. Gutsein und Wissensgier lassen sich nach Goethe nicht vereinbaren.

Aus dem gottesgefälligen, forschenden Doktor Faust holte Mephisto schnell den Lustmolch, der unschuldige Jungfrauen ins Verderben trieb, heraus. Das Faustische ist eben nicht nur der Drang nach mehr Erkenntnis, sondern auch Eigennutz und Habgier .

 Heinrich Faust täuscht sich selbst, kann aber Mephisto nicht täuschen. Sein Wissensdrang ist nämlich eigennützig und habgierig. und Heinrich

Faust täuscht nur sich selbst, kann aber Mephisto nicht täuschen.

 

 Der Drang, seine Grenzen zu überschreiten, ins Unendliche zu streben, ist eine Art von Habgier und Eigennutz. Die Gier verlangt nach allmächtigem Wissen, der Eigennutz besteht darin, endlich durch diese Macht seinen Drang für immer zu überwinden und obsolet zu machen. „Dass ich nicht mehr mit saurem Schweiß, zu sagen brauche, was ich nicht weiß. Daß ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält.“

 

Um der Klarheit willen empfiehlt es sich, zwischen dem Gutmenschen und dem guten Menschen zu unterscheiden, aber ja nicht als Gegenthese das Böse oder Schlechte zu verwenden. Das macht ja Goethes Tragödie so spannend.

 

Die Alternative ist tatsächlich, den Profit und Eigennutz des Gutmenschentums zu hinterfragen. Bei der echten Güte bedarf es dessen nicht.

Ein bisschen Gutmensch gefällig?

Bildquelle:http://www.banksy.co.uk/in.asp
Bildquelle:http://www.banksy.co.uk/in.asp

Es gibt auch einen Typ Gutmensch, der schwer erträglich ist, weil er sich auf die moralisch unangreifbare Seite stellt. Aus seiner Unangreifbarkeit bezieht er Macht, sein äußerliches Gutsein aber verdeckt das potenziell Schändliche seines Einflusses.

 

Manche Gutmenschen sind eben nur selektiv gut. Sie sind gut zu Tieren, aber schlecht zu (manchen) Menschen. Sie sind gut zu Fremden, verachten die Eigenen und umgekehrt.

 

Trotzdem, solche Gutmenschen sind keine schlechten Menschen, sondern beherbergen das Gute irgendwo anders als dort, wo sie es zur Schau tragen. Sie sind mitunter auch ungewollt gut.

 

Selektive Gutmenschen“ kämpfen gegen das Rauchen im Namen des Gesundheitsgebots, gegen schnelle Autos im Namen der Klimakatastrophe, gegen Steaks im Namen des Regenwaldes  und mitunter gegen das, was wohldosiert Spaß macht, und man kann nichts gegen ihn sagen, weil er irgendwie immer auch recht hat.

Jedoch diese Spezies Gutmensch kämpft nicht zusätzlich gegen Massentierhaltung im Namen der Gewaltlosigkeit gegen die Kreatur, gegen alle Drogen im Namen der Enteignung derer, die damit global Geschäfte machen und Kriege finanzieren, gegen jegliche Andersfeindlichkeit oder jeglichen Rassismus. 

Wie schon erwähnt wurde, streben sie nicht nach Veränderung, nach Abschaffung der Ursachen misslicher Phänomene. Gutmenschen bleiben oberflächlich auf der Ebene der Symptome. Selten fangen sie mit ihren Aktivitäten dort an, wo der Kampf am erfolgsversprechendsten ist: Bei sich.

 

Dass sie sich als Aktivisten für gewisse Interessensgruppen instrumentalisieren lassen, merken sie nicht, denn diese sind nicht etwa Zusammenschlüsse umsichtiger und rücksichtsvoller Erdenbürger sondern entweder Konzerne, die Alternativen zu den Pfui-Sachen (Fleisch, Benzinfresser, Nikotinbomben u.Ä.) global in Massen verkaufen wollen, oder Parteigenossen, die mit brisanten Themen von ihrer eigentlichen Politik ablenken. Letztere entdecken ziemlich kreativ und nur vorgeblich wohlwollend Gruppen für politisch motivierte Fürsorge, die dann gleich eben jene Gruppen entmündigt und andere als Wähler dazugewinnt. (Mitunter gehören die Entmündigten zum Wahlfang dazu, weil der Staat ihnen damit eine Menge Arbeit, die sie mit sich selbst sonst hätten, abgenommen hat.)

 

Aber um zur menschlichen Güte zurückzukommen: Wer nicht weiß, wie er sich selbst nachhaltig Gutes tut, kann es bezüglich seiner Mitmenschen und Umwelt wohl noch schwerer wissen.

 

 

Gute, in der Literatur diskriminiert?

© Traugott-Hajdu
© Traugott-Hajdu

Berthold Brecht dürfte das Thema Gutmenschentum angetan haben, soweit es zu von ihm ideologisch Verpöntem einen ausreichenden Kontrast ergab. (Kapitalismus zum Beispiel).

 

Sein „Der Gute Mensch von Sechuan“ basiert auf der griechischen Sage von Philemon und Baucis, die, ohne es zu wissen, Götter bedienen, welche in Erfahrung bringen möchten, wie es um die Moral der Menschheit bestellt ist. Gottheiten als die ersten „Mystery-Shopper“. Nicht nur das, ihre Maskerade hilft den Bewohnern des Olymp, zwischen „Gutmenschen“, Simulanten und echt gütigen Erdenbewohnern zu unterscheiden. Sie können dem authentisch Guten nachgehen.

 

Die chinesischen Götter in Brechts Erzählung finden die Prostituierte „Shen Te“, welche ihr Gewerbe aus materieller Not ausübt und nicht anders kann, als gut zu sein. Doch ihre Güte treibt sie noch mehr in die finanzielle und existenzielle Misere. Dass Shen Te’s Güte in manchen Handlungszusammenhängen als „Dummheit“ gewertet werden kann, richtet sich nicht gegen die Protagonistin, sondern gegen eine Welt, die so eingerichtet ist, dass die liebevolle Handlung „dumm“ erscheinen muss, weil sich nur die Schlechtigkeit lohnt, so Christian Schacherreiter, Deutschprofessor und Germanist sowie Literaturtreibender in seinem Blog. Ihr Gutsein ist kein moralisches Kalkül.

 

Aus der materiellen Not kann sie sich nur durch ein Rollenspiel retten, wenn sie nämlich die Maske des Geschäftsmannes „Shui Ta“ aufsetzt. So kann sie auch mit ausbeuterischen Methoden  eine Menge Geld verdienen. Wenig gesprochen wird darüber, dass Brecht zwar Sichuan als einen Ort wählt, der überall auf der Welt sein könnte, aber der gute Mensch ist eine Frau, die nur dann anders als

„gut kann“, wenn sie in eine Männerrolle schlüpft. Darüber später.

Morlock: Das Böse stellt man sich hässlich, das Gute schön vor.
Morlock: Das Böse stellt man sich hässlich, das Gute schön vor. © Traugott-Hajdu

 

Gutsein kann in der Literatur nicht alleine existieren, denn das ist alleine wohl langweilig.

 

So stellte Jules Verne  in dem Roman "Die 500 Millionen der Begum" dem Idealisten Dr. Sarrasin den imperialistischen Visionär Schulze gegenüber. Beide schmieden utopische Pläne, nachdem beide Kandidaten für eine unermessliche Erbschaft sind und ihrer auch habhaft werden. Sarrasin will eine Idealstadt bauen, Schulze, dessen Vorbild wohl Krupp ist, eine Stahlstadt, in der tödliche Waffen produziert werden.

 

Das Gute siegt nicht, weil es stärker ist, sondern weil die Schlechtigkeit dem Schlechten auf den Kopf fällt.

 

Abgesehen vom Klassenkampf, den H.G. Wells in seinem Roman „Die Zeitmaschine“ in die ferne Zukunft überträgt, fällt eines auf: Die Eloi, die quasi privilegiert in einem Pardies zu leben scheinen, scheinen dies auf Kosten der Morlocks zu tun, die unter der Erde Maschinen betreiben. Bald stellt sich heraus, dass die Eloi dazu da sind, mit ihrem eigenen Fleisch die kannibalistischen Morlocks zu nähren.

Doch, die Eloi werden als sanfte, gütige und etwas naive Wesen gezeichnet. Es sind glückliche, feine Leute ohne Arg, die, ohne dass dies ausgesprochen ist, wohl auch nicht zur Schlechtigkeit fähig sind. Es sind aber weder gute Wesen noch Gutgeschöpfe, genauso wenig wie die Morlocks schlechte Kreaturen sind. Denn beides ergibt sich erst aus unserem Urteil.

 

Dort, wo es keine moralischen Kategorien gibt, gibt es auch nicht „gut“ und „schlecht“. Es ist der Zeitreisende, der nicht anders kann, als in jenen Kategorien, die er aus seinem gesellschaftlichen Umfeld mitgenommen hat, jenseits seiner eigenen Lebenszeit zu urteilen. In einer Utopie ohne explizite moralische Kategorien sind „gut und böse“ obsolet.

 

 

Sind gute Frauen und gute Männer ebenbürtig?

Wenn das Weib liebt, liebt es in einem fort. Der Mann hat dazwischen auch etwas anderes zu tun, vermerkte Jean Paul und man ist geneigt, dieses Zitat auch auf die Güte der Frau umzumünzen, solange sich das auf das traditionelle Rollenbild des Weiblichen bezieht. Besonders in patriarchalisch geprägten Gesellschaften beinhaltet es Nettigkeit, was mit Gutsein gleichzusetzen ist.

 

Märchen repräsentieren die einseitige Rollenverteilung zwischen Gut und Böse. In ihnen muss das Gute siegen, der Schlechte wird bisweilen zum Guten erzwungen  und es gibt gute Menschen, aber keine Gutmenschen. Wieder ist Gutsein weiblich überrepräsentiert und wenn mal Männer gütig sind, sind sie meistens Greise, verwitwete Väter, Herrscher oder Fabelwesen oder gar Gottheiten. Keineswegs aber normale Herrschaften.

Alle braven Mädels sind arm, einfach und lieblich.

Das Biest ist ein Mann, der Mist gebaut hat  und von der guten Belle entzaubert wird.
Das Biest ist ein Mann, der Mist gebaut hat und von der guten Belle entzaubert wird.© Traugott-Hajdu

Wer weder Gut noch Böse kennt, wird zunächst einmal Opfer der Bösen, wie Aschenputtel oder Goldmarie, die erst in der magischen Welt der holden Frau „Frau Holle“, nicht nur ihre Güte unter Beweis stellen kann sondern auch dafür eine Belohnung einfährt.

Aschenputtel bekommt ihren Prinzen nicht, weil sie gut ist, sondern weil sie von höheren Mächten unterstützt wird, die sich bei Grimm dort finden, wo sie in Kontakt mit ihren Wurzeln, am Grab ihrer Mutter, kommt.

 

Margarete in Goethes Faust ist ein gutes Mädchen, bis sie vom liebestollen Doktor ins Verderben gerissen wird.

 

Gutherzige, humane Männer werden meist deshalb nicht zum Opfer der Bösen, weil sie als Narren und reine Toren unterwegs sind. Sie dürfen und müssen sogar Fehler machen und sie dann korrigieren, damit sie erwachsen und geläutert, den männlichen Aspekt des Guten in der Welt verkörpern können.

 

Mit einem kurzen Satz: Frau muss von Anfang an gut sein, Mann darf Mist bauen und dann zur Güte finden. (Siehe "Die Schöne und das Tier")

 

Berthold  Brechts Guter Mensch von Sechuan ist eine Märchenfigur, zwangsläufig weiblich und nicht männlich, weil weder männlich töricht handelnd noch verzaubert, noch göttlich. Außerdem ist er ein Opfer äußerer Umstände, und er darf das Klischee von der gutherzigen fürsorglichen Hure verkörpern .  (Es gibt nicht nur Gutmenschentum sondern auch Gut-Hurentum!) Als Mann hingegen werden ihm sogar verwerfliche Verhaltensweisen zugebilligt.

Hat Gutsein eine bevorzugte Jahreszeit?

Es gibt eine Zeit des Jahres, zumindest in westlichen, christlich geprägten Kulturen, in der Gutsein besondere Aufmerksamkeit bekommt. 

Gutmenschen haben in der Öffentlichkeit eine höhere Akzeptanz und sogar wer unterm Jahr mit grausamsten kapitalistischen und ausbeuterischen Methoden Geld gescheffelt hat, erscheint zu dieser Zeit, vom Sprühregen grassierende Gutmenschentums benetzt, im milden Licht der Freigiebigkeit.

 

Es ist die Advents- und Weihnachtszeit.  Was mehrere (auch tragische) Ironien in sich birgt.

Eine ist jene, dass darauf, die fünfte Jahrszeit folgt, die Zeit der Narren und Exzesse.

Eine andere ist, dass selten innerhalb Familien so viele Gräueltaten und Streitereien passieren, wie hier. Vielleicht, weil die Erwartungen zu hoch sind, weil das Gute untrainiert ist wie ein Couchpotato, der plötzlich Marathon laufen soll. So bricht es nach wenigen Metern (Adventtagen) zusammen und scheidet manchmal sogar dahin.

© Traugott-Hajdu
© Traugott-Hajdu

Vielleicht aber kann sich das Gute unter kollektivem Zwang auch einfach nur schlecht entfalten und ist im allgemeinem Konsumrausch verdammt, verloren zu gehen. Die Erinnerung an die Geburt eines unschuldigen und sogar heiligen Kindes reicht vielleicht gar nicht mehr aus, Gutes keimen zu lassen, vielleicht auch, weil ein rot gewandeter alter Mann mit weißem Bart ihm ständig die Schau stiehlt.

Es wird mit dem Santa  Clause als Werbetestimonial zudem zur Freigiebigkeit aufgefordert und Geberlaune mittels überbordend kitschigen Anzeigenkampagnen herausgekitzelt.

Da wird auch der Bedürftigen gedacht und Schnorrerbriefe flattern in die Haushalte. Karitative und humanitäre Organisationen holen zum Preis einer Spende das Gutmenschentum ans Licht. (Wobei echte Güte  durch viele, oft freiwillige Helfer sich innerhalb dieser Organisationen vielfach verkörpert .)

 

So hat der Appell an das Gute im Menschen zwar in diesem Jahresabschnitt ein mehrfaches Echo, das aber verhallt schnell - möglicherweise mit dem letzten guten Vorsatz nach der Silvesterknallerei.

Gutes auf Aufforderung?

Die Erfahrung scheint zu zeigen: Wo Gutmenschen auffordern, es ihnen nachzutun, bekommen sie selten Gehör.

Wirklich gute Menschen fordern kaum, schon gar nicht selber öffentlich, weil sie mit echten guten Taten zu beschäftigt sind.

Dafür beteiligen sich Medien gerne und oft am Aufruf zum Gutsein. Sie verzerren nur leider das ganze Jahr den Blick auf Gut und Schlecht. Je näher am Boulevard, desto emotionaler die Einteilung.

Bei den Schlechtigkeiten, die in der Tagesberichterstattung angesprochen werden, kann ein durchschnittlicher Mensch

a) nicht anders, als sich gut zu fühlen,

b) sich zu fürchten oder

c) sich in Gleichgültigkeit flüchten, so desensibilisiert wie er ist.

 

Das Fernsehen exerziert um Weihnachten in Dickensesken Filmen (Ja genau, Charles Dickens der Vorreiter der Sozialkritik) vermehrt vor, wie es unbekehrten Schlecht-menschen ergeht.

 

Auch wenn Märchen in der Glotzkiste Hochsaison haben, müssen diese in den letzten Jahren gegen Fluten kriminellen Handelns in Filmen und Serien ankämpfen. Gut sind nur die Cops und das glaubt keiner wirklich, obwohl es ja vor allem im Ursprungsland von Crime eine Sensation wäre, wenn Cops wirklich so gute Kerle wären wie im Fernsehen.

 

Reelle Gutmenschen und gute Menschen sind allenfalls Minderheitenprogramme im Arthouse. Erfolgsreportagen nach Wohltätigkeitsaktionen bedeuten nicht, dass das Elend in der Welt signifikant gemindert wurde.

 

Im Netz ist nicht etwa der gute Mensch oder der Gutmensch Diskussionsthema, sondern, ob ein Verhalten als gut oder schlecht bewertet wird. Und das bitte emotional, sonst liest es Keiner.

In Postings finden sich Personen und Persönlichkeiten, deren Handeln man nicht aus erster Hand beurteilen kann. (aber dafür mit einer Hand, mit dem Daumen nach oben). Posts können zwar einerseits guten Willen und gute Taten zeigen, andererseits aber ersparten sie wohl nicht wenigen Menschen, tatsächlich gütig tätig zu werden, weil man sich dank ihnen gut fühlen kann.

Was bleibt zu guter letzt an  Einsicht übrig?

© Traugott-Hajdu
© Traugott-Hajdu

"Gut ist, wer Gutes tut", lautet eine gängige Antwort auf die Frage, was es bedeutet, gut zu sein; will sagen: Entscheidend für den Wert einer Handlung ist die Handlung selbst und nicht notgedrungen die Absicht dahinter, was ebenfalls Gutmenschen von guten Menschen unterscheidet.

 

Die Absicht, um der Güte willen gut zu sein, funktioniert eher schlecht. Denn ob was gut ist oder schlecht, erweist sich erst nachher. Und was man nicht positionieren kann, kann man auch nicht ansteuern.

Gutmenschen denken nicht nach, wohin ihre Absichten und gute Menschen nicht, wohin die Impulse führen.

 

Bei den Einen gilt: „Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert“, die anderen könnten daran scheitern, dass man ihnen keinerlei Ressourcen zugesteht, weil der Erfolg impulsgeleiteter Handlungen fraglich ist.

 

Gütezustände, gleich wo sie auf der Skala zwischen gut und schlecht stehen, sind nicht dauerhaft aufrecht zu erhalten und sie müssten ständiger Kontrolle und Nachjustierung unterliegen. Impulsiv gute Menschen können schon mal daran scheitern. Aber es gibt einen Ausweg:

Gut zu sein, bedeutet, das zu tun, was man tatsächlich und von Herzen kann und nicht mehr; ein wirklich guter Mensch ist daher zu sich selber genauso gut wie zu anderen.

Der gute Mensch ist möglich, an jedem Tag und an jedem Ort, "Die großen Gelegenheiten, dem Guten zu dienen, sind selten; kleine gibt es immer." meint Martin Kolozs, Schriftsteller und Philosoph: (Ö1 Gedanken für den Tag 27.8-2.9. 2017) Franz von Sales zitierend.

So kommt man weder in Gefahr, als guter Mensch zu scheitern noch zum Gutmenschen abgestempelt zu werden und schon gar nicht, Gutmenschentum an die große Glocke zu hängen. Der Umgang mit Flops unterscheidet übrigens auch Gutmenschen von wirklich guten, gütigen Exemplaren des Homo Sapiens Sapiens.

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