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Nosebook: Vom Image der Tiere

  • Vom Image der Tiere
  • Kultur prägt Beziehung zur Kreatur
  • Vom Adler zur Schlange oder: Vier kosmische Wesen
  • Adler:
    • Als Wappentier und in der Antike
    • im Orient, in Indien und China
    • in Mittel-und Nordamerika
    •  Afrika
    • als Schöpfergott in Australien
  • Hase :
    • Hasensorgen
    • Hase als reingelegter Wettläufer, antike Hasen
    • der Osterhase
    •  indische chinesische und japanische Hasen
    • Afrikaner und Indianergottheit

 

  • Schildkröte
    • Kosmos und Schöpfung:Indien und China
    • Ninja-Turtles mit Verwandschaft in Mesopotamien
    • Schildkröte in der antiken Naturgeschichte 
    • Vom Schoßtierchen der Liebesgöttin zum Unterweltsschrecken
    • Jonathan der Methusalem
  • Schlange:
    • Was die Griechen meinten
    •  Zweistromland und der Imagewandel der Schlange vom alten Orient zum Christentum
    • Ägypten, Asien
    • Amerika, Afrika, Germanen
    • Symbol der Unendlichkeit


Vom Image der Tiere: Die Kosmischen

Geben tut es jede Menge Zeugnisse über Tiere. Ihr Ruf hat sich im Laufe der Zeit mehrfach geändert, so man sich zuerst fabelhaft, dann wissenschaftlich mit ihnen beschäftigte.

Die Relation der Intelligenz der Tiere zum intelligentesten(?) selbstbezogensten, nachdenklichsten, irrationalsten, gewalttätigstem und umweltschädlichsten Säugetier, nämlich uns, wird laufend vom Menschen justiert und korrigiert. (Wie das wohl die lieben Viecher sehen täten, würden sie unsere Denke einschätzen?)

Osterhase im Burnout
Osterhase im Burnout © Traugott-Hajdu

Durch Tierdokus und Zoogeschichten fühlen wir uns ihnen nahe wie nie und sind ihnen doch mehr entfremdet als je zuvor.

Tierschutzkampagnen versuchen dem Leid, das Menschen Tieren aus Profitgier, Prestigesucht und schlichtweg Ignoranz bereitet, einzudämmen. Leider schrammen sie doch an ihren Zielen vorbei, weil sie selten die Wege aufzeigen, die zu unsentimentalem, jedoch achtsamem Verhältnis zur gesamten Tierwelt führen.

 

Wie schon Christian Morgenstern bemerkte: „Es ist ein wahres Glück, daß der Liebe Gott die Fliegen nicht so groß wie die Elefanten gemacht hat, sonst würde es uns, sie zu töten, viel mehr Mühe machen und auch weit mehr Gewissensbisse“.

Es gilt also unsere Beziehung zur Tierwelt proportional korrekt zu sehen und auch deren Lebensumstände und Lebensräume einzubeziehen. Irgendwie ist es auch schwierig, Tiere ohne Scheuklappen wahrzunehmen, gleich ob sie wissenschaftlich, emotional oder profan betrachtet werden.

 

Es gibt ein Trauma in der Geschichte der Verhaltensforschung , unter dem sogar eine Pionierin wie die berühmte Schimpansenbeobachterin und Umweltaktivistin Jane Godall litt. Sie wagte es nicht, ihre Notizen die sie am Gombe-Fluss gemacht hatte, vollständig zu veröffentlichen, also etwa, dass Schimpansen Werkzeuge herstellten.

 

Dieses Trauma wurzelt in den Ereignissen rund um den klugen Hans, dem Pferd, das rechnen konnte. Sein Besitzer sowie Wissenschaftler eines zusammengestellten interdisziplinären Komitees glaubten, dass das Pferd eines pensionierten Schullehrers rechnen konnte, bis sich herausstellte, dass das Pferd nur die Ergebnisse, die es mit dem Huf klopfen musste, aus feinsten körpersprachlichen Signalen seines Besitzers las. Das geschah um 1904. Ab da galten alle Forschungen in Richtung Lernfähigkeit in Kopplung mit Kommunikation mit Menschen als wissenschaftliche Blamage und man vermied jeglichen Kontakt mit Tieren. (Heutzutage gesteht man sogar Bäumen Kommunikationsfähigkeit zu.)

 

Zig Jahre später kam man drauf, dass Vögel kein Großhirn wie der Mensch brauchen, um intelligent zu sein und sich sogar selbst als Individuum zu erkennen. Eine Menge Tiere stellen Werkzeuge her, verstehen die menschliche Sprache nicht nur, sondern erlernen sie und kommunizieren auch mit Hilfsmitteln, deren Gebrauch zu erlernen sich der Mensch schwer tut (wie Kanzi, der Bonobo).

Sogar Schmetterlinge heilen sich selber, in dem sie pharmazeutisch wirksame Bäume anfliegen (Affen, Vögel und sonstige kennen sowieso Heilkräuter und Heilerden).

 

Oktopusse erkennen menschliche Stimmungen, können komplizierte mechanische Aufgaben lösen, Hähne legen ihre Rivalen gezielt herein und hirnlose Seesterne sekkieren Oktopusse scheinbar mit Kalkül.

Bienen tanzen in mehreren Sprachen (Paul Watzlawick schrieb darüber), Riesenschlangen kuscheln ihre Köpfe auf Aufforderung in den Schoß ihrer Pfleger.

All das ist niedergeschrieben, dokumentiert, gefilmt und fotografiert; manchmal auch missinterpretiert und vermenschlicht; aber abgesehen von Sensationslust, Imagepflege und Unterhaltungswert: Viecher sind nicht blöd oder seelenlos, und wenn hirnlose Tiere wie Seesterne Spaß machen können, dann sind wir Großhirnbesitzer, denen es zu oft an Humor mangelt, irgendwie doch nicht die Krone der Schöpfung sondern vielleicht nur ein Steinchen, ein Klunker, der allzu schnell herauspurzeln könnte.

Die landläufige Meinung, sogar über die uns am nächsten stehenden Wesen wie Nutztiere und Haustiere, weicht oft von der Meinung jener, die professionell oder gar kommerziell mit Tieren zu tun haben, ab. Wie wir Tiere bewerten, hängt auch davon ab, in welcher Lage wir uns befinden.

Eins ist sicher: Eulen nach Athen zu tragen, indem man über Tiere schreibt passiert eher, als dass ein Kamel durch ein Nadelöhr geht.

Kultur prägt Beziehung zur Kreatur

Foto © Traugott-Hajdu
Foto © Traugott-Hajdu

Wie die Tiere in unseren Augen dastehen, ist stark kulturell bedingt. Wenn Kommerz die Kultur bestimmt, dann bestimmt er auch unser Verhältnis zur Fauna.

(Fauna war übrigens im Römischen die Tochter oder Gemahlin des Feld- und Waldgottes Faunus/ Pan. Ihren richtigen Namen kannte niemand und sie war eine Mutter- und Heilergottheit und ihr Name bezeichnet nun wissenschaftlich die Tierwelt)

 

Die Menschheit hat sich noch nicht vom Märchenhaften in der Tier- Mensch-Beziehung gelöst, wie uns die Rückkehr des Wolfes nach Mitteleuropa zeigt. Auch ist die Idee der Krafttiere, die aus dem Animismus stammt, heutzutage recht populär.

 

Sie kann sich auch nicht ohne weiteres davon distanzieren, vielleicht weil wir unseren nächsten Lebewesen zu nahe sind. (Sogar mit der Banane teilen wir die Hälfte aller ihrer Gene, und sie hat 14.000 Gene mehr als wir; wie viel wir mit Menschenaffen und Schweinen teilen, ist ja schon aberwitzig, vor allem die Tatsache, dass erstens, grad mal ein Prozent Unterschied zum Primaten sind und laut einem Artikel in der Rheinischen Post vom 24.6. 2012 Männer Affen noch ähnlicher sind als Frauen Männern).

 

Wofür stehen Tiere in verschiedenen Kulturen? Wie geachtet oder geächtet sind sie? Was sind ihre Stärken, ihre Schwächen?

Lassen wir die Repräsentanten der Fauna sprechen, welche nach ihrer mythologischen Prominenz ausgewählt wurden.

Vom Adler zur Schlange ...oder: Vier kosmische Wesen

Den Anfang macht der Adler und das Ende die Schlange.

Das ergab sich zufällig, ohne zufällig zu sein, denn der Greifvogel ist in vielen Kulturen den höchsten Gottheiten zugeordnet, während die Schlange deren bösen Widerpart spielen muss, obwohl sie nicht einfach nur böse ist. Ihr Charakter ist wesentlich komplexer.

Erst seit kurzem weiß man, dass Vögel jene Lebensform bzw. Tierart sind, die den Dinosauriern am nächsten stehen. Somit ist die Schlange ihnen eng verwandt.  Immerhin stecken mehr als dreihundert Millionen Jahre Entwicklungsgeschichte in ihnen drinnen.

 

Wie dem auch sei,  die Prominenz mancher Tiere steht auch im Zusammenhang mit dem Glaubenswandel vieler Völker. Das Aufkommen der Buchreligionen hat die Position und die Bewertung der Tiere verändert, ja sogar eine Abgrenzung zu ihnen gebracht. Denn in den Naturreligionen identifizierte man sich mit ihnen und ihren Kräften; mit den Buchreligionen grenzte man sich von ihnen ab und erhob sich über sie und bannte Manches, das sie auf psychische und metaphorische Weise mit uns verband, in das Reich der Märchen. Im kollektiven Unbewussten sind die alten Zuschreibungen von Gut und Böse nicht aufgehoben. Nicht umsonst lieben viele Menschen die indianische Idee der Krafttiere, oder die Symbolhaftigkeit tierischer Sternzeichen.

Der Adler

© Traugott-Hajdu
© Traugott-Hajdu

Als Wappentier und in der Antike

 

Dass der Adler an erster Stelle steht, kann nur rechtens sein, ist er doch Wappentier, Sendbote der Götterbosse (Der Adler stand sowohl von Zeus als auch seinem römischen Äquivalent Jupiter nahe), selber Gott und so weiter.

Plinius der Ältere, der Zeitgenosse Christi war, meinte über den Adler: Diess soll der einzige Vogel sein, den noch nie der Blitz getödtet hat, daher hält man ihn auch gewöhnlich für den Waffenträger des Jupiter.

 

Dass er für Imperiales steht, birgt auch jene Ironie, dass man diese Tiere durchaus domestizieren und abrichten kann. In einer afrikanischen Erzählung verliert der Adler seine Identität, als er zusammen mit Hühnern aufgezogen wird, verlernt er sogar das Fliegen. Erst als er in die Sonne schauen muss, erinnert er sich und lebt seine wahre Bestimmung.

 

Poetisch heißt er Aar. Das Tier der Könige begann seine heraldische Karriere im Orient. Der Stammvater der Aichameniden (6. JH-v. Chr. In Persien) soll von einem Adler aufgezogen worden sein.

Alexander der Große führte den Raubvogel als numismatisches Motiv, also als Zierde von Münzen, in Europa ein. In der christlichen Ikonographie ist er u.A. Attribut des Evangelisten Johannes, wie auch des auferstandenen Christus.

 

Auf den Wappen kann er sitzen, stehen, auffliegen und liegen. Marius hat in seinem zweiten Consulate den Adler (Aquila) ausschliesslich als Feldzeichen für die römischen Legionen bestimmt. Er war auch schon früher mit vier anderen Geschöpfen (Wölfe, Minotauren, Pferde und Eber) das Hauptzeichen; Wenige Jahre vorher hatte man angefangen, ihn allein mit in die Schlacht zu nehmen. Fast nirgends hielt eine römische Legion ihr Winterlager, wo nicht ein Adlerpaar war, so Plinius in seiner Historia Naturalis.

Aristoteles hatte dreihundert Jahre vorher den Adler für so neidisch gehalten, dass der sogar seine Jungen aus dem Nest werfe, wenn sie zu hungrig seien.

© Traugott-Hajdu
© Traugott-Hajdu

 

Im Orient, Indien und China

 

2000 bis 4000 vor Christus entstand das Etana Epos. Der darin erzählte Streit zwischen Adler und Schlange gilt als Analogie für den Übergang von Matriarchat zum Patriarchat. Vor 6000 bis 8000 Jahren vollzog sich dieser auf gewaltsame Weise.

 

Adlerjunge und Schlangenjunge werden gleichzeitig geboren und leben zunächst friedlich zusammen. Der Adler frisst trotz der lautstarken Bedenken seiner Jungen die Brut der Schlange, als diese auf Nahrungssuche ist. Die Schlange bestraft den Adler und wirft ihn in eine Grube, wohl wissend, dass dieser daraus befreit werden kann. Der Adler versucht zwar, der Strafe zu entgehen, indem er der Schlange die Ehe anbietet, sie aber geht nicht darauf ein. Der oberste Gott Shamesh, (sowohl Sonnen-als auch Richtergott, der ursprünglich weiblich war und dann männlich wurde) tut nichts, um zu ordnen oder zu schlichten,denn er ist. Er lässt den Dingen ihren Lauf. Nachdem der Adler freikommt, hilft er dem ersten König der Menschen, der (matriarchalischen) Göttin Ishtar das Gebärkraut zu entwenden und damit ihr auch ihre Vormachtsstellung als Herrin über die Lebensentstehung (!) zu entreißen.

 

Spinnt man die Geschichte sinngemäß weiter, so wird der Adler zum Handlanger dafür, das Gesetz der männlichen, väterlichen Erbfolge anstatt der mütterlichen einzuführen, Der Mann bekommt die Kontrolle über die Geburt. Der Adler steht also für die „Vermännlichung“ menschlicher Gesellschaften.

Unzählige Märchen aus ganz Europa, Vorderasien und sogar Nordamerika enthalten Etana-Motive.

 

In Indien

hat der Adler Garuda menschliche (Gesichts)züge und ist König der Vögel. Seine Rivalität zur Schlange beruht darin, dass Adler und Schlange zwei Mütter hatten, aber denselben Vater, welcher eine Schöpfergottheit war. Auch hier muss der Adler letztendlich ein Lebenselixier (Amrita) entwenden. Die frappante Ähnlichkeit der Mythen sollte nicht verwundern: Indien und Mesopotamien waren kulturell durch den Seehandel verbunden. Der König der (indischen) Lüfte bleibt durch alle Zeiten Todfeind der Schlangen.

 

In China

ist der Adler das Symbol für Stärke und war bei den Hunnen das Symbol des Herrschers.

 Adlerkrieger aus dem Templo Mayor von Tenochtitlan, Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/28/Aztec_warrior_2488119073_a2dc427373-2.jpg
Adlerkrieger aus dem Templo Mayor von Tenochtitlan, Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/28/Aztec_warrior_2488119073_a2dc427373-2.jpg

 

Mittel- und Nordamerika

 

Adler und Schlange sind auch mit Mexico- City verbunden und zwar mit dessen Gründungsmythos, der von den Azteken stammt. Sie fanden die Stelle für ihre spätere Hauptstadt Tenochtitlán, als sie einen auf einem Kaktus sitzenden Adler beobachteten, der eine Schlange verspeiste. Heute ist diese Begebenheit ein Motiv auf der mexikanischen Flagge.

Der Orden vom aztekischen Adler ist die höchste Verdienstauszeichnung, die von Mexiko an Ausländer verliehen wird.

 

Weil der Adler der am höchsten fliegende Vogel ist, der je gesehen wurde, gilt er bei vielen Stämmen Nordamerikas als heilig. Er steht dem Schöpfer nahe und verkörpert Weisheit, Stärke und Mut und ist Bote zwischen dem Schöpfer und seinen Geschöpfen.

Die Pueblostämme betrachten ihn als einen der sechs Schutzgeister des Stammes. Die Hopi wie auch die Cherokee pflegen die Tradition des Adlertanzes als eine der vornehmsten und wichtigsten. Als Medizintier ist das Bejagen und Töten durch strenge Tabus eingeschränkt. In vielen Stämmen ist es verboten, Adlerfleisch zu essen.

Prärieindianer tragen Adlerfedern als Kriegsauszeichnung, sogar heute noch bekommen US-Soldaten, die vom Krieg zurückgekehrt sind, Adlerfedern verliehen.

 Adler wurden  mit einem Netz eingefangen  und ihnen paar Federn genommen, dann und ließ man sie wieder frei. Es gab spezielle Adlerjäger, bei den Cherokees durften Adler nur im Winter getötet werden. Die Chippewa, Hopi, Zuni Osage, Haida, um nur einige Stämme zu nennen, hatten Adler-Clans mit entsprechenden Wappen und Totempfahlmotiven.

 

 

Afrika und Australien

 

Auch in Afrika hat der Adler Bedeutung. Er ist wie der Geier Beschützer und Saubermacher der Wildnis.

 

Bei den Zulus aus Südafrika tritt er als Bote des Lichtgottes Umvilanganhgi auf. Jeder Adlervogel heißt Ukosi und Ukosi ist eine Herrscherbezeichnung. Nur Personen königlichen Geblütes durften bei den Zulu Adlerfedern tragen und die Federn mussten von lebenden Vögeln kommen, damit sie Zaubermacht besaßen. Manchmal wird der Adler mit dem obersten Gott identifiziert, dann ist er mit zwölf Flügeln oder mehr dargestellt. Es ist der Ukosi oluma peko peko, der in alle möglichen Richtungen fliegen kann.

 

In Australien ist der Adler mit dem Namen Wildu oder Wilto ein Sternbild. Dort befindet sich auch der Aufstieg für die Seelen der Verstorbenen in den Himmel.

 

Der Adler Bunjil von den Stämmen in West-Victoria ist eine Schöpfergottheit. Nachdem er die Landschaften und Tiere geschaffen hatte, beschloss er, die Menschen zu erschaffen. Er nahm dazu Lehm und für die Haare Baumrinde. Dann blies er Luft in die Münder, Nasen und Nabel um ihnen Leben einzuhauchen. Die Frauen entstanden aus sich verdickendem Wasser (Aphrodite entstand in der Mythologie aus Meerschaum!!) und wurden von Bunjils Bruder Pallian erschaffen, welcher eine Fledermaus war. Nachdem der Adler fertig war, wollte er nicht mehr auf der Erde bleiben und bat die Krähe um Wind. Nachdem ihm die erste Brise nicht genug war, bat er um mehr. Der Wind war so stark, dass er ihn in den Himmel blies. Er wurde zum Stern Altair.

© Traugott-Hajdu
© Traugott-Hajdu

Der Hase

© Traugott-Hajdu
© Traugott-Hajdu

Der Hase hat in vielen Mythen mehr Prominenz als in unserem Kulturkreis und dass er wenigstens als Osterhase zu Bedeutung gelangt ist, hat auch mit dem alten Ägypten etwas zu tun. Am hübschesten ist er natürlich bei Albrecht Dürer anzusehen, und er zierte unzählige Zeichenblöcke. Was uns vergessen lässt, wie schwer es ist, einen lebenden Hasen zu zeichnen, denn damals konnte Herr Albrecht ihn ja noch nicht fotografieren, um ihn in Ruhe zu zeichnen (aber vielleicht hatte er ihn ja fest mit Karotten gefüttert, sodass dieser ganz müde liegenblieb).

Meister Lampe, so sein poetischer Name, der einerseits davon kommt, dass Tiere in deutschen Fabeln männliche Vornamen hatten (in diesem Fall Lamprecht) und andererseits, dass des Hasen Hinterteil bei der hakenschlagenden Flucht weiß aufblitzt, hat es heutzutage schwer zu überleben, obwohl man ihm (er heißt ja Rammler) bei Frühlingsgefühlen eine intensive Befruchtungstätigkeit nachsagt.

 

Hasensorgen

 

Hat man in Deutschland vor sechzig Jahren noch 100.000 Exemplare pro Jagdsaison geschossen, waren es 2016 (Laut Frankfurter Rundschau) 3.200. In Österreich ging die Zahl von 57.000 vor zehn Jahren auf 32.000 2018 zurück.

Ihr Lebensraum hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Naturbelassene Wiesen, Hecken oder breite Ackersäume werden immer weniger oder sind bereits zur Gänze verschwunden. Nur in Australien, wo sie keine Feinde haben und wohin sie ab 1800 von europäischen Siedlern eingeschleppt wurden, vermehren sie sich ungeniert.

In England haben übrigens die Römer braune Hasen ab 60 nach Christus eingeführt, wo sie ideale Bedingungen wie offenes Grasland vorfanden. Auch dort geht die Population rapide zurück.

 Antike Hasen und der reingelegte Wettläufer

 

Aristoteles schrieb, dass der Hase wie der Hirsch klug und furchtsam sei. Plinius meinte in seiner Historia Naturalis, „jeder Hase besitze beiderlei Zeugungsvermögen, und könne auch ohne Zuthun eines Männchens gebären…. Sogar die Hasen und viele Menschen schlafen mit offenen Augen, was die Griechen „das alberne Gaffen" nennen.“ (Was natürlich ein Irrtum war, weil der Hase nicht schläft, sondern sich nur ruhig verhält).

 

Äsops Hasenfabel von vor 2600 Jahren (!) wirkt bis in unsere Tage hinein. Sie erzählt vom Wettrennen zwischen Hase und Schildkröte. Da der Hase aus Überheblichkeit gegenüber der Schildkröte Faxen macht, wird er so müde, dass er vor dem Ziel einschläft und die Schildkröte das Rennen gewinnt.

 

Walt Disney machte daraus einen netten Zeichentrickfilm. Aus ihm und einer anderen Hasenfigur entwickelte er Bugs Bunny, wobei Bug der Spitzname eines seiner Filmregisseure war.

 

Die vielleicht davon inspirierte Erzählung vom Wettrennen zwischen Hase und Igel, die neben anderen Versionen von Volksmärchen sammelnden Autoren 1840 von einem gewissen Wilhelm Schröder als Volksmärchen auf plattdeutsch (Der Hase und der Swinegel) im Hannoverschen Volksblatt veröffentlicht wurde, macht sich über den reichen Grundbesitzer (Hase) lustig, den der einfache Mann (Igel) austrickst. (Heute wäre das wohl eine Wunschgeschichte bezüglich Banker und Sparer).

Woher kommt der Osterhase?

 

Der Hase ist im alten Ägypten die Gestalt der Fruchtbarkeits- und Totengöttin Unut, die sogar einen eigenen Gau, den sogenannten Hasengau hatte. Sie war sowohl für die Fruchtbarkeit zuständig als auch eine Schützerin im Totenreich. Ihr Name bedeutet „Häsin“ oder „Eilende“. Die Hieroglyphe ist ein liegender Hase „ Unut“ oder „wnwt“ was auch „bleiben, dauern“ bedeutet.

 

Koptisches Textil aus dem Wiener Museum f. angewandte Kunst
Koptisches Textil aus dem Wiener Museum f. angewandte Kunst

Dann taucht der Hase auf koptischen Textilien ab dem (5. Jhdt.) auf. Kopten ist die Bezeichnung für die Christen in Ägypten. Die Verbindung des Hasen mit dem ewigen Leben, dem Fortbestehen nach dem Tod ist naheliegend.

 

Es ist urkundlich belegt, dass koptische Mönche von Ägypten bis nach Irland wanderten. Erst nach ihrem Kontakt gibt es außer Geflechten auch Knoten in der Ornamentik der Iren. Vielleicht bedurfte es eines Zusammentreffens europäischer und koptischer Motive um den Osterhasen zum Leben zu erwecken? Vielleicht nahmen irische Mönche ihn mit aufs Festland?

 

 

Dass der Hase Eier bringt, hat nichts damit zu tun, sondern war schon im 17. Jahrhundert sprichwörtlich, so Georg Franck von Franckenau in seiner Dissertation „De ovis paschalibus – von Oster-Eyern“ , mit der er den Doktortitel erlangte. In Böhmen zum Beispiel brachte nämlich der Hahn die Eier zu Ostern, anderorts Fuchs, Storch oder Kuckuck.

 Indische, chinesische und japanische Hasen

 

Auch wenn Hare auf Englisch Hase heißt, sind die Hare Krishna nicht Krishnas Hasen und diese Sekte, die bei den Hippies sehr populär war, heißt mittlerweile anders. Einen Hasen in Indien anzutreffen, war nicht gerade glücksverheißend, es bedeutete Begräbnisstimmung oder war ähnlich erfreulich, wie einem Schakal zu begegnen.

Allerdings ist er in der indischen Fabel aus dem Panchatantra der Retter aller Tiere, indem er den Löwen, dem sich jeden Tag ein anderes Tier des Waldes opfern muss, hineinlegt. Durchtrieben wie in den afrikanischen Märchen kommt er zu spät und redet sich aus, ein anderer Löwe habe drei seiner Artgenossen gefressen und ihn bedroht. Als er dem Leu, dem er zum Fraß dienen soll, seinen Gegner und Konkurrenten zeigen soll, führt er ihn zu einem Brunnen. Die Raubkatze erkennt ihr eigenes Spiegelbild nicht, stürzt in den Brunnen und ersäuft. Die Erzählung schließt mit dem Ausspruch: „Wer Verstand hat, der hat Stärke.“

 

Buddha soll in einem seiner früheren Leben ein Hase gewesen sein. Eines der zwölf Tiere, die sich an seinem Sterbebett versammelt haben sollen, war auch das Langohr, welches eines der Tierkreiszeichen des chinesischen Horoskops darstellt. Es gilt als kultiviert und diplomatisch-

Die Chinesen sehen nicht den Mann im Mond sondern den Hasen. Er ist Symbol für ein langes Leben auch in China. Auch die Chinesen behaupten, ähnlich wie auch Plinius schrieb, dass es keine männlichen Hasen gäbe, Häsinnen könnten sich fortpflanzen, indem sie feine Pflanzensprossen ableckten und dann die Jungen ausspuckten. Sie glaubten auch, dass Kinder eine Hasenscharte bekämen, wenn die werdende Mutter während der Schwangerschaft Hasenfleisch äße.

 

In Japan kommt der Übermut des Hasen zur Geltung, etwa im Mythos des Hasen von Inaba. Ein fürwitziger Hase täuscht Haie indem er sie nebeneinander im Meer sich aufreihen lässt, um ihre Clangröße zu bestimmen. Doch stattdessen benützt er sie als Brücke um nach Inaba (eine Insel) zu kommen und gibt sein Täuschungsmanöver zu. Die Haie ziehen ihm das Fell ab, doch er wird gerettet und offenbart sich als Gottheit.

 

Alles in allem scheinen die Hasen, von Europa bis Osten einen Ruf, als fürwitzige, manchmal überhebliche und respektlose Geschöpfe zu haben.

Nanabohozo, nach einer Felszeichnung
Nanabohozo, nach einer Felszeichnung

In Afrika

 

ist er ziemlich hinterlistig und spielt Menschen und anderen Tieren üble Streiche. In einem Zulu- Märchen ist er dafür verantwortlich, dass die Menschenaffen keine Schwänze mehr haben.

 

In Nordamerika als Indianergottheit

 

Bei den Algonquin, den Indianerstämmen, die in Nordamerika nahe Kanada leben, ist Nanabohozo nicht nur ein Hase, sondern auch eine Schöpfergottheit, ein Demiurg, der ncht minder keck und vorwitzig agiert als die meisten Hasen auf dem Erdball. Er ist ein Trickster, einer, der hineinlegt und Streiche spielt und somit ein Archetyp in Mythologie und Märchen.

C. G. Jung bezeichnet ihn als „kosmisches Urwesen göttlich-tierischer Natur“. Nanabohozo ist einer von vier Brüdern, dessen Mutter bei der Geburt stirbt, und er wird von seiner Großmutter als Hase aufgezogen.

 

Nicht nur, dass der Nager mit den langen Ohren  das Feuer stahl und den Menschen brachte, konnte er seine Gegner besiegen und töten, indem er entweder auf die freie Seele (die im Haarknoten, Schatten oder großen Zeh war) oder auf die Ego- Seele die im Herzen war, schoss.

Sein Treiben wurde aber den Wasserwesen (Wassermanitus/Gottheiten des Wassers) zu bunt. Sie schickten eine große Sintflut um ihn zu ertränken. Nach der Sintflut gelang es ihm als einziger unter anderen Tieren, die Erde wieder herzustellen und aus einem Klumpen, den die Bisamratte gerettet hatte, Land zu schaffen. Außerdem schuf er Tiere und Pflanzen, machte Gesetze und lehrte die Menschen die Namen der Dinge. Viele andere Stämme außer den Algonquin verehren auch Hasen oder Kaninchen.

 

Der Hase ist also kulturell gesehen, eine der großen Persönlichkeiten der Tierwelt. Wenn die Mongolen sprichwörtlich meinen: Schnellen Hasen klebt oft Scheiße an den Waden, so bezieht es sich darauf, das das Langohr wieder mal etwas angestellt hat und auf der Flucht ist. Er steht fürs Leben und Überleben und dazu braucht man schon mal eine gewisse Skrupellosigkeit und Pfiffigkeit. 


Die Schildkröte

Schildkröte
© Traugott-Hajdu

Wie Adler und Schlange sind Hase und Schildkröte miteinander verbunden. (Zumindest in der Fabel Äsops, die sicherlich deswegen auch überdauerte, weil sie so vielschichtig angelegt ist.)

Bei den einen geht es um Geschlechterpolaritäten, bei den letzteren um Schöpfung und Bestand.

 

Im Märchen vom Wettrennen mit dem Hasen ist die Schildkröte die Siegerin. Nicht weil sie schnell oder schlau ist, sondern beständig und unverzagt. Genau diese Eigenschaft sehen auch viele nordamerikanische Stämme, besonders in der Wüstenschildkröte. (S. Joan S. Schneider, Ph.D. The Desert Tortoise and early peoples of the Western Deserts Department of Anthropology, University of California, Riverside USA 1996). Eine Aura des Spirituellen umgibt das gepanzerte Reptil, da sie Unvermeidliche Miseren stoisch annehme und mit großer Würde sterbe. Auch steht sie für ewiges Leben und ihr Panzer ist in manchen Schöpfungsmythen quasi die Modellform für die Erde. 

 

Kosmos und Schöpfung: Indien und China

 

In Indien ist sie für die Schöpfung unerlässlich

Die Schildkröte hat sogar mit der „Ursuppe“ zu tun. Genauer, in der hinduistischen Mythologie ist sie sprichwörtlich die Basis für die Metamorphose der Urmaterie zum Seienden. Vishnu, der Gott des Bewahrens und Erhaltens verwandelt sich in eine Schildkröte, die ihrerseits zur Achse der Welt wird und zwar am Grund eines Milchozeans (die nämliche Urmaterie), der gebuttert wird. Fest und flüssig sondern sich ab, Materie und allerlei Dinge entstehen, darunter unter Anderem Schönheit, Trunkenheit und Freude (Pierre Grimal, Mythen der Völker).

 

Für die Chinesen birgt die Schildkröte die Geheimnisse von Himmel und Erde und ihr Panzer wird für Orakel verwendet, indem man durch Hitze erzeugte Sprünge und Risse deutet. Sie ist bei allen mythologischen Kulturhelden zugegen, wenn es gilt, Ordnung ins Universum zu bringen. Sogar bei der Reformation des Maoismus ist sie sprichwörtlich. Mao habe nämlich den Lauf der Flüsse verändert und Berge versetzt. Nur die Form der Schildkröte habe er nicht ändern können, so das Lexikon chinesischer Symbole.

In der Mongolei, um in Asien zu bleiben, sind sie besonders wehrhaft dargestellt, in Karakorum haben sie wohl etwas getragen (sie, weil es vier Schildkröten aus Stein waren). Im Buddhismus befinden nach Ansicht vieler Gläubigen in jeder Schildkröte verschiedene Seelen von Menschen, die auf dem Weg ins Nirwana sind.

In der Mongolei
In der Mongolei

Ninja-Turtles mit Verwandschaft in Mesopotamien

 

Die Teenage Mutant Ninja Turtles sind keine japanische Erfindung, obwohl sie dort sehr erfolgreich sind, sondern waschechte New Yorker Schildkröten-Mutanten von den Zeichnern Kevin Eastman und Peter Laird. Ob die wohl wussten, dass im alten Mesopotamien die Schildkröte sehr wohl ein Kampftier war und vom Gott Enki geschaffen wurde, um den Gott Ninurta, der die absolute Macht haben wollte, außer Gefecht zu setzen?

 

Schildkröte in der Antike

 

Schildkröten wirft das indische Meer von solcher Grösse aus, dass man mit der Schale einer einzigen ein Wohnhaus decken kann, und auf den Inseln, besonders des rothen Meeres bedient man sich derselben als Kähne. Man fängt sie (…) dann am leichtesten, wenn sie Vormittags bei warmem Wetter auf die Oberfläche des Meeres kommen, und mit hervorragendem Rücken auf den ruhigen Wogen umher- schwimmen. Diese Wollust frei zu athmen, macht sie so sehr ihrer selbst vergessen, dass die Schale durch die Sonnenhitze austrocknet und sie nicht wieder untertauchen können (…) und dann eine leichte Beute des Jägers werden.“, so Plinius in seiner Historia Naturalis.

 

Weiters sollen sie sich nach nächtlichen Fressorgien durch Schnarchen verraten, während sie auf der Wasseroberfläche treiben. Das wär mal ein nettes Urlaubserlebnis, schnarchende Schildkröten auf dem Meer statt schnarchende Fettwänste auf Luftmatratzen…

Plinius glaubte aber auch, dass bei der Schildkröte die Lunge kein Blut hat und zog die Meinung in Erwägung, „...der höhere oder geringere Grad der Dummheit eines Tieres hänge von seiner Haut und Leibesbedeckung ab“, Austern und Schildkröten seien folglich die prominentesten Repräsentanten der Stumpfsinnigkeit. 

 

Vom Schoßtierchen der Liebesgöttin zum Unterweltsschrecken

 

In Griechenland war sie nicht nur Patronin der Stadt Chelonia (was griechisch Schildkröte bedeutet), sondern auch ein Fruchtbarkeitssymbol und Acessoire (kunsthistorisch gesagt: Attribut) von Aphrodite bzw. Venus, der Liebesgöttin.

Äsop erzählt in einer Fabel von einer Schildkröte, die einen Adler bittet, sie das Fliegen zu lehren. Der nimmt sie mit in die Höhe und lässt sie los, woraufhin sie am Boden zerschellt.

Die Moral aus der Geschicht´ ist, nicht gegen seine eigene Natur zu handeln.

 

Ziemlich schlecht auf das Panzertier zu sprechen waren die alten Ägypter. Die Wasserschildkröte stand für die Unterwelt und die Böse soll geholfen haben, die Sonne daran zu hindern, wieder aufzugehen. (Nach ägyptischen Glauben fährt die Sonnenbarke am Tag über den Himmel, in der Nacht aber durch die Unterwelt, wo Set mit Spießgesellen samt Schildkröte diese aufhalten wollten.)

© Traugott-Hajdu
© Traugott-Hajdu

Jonathan der Methusalem

 

Jonathan gilt als die älteste Schildkröte der Welt und war schon in einer Fehlmeldung totgesagt worden (eine müde übergewichtige Frau habe sie erdrückt, als sie sich draufsetzte) Anfang 2019 wurde er auf 187 Jahre geschätzt. Geboren wurde er auf den Seychellen, als Charles Darwin seine ersten Fossilien fand und Johann Wolfgang von Goethe eben das Zeitliche gesegnet hatte. Seine Art erschien erstmals vor mehr als 220 Millionen Jahren. Damit überflügelt er die ersten Menschen um 214 Millionen Jahre, welche erst seit sechs Millionen Jahren nachweisbar sind.

Da ist es verständlich, dass die Maya die Schildkröte als wesentliches Symbol ihres Kalenders nahmen. Sie symbolisierte den Durchgang der Zeiten in der Welt. Das Sternenbild des Orion ist bei ihnen jenes der Schildkröte.

Die Chinesen glaubten, die Schildkröte müsse sich mit einer Schlange paaren, um Junge zu kriegen, da es keine männlichen Panzerträger gäbe. So schließt sich der Kreis.

Die Schlange

© Traugott-Hajdu
© Traugott-Hajdu

So vielschichtig so vielseitig wie sie ist kaum ein Tier und kaum eines polarisiert dermaßen. Je weiter man in den kulturgeschichtlichen Betrachtungen zurückgeht, desto interessanter wird sie. Dem Weiblichen, dem Irdischen, dem Wasser, altem Wissen und der Heilkunst ist sie zugeordnet.

 

In Märchen verrät sie den Menschen pflanzliche Arzneien. Sie rettet Leben und sie nimmt Leben. Als "Kraft, Fähigkeit, Stärke, Energie“ im Tantrismus Indiens, (Tantra= Lehren) ist sie Manifestation der göttlichen, weiblichen, schöpferischen Kraft, ein psychospiritueller Aspekt, der zwar auch beim Mann existent, aber nicht verkörpert ist: Kundalini.

 

Sogar Plinius kannte sie vom Hörensagen und schrieb in seiner Historia Naturalis: Ich habe von Vielen erfahren, aus dem menschlichen Rückenmarke erzeuge sich eine Schlange. Kundalini heißt wörtlich übersetzt „die zusammengerollte Schlange“.

Doch sie hat im Hinduismus auch noch andere Zuschreibungen. Davon später.

Python
Python © Traugott-Hajdu

Was die Griechen meinten

 

Bei den Griechen, um in Europa mit der jüngeren Geschichte zu beginnen, galt die Schlange als Beschützerin der Unterwelt, sie symbolisierte die religiöse Verbindung mit der Erdentiefe.

 

Ihre Häutung stand für Wiedergeburt, ewige Jugend und Unsterblichkeit. Ihr wurde die Fähigkeit zugesprochen, wahrzusagen. Das Orakel in Delphi sei ursprünglich von der Schlange Python bewacht gewesen und war das Orakel der Gaia, der Erdgöttin, bis Apollon sie besiegte (schon wieder so eine Geschichte über die Unterdrückung des ursprünglich maßgeblichen Weiblichen(!))

 

Sie ist auch der Athena als Attribut ihrer Weisheit gegeben. Nimmt man ihr weiteres Attribut die Eule so könnte man meinen, dass Eule und Schlange für verschiedene Qualitäten von Weisheit stehen: Für den hochfliegenden, scharfen Verstand ebenso wie für uraltes bodenständiges Wissen (Schlange).

Aristoteles allerdings hielt nicht viel von ihr: Sie sei heimtückisch und hinterlistig. (in seiner Historia Animalum).

Dem gegenüber steht die Geschichte von Thoas, die Demokrit überlieferte: Er war von einer Schlange gerettet worden. Er hatte sie als Kind gefüttert und sehr lieb gewonnen; sein Vater aber, der die Natur und zunehmende Grösse der Schlange fürchtete, trug sie in eine einsame Gegend. Als Thoas dort von Räubern angefallen wurde, vernahm sie seine Stimme, und kam ihm zur Hilfe.

Nun ja, Demokrit schrieb auch, dass wenn man eine Schlange äße, die aus dem vermischten Blut von verschiedenen Vögeln entstanden sei, könne man die Gespräche der Vögel verstehen.

Plinius meinte, der Rauch von brennendem Hirschhorn vertreibe Schlangen, weil ihre Feinde, die Hirsche, die Schlangen durch das Schnaufen der Nase aus ihrer Höhle vertreiben würden.

© Traugott-Hajdu
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Apothekenlogo modern, Österreich (bearbeitet)
Apothekenlogo modern, Österreich (bearbeitet)

Das deutsche "A" in Fraktur siegte 1936 in  einem Wettbewerb. Die Lebensrune  (ᛉ) wurde nach dem Krieg entfernt (zu NS-belastet) und das Zeichen 1951 von Fritz Rupprecht Mathieu überarbeitet. 

Äskulapnatter freut sich über ihre Prominenz in der Medizin
Äskulapnatter © Traugott-Hajdu

 Andererseits habe eine Schlange Asklepios oder Äskulap, den griechischen Gott der Heilkunst, nach dem die Äskulapnatter benannt ist, auf die Wirksamkeit der unterschiedlichen Heilpflanzen aufmerksam gemacht. Manche glauben sogar, er selbst sei ein Erdgott in Schlangengestalt gewesen. Der Äskulapstab, um dessen Schaft sich eine Schlange windet, ist seither das Wahrzeichen der Apotheker und Ärzte.

 

In Italien war der Stamm der Marser als Schlangenverehrer und Schlangenzähmer bekannt. Bereits vor 3000 Jahren wurde von ihnen Angitia verehrt, die Göttin der Schlangen und der Gifte. Noch heute findet in einem kleinen Ort in den Abruzzen jeden ersten Donnerstag im Mai eine Schlangenprozession (la fiesta di separi) zu Ehren des San Domenico statt.

 

Serpari heißen die Schlangenfänger. Domenicus wird angerufen, wenn es gilt, Schlangenbisse zu heilen. Dabei umwinden zahlreiche lebendige Schlangen (Äskulapnattern) die Heiligenstatuetten. Die Prozession sei der Moment, in dem uralte ungerechtfertigte Ängste vor Reptilien dem Bedürfnis nach einer tieferen Beziehung zur übernatürlichen Welt nachgeben sollten, welche diese Tiere darstellen, so sinngemäß die Website der Comune di Cocullo. Hier treffen also die archaischen Bilder der mütterliche Fruchtbarkeit verheißenden Schlange mit ihrem schlechten biblischen Image zusammen, ohne einander zu bekämpfen oder zu zerstören.

Der Physiologus, eine frühchristliche Naturlehre aus dem 4. Jahrhundert missbrauchte noch das Reptil für christliche Didaktik, („So möge auch mein Herr die große Schlange töten“). „Wenn sie den Menschen nackend sieht, so fürchtet sie sich and wendet sich ab; wenn aber einen Bekleideten, so springt sie auf ihn los.“; verbrannte Elefantenhaare sollten sie jedoch auch wirksam vertreiben.

Zweistromland und der Imagewandel der Schlange vom alten Orient zum Christentum

 

In Babylon wurde seit mindestens 3000 v.Chr. der Schlangengott Ningishzida verehrt.

Schlangenkulte hatte es noch in der kanaanitischen Religion der Bronzezeit gegeben, wie archäologische Funde in Megiddo, Gezer und Hazor belegen.

Der Etana-Mythos ist eine Übergangsgeschichte aus dem Zweistromland, die bereits im Abschnitt über den Adler erzählt wurde. Gabriele Uhlmann: „Die friedliche, matrifokale (an den Frauen und Müttern orientierte) Gemeinschaft aller Menschen wurde (...) ausgehebelt (...)“

 

Auch Adam kam ins Spiel, und hieß „El“ bevor er in die Genesiserzählung übernommen wurde: In einem in Keilschrift aufgeschriebenen ugaritischen Text wird er als Gott bezeichnet, der mit einem "bösen Gott" namens Horon kämpft. Dieser Teufel vermummt sich als Schlange, vergiftet den "Baum des Lebens" und macht Adam mit einem Biss zu einem sterblichen Wesen. Von der Sonnengöttin bekommt er Eva geschenkt, damit er mit ihr Kinder zeugen kann und er so im übertragenen Sinne unsterblich wird. Der Text ist übrigens 800 Jahre älter als die Genesis.

 

Horon wurde auch in Ägypten verehrt. Er war ein Unterweltgott, ein Exorzist und Beschützer, was nach einer künstlich umgegegenderten Stellenbeschreibung für eine ursprüngliche Erd-und Fruchtbarkeitsgöttin klingt. Schlangen sind nämlich Horons bevorzugte Tiere und sein Gesicht verdunkelt sich im Zorn, wenn sie nicht respektiert oder von ihren Jungen getrennt werden. Und damit erweist sich Horon als von Mutterinstinkten geleitet.

© Traugott-Hajdu
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Ägypten:

Die Uräusschlange (sie war der Göttin Uto und dem Sonnengott heilig) wurde als kampfbereit aufgebäumte Kobra dargestellt und symbolisiert die Königsherrschaft. Sie ist die giftspeiende, das Böse vernichtende Schlange, deren Abbild vom Pharao an einem Diadem über der Stirn getragen wurde. (So kam die Königskobra vielleicht zu ihrem Namen.) Sie beschützt also die Pharaonen.

 

Der ägyptische Sonnengott Re hatte einst eines seiner Augen mit einem Auftrag ausgesandt. Als dieses nach Erledigung zurückkehrte, fand es seinen Platz durch ein nachgewachsenes Auge besetzt. Re setzte das nun funktionslose dritte Auge an seine Stirn.

Einem anderen Mythos zufolge ließ sich die unterägyptische Schlangengöttin Wadjet in Gestalt des Uräus auf das Haupt des Königs nieder. Uräus steht auch für das (züngelnde!) Feuer.

Die Schlange erscheint auch oft als Gottesbegleiterin,  z.B. bei Iris oder Serapis. Letztgenannter ist eine der seltsamsten Gottheiten, die der ägyptisch-griechischen Phantasie entsprang.

Serapis
Serapis
Naga aus Nepal, © Traugott-Hajdu
Naga aus Nepal, © Traugott-Hajdu

Asien:

China, Indien und Japan

 

Bei den Chinesen gilt die Schlange als schlau, böse, hinterlistig. Allerdings schenkt sie in Märchen Perlen und man wird von Schlangenhaut reich. Auch wenn man träumt, die Schlange verfolge einen, bringt das Glück. In unseren alpenländischen Sagen hüten übrigens Schlangen mitunter Schätze.

Angeblich sollen Schlangen, so die Chinesen, vom Geruch von Frauenunterwäsche angelockt werden. (Aber Achtung Männer: Schlangenfett zu essen, lässt die dazu passende Anatomie schrumpfen).

Zudem gelten Schlangen mit dreieckigem Kopf immer als weiblich. Auch  lebten die Schlangen an den Flussläufen, die sich selbst wie Serpentinen durch die Landschaft bewegen. Sie liebten ganz besonders Musik und Theater. Deshalb mussten regelmäßig Theateraufführungen an den Flüssen stattfinden, um die Schlangen günstig zu stimmen.

 

 

Indien

Naga ist die Schlangenkönigin im Indischen und die Schlangen sind die Wächter der geistigen Wahrheiten auf materieller irdischer Ebene. Sie verwehren jenen den Zutritt, die ihrer nicht würdig sind, aber verhindern auch, dass diese die materielle Ebene verlassen. Würdigen vertrauen sie diese Wahrheiten an. Nagas sind mächtig und so stammen manche Königsdynastien in Indien von Schlangen ab. Die Kundalini, die am Anfang erwähnt wurde, , ist also ganz klar eine Schlangenmetapher und es scheint als sei die Geschichte von den Nagas in der bereits patriarchalischen Gesellschaft entstanden.

In einer indischen Fabel träkt ein Brahmane eine Schlange mit Milch. Er bekommt für jedes Schälchen Milch von der Schlange einen Golddenar. Als er jedoch die freigibige Kobra töten will, damit er auf einmal zu Reichtum kommt, ist sie schneller und vergiftet ihn mit einem Biss. (Also wieder eine Entsprechung zum weltweit bereiteten Image der Schlange als Schatzhüterin.)

 

Bereits bei der Schildkröte wurde die Geschichte vom Buttern des Milchozeans erzählt. Er machte aus den miteinander streitenden Göttern und Dämonen Partner. Vishnu verwandelte sich in die Schildkröte, die den Berg Meru quasi als Achse des Quirls auf ihren Rücken trug. Die Schlange Vasuki, die auch als große Beschützerin gilt, war das Seil. Durch das Quirlen wollte man eigentlich den Unsterblichkeitstrank (Amrita) gewinnen, um den sich Götter mit Dämonen stritten. Die arme Schlange spuckte vor lauter Anstrengung Gift in die Ursuppe, was aber Krishna behob, indem er das ganze Gift trank.

Den gewonnenen Unsterblichkeitstrank bekamen dann die Dämonen doch nicht.

 

Die Schlangendame namens Mucalinda beschützte Buddha davor, aus seiner Ekstase während der Meditation gerissen zu werden. (Möglicherweise ist  sie, da sie aus der Erde kommt, nichts anderes als das weibliche Prinzip, das so ein Gleichgewicht schafft und erst die Erleuchtung ermöglicht?)

 

Die Nagas bzw. Schlangen gelten dem Element Wasser zugeordnet. In der Mongolei sind sie glücksbringende Erd-Wasserwesen.

 

In Japan schützt sie als Wassertier vor dem Feuer und sorgt mit der richtigen Menge Regen für die Fruchtbarkeit der Felder.

Nord- und Südamerika

 

Als Fruchtbarkeitsbringerin sehen viele indigene Völker Nordamerikas die Schlange. Die Hopi tanzen jährlich einen Schlangentanz, um die Hochzeit zwischen der Himmelsschlange und der weiblichen Erdschlange zu feiern und die Fruchtbarkeit der Erde zur Erneuerung zu bringen. Der Tanz findet mit  Handhabung lebender Schlangen statt, die nachher in den Feldern entlassen werden, um gute Ernte zu gewähren. Dieses Ritual ist eine der höchsten Zeremonien im spirituellen Hopi-Kalender.

 

Schlangen werden auch als Symbol für die Nabelschnur gesehen, welche Menschen mit der Erde verbindet.

Manche Stämme, wie die Anishinabe empfinden die Schlange sowohl als mächtig als auch gefährlich und bei den Midewiwin ist sie das „Hauptgeistertier“ der Medizingesellschaften. (was unseren Ärztevereinigungen entspricht, aber unabhängig und eigenständig entstanden ist). Asklepios lässt grüßen. Die Medizinbeutel sind daher oft aus Schlangenleder gemacht.

Gesetze gebrochen zu haben wird auch damit geahndet, dass sich die Gesetzesübertreter per Urteil von Schlangen beißen lassen müssen.

Manche native American sind gegenüber Schlangen abergläubisch: sie dürfen nicht als Haustiere gehalten werden, während etwa eine Tarantel als Hausgenosse ganz okay wäre.

Viele Stämme unterhalten Clans, die nach Tieren benannt sind und ein besonders prominenter Clan ist der Schlangenclan.

In Mexico und Zentralamerika

sind die Kriechtiere ebenfalls mit Göttlichkeit, Wiedergeburt und großer spiritueller Macht assoziert. Man denke nur an die gefiederte Schlange der Maya, an Gugumatz, Quetzalcoatl, Coatlicue, und Tlaloc.

 

Eine Sonderform der Schlange ist die gehörnte Schlange, welche ebenfalls rund um die Welt anzutreffen ist. Im Waldland und in der Nähe der großen nordamerikanischen Seen steht sie für Urgewalten wie Blitz und Donner, Krankheit und den Regenbogen. Sie ist auch fähig zur Divination, also, sowohl wahrzusagen als auch das Göttliche, Übersinnliche zu erkennen.

Die Cherokee nennen die gehörnte Schlange Uktena. Sie trägt auf der Stirn eine diamantförmige Zeichnung. Wer in ihren Besitz kommt, wird der größte Magier und Wundertäter des Stammes. Ihr Atem ist allerdings höchst giftig.

Die Sioux meinen, diese Schlange habe in Vorzeiten gelebt und sei durch Donnervögel vernichtet worden.

© Traugott-Hajdu
© Traugott-Hajdu

Afrika und Australien

 

Bei den Ashanti, was ein riesiges Volk in Ghana ist, werden nur einzelne Schlangenarten verehrt, nicht die ganze Spezies. Immerhin hatte ihr Regenbogengott die Gestalt einer Schlange.

 

Noel Baudin schrieb Ende des 19. Jahrhunderts über das „religiöse System der Neger“: Audowido, der Regenbogen ist ein Genius, der große Verehrung… genießt. Auf Yoruba heißt er Ochumare. Seine Tempel sind in allen Farben des Regenbogens gehalten und in der Mitte des Prismas ist eine Schlange gezeichnet. Sie erscheint nur zum Wassertrinken. Wer die Exkremente der Schlange findet, wir für immer reich sein. Er kann Weizenkörner in Muschelgeld verwandeln.

Meistens sind Schlangen in Afrika jedoch Inkarnationen verstorbener Verwandter.

Bei den Masai gibt es ein ähnliches Schlangenclansystem wie bei manchen nordamerikanischen Stämmen.

Die Zulu in Südafrika erzählen sich, dass zwei Schlangen zusammengerollt in einem Wasserloch, lebten, das finster und stumm war. Doch dann schlug ein Blitz im Wasser ein und die Schlangen konnten kurz die Welt ober ihnen sehen, die Nkulunkulu erschaffen hatte. Da flogen Bienenfresser und Witwenvögel, Bäume und Sträucher wurzelten ober ihnen. Die männliche Schlange wollte daraufhin nicht mehr dort bleiben. Als sie sich erhoben, spaltete sich ihr Schwanz und wurde zu zwei Beinen, die Schlangen wuchsen und wuchsen aus dem Wasser hinaus und gleichzeitig sprossen Gliedmaßen, Hand und Finger. Als sie die Wasseroberfläche durchstießen, wurden sie zum ersten Mann und zur ersten Frau.

 

Das Zentrum der Schlangenverehrung war Dahomey, wobei der dortige Kult um die Python importiert sein könnte und möglicherweise im 17. Jahrhundert eingeführt wurde. Es gab in Wydah einen Tempel und wer eines der dortigen etwa 50 Reptilien umfassenden Tiere auch nur aus Versehen tötete, wurde mit dem Tod bestraft.

 

 

Australien

 

Auch in Australien kennt man die Regenbogenschlange und sie hat viele Namen, einer von ihnen ist Wanambi. Sie gilt als gutmütiger Beschützer des Volkes und verfolgt erbarmungslos die Gesetzesbrecher. Außerdem erschafft sie Landschaften.

Die Regenbogenschlange ist weiblich und männlich zugleich. Der Beginn der Traumzeit soll ihr Erwachen gewesen sein. Traumzeit, das ist in der Mythologie ein Zustand der Welt, in der es weder Raum noch Zeit gibt. Sie ist in der Mythologie der Aboriginees immerwährende Gegenwart, in welcher Schöpfung passiert, es ist als ob die Welt sich ihr Sein erträumte.

 

Wanambi schob sich durch die Erdkruste und dabei erhoben sich Steine und Geröll zu Landschaften, weckte die Frösche, deren Bäuche voller Wasser waren, kitzelte die Bäuche, die das Wasser in die Spuren der Regenbogenschlange spuckten. So entstanden Flüsse und Seen. Nun konnte auch das Gras wachsen und der Ursprung des Lebens war geschaffen, denn alle Schlafenden erwachten und kamen an die Erdoberfläche. Sie verteilten sich auf der gesamten Erde, auch im Wasser und in der Luft.

Der Gegenspieler der Regenbogenschlange ist die Sonne, und Wanambi steht mit ihr in ständigem Kampf um das Wasser. Während der Trockenzeit bewacht Wanambi die verbliebenen Wasserlöcher.

Sie wird manchmal auch dargestellt, wie sie sich in den Schwanz beißt und so ein kosmisches Symbol der Unendlichkeit wird.

 

Oureboros und Jörmundgandr, © Traugott-Hajdu
Oureboros und Jörmundgandr, © Traugott-Hajdu

Im Germanischen

ist die Schlange eine Feindin dieser Welt. Der Name Midgardschlange kommt vom Midgardsormr (Orm= Wurm), genannt wird sie aber Jörmungandr „Erden-Zauberstab“ (Gandr bedeutet Zauberlieder singen, Jorden heißt  Erde). Sie ist ein Kind der Riesin Angrboda (Angstbereiterin) und Lokis (Luftgott, Luftikus, Unruhestifter).

Nachdem sie sich in den Schwanz beißt ist sie auch die Weltenschlange schlechthin und ihr Image ist irgendwie widersprüchlich. Lässt sie los, dann ist allerdings das Ende der Welt (Ragnarök oder Weltenbrand) angebrochen.

 

Was nun aber schon öfter auftauchte, ist das Bild der universellen Schlange als

                                                                           

                                                                                Symbol der Unendlichkeit. 

Diese Art Schlange heißt Oureboros (Die Selbstverzehrerin), ein paradoxes Bild,und ein Szenario, das logisch schwer zu Ende zu denken ist.

 

Das Weltende tritt ein, wenn sie das Gegenteil von Selbstfresserei tut, ihr Maul öffnet, ihre Schwanzspitze fahren lässt und darauf verzichtet, sich selbst aufzubrauchen.

 

Dass diese Darstellung vom alten Ägypten über Afrika, Asien, Australien bis nach Amerika reicht, ist nicht nur frappierend, sondern legitimiert geradezu in okkulten Wissenschaften wie etwa die Alchimie einen prominenten Platz zu finden.

Es geht dabei um Selbst- und Rückbezüglichkeit.

 

Als Symbol für die Unendlichkeit bedeutet sie die Überwindung der Vergänglichkeit. Sie erzeugt und zerstört sich gleichzeitig selber und steht für alchimistische Prozesse, der Erzeugung/Zerstörung/Erzeugung in unendlichen Wiederholungen.

Ziel dieser Prozesse war es, den Stein der Weisen zu erschaffen, der unedle Metalle in Gold verwandelt, alle Krankheiten heilt und ewiges Leben ermöglicht. Der Oureboros symbolisiert die Prima Materia, Same allen Seins, Substanz, aus der jede Materie entsteht.

Leben und Tod, Schöpfung und Untergang sind ein unendlicher kreisförmiger Prozess, aus dem einen entsteht das andere. Die griechische Weisheit, das "Alles im Einen" oder das "Eine in Allem" ist häufig in oder neben die Oureboros-Darstellung geschrieben. Die Alchemisten benutzten das uralte Symbol der schwanzverschlingenden Schlange, um diesen Punkt zu verdeutlichen.

Möglicherweise kommt die Widersprüchlichkeit und Komplexität der Schlange genau daher, dass sie als Wesen, deren Verhalten nicht vorhersehbar ist,   in neue symbolische Kontexte übertragen wurde. Sie ist gütig und falsch, mütterlich und hilfsbereit, sie steht für Zeit und für Unendlichkeit. Sie wird älter, aber verjüngt sich durch Häutung. Sie riecht mit der Zunge, bewegt sich ohne Beine fort, verknotet sich  und hängt ihre Kiefer aus. Sie ist höchst giftig und höchst stark, bewegt sich  im Wasser und zu Lande. 

 

 Von einem schöpferischen, weiblichen Prinzip ausgehend kann sie genauso dunkelste männliche Eigenschaften verkörpern.

Als Kundalini steht sie für die höchste zu erreichende Energie. Sie hütet in Mythen und Märchen Wissen und enthüllt es. Sie bewegt sich geschmeidiger und eleganter als jedes Wesen. Faszination, Furcht, Abscheu, Bewunderung weckt sie, die anschmiegsam wie kein anderes Tier und doch völlig ungeeignet zum Kuscheln ist.

Wenn es eine Vertreterin der Fauna gibt, die widersprüchliche Zuschreibungen in extremster Form in sich vereinen kann, dann sie. 

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