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Indianer!

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  • Quellen und Imagemacher
  • Warum über Indianer noch Worte verlieren?
  • Missverständnis Skalpieren
  • Wie sie sich selbst sehen (Selbstzeugnisse)
  • Wer sind sie?
  • Ausgewählte Stämme 
    • Sioux,
    • Apachen,
    • Pomos,
    • Néz Pierce 
  • Tragische und lehrreiche Geschichte:
    • Wounded Knee
    • Trail of tears
    • Häuptling Seattle
    • der Bund der sechs Nationen
  • Weltbild und Religion
    • Schamanismus
  • Nur Indianer?
  • Ishi in two worlds

Sie haben langes wehendes Haar, tragen Zöpfe oder Glatze mit Punkerbürste, werden mit nacktem Oberkörper, Lendenlappen oder verzierten Ledertuniken samt Leggins dargestellt. Sie galoppieren auf unbeschlagenen sattellosen Pferden mit gezücktem Bogen oder mit Speeren und Tomahawks, bedrohen Cowboys und lieben es, zu skalpieren. Andererseits aber sind sie besonders aus ostdeutscher Sicht zum Christentum bekehrt, und begrüßen sich mit der Tai-Chi Schwerthand vorm Herzen. So kennen wir die Indianer, bzw. das Klischee von ihnen.

Sie sind ebensowenig und ebensoviel Indianer wie alle Afrikaner Mohren sind. Sie sind Native Americans und nicht mal das, denn sie waren da, bevor Amerigo Vespuccis Vornamen für den Kontinent herhielt, den man als den Indischen wähnte.

 

Dabei waren es in Nord- wie in Mittel- und Südamerika viele verschiedene Völker mit verschiedenen Sprachen, Ackerbaukulturen, Jäger-und Sammlervölker und sogar Staatenbünden mit Verfassung (was in Europa die Schriftsteller der Aufklärung und sogar Friedrich Engels inspirierte).

 

Ebenso gab es große Kriege und Allianzen mit den europäischen Kolonisatoren, die sich ums Indianerland rauften.

Die Beziehung der Native Americans zur Schöpfung unterschied sich wesentlich von den christlichen Europäern, die Stück für Stück Land eroberten: sie wollten die Natur nie bezwingen, sondern im Einklang mit ihr leben. Sie kannten nicht die christliche Tüchtigkeit und deren ökonomisches Streben, die Welt auszubeuten, sich die Erde untertan zu machen.

Allerdings gibt es einzelne Fälle der Urbarmachung, wo indianische Ackerbau-Monokulturen kleinräumig ökologische Krisen ausgelöst haben.

Heute leben manche Nachkommen der über 30 Hauptstämme vielfach in Reservaten auf Land, das keiner sonst will, allerdings mit eigener Verwaltung und Territorialgesetzgebung. Manche haben resigniert, weil sie in bodenlosen Zwischenwelten zwischen weiß und „rot“ sich nicht verwurzeln können.

Alkoholismus ist durchaus ein Problem, aber beileibe keins, das einer bestimmten Hautfarbe zu zuordnen ist. Rot als Hautfarbe beruht übrigens auf einem Irrtum, denn weiße Siedler erkannten nicht, dass die Haut der Ureinwohner, denen sie begegneten durch zinnoberfarbene Bemalung rot erschien.

Viele der Indigenen Bevölkerung sind auch in der amerikanischen Gesellschaft aufgegangen. Sie sind in Positionen, in denen sie fälschlich romantisierende Bilder ebenso zurecht rücken können, wie jene, die nur das Elend des „roten Mannes“ im Blick haben.

 

Quellen und Imagemacher

Karl May, Charles Sealsfield alias Karl Postl, James F. Cooper, Silberpfeil Umpa-Pah, Lucky Luke und Hiawatha-Comics, Lone Ranger,

 

Indianerspiele, Dee Brown, Momaday Natachee Scott, Carlos Castaneda, Silkirtis Nichols, Cherokee und deutscher Bürger, ein Besuch im Pomo-Reservat und ein Familienzuwachs in Form einer Sequoia/Nez Percé- Schwägerin, eine puertoricanisch-ungarische Halbschwester, die in sich noch Taino-Blut trägt, die Käthe Recheis Sammlung indianischer Sprüche  und TC. Mac Luhans Sammlung (erschien 10 Jahre vor Käthe Recheis).

„Der mit dem Wolf tanzt“, „Ein Mann, den sie Pferd nannten“, „Little big Man“. „The legend of the Hopi Boy and the Eagle“. Ein besonderes Schmankerl ist der Film "Navajo Joe" von Sergio Corbucci, grottenschlecht und sogar für den Hauptdarsteller Burt Reynolds, der einen Navajo spielte, beschämend. Dass sich Indianer durchaus einen Spaß machen können zeigt das Video witzelnder Navajo-Darsteller

 

Filme, Erlebnisse und Lektüren, welche von Kindheit an ein subjektives Bild von den Indianern prägten und immer wieder umformten. Wer in den 60er Jahren im besten Spielalter war, war zumindest im deutschen Raum „indianerinfiziert“, es war die Zeit der Winnetouverfilmungen mit Pierre Briece, dem bretonischen Adeligen, der wie keiner Karl Mays Häuptling der Apachen verkörperte.

Die Zeiten, in denen Kinder Indianer und Cowboy spielten, sind vorbei, die Welt hat andere Sorgen als die um indigene Völker, deren Sprachen Jahr für Jahr aussterben, mit deren Stammesletzten (etwa Sequoia) ein Stück der Menschen- und Kulturenvielfalt stirbt, zu kümmern. (Wobei der schleichende Genozid durch Verdrängung und Ignoranz auf der ganzen Welt stattfindet).

 

Nicht die verloren gegangene Folklore, spirituelles Wissen, nicht einmal die aufgelöste ethnische Identität ist zu beklagen, sondern der Verlust wertvoller Beziehungsmodelle zur Welt und zu menschlichem Dasein. Nur wenn diese gepflegt und gelebt werden, tragen sie Früchte, von denen sich Menschlichkeit nährt.

Warum also über Indianer Worte verlieren?

Textillustration zu  Bartolomé de las Casas  von Théodore de Bry  (Johann Christian Walter Hrsg)
Textillustration zu Bartolomé de las Casas von Théodore de Bry (Johann Christian Walter Hrsg)

Auf ein paar Seiten über Indianer nachzudenken, sie aus der Vergessenheit zu holen, in die sie spätestens nach der Moderne gelangt sind, birgt immer ein Risiko. Aber darauf einzugehen, macht Sinn.

Wir sind verpflichtet, uns um das ethnische und kulturelle Erbe das vor der Kolonialisierung fremder Kontinente entstand, zu kümmern, bzw. zu ermöglichen, dass die rechtmäßigen Erben des Vermächtnisses nicht verlustig gehen sondern es in der von ihnen gewählten Form bewahren können. Kein Geschichtsunterricht befasst sich strukturiert mit dem Erbe indigener Völker.

Das fängt schon mit der sogenannten Entdeckung Amerikas durch Columbus an, der im Grunde kein Entdecker war. Er landete auf den Bahamas und war bereit, alle zu versklaven.

Taino-Erbe
Taino-Erbe

Auf Haiti und der dominikanischen Republik empfingen ihn die Ureinwohner, die Tainos mit höchster Gastfreundschaft. Er aber sammelte von ihnen Gold ein, das sie selber von Mexico eingetauscht hatten, aber Columbus behauptete, es gäbe auf Espanola (so nannte er die Inseln) Gold.

 

Er verlangte von den Indios Goldlieferungen als Tribut und wer der Forderung nicht nachkam, dem wurde die Hand abgehackt. Besser bewaffnet, veranstaltete die Soldateska ein Gemetzel, speerten Babys samt Müttern, verbrannten die Indianer bei lebendigem Leib (so Bartholomé de las Casas, der Jesuitenmönch, der Columbus begleitete.) und wüteten ansonsten so schauerlich, dass viele mit dem Gift der Cassava Frucht Selbstmord begingen.  

 

Bei Columbusfeiern werden diese Details selten erwähnt.  Filme, wie die Eroberung des Paradieses übertünchen mit ihrem Pathos die Grausamkeiten, die von derselben Menschenverachtung genährt werden wie etwa  Judenpogrome und Genozid in Ruanda oder Myanmar.

 

 

Interesse, selbst wenn es aus Neugier auf Exotisches ist, hilft auch, Traditionen anderer Kulturen lebendig zu erhalten. Was Überlieferungen bedroht, sind Ignoranz, Kulturchauvinismus und die Überbewertung ökonomischer und kapitalistischer Interessen vor denen der Menschlichkeit. Vor Allem die  Filmindustrie hat zudem  in die Gegenwart hineinreichend falsche Bilder zementiert. Eines davon ist die

Missverständnis  Skalpieren

Zwar kannten viele indigene Völker den Vorgang der Entfernung der Kopfhaut samt Kopfschwarte, jedoch nicht als Kampftrophäe, sondern als Teil eines Rituals zur Erhöhung der Fruchtbarkeit von bebaubarem Boden. Möglicherweise kam dieser Brauch aus dem Süden, von den Azteken.

Es waren die Weißen, die Skalpprämien aussetzten und so Indianer, aber vor Allem ihre eigenen Leute dingten, um andere (Feinde) massakrieren zu lassen.

Ab 1703 bot die Massachusetts Bay Colony 60 Dollar für jeden Indianerskalp. Der Gouveneur von Pennsylvania, Morris, bot im Krieg gegen die Delawaren 130 Stücke von Achtermünzen für jeden männlichen Indianer, der älter als zwölf Jahre war, und 50 Stück Achtermünzen für Indianerfrauenskalps als Beweis, dass sie getötet worden waren. Außerdem waren indianische Verbündete in Territorialkriegen zwischen europäischen Landnehmern ebenso angehalten, zwecks Besoldung Skalps vorzuweisen, wie des obige Bild zeigt.

Heutzutage bedeutet "Scalping""das Fell über die Ohren ziehen" in der Börsensprache,   durch positive Propaganda Wertpapiere von kleinen Unternehmen zu verteuern und so Anleger, die den  Meldungen vertrauen, zum überteuerten Kauf zu verleiten.

Ein schlechtes Geschäft war Skalpieren auf jeden Fall.

 

Wie sie sich selbst sehen (Selbstzeugnisse)

Vine Deloria ein Native (Yankton-Nakota Indianer), Rechts- und Politikwissenschaftler formuliert: „Das Erbe der Entfremdung wird verkannt, der Entfremdung zum Natürlichen, zum natürlichen Umgang mit menschlichen Problemen.“ (Vine Deloria: Eine fiebrige Lust. In: Der Wissenschaftler und das Irrationale. Hrsg. Hans Peter Duerr ,Frankfurt 1981)

 

Er meint damit, anstatt sich aus der „Edler-Wilder-Romantik“ oder aus Mitleid mit „armen in Reservate abgedrängte und von Alkoholproblemen gebeutelten“ Indianern zu beschäftigen, solle man das wahre Problem der „westlichen Zivilisation“ beachten. Sie hat das Natürliche verdrängt und verloren, es gibt in der Gesellschaft nichts Einfaches, Natürliches mehr: Wie auch bei political correctness, Genderproblematik, Globalisierung, massiver Industrialisierung; nicht nur von Konsumgütern, sondern auch von Lebensstilen?

Warum also nicht in einem Streifzug erfassen, womit man es bei den Indianern zu tun hat, und wie eine ganz andere, unmittelbare und natürliche Beziehung zur Welt abgebrochen wurde.

 

Wer sind sie?

Inuitmaske Foto: Christa Unger
Inuitmaske Foto: Christa Unger

 

Sie seien über die Beringstraße vor 20.000 Jahren eingewandert, nachdem sie sich 15.000 Jahre dort aufgehalten haben sollen, meinen Forscher, die das Genom von vier lebenden amerikanischen Ureinwohnern und von 14 Leichen untersucht haben. Weiters soll von Nordamerika aus ein namhafter Strom bis nach Brasilien gewandert sein.

Vine Deloria ist da anderer Meinung:

Sobald eine Theorie, wie etwa die der fortschreitenden menschlichen Evolution, die Landbrücke der Beringstraße oder der "Großwild-Jäger" einmal veröffentlicht ist, wird mit ihr umgegangen, als sei sie eine bewiesene Sache.“

Auf einer Konferenz der indigenen Völker, die 1997 stattfand, wurde beim Vergleich von Geschichten und Sprachen - genauer gesagt von Dialekten - offenkundig, dass all diese Völker miteinander verwandt waren, aber dass keines von ihnen über Überlieferungen verfügte, die etwas mit der Beringstraße zu tun hatten.

Einer der Natives (Howah) bemerkte mal in einem persönlichen Gespräch mit der Autorin, dass es zu gegenläufigen Wanderungen von Amerika nach Asien Überlieferungen gibt.

Es ist übrigens fraglich, ob die europäische Siedlungsgeschichte jemals aufgrund vier lebender Personen oder gar eines ausgegrabenen Steinzeitjungen genauso abgehandelt wird.

Die Stämme, die wir aus Filmen und Büchern kennen, wie Apachen, Kiowa, Comachen, Sioux, Cheyenne, Mohikaner, sind nicht nur ein Bruchteil der Vielfalt der Völker sondern tragen auch zum Teil andere Namen, als sie sich selbst gegeben haben.

Sie lebten in Langhäusern aus Holz (Irokesen), in Laubhütten, (Wickiups), Lederzelten (Tipis = Bez. aus der Sioux-Sprache), Rindenzelten (Wigwams), Pueblos. Vor den ersten Kolonisatoren kannten sie keine Pferde, doch machten sie sich sehr bald die verwilderten Tiere zunutze. Besonders prominent in der Pferdezucht taten sich die Nez Percés hervor.

Die von Karl May her bekanntesten Stämme sind die Sioux und die Apachen. Der Vergleich zwischen romanhafter Beschreibung und Realität zeigt, wie wenig sich May um Tatsachen kümmerte.

Ausgewählte Stämme

Winnetou, in der pathetischen Vision von Sascha Schneider
Winnetou, in der pathetischen Vision von Sascha Schneider

Sioux

ist nicht nur die Bezeichnung für eine Stammesgruppe, sondern auch für eine Sprachfamilie. Die Bezeichnung Sioux ist eine kolonialfranzösische Kurzform des Ojibwa-Worts „Nadouessioux“ (kleine Schlangen), der seinerseits eine französische Schreibweise für das Algonkinwort „Natowessiw“, Plural „Natowessiwak“ ist. Aus diesem Schimpfwort leitet sich „Nadowe-is-iw-ug“ ab, was „sie sind die geringeren Feinde“ bedeutet. Wahrscheinlich fragte man andere Stämme: „Wie heißen die?“ Und dann bekam man eine Bezeichnung, die eben aus fremder Perspektive gewählt wurde. Das ist bei uns nicht anders: Deutscher heißt auf russisch Njemetz, "Mensch ohne Sprache".

 

Sioux ist die einzige Bezeichnung für alle sieben dieser Gruppe zugerechneten Stämme. Die Hauptgruppen sind die Lakota und Dakota (nach denen ein Bundesstaat benannt wurde. Ihr wohl berühmtester Häuptling ist Sitting Bull. 

 

Die Apachen

sind keine Bewohner der Ebenen, sondern ein nomadischer Stamm der in in Buschhütten oder Wickiups lebte, die zum Schlafen benutzt wurden. Ein Wickiup ist kegelförmig und besteht aus einem mit Ästen, Blättern und Gras bedeckten Holzrahmen. Die Wickiups ermöglichen, sich schnell und ohne lästige Materialien wie Häute und Holzstangen zu bewegen. Sie verbreiteten sich in der Region, die Gran Apacheria genannt wurde und Gebiete von West Arizona, Osttexas Nord-Colorado und Mexico umfasste.

Apachen  gehören zur großen Gruppe der Athapasken, die im äußersten Nordwesten der USA ziemlich viel Territorium besiedelten. Ihr berühmtester Vertreter ist Geronimo eigentlich Gokhlayeh („einer, der gähnt“) und nicht Winnetou, dessen Name sich möglicherweise vom Stamm der Wintun ableitet, die in Kalifornien lebten. Andererseits aber schrieb May 1875 eine kurze Erzählung, die später erst zum „Schatz im Silbersee“ ausgearbeitet wurde. Sein Held war ein Sioux mit dem Namen Inn-nu-woh. 1878 wurde daraus Winnetou. Wie auch immer...

Dass Osama Bin Laden bei der Geheimoperation der Navy-Seals als Geronimo bezeichnet wurde, empfinden viele Indianer als Beleidigung, ließen doch auch Indianer als Kämpfer im Irak ihr Leben.

 

Selbst bezeichneten sich die Apachen je nach Dialekt wie viele indigene Völker einfach als Indee, Ndee, Nndee, Dinde, Didé Dené, Dìndé, was alles wörtlich einfach „Volk“ bedeutet. Die Bezeichnung Apache könnte von der Verballhornung aus dem spanischen mapache („Waschbär“) sein, weil ihre Kriegsbemalung an Waschbärgesichter erinnerte. Vermutlich wegen ihres starken Akzents wurden die Tonto Apachen als "Volk ohne Verstand" bezeichnet. Angeblich von ihren Verwandten, den Mescalero Apachen und Diné, wobei nicht nachvollziehbar ist, warum sie das spanische Wort Tonto für dumm verwendeten. Bínii édinénde „Jene, die man nicht versteht“, bedeutet ja noch lange nicht dumm. 

Wenig bekannt ist  die Geschichte der

Pomo,

die in Nordkalifornien leben. Sie stehen exemplarisch für jene Stämme, die es nicht in die Populärliteratur geschafft haben. Der Pinoneville-Zweig des Stammes lebt in Reservaten, die wohl auf dem miserabelsten Stück Land stehen, das die Regierung erübrigte. Ein Teil ist am Borax-See, eines der beiden Seen auf der Welt, die natürliches Borax bergen, das in den USA Grundstoff für Insektizide abgibt. An der anderen Seite des am Clearlake gelegenen Reservates ist die Klapperschlangeninsel die so heißt, weil dort Klapperschlangen ausgesetzt wurden. Sie haben an der schmalsten Wasserstelle 5 Meter bis zum Reservat zu schwimmen.

 

Es war der Goldrausch und das Ende des Krieges zwischen Mexiko und USA, der fatal für die kalifornischen Indianer war. Man etablierte das Rancheria System, was kleine Reservate bedeute, die lange nicht den Lebensbedarf der Indianer decken konnten. Hungernde Indianer, die plünderten, wurden gnadenlos aufgehängt und erschossen, oder die Weißen starteten Rachefeldzüge, in denen sie Indianer ermordeten. Diese Geschichte gilt für fast alle kalifornischen Stämme.

1966  wurde dem Pomo-Stamm aufgrund des California Rancheria Termination Acts Landverträge gekündigt. 50% des Landes, das die Reservate beherbergte, ging verloren. Erst 1988 wurde es aufgrund eines Jahrzehnte langen Prozesses  rückgängig gemacht.

Auf ihrem Reservatsterritorium betreiben die Pomo Spielcasinos, mit denen sie Geld für kulturelle und infrastrukturelle Projekte lukrieren.

 

Anfang des 21. Jahrhunderts versuchte die US- Regierung, den Casinos die rechtliche Grundlage zu entziehen. Es ging um 1 A also um einen Zusatz Nummer 1, der gestrichen werden sollte.)

 

2005 gab es eine einzige siebzigjährige Frau, die die Sprache der Pomo beherrschte. Sie wird wohl mit ihr bereits ausgestorben sein. Ein Hinweis an die Volkswagen-Stiftung, bzw. Beim Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen, welche mit der Stiftung zusammenarbeitete, verlief im Sande. Es müssten sich Linguisten vor Ort darum kümmern, so das Institut, das Teile der Forschung durchführte. 2011 wurde das Projekt beendet. Ob die Pomo Sprache am Ende doch noch vor dem Aussterben bewahrt wurde, ist nicht bekannt.

So sahen  die Missionare Indianer gerne (Bild aus Mallorca, von wo der franziskanische Missionar Juniperro Serra nach Kalifornien zog und San Francisco gründete)
So sahen die Missionare Indianer gerne (Bild aus Mallorca, von wo der franziskanische Missionar Juniperro Serra nach Kalifornien zog und San Francisco gründete)

Die Néz Percés

Oder: Warum die Annahme des Christentums den Indianern nichts geholfen hat.

Karl May schwelgt in seinen Büchern in christlicher Gesinnungssülze, von der auch Winnetou und andere Genossen was abbekamen.

Häuptling Seattle von den Küsten Salish brachte auf den Punkt, wie fremd der christlich-jüdische Monotheismus der Gedankenwelt der Indianer war: „Eure Religion wurde von dem ehernen Finger eines erzürnten Gottes auf Steintafeln geschrieben, damit ihr sie nicht vergessen solltet. Der Rote Mann konnte das niemals behalten und auch nicht begreifen. Unsere Religion besteht in den Traditionen unserer Vorfahren, den Träumen unserer alten Männer, die ihnen vom Großen Geist eingegeben wurden, und in den Visionen unserer Weisen - und sie steht geschrieben in den Herzen unseres Volkes.“

 

Dennoch, Chief Joseph, der berühmteste Häuptling der Nez Percés konvertierte zum Christentum, um für seinen Stamm zu retten, was zu retten war. Doch diese Entscheidung erwies sich nicht als hilfreich.

 

 

Ihr bevorzugter Lebensraum waren Plateaus und Hochebenen, insbesonders das Columbia River Plateau, der Lachs in frischer oder getrockneter Form ihre Hauptnahrung. Sie jagten große Tiere wie Wapitis, Hirsche, Elche, Bergschafe, Bergziegen, Schwarz- und Grizzly-Bären sowie kleinere wie Hasen, Hörnchen, Dachse und Murmeltiere. Bevor sie über Pferde verfügten, war der Angriff aus dem Hinterhalt eine beliebte Jagdmethode, besonders bei Bisons. Zudem träufelten sie manchmal Klapperschlangen-Gift auf die Pfeilspitze.

Pferde- und Pelzhandel ließen die Nez Percé in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zwar relativ wohlhabend werden, Epidemien dezimierten sie aber auf etwa 1800 Personen.

Als im 18. Jahrhundert sich die Pferde auf dem amerikanischen Kontinent vermehrten, waren sie es, die über die größten Herden und Pferdezuchten verfügten. Mit ihnen ist die Appaloosa-Pferderasse eng verbunden.

 

Die spanischen Einwanderer führten die Reittiere mit sich, die sich vom Gebiet des heutigen Mexiko aus rasch nach Norden verbreiteten. Innerhalb kürzester Zeit wurden die Nez Percés zur berühmtesten Pferdenation auf dem Plateau. Männer, Frauen und Kinder ritten Pferde bei jeder Gelegenheit. Zogen sie von einem Lagerort zum nächsten, zogen Pferde ihr Hab und Gut auf einem Travois.  Welche zentrale Bedeutung das Pferd im Leben der Nez Percé einnahm, zeigte die vielfältige materielle Kultur: Die Nez Percé schufen verschiedene Sättel je nach Verwendung sowie mit Stachelschweinborsten, Perlen und Pferdehaaren verzierte Pferdedecken und -geschirr. Die Anzahl Pferde machte den Unterschied zwischen Reich und Arm.

 

 

Als der Stamm keine Verträge mit den Siedlern akzeptieren wollten, kam es zu gegenseitigen Scharmützeln, die im Nez Percé Krieg 1877 ausarteten.

250 Nez Percés- Krieger unter der Führung von Chief Joseph, hielten eine Zeit lang 5,000 Soldaten, die Gen. O.O. Howard anführte, hin. Diese verfolgten ihn durch Idaho, den Yellowstone Park, und Montana bevor sie sich Gen. Nelson A. Miles ergaben. 260 Soldaten und über 230 Nez Percé, auch Frauen und Kinder, starben.

 

Chief Joseph alias Hin mah too yah lat kekht, „Donner der an Berghöhen emporrollt“, war, wohl auch durch die traurigen Umstände, einer der bekanntesten Repräsentanten seines Stammes. 1840 im Osten von Oregon geboren, folgte er als Stammesführer seinem verstorbenen Vater 1871. Für die amerikanische Version der Geschichtsschreibung war er kein klassischer Kriegshäuptling sondern Diplomat, offizieller Sprecher und Verhandler. Er sprach mit der Presse, mit Politikern und mit Präsident Rutherford B. Hayes. 

„Einige meines Volkes sind weggelaufen in die Berge. Sie haben keine Decken und nichts zu essen. Niemand weiß, wo sie sind – vielleicht erfrieren sie gerade.“ .... „Hört mich, meine Häuptlinge! Ich bin müde. Mein Herz ist krank und traurig. Vom jetzigen Stand der Sonne an will ich nie mehr kämpfen – für immer.“

2015 empfahl eine Staatskomission, für Chief Joseph in der nationalen Halle der Monumente im Kapitol als achtes Denkmal indigener Repräsentanten eine Statue zu errichten, die ihn darstellte. Sie sollte eine allegorische Figur ersetzen, die den Staat Oregon verkörperte.

Bis heute haben die Néz Perces teilweise Land zurückgekauft. 6.535 Stammesangehörige (darunter auch Mischlinge) wurden im Jahr 2000 gezählt. Sie leben heute in Nord-Oregon und Süd-Washington und nennen sich selbst Nimpiu (Menschen). Ihr gebräuchlicher Name beruht auf einer Verwechslung, denn sie hatten keine gepiercten Nasen, wohl aber die Chinnook.

 

 

Eine persönliche Begegnung

 

Ihr Vater stammt aus Deutschland, ihre Mutter verstarb früh und so wurde sie von ihrer Großmutter, einer Medizinfrau aufgezogen, die beinahe hundert Jahre alt wurde. Mit 95 kam sie wegen Marihuana- Besitzes drei Ta ge ins Gefängnis. (Es war wohlgemerkt Marihuana für medizinische Zwecke).

Die Großmutter schnitt nie ihre Haare und was sie auskämmte, verwendete sie dafür, einen Wandteppich zu weben. Seine Farben stehen für die Lebensphasen dieser bemerkenswerten Frau.

Ihre Enkelin, deren Namen hier nicht genannt wird, die aber eine Zeit lang im verwandschaftlichen Verhältnis zur Verfasserin stand,  obwohl ihre indigenen Wurzeln nicht offensichtlich sind und sie als US-Amerikanerin unter Amerikanern lebt, hinterließ einen tiefen Eindruck.  Sie schrieb nach unserer Begegnung : "Isn´t it strange that you cannot miss something your whole life then you have it for an instant and it nuzzles down into the core if who you are and makes a home. So much that when you´re not graced with its presence... you miss it dearly?

 

Ich empfand das  als das differenzierte Verhalten, das im zwischenmenschlichen Umgang indianisch sein soll.

 

Sie bahnt nicht aktiv Kontakt an und ergreift nicht Wort, sofern sie wahrnimmt, dass andere es tun, stellt sie sich hintan.

Persönliche Fragen auch zur Kultur werden nie unmittelbar beantwortet, sondern die passende Stimmung, die Aufmerksamkeit und wohl auch die innere intuitive Bereitschaft abgewartet.

 

Im indianischen Denken ist der Schutz der persönlichen Integrität wichtig, Benennungen, ja sogar der eigene, von der Mutter gegebene Namen unterliegen Tabus und werden nicht ohne weiteres genannt. Das ist übrigens auch bei den Mongolen, und anderen schamanisch geprägten Religionsgemeinschaften und Kulturen gebräuchlich.

 

 

Native Americans  empfinden zum Beispiel das Wort „Squaw“ für Frau als beleidigend. Es ist so, als ob man „Negerin“ sagen würde, eine ethnische Abwertung also. Viele Landschaftsnamen wie „Squaw-Valley“ werden mittlerweile aus diesem Grund umbenannt.

Wer mehr über Stämme erfahren möchte, sollte sich vor allem auf deren Webseiten umsehen. Åke Hultkrantz (Schamanische Heilkunst)  listet 33 Stämme, die über ganz Nordamerika verteilt sind, auf.  Die Einteilung wird gerne über Sprachgruppen gemacht, da die Abgrenzungen fließend, sind, Völker miteinander verschmolzen und sich trennten. Eine Schätzung der Anzahl vor dem Einfall der Weißen beläuft sich auf 250.

Tragische und lehrreiche Geschichte

Was die Geschichte der Ur-Amerikaner insgesamt prägt, ist der Verlust des eigenen Landes, die Verdrängung und Zerstörung dessen, was ihnen heilig ist und die teilweise oder völlige Ausrottung von Stämmen.

Vom Pecot War im 17. Jhd. zum Battle of Cut Knife 1885 gab es über 25 Kriege zwischen Kolonialisierern und Ureinwohnern.

„Das Land wurde ohne Demarkationslinien und Grenzen geschaffen“, erklärte Chief Joseph. Niemandem stehe es zu, es zu teilen.

 

Tatsächlich gab es in vorkolumbianischer Zeit unter den Indianern keine Kriege, um Territorien zu erobern oder Ressourcen zu enteignen. In den dichter besiedelten östlichen Waldkulturen diente die Kriegsführung oft als Mittel zur Bewältigung von Trauer und Entvölkerung. "Trauerkriege" begannen auf Geheiß von Frauen, die einen Sohn oder einen Ehemann verloren hatten, und wünschten, dass die männlichen Krieger ihrer Gruppe Personen aus anderen Gruppen gefangen nehmen könnten, die die verloren Gegangenen ersetzen könnten.

 

Auch gab es in den Western Plains vor der Einführung von Pferden und Kanonen Stammeskonflikte, um das Territorium und seine Ressourcen sowie die Gefangenen und die Ehre zu kontrollieren. Truppen marschierten zu Fuß, um rivalisierende Stämme anzugreifen, die manchmal in Palisadendörfern lebten.

Vor der Ankunft des Pferdes und der Waffe konnten Schlachten Tage dauern, und die Zahl der Opfer konnte sich auf Hunderte erhöhen. Danach änderten sich sowohl die Kultur der Plains als auch der Charakter und die Bedeutung des Krieges dramatisch. Das Pferd ermöglichte schnelle, weiträumige Razzien, um Waren zu beschaffen.

Nach dem Kontakt mit Europäern änderte sich alles dramatisch. Weil die Weißen das Land unter sich aufteilten, bereiteten sie der ursprünglichen Bevölkerung Leid, das über den verschmerzbaren Verlust der Heimat hinaus ging. Sie zerstörten gewaltsam die Lebensgrundlage. Wer sich dagegen wehrte oder trotzdem versuchte, auf ursprüngliche Weise zu überleben, bezahlte mit dem Leben.

 

Zu den größten Traumata zählen die Vernichtung der Sioux am Wounded Knee, einer Ortschaft in Süddakota, das Sand Creek Massaker an den Cheyenne, das von 600 Soldaten verübt wurde und 133 Indianer, hauptsächlich Frauen und Kinder, das Leben kostete, sowie die mörderischen Märsche tausender Indianer in Reservate, die entbehrungsreiche Strecken zwischen sechshundert und dreitausendsechshundert Kilometer von der ursprünglichen Heimat zurücklegen mussten.

Wounded Knee- mehr als ein Kriegsverbrechen

 

 

Nachdem bereits 25.000 Stammesmitglieder von amerikanischen Soldaten in Reservate verbannt waren, ermordeten Männer der 7. Kavallerie 300 wehrlose Indianer, nachdem sich einer geweigert hatte, sein teuer bezahltes Gewehr abzugeben. 

 

Der Trail of tears

bezeichnet die Deportationen der Cherokee, der Navajos und anderer Stämme 13.000 Cherokee wurden gewaltsam umgesiedelt, neuere Forschungen sprechen von 8000 Todesopfern durch Seuchen, Kälte, Unterernährung und Entbehrung. Diese Märsche sind als „Pfad der Tränen“/„Trail of tears“, in die Geschichte eingegangen. Bis heute wurde der Genozid nicht gesühnt, es gibt keine Restitutionen oder Entschädigungen.

Wie sehr indianisches Gedankengut auch der Willkür jener unterliegt, die es wenden, bis es zum eigenen Gedankengut passt, ist die berühmte Rede des Häuptling Seattle.

Seattle 

 

Häuptling Seattle (eigentlich Lushootseed Si'ahl) ca.1786 -1866 war ein Häuptling der Suquamish und Duwamish, zweier Stämme der Küsten-Salish, die ihr Territorium im Nordwesten der USA hatten. Ihre Nachbarn waren übrigens die Néz Perces.

 

Als begnadeter Redner verfolgte er eine Strategie der Anpassung an die weißen Siedler. Seine berühmt gewordene Rede, bzw. berühmt gewordene Fassungen seiner Rede (das Wenigste stammt in jenen von ihm) geht auf eine Ansprache zurück, die er im Januar 1854 bei einer Anhörung vor Isaac Ingalls Stevens, dem Gouverneur des Washington-Territoriums, hielt. Allerdings nicht auf Englisch, sondern in seiner eigenen Sprache.

 

Henry A. Smith veröffentlichte seinen Eindruck von der Rede aufgrund Notizen in der Zeitung Seattle Sunday Star 1887, 33 Jahre später. Doch erst die dritte Fassung von 1972 (von Ted Perry für einen Dokumentarfilm) ging um die Welt.

Der alte Häuptling Seattle war der stattlichste Indianer, den ich jemals gesehen habe und bei weitem der mit dem edelsten Gesichtsausdruck. ... Er war meistens von feierlicher Ernsthaftigkeit, still und würdevoll, doch bewegte er sich bei wichtigen Anlässen durch die versammelte Menge wie ein Titan unter Liliputanern, und sein einfaches Wort war Gesetz.“, schrieb Henry A. Smith.

 

„Der Himmel dort droben, der seit unzähligen Jahrhunderten Tränen des Mitgefühls auf unsere Vorfahren geweint hat und uns ewig erscheint, kann sich dennoch stets verändern. Heute ist er schön, morgen schon kann er von Wolken bedeckt sein. Meine Worte sind wie Sterne, die nicht untergehen.“, überlieferte Smith als Beginn der Rede.

 

Anders als in der dritten Fassung, in der vom Bearbeiter Ökologiegedanken eingefügt wurden, zeigt Smith die realistische und trotztem zutiefst humane Einschätzung des Häuptlings: „Der große - und ich nehme an - auch gute weiße Häuptling schickt uns die Nachricht, daß er unser Land kaufen möchte, daß er aber auch gewillt ist, uns zu erlauben, genug davon für uns zurückzubehalten, damit wir gut weiterleben können. Das erscheint mir wirklich großzügig, denn der Rote Mann hat keine Rechte mehr, die respektiert werden müßten...

Dass er sich jeglicher Ironie oder jeglichem Sarkasmus enthält, zeigt sich in der weiteren Passage:

„Ich will nicht klagen über unseren verfrühten Niedergang, noch meinen weißgesichtigen Brüdern den Vorwurf machen, ihn beschleunigt zu haben, denn auch wir mögen an manchem die Schuld tragen. Kein Eingeständnis, sondern eine um Wahrheit bemühte Aussage

„Wenn unsere jungen Männer wegen eines tatsächlichen oder scheinbaren Unrechts ärgerlich werden und ihre Gesichter mit schwarzer Farbe entstellen, dann sind auch ihre Herzen entstellt und werden schwarz; und dann ist ihre Grausamkeit unbarmherzig und kennt keine Grenzen, und unsere Alten sind nicht in der Lage sie zurückzuhalten.“

 

Traurigerweise war Seattle ein begnadeter Visionär:

„Es ist ziemlich unwichtig, wo wir den Rest unserer Tage verbringen. Es sind ihrer nicht mehr viele. Die Nacht des Indianers verspricht dunkel zu werden. Kein heller Stern steht am Horizont. Winde klagen in der Ferne mit trauriger Stimme. Irgendeine grimmige Nemesis, eine Rachegöttin unserer Rasse, ist auf der Fährte des Roten Mannes; und wo er auch geht, er wird stets die todsicher herannahenden Schritte des grausamen Zerstörers hören und sich darauf vorbereiten, seinen Verhängnis entgegenzugehen - gleich dem verwundeten Reh, das die herannahenden Schritte des Jägers hört. Nur wenige Monde mehr, wenige Winter, und nicht einer von den gewaltigen Scharen, die einst dieses weite Land füllten oder die nun in aufgelösten Gruppen durch die weite Einöde streifen, wird übrigbleiben, um an den Gräbern eines Volkes zu weinen, das einst so mächtig und hoffnungsvoll war wie das eure.“

Der Chronist Smith beendet seinen Artikel mit folgenden Worten: "Der oben wiedergegebene Text ist nur ein kleiner Teil seiner Rede, und es fehlt ihm auch all der Zauber, den ihm die Ausstrahlungskraft und Ernsthaftigkeit des schwarzhaarigen, alten Redners sowie die Situation verliehen. Dr. Henry A. Smith, 1887"

 

Möglicherweise war der große zeitliche Abstand notwendig, um dieser Rede in einer Publikation gerecht zu werden und ihr Gehör zu verschaffen, es ist denkbar, dass die zeitgerechte Veröffentlichung unterdrückt worden wäre.

 

Philipp J. Deloria, Historiker und Sohn von Vine Deloria mit indianischem Hintergrund (Standing Rock Sioux) schreibt in seinem Kommentar: „Die Vorstellung, von den Indianern lernen zu können, ist problematisch. Die meisten indianischen Völker liegen unter Schichten historischer Unterdrückung und symbolischer Vereinfachung begraben….Daß sie die Indianer vorwiegend in symbolischen Begriffen sehen, hindert die nicht-indianischen Amerikaner daran, sie als Menschen aus Fleisch und Blut zu akzeptieren. Wenn sie dann tatsächlich Indianer begegnen, sind sie aufgrund der hohen idealistischen Erwartungen oft enttäuscht und verärgert….Auf die Idee, Indianer einfach als Leute zu sehen, die sich in der Welt behaupten wollen, kommen sie nicht.“

 

Das ist die Gefahr, die in der Überlieferung und vor Allem Bearbeitung der Rede Seattles liegt, wie auch in den Publikationen indianischer Weisheit: Dass man vor den eigenen Quellen davonrennt und das, was aus exotischem Mund kommt, idealisiert (und auch mächtig verzerrt).

 

Andererseits aber ist es mit derlei Quellen wie mit vielen Traditionen aus verloren gegangenem Brauchtum und Kulturüberlieferung: besser als gar nichts, denn Verzerrtes lässt sich rekonstruieren. Und die Welt braucht viele unterschiedliche Betrachtungsweisen der Wirklichkeit, zumal es die eine, objektive, wahre nicht gibt. So mancher Rückgriff hat Kulturen vorwärts gebracht...(man denke nur an die zum Teil falsche Rezeption der Antike).

 

Betrachtet man Griechenland als Wiege der Demokratie sollte man bedenken, dass die Idee einer geregelten Mitbestimmung und Selbstorganisation kein antikes europäisches Privileg ist. Das zeigt

Das Symbol des Irokesenbundes
Das Symbol des Irokesenbundes

 

Der Bund der sechs Nationen

(Irokesenbund)

 

Nach ihrer Selbsteinschätzung sind die Irokesen oder ,,Haudenosaunee ,(Menschen des langen Hauses)" einzigartig darin, daß sie eine der sehr wenigen traditionellen Regierungen in Nordamerika aufrechterhalten und frei sind von der Unterdrückung durch das Bureau of Indian Affairs.

 

Ihre Führer werden gemäß dem ältesten konstitutionellen demokratischen System ausgewählt. „Haudenosaunee bezieht sich auf die traditionellen Behausungen. ,,Iroquois" ist die englische Bezeichnung, die sich von der französischen Version eines Wortes aus der Sprache der Huronen ableitet, welches soviel wie ,,schwarze Schlangen" bedeutet. Das Siedlungsgebiet erstreckte sich von North Carolina bis hoch nach Quebec und im Westen bis Ohio.

Die Entstehungsgeschichte:

Etwa zu der Zeit als Kolumbus in der Karibik landete , erschien ein Visionär aus dem Stamm der Huronen, der eine machtvolle Botschaft des Friedens verkündete: Deganawida. Die Irokesen sollten sich unter einem symbolischen Friedensbaum vereinigen, eine Regierung bilden, die auf Recht und Gesetz beruht, und in Eintracht und Gerechtigkeit leben.

 

Der Friedenstifter – wie er später genannt wurde, fand einen überzeugten Anhänger in dem angesehenen Mohawk-Häuptling Hiawatha, einem geborenen Onondaga. Dieser begnadete Redner, bislang selbst ein gefürchteter Kriegshäuptling, verbreitete nun Deganawidas dreizehn Gesetze des Friedens. Auf demokratischer Basis sollten Einzelpersonen und Nationen in Frieden und Harmonie zusammen leben. Die alte Erkenntnis, dass Eintracht stark macht, zeigte er anschaulich mit einem Bündel von fünf Pfeilen: Einen einzelnen Pfeil kann jeder leicht zerbrechen; zusammengehalten vom Band der Freundschaft, werden sie unüberwindlich. Es gelang den beiden Verkündern einer friedenstiftenden Lehre, die „Fünf Nationen” der Irokesen zu gewinnen: Seneca, Cayuga, Onondaga, Oneida, Mohawk .

 

Die Verfassung erhielt den Namen: Kaianerekowa Hotinionsionne Das große Friedensgesetz der Langhausleute

Sie beginnt mit den Worten : Mit den Staatsmännern der Liga der Fünf Nationen pflanze ich den Baum des Großen Friedens. Ich pflanze ihn in deinem Territorium, jenem der Onondaga Nation: in dem Gebiet, wo ihr das Feuer bewacht. Der Name des Baumes ist  Tsionerasasekowa, die Weiße Kiefer.

Dieser Baum ist die Ratsstelle, das Parlament, das Territorium, auf dem besonderer Schutz herrscht und demokratische Entscheidungen gefällt werden. Geregelt werden Krieg, rituelle Handlungen, Namensgebung, Entscheidungsfindungen Begräbnisse etc. (also im Prinzip ein komplettes „Regierungs und Sitzungsprogramm"- und Protokoll)

 

Eine besondere Rolle kommt den Frauen, und zwar den Clanmüttern zu.

Die direkte Abstammung der Völker der Fünf Nationen soll in der weiblichen Linie verlaufen. Frauen sind die Vorfahren der Nation. (Mater semper certam est). Sie sollen das Land und den Boden besitzen. Männer und Frauen folgen dem Status ihrer Mütter.

Die älteste Frau eines Clans wurde Clanmutter genannt. Die Clanmutter, deren Position erblich war, war verantwortlich für das Wohlergehen des Clans und gab allen Mitgliedern des Clans einen Namen. Außerdem arrangierte sie Ehen und beriet die Clanmitglieder.

 

Die Clanmütter ernannten auch die Clanhäuptlinge, die ihnen zur Seite standen. Diese weiblichen und männlichen Clanvorsteher, vielmals einfach Häuptlinge genannt, bildeten den Stammesrat.

Zu ihm gehörten noch die sogenannten Pine Tree Chiefs, Männer mit besonderen Fähigkeiten, die der ganzen Nation zugute kamen. Sollte ein Pine Tree Chief je etwas tun, das im Widerspruch zu den Gesetzen des Stammes stände, würde er trotzdem nicht aus dem Rat ausgeschlossen. Entweder er trat von selbst zurück, oder er verlor einfach seine Stimme.

 

Über dem Stammesrat stand die Bundesliga, das Grand Council, aus fünfzig Hoyaneh (,,Friedenshüter"), die ebenfalls von den Clanmüttern ernannt und vom Stammesrat bestätigt wurden.

 

Die Bundesliga setzte sich nach einem ganz besonderen Plan aus Vertretern der Stämme zusammen, beriet Probleme und fällte Entscheide, welche den ganzen Stammesbund betrafen. In stammesinterne Angelegenheiten mischte sie sich nicht ein. Obwohl die Nationen unterschiedlich viele Hoyaneh stellten, hatten alle Stämme die gleiche Stimmgewalt.

Entscheidungen im Grand Council konnten nur getroffen werden, wenn alle fünfzig Hoyaneh damit einverstanden waren. Mehrheitsbeschlüsse sind in den Augen der Haudenosaunee undemokratisch, weil die Argumente der Minderheit nicht den endgültigen Beschluss mitprägen.

 

Während der Versammlung trugen die Hoyaneh Hirschgeweihe auf dem Kopf, die die Stellung des Trägers unterstrichen und mit Titel und Namen weitervererbt wurden. Sie galten als Antennen zur geistigen Welt.

Die Clanmütter wachten darüber, daß die Hoyaneh ihr Amt nicht missbrauchten, sich nicht bereicherten und im Langhaus den Ton bewahrten.

So galt es als unanständig, einen Sprecher zu unterbrechen. Hatte er seine Rede beendet, wurde er gefragt, ob er noch etwas anfügen wollte, bevor eine andere Person das Wort ergriff. Die Frauen hatten die Macht, einen Hoyaneh auch wieder abzusetzen - ,,enthornen" nannte sich dieser Akt, dem drei Verwarnungen vorausgingen. Dabei mußte der von seinem Amt Enthobene seinen Kopfschmuck, das Geweih ablegen.

Für gewöhnlich blieb ein Hoyaneh aber auf Lebenszeit im Amt, und wer ihn ersetzte, bekam seinen Namen. Wer als Häuptling nominiert wurde, musste eine Art symbolisches Opfer bringen (Muschel stränge) die für die hehre Gesinnung des Kandidaten stehen.

 

Auszüge aus der Verfassung:

  • Wenn ein Häuptling der Liga der Fünf Nationen einen Mord begeht, so sollen sich die anderen Häuptlinge der Nation an dem Ort versammeln, wo die Leiche liegt, und sich darauf vorbereiten, den Verbrecherhäuptling abzusetzen. Er wird aus dem Gebiet der Liga der Fünf Nationen für immer vertrieben und die weiblichen Verwandten der direkten Linie begraben, damit keiner des Clans an die Macht gelangen kann.
  • Wenn ein Mann der Nation mit besonderen Fähigkeiten assistiert oder großes Interesse an den Angelegenheiten der Nation zeigt, wenn er sich als weise und ehrlich und vertrauenswürdig erweist, können die Führer der Liga ihn zu einem Sitz unter ihnen wählen, und er darf im Rat der Liga sitzen. ….Sollte er jemals etwas gegen die Regeln des Großen Friedens tun, darf er nicht vom Amt abgesetzt werden - niemand wird ihn niederschlagen -, aber danach werden alle taub sein für seine Stimme und seinen Rat. Sollte er von seinem Platz und Titel zurücktreten, soll ihn niemand aufhalten.
  • Ein Pine Tree Chief hat keine Autorität, einen Nachfolger zu benennen, noch ist sein Titel erblich.

Weltbild und Religion

Fantasie über Nanabohozo, den Schöpfergott: Ein Hase
Fantasie über Nanabohozo, den Schöpfergott: Ein Hase

So vielfältig die Stämme des nordamerikanischen Kontinents sind, so vielfältig sind deren Religionen. Dass alles beseelt ist, dass es verschiedene Welten mit verschiedenen Lebewesen gibt, das ist den meisten gemeinsam. Sie kennen Lebensenergie (ähnlich wie das Prana der Inder und das QUI der Chinesen.)

 

Seattle brachte auf den Punkt, was den Kern indianischer Religionen ausmacht: „Unsere Religionen bestehen aus den Visionen unserer Weisen.“

 

Menschen, die auch wissenschaftlich mit der Natur arbeiten, haben es auf unterschiedliche Weise ausgedrückt: Monotheistische Buchreligionen distanzieren sich in gewisser Weise von der Natur, Zivilisationen, die Buchreligionen folgten ,tendieren dazu, die Natur auszubeuten.

Naturvölker, deren Religion animistisch ausgerichtet ist, also der Vorstellung der Allbeseeltheit nicht nur belebter sondern auch unbelebter Natur folgen, stehen in einer engen Verbindung zur spirituellen Welt. Sie suchen im Einklang mit dem Anderen zu leben, sei es, die Natur, seien es Geister, seien es Ahnen.

 

Obwohl es  bei den Indianern Menschen mit besonderem Zugang zu „Wesenheiten“ gibt, ist niemand davon ausgeschlossen,  jedem kann eine tief religiöse Erfahrung zuteil werden. Rituale und Tabus regeln den Umgang, werden aber auch immer wieder aufs Neue in Visionen erfahren.

Diese Umschreibungen des indianischen spirituellen Weltbildes und ihrer Religionen können nur unzulänglich bleiben, weil sie aus einer Sprache und aus einem Denken heraus erklärt werden, welche Begriffe und Analogien völlig anders in kommunizierbare Systeme übersetzt, als es die Sprache jener vermag, in der diese magisch animistischen Weltbilder ursprünglich übersetzt werden, die Sprache der einzelnen Völker der native Americans.

 

Zum Beispiel kommt die Sprache der Hopi ohne Raum- und Zeitbegriffe im Sinne Newtons aus.

Schamanen sprechen vielfach in völlig anderen Begriffen als gewöhnliche Indianer; Kräfte und Energien werden anders bezeichnet. Das hängt damit zusammen, dass der Sprache selbst eine besondere Wirkmacht zugeschrieben wird.

Im europäischen Denken wird etwa Natur als Antithese zum Unnatürlichen gedacht.

 

Für einen Ojibwa, schreibt Irwing Halowell in dem Buch „Über den Rand des tiefen Canyons“ (Düsseldorf 1975, Hrsg. Dennis und Barbare Tedlock), ist die Sonne kein natürliches Objekt in unserem Sinn, sondern „eine Person der nichtmenschlichen Klasse.“

Die Vorstellung von unpersönlichen Naturkräften ist den Ojibwa völlig fremd.

Ohyiesa, mit dem bürgerlichen Namen Charles Eastman, ein Santee Dakota schrieb: Ich weiß dass unser Volk bemerkenswerte Kräfte der Konzentration und Abstraktion besaß. Ich schätze, dass solche Nähe zur Natur….den Geist empfänglich für Eindrücke hält, die gewöhnlicherweise nicht empfunden werden können und die die Verbindung mit unsichtbaren Kräften aufrecht erhält.

 

 

Momaday Natachee Scott,

 

ein Kiowa und mit dem Pulitzerpreis-prämierter Schriftsteller meint: ...die Vorstellungskraft erwacht und das, denkst du, ist, wie die Schöpfung begann.

 

Momaday hielt in den achziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts eine Lesung in Österreich. Er erzählte die Geschichte vom Rock-Tree-Boy, „Tsooai Talee“, der mit seinen Schwestern spielte und sich in einen Bären verwandelte. Die Schwestern rannten in panischer Angst davon und wurden von einem Baumstumpf gerettet, der sie aufforderte, auf ihn zu steigen. Er wuchs in den Himmel und versteinerte. Aus den sieben Schwestern wurden sieben Sterne, die Plejaden. Der Junge blieb ein Bär und Teil des Stammes, nachdem man erkannt hatte, dass es Rock-Tree- Boy in Bärengestalt war und er niemanden bedrohte.

Rock-Tree-Boy ist aber der indianische Name Momadays. Der versteinerte Baum ist unter dem Namen „Devils Tower“ bekannt, ein heiliger Platz der Kiowa in Wyoming. Dieser Felsen erlangte in Steven Spielbergs „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ Berühmtheit.

Es war nicht allein diesen Eröffnungen zu verdanken, dass Momaday das Auditorium in eine geradezu magische Stimmung versetzte. Dieser großartige Schriftsteller, der ein wenig wie ein mächtiger japanischer Krieger wirkte und eine wunderbar sonore Stimme hatte und ein sehr gepflegtes, geradezu melodiöses Englisch sprach, verzauberte die Zuhörer indem er subtil verschiedene Ebenen der Wirklichkeit ineinander fließen ließ, sodass nicht mehr zu unterscheiden war, ob er noch seinen Text vortrug, oder über den Text oder über sich erzählte.

 

Als er die Lesung beendete, schwiegen gut 200 Zuhörer 15 Minuten lang gebannt, sodass er extra sagen musste, dass sein Vortrag beendet sei.

Es war weit mehr als ein Einblick in die indianische Denkwelt gewesen, kein Vortrag eines Ethnologen hätte das zuwege gebracht was Momaday schaffte: Ein Auditorium im Handumdrehen in eine andere Wirklichkeit zu versetzen, in die Wirklichkeit indianischen Seins, in der es mehr Wesenheiten und Daseinsbereiche gibt, als nur, was gemeinhin wahrnehmbar ist.

 

Das ist zwar in mehreren Religionen der Fall, jedoch meist abstrakt und kaum derart sich mit der Wirklichkeit überschneidend, wie wir sie kennen. Hans Peter Dürr, Quantenphysiker, formulierte es wohl mehr im Sinne der Indianer als im Sinne westlichen Denkens: „Die Wirklichkeit ist nicht, sie wirkt! ...Es gibt eigentlich nur das Werden“

Schamanismus

Castaneda lässt grüßen
Castaneda lässt grüßen

Schamanen haben Zugang zu Bereichen der Welt, die von ungeschulten, nicht initiierten Menschen nicht bereist werden können, doch selbst Schamanen tun es unter Lebensgefahr oder mit dem Risiko, ihre physische oder psychische Gesundheit zu verlieren. Sie werden berufen oder stammen aus Familien mit Generationen von Schamanen.

 

Anders als Medizinmänner, die heilen, sind sie es, die Ursachen und Zusammenhänge von /bei Krankheiten Unbill oder „Schicksalsschlägen in Erfahrung bringen und „systemisch“ agieren.

 

Sie werden bei ihren Seelenreisen über Verfahrensweisen instruiert und letztendlich ergründen sie übergeordnete komplexe Zusammenhänge, die nur symbolhaft vermittelbar sind. Sie können etwa von verdrängten Schuldgefühlen und Traumata befreien, die sich somatisch in Form von Krankheiten manifestieren.

 

Manche Heilrituale scheinen nachhaltiger als europäische psychosomatische Interventionen zu sein. Manchmal arbeiten Schamanen in amerikanischen Spitälern mit Schulmedizinern zusammen. Åke Hultkrantz zitiert in seinem Buch über „Schamanische Heilkunst“ einen Bericht von einem Jungen, der sich von Geburt an weder bewegen noch essen, noch trinken, noch sitzen gehen oder schreien konnte. Er war vier Jahre im Krankenhaus und wurde künstlich ernährt. Ein Schamane durfte eine aufwendige, komplizierte Heilzeremonie veranstalten, welche in dem abgedunkelten und präparierten Krankenzimmer stattfand. Als das Licht wieder anging, stand das Kind lachend im Raum und trank Milch aus einer Tasse.

Dem Schamanen nach habe eine unbekannte Macht um alle Nerven des Jungen Knoten mittels eines Spinnengewebes geknüpft.

Schamanen mögen ein spektakulärer Aspekt indianischer (und anderer indigener)  Gesellschaften sein.

 

Was aber bei den Native Americans  bemerkenswert ist, ist, dass das Wohlergehen der Gesellschaft und ihrer Mitglieder in vielen Händen liegt. Es gibt Friedenshäuptlinge und Kriegshäuptlinge, Schamanen, Medizinmänner und Heiler.

Es gibt medizinische Bruderschaften und Kinder, Frauen und Alte werden mit ihrer besonderen, entwicklungsgemäßen Beziehung zur Welt gleichermaßen beachtet und geachtet.

 

Gesundheit und Religion stehen dermaßen in Beziehung, dass der Verlust der Verbindung zur spirituellen Welt, oder die Störung dieser Beziehung zur Krankheit führt. Nicht als Strafe einer zürnenden Gottheit, sondern schlicht als Konsequenz „rücksichtslosen“ Verhaltens.

Rituale, um die Verbindung zum Göttlichen zu pflegen und zu erhalten mögen konservativ sein, erfahren aber immer wieder Anpassungen und Aktualisierungen durch schamanische Visionen.

Lame Deer , Wicasa Wacan, also einer der „geheiligt“ war, um Seher, Führer, Medizinmann seines Volkes (der Sioux) zu sein, betont die Vielfalt des Einmaligen, anstatt des Egoismus: „ Wir müssen wieder lernen, wir selber zu sein und die Vielfalt in uns zu fühlen und zu entdecken…“ Ihm zufolge ist der Kreis ein wichtiges Symbol, denn in ihm sind sinngemäß Anfang und Ende eins.

 

1883 wurden indianische religiöse Praktiken von der Bundesregierung verboten und bis 1978 waren Teile des Verbots immer noch nicht rückgängig gemacht worden, was den Satzungen der Menschenrechte zur freien Glaubensausübung widerspricht.

 

Eine Besonderheit aus dem Kontakt mit dem Christentum unter mehreren ist die „Native American Church“. Sie verbindet Christentum mit schamanischen Ritualen, wie die Einnahme von Peyote.

Nur Indianer?

Die Kultur der Indianer ist nicht die einzige, die respektvolle spirituelle Beziehung zur Erde, zu unser Lebenswelt und zu geistigen Welten urgiert.

 

Dieser Gedanke ist weltweit verbreitet, und man kann ihn nachvollziehen, wenn man sich mit alten religiösen und philosophischen Quellentexten und Aufzeichnungen beschäftigt.

Doch die Ausrottung der Existenzgrundlagen, des Nährbodens und des Lebensraumes, in dem diese Beziehung gelebt werden kann, gehört hier zur jüngeren Geschichte und wurde nie von jenen aufgearbeitet, deren Wohlstand auf den Feldern dieser Zerstörung erwuchs. In Brasilien wurde wegen des Kautschuk (der Rohstoff für Gummi und Latex) 12 Millionen Indianer umgebracht.

Was von den indianischen Kulturen kommerziell verwertbar war, wurde gnadenlos ausgebeutet. Die Ausbeute umfasst etwa Kulturpflanzen wie Mais, Kartoffeln, Tomaten oder Tabak, was bis zur Entdeckung Amerikas in Europa unbekannt war. Sogar unsere Gartenerdbeere ist ohne die amerikanische Scharlach-Erdbeere und die Chile-Erdbeere nicht denkbar. Erst ab 1750 wurde daraus erstmals in der Bretagne die Gartenerdbeere gezüchtet.

Kakao war in Südamerika nicht nur ein besonderer Energy-Drink, sondern die Bohnen auch gefragte Währung.

Die Hängematte soll von den Tainos erfunden worden sein.

Was pharmazeutisch an Potenzial in den Urwäldern noch vorhanden ist, wird mittlerweile aufgrund eines Abkommens indigener Völker untereinander (um sich vor der Ausbeutung der Kolonisatoren und Großkonzerne zu schützen) durch Geheimhaltung geschützt.

Die Frage ist nicht, was bringt´s, sondern, was wir dafür schulden, was wir uns nahmen?

 

Aufstrebende Zivilisationen und untilgbare Schulden scheinen nicht ohne einander denkbar. In der Weltgeschichte fußt fast jede Zivilisation auf einer zerstörten oder aufgelösten älteren Zivilisation. Oft sind daran Sklaven aus weiteren Ländern beteiligt.

Was Eroberer sich gewaltsam angeeignet haben, wird niemehr zu sühnen sein. Vielleicht aber ist es ein erster Schritt, sich auszusöhnen, indem man gewahr ist, dass die Gesamtstrukturen aller Kulturen reicher sind, als die einzelnen Kulturen nebeneinander, wie Hans Peter Dürr meint. Das wäre wohl auch der sinnvollste Ansatz mit indigenen Kulturen umzugehen, wie mit jener der Ureinwohner Amerikas.

Nachlese: Ishi in two worlds

Ishi (gemeinfreies Porträt)
Ishi (gemeinfreies Porträt)

Theodora Kroeber: ISHI IN TWO WORLDS

University of California Press 2002

ISBN 0-520-22940-1

 

Dieses Buch ist, soweit bekannt, nur auf englischer Sprache erschienen. (Erstausgabe 1961). Es erzählt vom letzten, in Kalifornien wild lebenden Native American (Indianer) vom Stamm der Yahi, der den Namen Ishi bekam, weil es in seinem Stamm nicht üblich war, sich mit dem richtigen Namen anzureden. (Eine Gepflogenheit bei vielen Völkern, die dem Animismus anhängen, etwa mitunter auch bei den Mongolen. Es bedeutet in diesem Fall den Respekt und den Schutz der Integrität einer Person).

 

Das Buch ist lesenswert, weil es eines der wenigen Bücher über "Indianer" ist, das eine Einzelperson charakterisiert und an einem Einzelschicksal verdeutlicht, was Menschen durchmachen, wenn sie kommerziellen Interessen von Landnehmern im Weg stehen. Es ist ein Buch zum Heulen wenn die Brutalität der amerikanischen Landaneignung in Einzelschicksalen ersichtlich wird.

Es berührt, weil es außer ethnologischen Beobachtungen einer Persönlichkeit aus einer untergegangenen Kultur nahe kommt, die sich dazu noch des Verlustes bewusst ist.

 

Ishi zeigt menschliche Größe, wenn er uneingeschränkt die kulturellen Gepflogenheiten der Weißen akzeptiert und trotz einer Grundtraurigkeit ohne Groll ein letztes Mal als Überlieferer einer Oral History seine Kultur immer wieder zeigt. Dass dies möglich war, ist der Position des Kulturrelativismus zu verdanken, die die Kroebers vertraten.

Es wäre absolut angebracht, Das Buch zu übersetzen und ein Zeugnis auf Deutsch zu lesen, das sich jenseits der Verallgemeinerung auf die Seite des uneingeschränkten Respekts vor anderen Kulturen stellt. 

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