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Keineswegs sinnlos

Die Sinne

  • Auge und Haut als Lichtsinne
    • visuelle Intelligenz
  • Ohren
    • Das Ohr, ein ziemlich analog arbeitendes Organ
    • Gehörverlust
  • der Tastsinn
    • Wie arbeitet der Tastsinn?
    • Wenn das Gefühl zur Umwelt oder zu sich selbst gestört ist
  • Die gefühlte Zeit
  • Wie wir elektrische Felder erkennen
  • Der Geruchssinn
    • Auf die Anzahl der Rezeptortypen kommt es an
  • Der Geschmackssinn
    • 5 Geschmacksrichtungen erkennt die Zunge
    • Unsere Gefühlslage beeinflusst den Geschmackssinn

Sinne-los

 

  • Wenn Sinne miteinander tanzen: Synesthäsien und andere  verrückte Wahrnehmungen
  • Die Empfangs- und Logistikzentrale der Sinne
  • Die Vorstellung vom Körper bedarf mehrere Sinne
  • Wenn man spürt, was nicht vorhanden ist
  • Wer Geister spürt, dessen Hirn vertauscht gerade Sinneseindrücke
  • Reizend, überreizt, ausgereizt

 

  • Wer über Sinne sann
    • Aristoteles und Pythagoras
    • Hinduismus
    • Tibetischer Buddhismus
    • China und TCM
    • Die Sinne im Sufismus


Wozu über etwas schreiben, worüber tausende Biologen, Neurologen, Psychologen, Philosophen Mediziner, Künstler, Musiker, Maler, Filmemacher, Unterhaltungskünster, Gourmetköche, Nahrungsmittelexperten, Parfumeure und andere Spezialisten aus verschiedenen Ansätzen heraus geforscht und experimentiert haben? Die Hoffnung, etwas Neues anzusprechen, rauszukitzeln, schmackhaft zu machen, das Augenscheinliche zu beleuchten, stirbt zuletzt. 

 

Ziel und Zweck, sich mit Sinn und Sinnen zu befassen ist völlig unterschiedlich. Was hat ein Philosoph davon, was ein Künstler sinnlich findet? Was hat ein Mediziner vom Sinneszugang eines Filmemachers? Nur eins ist klar, ohne Sinn und Sinne gibt es diese Welt nicht, vielleicht gar keine Welt.

 

Sinnesüberschreitend versteht sich dieser Essay als Impuls und wagt eine kühne Neukombination erlesener Fakten. Langer Rede kurzer Sinn,: Nur eins ist gewiss: Nichts ist sinnlos ( ganz ohne Sinnieren dahingesagt).

 „Das sind die vier die nie gestillt, nie gefüllt seit Urbeginn: Des Schakals Schlund, des Geiers Gier, des Affen Hand, des Menschen Sinn“. schrieb Ruyard Kipling^

Die Sinne und der Sinn... Es scheint das Privileg des Menschen zu sein, seinen Sinneseindrücken Sinn zu verleihen und so ein Modell der Welt zu erstellen. Unter den Sinneseindrücken gibt es solche, die wir bewusst kognitiv verarbeiten können und solche die uns nicht bewusst sind. Wir misstrauen einerseits den Sinnen, aber erweitern sie andererseits künstlich und überlassen die Bewertung der Sinneseindrücke am liebsten Messungen. (Was etwa im Falle der Steuerung eines Flugzeuges lebenswichtig ist).

Der Mensch überliefert seine verarbeiteten Sinneseindrücke durch Fotos, Filme, Erzählungen, Literatur und schafft so Kontinuität zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Wir können als einzige Lebewesen in der Vergangenheit sinnlich Erfahrenes neu bewerten, ihnen einen neuen Sinn geben.

Manche vertrauen ihren Sinnen zu sehr, manche trauen ihnen überhaupt nicht. Man ist zeitweilig wie von Sinnen, kann Manches nicht riechen oder begreifen.

Bertrand Russel machte sich Gedanken, wie Sinnesdaten mit der materiellen Wirklichkeit zusammenhängen und wie dieser Zusammenhang Erkenntnis ermöglicht.

Dass wir mehr erleben, als wir begreifen, das ist wohl auch der Beziehung und zwischen den Sinnen und dem Verarbeitungsorgan, dem Gehirn, zuzuschreiben und wurde Titel und Inhalt eines Buches von Hans Peter Duerr und Marianne Oesterreicher.

Ohne Sinne keine Erfahrung. Ohne Sinn sind Erfahrungen nutzlos.

 

 

Die Sinne

Auge und Haut als Lichtsinne


Das Auge und die Haut. Sie gehören zusammen, denn die ersten lichtempfindlichen Empfangsstationen (Rezeptoren) entstanden aus Pigmentzellen. Das, was uns vor Licht schützen soll, muss es erkennen. Die Haut erkennt laut Nils Finsen, dem Begründer der“rationalen Lichttherapie“ sogar die Wellenlänge von Farben, weswegen Blinde auf Farben reagieren können. (Ein Blindeninstitut hat mal grün übermalte Tische zurückgeschickt, weil der Grünton zu kalt gewählt war, also mehr ins Blaue als ins Gelbe tendierte.)

Das Auge besteht im Prinzip aus einem Objektiv/Empfänger= die Linse, den Sinneszellen wie Stäbchen und Zapfen= die Signalumwandler und dem Sehnerv, welcher die Reize weiterleitet.

In der Evolution ist das Auge 40 mal für unterschiedliche Bedürfnisse der Tiere entwickelt worden, dennoch ist das Bild, das hineingelangt nicht so toll: Es steht auf dem Kopf und hat ein Loch, dort wo der blinde Fleck ist, und es ist verdammt klein. Mit nur einem Auge sehen wir zudem alles platt und können keine Entfernungen abschätzen.

Schon hier wird klar, was mittlerweile jedes Schulkind schon lernt. Ohne Gehirn keine Sinne. Alleine was das Sehzentrum leistet, ist gigantisch. Und es kooperiert mit vielen anderen Zentren. So ist es, sehr ungenau gesagt möglich, dass Blinde mit der Zunge auch sehen können, wenn ein optisches Gerät mit einem Sensor verbunden wird, welcher Signale weiterleitet. Warum das noch funktioniert? Siehe weiter unten.

Unser Gehirn leistet eine Menge Arbeit, welche unsere Sehorgane bei weitem überfordern würde. Es flickt das Loch, das vom blinden Fleck stammt, perfekt, oder es rechnet zum Beispiel bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen aus, dass Rot immer noch als Rot wahrgenommen wird, selbst wenn es schon ganz blaustichig ist. Das tut es dank der

 

visuellen Intelligenz

 

(was auch der Titel eines Buches von Donald D. Hoffman ist).

Für Farbsehen brauchen wir nur drei Sensoren (Zapfen) die für Blauviolett, Türkisgrün sowie Grüngelb bis Rot zuständig sind, was erklärt, warum es Menschen gibt, die rotgrün verfälscht sehen (die häufigste Form von Farbfehlsichtigkeit). (Das wiederum macht im Straßenverkehr Probleme, während Türkisgrünblindheit einen nur des Vergnügens berauben würde, die Ansicht des Meeres zu genießen.

Die Sichtweisen von Malern, besonders jener der Impressionisten und Pointilisten aber auch von Fotografen verdeutlichen, dass bei der Farbwahrnehmung sowohl Aufmerksamkeits- als auch Lernprozesse eine Rolle spielen. William Chelseden, ein Chirurg, der zwischen 1688 und 1752 lebte, beschrieb den Ersterwerb der Sehfähigkeit eines jungen Patienten, der mit 13 Jahren eine Staroperation erfolgreich hinter sich brachte. Er brauchte zum Beispiel Monate, um eine in Vielfalt von Farben gegliederte Flächen als räumliche Körper zu sehen.

 

Unsere Augen nehmen über 200 verschiedene Farbtöne wahr, kennen über 20 Sättigungs- und 500 Helligkeitsstufen. So können wir in einer Palette von mehreren Millionen Farbwerten schwelgen

(S.: https://www.zeiss.at/vision-care/de_at/better-vision/sehen-verstehen/auge---sehen/wie-funktioniert-das-menschliche-farbsehen.html).

 

Die visuelle Intelligenz hat ihre Grenzen, wenn sie mit anderen Sinnen wie etwa dem Tastsinn konkurrieren muss.

Donald Hoffmann hat in seinem Buch „Visuelle Intelligenz 35 Regeln abgeleitet, nach denen das visuelle System seine Konstruktionen „berechnet“. Diese Regeln werden in einer genetisch festgelegten Reihenfolge in der Kindheit erworben. Es ist kaum auszumalen, welche Anzahl an Wahrnehmungsleistungen die Kombination dieser Regeln ermöglicht. Die Rechnung geht nur meist bei optischen Täuschungen nicht auf...

Á propos Intelligenz: Das Gehirn und nicht das Auge entscheidet, welche Objekte in unserem Blickfeld sehenswert sind und welche nicht.

Das visuelle System leistet Gigantisches, wenn es in weniger als einer halben Sekunde die Flugbahn eines Baseballs beurteilt, der sich mit bis zu 150 km/h auf einen Schlagmann zubewegt. Da sind evolutionstechnisch gesehen 40 Enwicklungswege fürs Auge gar nicht mal so viel.

Eine ganz „normale“ Person ist in der Lage, nachts bei Dunkelheit eine Kerzenflamme aus 48 Kilometer Entfernung zu sehen.

Yoga Augenübungen helfen, die Sehkraft zu erhalten oder zu verbessern. Die Augenmuskeln werden gestärkt. Immerhin geht ein Teil der Altersfehlsichtigkeit darauf zurück, dass die Augenmuskeln, welche die Linse in der optimalen Krümmung halten, erschlaffen.

Ohren


 

Das Auge führt den Menschen in die Welt und das Ohr führt die Welt in den Menschen ein, meinte Lorenz Oken, der von Joachim Ernst Behrendt in „Das dritte Ohr“ zitiert wird.

 

Die Ohren sind nicht nur die Empfangsstation für Schallwellen, sondern sie sorgen auch dafür, dass der Körper im Gleichgewicht bleibt. Die Körperwahrnehmung wird zu einem beträchtlichen Teil vom Ohr übernommen. Unsere „Lauscher“ sind also für den Raumsinn zuständig. Wobei nicht beide Ohren die gleichen Aufgabenstellungen haben, meint Tomatis: Das rechte Ohr sei für das analytische Hören zuständig, das linke höre ganzheitlich.

Während beim Sehen elektromagnetische Wellen zunächst in biochemische Signale umgewandelt werden, werden beim Hören Schallwellen in bioelektrische Signale verwandelt. 

 

Ein ziemlich „analog“ arbeitendes Organ

Das Ohr ist zum Empfang mechanischer Reize konstruiert.

 

Es ist im Inneren dreigeteilt:

äußerer Gehörgang,

Mittelohr und

Innenohr.

 

Durch diesen Aufbau können die Schallwellen, die ans Trommelfell gelangen, wirkungsvoll verstärkt werden. Hammer Amboss und Steigbügel, die drei Gehörknöchelchen machen die Grobarbeit: Der Hammer tastet die Schwingung ab, der Amboss leitet sie weiter, der Steigbügel überträgt sie ins Innenohr.

Dort liegt die Gehörschnecke: Ein spiralig gewundener Knochenraum, der eine wässrige Flüssigkeit enthält. Der Steigbügel presst diese Flüssigkeit zusammen. Die dadurch entstehende Wanderwelle erregt eine Membran und die mit ihr verbundenen Haarzellen. Die Bewegung dieser Härchen wird in Nervenimpulse übersetzt, die im Gehirn den Höreindruck erzeugen.

Die Membranen im Innenohr schwingen bei einem Ton von 15000 Herz, genau 15000 mal in der Sekunde im Nanometerbereich. Damit arbeitet das Ohr präziser und analoger als das Auge.

Der Mensch kann durchschnittlich 1300 Tonhöhen unterscheiden aber 400.000 Töne (Tonqualitäten) (etwa Schnalzen, Zischen etc.).

Basstöne sind im wahrsten Sinne des Wortes bewegend, weil sie im Gleichgewichtsorgan verarbeitet werden. Dann können wir unsere Beine nicht still halten, sofern diese rhythmisch wummern. Tiefe Töne würden sogar laut Tomatis, die Körperwahrnehmung beeinflussen.

Melodische Klänge wirken auf das Zentrum für positive Emotionen im Gehirn und blockieren sogar das Angstzentrum (weswegen Manche bei Angst zu singen oder zu pfeifen beginnen). 

Gehörverlust

 

Was, wenn das Ohr ausfällt? Gehörlosigkeit sei eines der schrecklichsten Schicksalsschläge, die einen Menschen treffen können, zitiert der Neurologe Oliver Sacks seinen Kollegen Dr. Samuel Johnson in seinem Buch „Stumme Stimmen“.

 

Menschen, die gehört haben, bevor sie ertaubten, scheinen immer noch zu hören, obwohl das eine Illusion ist, die das Gehirn aufrecht erhält. Wer nie gehört hat, lebt in absoluter Stille, von der er nichts mitbekommt, weil er ja den Vergleich zu Lärm nie ziehen konnte. Klang fehlt nicht, weil er im Bewusstsein nie vorhanden war. Dennoch nehmen Taube Schall als Vibrationen und die Anzahl der Schwingungen in der Sekunde wahr, die den Ton hervorbringen.

Taube wurden durch Jahrhunderte für dumm gehalten, weil sie sich nicht über Sprache Wissen und Kultur aneignen konnten. (Taub, tumb, dumm und dumpf sind etymologisch miteinander verwandt).

Gehörlose hatten vor Entwicklung der Gebärdensprache keine Symbole zur Verfügung, mit denen sie Wissen codieren und Gedanken festhalten können. Dadurch wurde die kognitive Entwicklung behindert. Wenn das akustische System versagt, ist nicht die Stille fatal, sondern die Blockade des Spracherwerbs und der Kommunikation.

Joachim Ernst Behrendt trifft das Wesen des Gehörsinnes: „Das Ohr denkt. Es vernimmt und verwandelt das Vernommene in Vernunft.“ (In: Das dritte Ohr, S. 86). Vielleicht kehrt die Vernunft in die Welt wieder zurück, wenn wir lernen, zuzuhören, anstatt uns zusehend(s) am Anblick von Sensationen zu delektieren.

Der Tastsinn

 

Die Reize, auf die der Tastsinn anspricht, sind jene des Druckes, des Zuges, der Vibration und der Temperatur. Wir spüren also den engen Handschuh, die schwere Handtasche, den Luftstoß eines Flügelschlages, und gottseidank die Heizung.

Der Tastsinn ist der erste Sinn, der sich entwickelt (in der 7. Schwangerschaftswoche) und er ist außerordentlich fein.

 

Der Tastsinn ist normalerweise derjenige, über dessen Meldungen wir am wenigsten nachdenken und der uns die wichtigsten Informationen liefert.

Über wie viele Wurzeln sind Sie nicht gestolpert, weil sie unmittelbar nach dem Erspüren Ihr Gleichgewicht verlagert haben? (Allerdings funktioniert das wohl durch eine komplexe Zusammenarbeit zwischen Tastsinn, Gleichgewichtsorgan, Gesichtssinn und Kleinhirn)

Er ist auch so zuverlässig, weil er durch die Streicheleinheiten fürsorglicher Eltern entwickelt werden konnte. Versuche bei Säugetieren zeigten, dass sich das Körperwachstum signifikant verzögerte, wenn diese nicht durch Berührung stimuliert wurden. Der Tastsinn beansprucht bei weitem die größte Fläche des menschlichen Körpers, nämlich die gesamte Haut, welche ausgebreitet immerhin zwei Quadratmeter bedecken würde.

Der Tastsinn ist die Sicherheitspolizei des Körpers. Fast auf der gesamten Hautoberfläche befindet sich ein Flaum aus fünf Millionen Härchen. Wird nur eines ein tausendstel Millimeter gekrümmt, wird das umgehend an die Zentrale gemeldet und Berührungen werden uns bewusst, bevor sie tatsächlich stattgefunden haben. (Vgl. Geo Kompakt 36: S. 69 Greifen und begreifen). Daher ist es lebenswichtig, dass er sich nicht unterdrücken lässt, denn selbst im Schlaf registrieren wir Druck.

Wie arbeitet der Tastsinn?

 

Der Tastsinn hat als Registratoren viele verschiedene Sinneszellen in verschiedenen Schichten der Haut. Rezeptoren für Vibration, für Schmerz, für Berührung (hochspezielle sind in den Fingerkuppen), für Druck, für Dehnung, für Wärme, für Kälte. Was die Tastsensoren betrifft, so vertragen vor allem verletzte Nerven überhaupt keinen Druck.

Jeder hat schon erlebt, dass bei eingeschlafenen Füßen das Gleichgewicht im Stehen ziemlich schlecht funktioniert, weil die Meldung der Druckverteilung unterbrochen ist. Andererseits aber macht uns erst die Kombination der Informationen verschiedenen Tastsensoren echt sinnliche Erlebnisse möglich: Ein Barfußspaziergang in lockerem Sand, Kratzen, Küssen, nasse Füße, das Gewicht der Shoppingtasche, das Kitzeln von Seide auf der Haut, der wonnige Schauder einer kalten Dusche...

Wenn das Gefühl zur Umwelt oder zu sich selbst gestört ist

 

Der Tastsinn ist bei Magersüchtigen oft gestört, sie gewinnen aus dem Ertasten von Oberflächen nur schlecht Informationen.

Die Empfindung des eigenen Körpers basiert auch auf visueller Wahrnehmung, daher ist das Körperbild (wie der eigene Körper aussieht, proportioniert und dimensioniert ist) auch bei Blindgeborenen nur schlecht.

 

Hochempfindlich und unempfindlich zu sein bereitet gleichermaßen Leiden: Die Schmetterlingskrankheit oder Epidermolysis Bullosa stört nicht nur den Aufbau der Haut und den Zusammenhalt der Hautzellen; im Hautgewebe von Patienten mit Epidermolysis Bullosa fanden Forscher ein weitaus verzweigteres Netz von Nervenzellen als in der Haut gesunder Menschen. Die sensorischen Nervenzellen werden um ein Vielfaches stärker erregt, daher bereitet der geringste mechanische Reiz große Qualen.

Bei Lepra sterben die Nerven ab und die Gefäße der Arterien und Venen verstopfen durch eine Verdickung des Blutes. Die Betroffenen verlieren meist das Gefühl für Kälte, Wärme und auch Schmerz. Ohne Behandlung verletzen sich die Erkrankten oft unbemerkt und infizieren sich über die Wunden an lebensgefährlichen Krankheiten. Durch Entzündungen können ganze Körperteile absterben.

Die gefühlte Zeit

 

Es ist die Körperwahrnehmung, die dem Zeitbewusstsein zu Grunde liegt. Im geschlossenen Salzwassertank hört man nichts, sieht man nichts, riecht kaum etwas;die Schwerkraft wirkt stark verringert. Und dennoch spürt man gerade hier die Zeit unmittelbar. Denn das Körpergefühl lässt sich nicht ausschalten (Marc Wittmann: Wie entsteht unser Gefühl für die Zeit? In: Spektrum.de 22.09.2014).

Das macht Sinn, weil nämlich eine Störung des Körpergefühls das Zeitgefühl und somit die biologischen Rhythmen stören kann.

Organische Systeme brauchen beständige rhythmische Ordnungsgeber. Diese bestehen aus äußeren Zeitgebern (Licht, Tag/Nacht, etc.) inneren Prozessen (innere Uhr) sowie aus äußeren Sinnesreizen und innerpsychischen Prozessen (z.B. Emotionen).

Krankheit kann auch Ausdruck der Störung dieser Periodizitäten bzw. Rhytmen sein, worauf sich die sogenannte Regulationsmedizin spezialisiert hat. Kranke zeigen reduzierte, starre und konfuse biologische Rhythmen, wobei Schlafstörungen die augenfälligsten sind.

Der Geruchssinn

Wie wir elektrische Felder erkennen

 

Vor nicht allzulanger Zeit wurde ein bisher unbekannter Mechanismus in unserer Haut entdeckt, mit dem sich Hautzellen nach einem elektrischen Feld ausrichten können. Dieser Mechanismus besteht aus zwei Teilen und lässt die Zellen je nach Richtung des elektrischen Feldes wandern. Im Normalfall sind elektrische Felder für Menschen nicht sichtbar oder spürbar.

 

Es gibt aber Tiere, die darauf spezialisiert sind: Hummeln finden den Weg zu Blüten, Haie oder auch Rochen nutzen elektrische Felder um ihre Beute im Wasser zu orten. Der Mensch muss, sofern das elektrische Feld nur äußerst schwach ist, „seine Haare aufstellen“, um ohne technische Hilfsmittel besagte Felder zu erkennen. Zusätzlich können einige Zellen in unserem Körper auch schwache elektrische Felder wahrnehmen. So richten sich beispielsweise Hautzellen bei der Wundheilung nach solchen Feldern aus. Den Wissenschaftlern ist jedoch immer noch rätselhaft, wie unsere Haut die schwachen elektrischen Felder spürt. Welche Sensoren darauf reagieren ist noch unbekannt.


 

„Geruch bildet einen breiten unbewussten Hintergrund für alles andere“, äußert sich ein Patient, der seinen Geruchsinn verloren hatte, in Oliver Sacks Buch: „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte.“

 

Riechnerven sind nicht alleine dafür da, um den Geschmack eines guten Essens zu erfahren oder rechtzeitig Fäulnisgerüche zum Anlass zu nehmen, für den Körper unverträglich oder gar schädigendes Essen rechtzeitig zu entsorgen. Sie liefern Munition für Gefühle, triggern immer wieder jene, die wir bei der ersten Riecherfahrung hatten, und verhelfen zu einem Partner, mit dem man gesunde Nachkommen haben kann.

Etwa 10 000 Düfte kann der Mensch unterscheiden. Schon einzelne Moleküle einer Substanz reichen aus, um Rezeptoren in der Riechschleimhaut zu aktivieren. Nervenbahnen transportieren das elektrische Signal zum Riechkolben. Von dort aus ziehen Nervenbahnen in das Riechhirn und zu tieferen Hirnregionen. Verbindungen zu Hirnstrukturen, in denen Gefühle und Erinnerungen gespeichert sind, bestimmen, ob ein Geruch als Duft oder Gestank, eine Speise als wohlschmeckend oder eklig wahrgenommen wird. Es gibt  sieben Leitgerüche: blumig, ätherisch, moschusartig, Kampferartig, faulig, schweißig, stechend.

 

Die Nase ist hervorragend auf das Erkennen von Duftmolekülen ausgerichtet. Wir können etwa 0,000 000 000 000 004 Gramm Methantiol, eine Schwefelverbindung, und ein Zersetzungsprodukt welches in Zwiebeln aber auch im Mundgeruch vorkommt, gerade noch registrieren. 

Auf die Anzahl der Rezeptorentypen kommt es an

 

In der Nase befinden sich 10 bis 30 Millionen Riechzellen, die Düfte wahrnehmen können und sich alle 60 Tage erneuern. Ein Hund hat bis zu zehn Mal so viel.

Was aber wirklich zählt, ist die Anzahl der Rezeptoren (hoch spezialisierte Duft-Empfänger).

Wir haben ungefähr 350 verschiedene Rezeptoren und jede Zelle macht nur einen Rezeptortyp. Von den 30 Millionen Riechzellen können also z.B. 100.000 Vanille riechen, 100.000 Maiglöckchen und 100.000 stinkende Buttersäure.

 

Es scheint so, als hätten gewisse Duftmoleküle an der Konstruktion der Nase ein Wörtchen mitzureden gehabt. Muttermilch soll leicht nach Vanille duften, eine empfängnisbereite Frau nach Maiglöckchen und Buttersäure riecht ranzig und hat Anteil am Schweißgeruch. Sie ist ein Warngeruch vor Fäulnisprozessen.

Diese 350 Rezeptoren kann man als Buchstaben verstehen, die man beliebig kombinieren kann, wobei so ein Wort dann schon 100 Buchstaben haben kann, meint der Zellphysiologe Hans Hatt in Geo Kompakt Nr. 36, S128.

Immerhin besteht Kaffeearoma aus etwa 200 Duftstoffen.

 

Im Gehirn ist eine Duftkarte erstellt, ein Verbund an Nervenzellen, die erst beim Einlangen des entsprechenden Duftes in der Nase aktiv werden. Diese werden von einem Nervenstrang angesteuert. Diese Karten sind bei jedem Menschen von Geburt an gleich angelegt. Ein weiterer Nervenstrang steuert direkt das limbische System an, das mit Gefühlen assoziiert ist. Der Trigeminusnerv, (für Schmerzempfindungen im Gesicht zuständig, spricht etwa auch auf Chili an), kann ebenfalls Düfte bewerten, allerdings darauf, ob sie schmerzhaft, heiß oder kalt wirken. (Etwa bei Menthol).

 

Übrigens, selbst wenn der Körpergeruch mit Parfum übertüncht ist, kann der Geruchssinn zwischen natürlichem Körpergeruch und künstlichem differenzieren. Beim Riechen spielt auch immer der Kontext eine Rolle. Isovaleriansäure kommt sowohl im Käse als auch in Schweißfüßen vor. Lässt man Versuchspersonen an der Säure riechen, bewerten sie den Duft unterschiedlich, je nachdem welches Foto man dazu zeigt (einen alten Socken oder einen Käse.)

Sogar Spermien haben Riechrezeptoren und lieben Maiglöckchenduft. Der signalisiert nämlich den Eisprung.

Gerüche und Aromen lösen viele biochemische Prozesse im Körper aus. Die Aromatherapie bedient sich dieses Faktums.

Auswahl der aromatischen Gerüche:

  • Zitrus: Freude
  • Lavendel Ruhe
  • Basilikum: Nervenstärkend
  • Rosmarin: Herzstärkend
  • Terpene (kommen in Baumharzen vor; das bekannteste ist Weihrauch) sind entzündungshemmend. Ein Spaziergang im Wald macht nicht nur Freude, sondern ist auch heilsam.

Der Geschmackssinn

Damit es uns schmeckt, müssen mehrere Sinne gereizt werden: Auge, Nase, und Ohren; was die Nahrungsmittelindustrie erkannt hat und hemmungslos süßt, fettet und Knuspergeräusche designt. Ob ein Wein süß schmeckt, liegt z.B. auch an der Farbe. Ist er rotstichig, schmeckt er süßer als wenn er blaustichig ist, selbst wenn wir unter verschiedener Beleuchtung denselben Wein trinken.

Der Geruch wird übrigens nicht direkt über die Nasenlöcher aufgenommen, sondern gelangt von hinten vom Rachentrakt in unseren Riecher.

 

 

5 Geschmacksrichtungen erkennt die Zunge

 

Der Geschmackssinn erkennt nur süß, sauer, salzig, bitter und umami (was Proteine wie Fleisch kennzeichnet und auf das Identifizieren der Aminosäure Glutamat hinausläuft).

 

Eine menschliche Zunge hat etwa 2000 Geschmacksknospen, eine Art Trichter, in denen Rezeptoren sitzen. Auf Bitterstoffe reagiert die Zunge am feinsten. Bis zu 26 Rezeptoren für Bittergeschmack, die tausende Bitterstoffe erkennen können, hat die Zunge.

Bitterstoffe in geringen Maßen trainieren übrigens die Körperzellen, indem sie sie einem leichten Stress aussetzen. Diese Wirkung heißt "Hormesis" (griechisch für "Anregung, Anstoß")

Die Widerstandskraft wird dadurch erhöht.

Farbe und Geschmack vermitteln, ob eine Frucht etwa unreif, reif oder schon ungenießbar ist. Unreif ist sauer, reife Früchte haben Zucker eingelagert, Verdorbenes schmeckt oft bitter. Geschmacksinn dient wahrscheinlich auch zur Erkennung des Nährwerts eines Nahrungsmittels. Salzig etwa muss der Körper erkennen (und nicht nur Natriumchlorid sondern auch Mineralsalze) , weil im Körper eine bestimmte Ionenkonzentration aufrecht erhalten werden muss.

Ob wir was mögen oder nicht, darüber entscheiden nicht die Rezeptoren, also die, die die Botschaft des Geschmackes aufnehmen, sondern die Sinneszellen.

 

Unsere Gefühlslage beeinflusst den Geschmackssinn

 

Sind wir glücklich, schmeckt es uns besser. Je mehr Serotonin wir haben, desto intensiver nehmen wir süß und bitter wahr.

Über zerschmelzendes Fett im Mund gibt der Trigeminusnerv den entscheidenden Hinweis. Er sagt uns auch, wenn was scharf ist, es schmerzt. Dass wir trotzdem so lustvoll Scharfes essen können, liegt daran, dass der Körper Endorphine ausschüttet, die den Schmerz lindern, diese machen uns auch glücklich.

Wir schmecken noch einen Kaffeelöffel Zucker auf 7,5 Liter Wasser. Ein Gramm Salz ist noch auf 500 Liter Wasser zu schmecken. (VGL Serge Cicotti, 150 psychologische AHA-Experimente, S. 16)

Schon Ungeborene schlucken mehr Fruchtwasser, wenn es süß schmeckt, sie „haben also was davon“, wenn die Mutter genascht hat.


Sinne-los

Wenn Sinne miteinander tanzen: Synästhesien und andere verrückte Wahrnehmungen


Die Synästhesie bedeutet die Verbindung zweier oder mehrerer physisch getrennter Bereiche der Wahrnehmung. Etwa Farbe und Temperatur (warmes rot“), Klang und Raum  oder Farbe und Klang.

 

Ein Sinneszentrum im Gehirn wird nicht isoliert angeregt, sondern weitere dazu. Menschen, die Wahrnehmungen derart verknüpft erfahren, werden als Synästheten bezeichnet. Wassily Kandinsky soll ebenso Synesthätiker gewesen sein, wie Paul Klee.

 

Dass wir die Welt erleben, dazu bedarf es mehrerer Sinne, deren Daten abgeglichen werden. Der Mc Gurk-effekt etwa demonstriert die Interaktion zwischen Sehen und Hören. Je nachdem, welche Lippenbewegungen eine Person bei einem Sprecher sieht, hört er unterschiedliche Silben (vor allem Konsonanten egal, was der Sprecher tatsächlich hörbar sagt. Man hört, was man sieht, weil der Sehsinn den Hörsinn dominiert und das Gehör zusätzlich mit visuellen Informationen abgleicht. Ein Beispiel ist auf Youtube zu sehen: (https://www.youtube.com/watch?v=jtsfidRq2tw&feature=related)

Forscher dachten bis vor Kurzem, dass jede Sinnesmodalität, also Schmecken, oder Sehen, oder Fühlen ein ganz eigenes elektrisches Signal hat, das sich von denen anderer Sinnesmodalitäten unterscheidet.

Nicht die Art, sondern der Ort der Sinnesverarbeitung legt den Inhalt einer Sinnesempfindung fest. Das Zwischenhirn filtert die Sinneseindrücke.

 

Doch zwischen den elektrischen Botschaften im Hirn gibt es keine Unterschiede. Man kann im EEG nicht erkennen, ob Riech, Seh, Hör oder Tasteindrücke gespeichert werden. Die Reaktion der beteiligten Nervenzellen ist bei allen Sinnesempfindungen identisch. Vielleicht ist das der Grund, warum man Blinden mit technischen Hilfsmitteln ermöglichen kann, mit der Zunge zu sehen. Der visuelle Cortex, der Teil im Gehirn, der für das Sehen zuständig ist, kann auch akustische Eindrücke verarbeiten. Wenn ein mit Elektroden übersätes Plättchen auf der Zunge Videobilder einer Kamera in elektrische Impulse verwandelt, dann lernen die Nervenzellen, die sonst Berührungsreize verarbeiten, (Die Zunge hat ja auch Berührungsrezeptoren), diese zu interpretieren. Blinde können dadurch nach einer Tasse greifen oder sogar lesen.

Die Empfangs und Logistikzentrale der Sinne

 

Doch wo ist die Kommandozentrale, die die verschiedenen Merkmale eines Objekts: Farbe, Form, Geruch etc… bündelt? Es gibt sie nicht. Es gibt im Gehirn keinen Ort, wo alles abgespeichert wird. Wir stellen bestimmte Notizen in bestimmten Ordnern in bestimmte Regalfächer.

 

Im Gehirn sind die Notizen und ihr Speicherort ein und dasselbe, denn sie sind Aktivitätsmuster. (Man kann sich das wie einen Raum vorstellen, in dem tausende Glühbirnen angeordnet sind. Bestimmte Glühbirnen leuchten miteinander auf und ergeben so ein Muster. Die Signale bilden also Muster im Geist. Je nachdem, worauf wir die Aufmerksamkeit richten, verblassen andere Sinnesinformationen und entziehen sich dem Bewusstsein. Hören wir etwas, so riechen wir nicht mehr.)

Wissenschaftler beobachteten, daß die elektrischen Impulse, also die Träger der Sinnesinformationen, einen Rhythmus haben. Diejenigen Impulse, die Informationen über das gleiche Objekt weitergeben, schwingen im selben Rhythmus. Die Nervenzellen koordinieren sich also durch Synchronisation der elektrischen Impulse. Diese synchronen Schwingungen sind im EEG messbar.

Die Forschung der chilenischen Neurobiologen Humberto Maturana und Francisco Varela bestätigten Annahmen, wonach das Gehirn seine volle Funktionsfähigkeit erst durch den Umgang mit Umweltreizen aufnimmt.

 

Manche Wissenschaftler vertreten sogar die Annahme, dass die Außenwelt im Prinzip nicht als Außenreiz zu betrachten ist, sondern zum Gehirn dazugehört. Damit ändert sich die Konzeption des Gehirns erheblich, es wird zu einem selbsterzeugenden (und sich selbst erhaltenden) System, zu einem, wie Maturana und Varela sagen, autopoietischen System. D.h. das Gehirn reagiert auf Außenreize, leitet die Reize aber nicht einfach weiter sondern benutzt den Außenreiz als Ursache, um einen neuen Wirkungsbereich aufzubauen. (Edith Seifert Zum Verhältnis von Psychoanalyse und Neurowissenschaft in: Theo Hug, Hansjörg Walther, Hrsg.:Phantom Wirklichkeit, Pädagogik der Gegenwart, Innsbruck 2002 S.308ff)

Die Vorstellung vom Körper bedarf mehrer Sinne.

Wenn man diese Sinne täuscht und durcheinander bringt, geschieht Seltsames. Man fährt aus der Haut, kann zur Decke fliegen und spürt fremde Präsenzen.

 

Außerkörperliche Erfahrungen sind gar nicht so selten, 5 bis 10 Prozent der normalen Bevölkerung hatten einmal in ihrem Leben ein solches Erlebnis. Wahrscheinlich fielen aber nicht alle davon unter die strenge Definition der Out-of-body-Erfahrung (OBE).

Damit wird ein Zustand bezeichnet, in dem eine Person das Gefühl hat, sie schwebe in der Luft und schaue auf ihren eigenen Körper hinunter. Dies kann beim Aufwachen oder Einschlafen passieren, unter Vollnarkose, bei Marihuana-Konsum oder in einem extremen Angstzustand.

 

So lösten Ärzte bei einer Epilepsie-Patientin eine außerkörperliche Erfahrung aus, als sie eine bestimmte Stelle im Gehirn elektrisch stimulierten. Dort werden Signale verarbeitet, die Auskunft über die Position des Körpers im Raum geben. Die Sinnesdaten stammen vom Seh-, Tast- und Gleichgewichtssinn sowie von der Propriozeption, die Auskunft über die Stellung der Muskeln und Gelenke gibt. Möglicherweise verursacht eine fehlerhafte Integration dieser Informationen ein Out-of-body-Erlebnis. In verschiedenen Experimenten haben Forscher solche Illusionen bei gesunden Probanden bereits ausgelöst.

Man hat z.B. in einem dieser Experimente einen Konflikt zwischen visuellen, taktilen und vestibulären (das Gleichgewichtsorgan betreffenden) Informationen erzeugt.

 

Wenn man spürt, was nicht vorhanden ist

 

Bei Menschen, denen Gliedmaßen abgetrennt werden, bleiben in den Stümpfen oft Karten der abgetrennten Extremitäten, sodass durch Berührung eine Phantomempfindung entsteht, als würde der abgetrennte Teil noch empfindbar sein. Diese Art Empfindungskarte kann sich sogar ganz woanders, etwa im Gesicht befinden. Berührt man also das Gesicht, entsteht eine Empfindung in dem bereits abgetrennten Teil!

 

Ebenso werden Tasterlebnisse vom Gehirn rekonstruiert, obwohl diese schon minutenlang vergangen sind . Drückt Ihnen ein Fremder fest auf das Handgelenk, sehen Sie sofort nach, ob Ihre Armbanduhr noch da ist, denn das Gehirn vermittelt Ihnen noch lange nach Verschwinden das Druckerlebnis, als ob sie noch vorhanden wäre. 

Wer Geister spürt, dessen Gehirn vertauscht grad Sinneseindrücke

 

Zumindest bietet Olaf Blanke von der ETH Lausanne (EPFL) eine wissenschaftliche Erklärung für Geisterwahrnehmungen:

Die Illusion entsteht, wenn das Gehirn sensorische und motorische Signale des eigenen Körpers irrtümlich als etwas Fremdes interpretiert. Dann nehmen wir fremde Präsenzen wahr.

Ob es diese Präsenzen tatsächlich gibt oder nicht gibt, wird dadurch nicht erklärt.

 

Was wir für Wirklichkeit halten, ist eine Repräsentation unseres Gehirns aufgrund empfangener Sinnesdaten. Warum aber kann unser mentales System in einem Fall Existentes „wiederspiegeln“ und in einem anderen Fall Halluzinationen und Nichtexistentes konstruieren? Wo sind die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Vorstellung genau? Was sollte der Sinn von Sinnestäuschungen sein, die sich im Labor erzeugen lassen, oder auch durch Hypnose (etwa jene Illusion, man sähe plötzlich einen grauen Elefanten?).

Wie schon Hans Peter Duerr sagte: Wir erleben mehr, als wir begreifen. Erlebnisse werden mit Hilfe von Sinnesdaten und kognitiver Arbeit zu Erfahrungen gemacht, sodass diese in unser bestehendes Weltverständnis passen. Die Wirklichkeit, so sinngemäß Dürr, existiert nicht als statische Angelegenheit, sondern es gäbe ein kontinuierliches Wirken. Und dafür haben wir entsprechende „Fühler“, unsere Sinne bekommen.

Reizend, überreizt, ausgereizt.

Wer Sinnesfreuden verspricht oder gar deren Illusion erzeugt, macht mächtig Geld.

Reizen, locken, ködern, fangen oder AIDA: Attention, Interest, Desire Action, die Formel für Werbefachleute: Potenzielle Kunden sollen aufmerksam werden, sich interessieren, Verlangen verspüren und in Aktion treten, nämlich kaufen, was möglichst sinnlich angeboten wird.

Das Nervensystem, schreibt Samy Molcho in „Körpersprache“, dient dazu, Meldungen zu empfangen und zu transportieren. Das Gehirn nimmt diese Meldungen auf und schickt Signale, die den Organismus auf Notwendigkeiten und Bedürfnisse aufmerksam machen. Diese Signale sind Reize und es gibt motorische und sensorische Reize.

Die Intensität eines Erlebnisses wird bewertet und entsprechend gespeichert. Erlebnisse sind immer Ganzheiten, wenn auch in unterschiedlicher Intensität.

 

Die frühesten Reize sind Hören und motorische Reize. Beide werden im Mutterleib als erstes empfangen. Mutters Herz ist hörbar, das Schaukeln durch ihre Bewegungen und später die Enge ihres Körpers sind spürbar. Wer überzeugt werden will, dessen Körpergefühl und Ohren müssen besonders umschmeichelt werden. Das besorgen entsprechende Musik und alles Andere, was Hormone zum Sieden bringt, denn die sorgen für Empfindungen wie Kribbeln und Wärme.

Iwan Petrowitsch Pawlow fand anhand des berühmten Experiments mit Hunden 1905 heraus, dass man einen Reiz mit bestimmten Reaktionen verknüpfen kann.

Er löste bei Hunden den Speichelfluss aus, indem er eine Glocke ertönen ließ. Dass sie das taten, konditionierte er, indem er den Glockenton mit Futtergabe verband. Später konnte er den Speichelfluss auslösen, indem er bloß die Glocke läutete.

Derartige Konditionierungen sind auch in Werbung eingebettet.

Wir sind es etwa gewohnt, dass wir rote und gelbe Farbe mit Reife und Süße verknüpfen. D.H. Das Signal Rot ist mit dem Adjektiv reif verknüpft und das Wasser läuft uns im Mund zusammen. Supermärkte bestrahlen deshalb Obst etwa mit Rotlichtlampen, Züchter züchten Essbares auf Farbe, und Form, nicht auf Geschmack, wie uns die holländischen Wasserbomber (Tomaten) und spanischen Erdbeeren beweisen.

 

Auch Reize, die unsere erotischen und sexuellen Vorlieben konditionieren, werden eingesetzt. Es gibt kaum Modefotos, auf denen Frauen nicht mit geöffnetem Mund und Posen, die erotische Aufforderungen bedeuten, gezeigt werden.

 

Lust, Freude, Spaß, ja sogar Wiedererkennen lösen Dopaminkaskaden aus. Darauf kann man süchtig werden. Überschüttet man die entsprechenden Sinne mit Reizen, werden diese abgestumpft. Die Dosis muss erhöht werden. Das kann soweit gehen, dass statt Lust Frust entsteht, weil das System Reiz-Belohnung nicht mehr funktioniert.

 

Einer der stärksten Geschmacksreize ist süß, weil Zucker schnell kurzfristig Energie verspricht, aber in großen Mengen dem Organismus schadet. Steigt der Pegel des Sättigungshormons im Körper, nimmt die Empfindlichkeit von Süß auf der Zunge ab.

Was das für Konsequenzen hat, dem Körper Sättigung vorzugaukeln (etwa durch entsprechende Diätprodukte), kann man sich vorstellen: Solcherart „betrogene“ Personen, schmecken Süß nicht mehr so intensiv, brauchen also mehr Süßes und die Wirkung der Diätprodukte wird zunichte gemacht.

 

Wer mit Süßstoff vermehrt süßt, treibt den Teufel mit dem Beelzebub aus: laut einer israelischen Studie vermehren sich die Darmbakterien, die Übergewicht begünstigen.

Flimmern, schnelle Schnitte in Fernsehfilmen können einen epileptischen Anfall auslösen. Auch bei Menschen, die nicht an Epilepsie erkrankt sind. Es handelt sich dabei um die sogenannte idiopathische Form der Epilepsie. (https://www.apotheken-umschau.de/Gehirn/Epilepsie-Ursachen-119203_3.html)

 

Das Gehirn ist durch die Sinneseindrücke überfordert und die Neuronen feuern daher (ähnlich wie bei einem Kurzschluss). Meistens bleibt es dabei bei Absencen (Geistesabwesenheit). Visuelle Reizüberflutung kann das Gehirn überfordern, wobei es auch nur einmalig auf die Überforderung reagieren kann, ohne erkrankt zu sein.  

Wer über Sinne sann...

Aristoteles

 

beschäftigte sich in seinem einflussreichen Werk "De Anima" ausführlich mit der Sinnesphysiologie und erwähnte fünf Sinnesmodalitäten: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen.

Pythagoras (um 570–500)

fasste das Hören „als einen nach außen wirkenden Vorgang […], bei dem von der Seele ein warmer, feiner Luftstrom ausströmt. Den Sehvorgang erklärte er sich so, dass aus den Augen eine Art unsichtbares Feuer hervorgehe, das die wahrzunehmenden Objekte berühre und ihre Formen und Farben erfasse.

 

Im Hinduismus

ist eine der wesentlichen Fragen, woraus sich das Ich konstituiert. Die Upanishaden, ein Teil des gesammelten Wissens (der Veden) aus dem 8. Jhdt. vor Christus schreiben auf die Frage was das Selbst sei, das allen innewohnt: „Es ist dein Selbst, das allem innewohnt“ Nicht kannst du den Seher des Sehens sehen, nicht den Hörer des Hörens hören….Der welcher im Ohr wohnend vom Ohr verschieden ist, den das Ohr nicht kennt, der das Ohr von innen lenkt...wer im Gefühl, in der Haut wohnend vom Gefühl verschieden ist, den das Gefühl nicht kennt, dessen Leib das Gefühl ist, der das Gefühl von innen lenkt, das ist dein Atman, der heimliche Lenker“- Atman aber ist das Selbst, das Bewusstsein, der Seinskomplex, der Wahrnehmung beeinflusst.

 

Schon gut 3000 Jahre vor der modernen Sinnesneurologie wussten die Inder, wie die Sinne (und nicht nur diese, ihren Anteil an unserem Bewusstsein haben.

Die Quellen ayurvedischen Heilwissens aus Indien sind die Samithas. Der Arzt Cakara fasste das Wissen zwischen achtem und erstem Jahrhundert vor Christus zusammen:

Die Sinne stehen laut dieser alten Schriften mit den 5 Elementen in Verbindung:

  • Raum: Gehörsinn
  • Luft: Tastsinn
  • Feuer: Sehen, Augen
  • Wasser: Schmecken
  • Erde: Geruchssinn.

Zwischen den Polen Erde und Äther liegt der gesamte Bereich der Sinneserfahrungen.

Für einen ayurvedischen Lebens-Stil heißt das vor allem, sein ganzes Leben an der Verfeinerung der Sinne zu "arbeiten". "Die Welt ist so, wie wir sie sehen - daher hängt unser Erleben der Welt davon ab, wie wir sie wahrnehmen".

Die Sinne gelten im Ayurveda als der Königsweg zu einer ausgewogenen Balance von Körper und Geist.

 

Die Sinne im Sufismus

Den Stellenwert der Sinne im von Weltreligionen geprägten kulturellen Kontext zu reflektieren, wäre eine interessante Aufgabe.

Die Kirchenväter des Katholizismus stellten den noblen Gesichtssinn über die anderen: Er ermöglicht Wahrnehmung in die Ferne und entbindet den aufrechten Menschen von schnüffelnder Bodennähe. Diese Auffassung wirkte durch die Jahrhunderte fort. Den Gegenpol bilden dann Geruch, Geschmack und Tasten, die dem Tierischen näher sind und niedrigere Aufgaben erfüllen. (Wolfram Aichinger: Sinne und Sinneserfahrung in der Geschichte) http://vgs.univie.ac.at/_TCgi_Images/vgs/20050615160949_QS13Aichinger.pdf

 

Im Islam, wo dem Sehen insofern Aufmerksamkeit gewidmet wird, als ja diese Religion ikonoklastisch ausgerichtet ist, also Bilder besonders im religiösen Zusammenhang ablehnt, hat das Hören besondere Aufmerksamkeit, denkt man an den Ruf des Muezzins, der mittlerweile sogar als Handysignalton vernehmbar ist.

 

Idries Shah, der viele Bücher über den Sufismus, die mystische Richtung des Islam geschrieben hat (welcher von Fundamentalisten jahrhundertelang immer wieder bekämpft wurde), schreibt in einer der Sufigeschichten von den „inneren Sinnen“ (Das Zauberkloster. Alte und neue Sufigeschichten).

Von Al Ghazali, einem Mystiker des 12. Jahrhunderts weiß er zu berichten, (Idries Shah: Lebe das wirkliche Glück) dass dieser achthundert Jahre vor Pawlow auf das Problem der Konditionierung aufmerksam machte. Er war zudem ein scharfer Analytiker der Sinneswahrnehmungen „Im Mund des Kranken schmeckt süßes Wasser bitter.“

 

Ibn El Arabi, der im dreizehnten Jahrhundert starb bemerkte sinngemäß, dass die Erkenntnis der Wirklichkeit jenseits der Sinne und des Denkens liege.

 

In der Seldschuken und Osmanenzeit richtete man Spitäler ein, in denen. medizinisch-naturwissenschaftliche Behandlungsmethoden neben künstlerischen, affektiv wirkenden Sinngenüssen gleichwertig standen (Gerhard K. Tucek: Altorientalische Musik und Tanztherapie). Dazu gehörte das Lauschen harmonischer Klänge, Verweilen in architektonisch und farblich harmonisch gestalteter Umgebung, Wohlgerüche und besondere Bewegungsabläufe.

 

 

Ohne auf die „philosophischen“ Zusammenhänge einzugehen, ist hier die Berücksichtigung der Sinne und der Anteil der Sinneswahrnehmung auf die Salutogenese (der Gesundheitsentstehung) bemerkenswert.

Der tibetische Buddhismus

 

erklärt die Sinne als eine Funktion des Bewusstseins. Die Lehre von den Skandhas ordnet die Sinne in das budhistische Konzept des Ich-bewusstseins ein.

 

Fünf Skandhas sind 5 Funktionen des Bewusstseins. (Francesca Freemantle, Chöngyam Trungpa: Das Totenbuch der Tibeter, Düsseldorf 1981)

  • Die erste Funktion ist der Kontakt der Sinne mit den Objekten, wodurch auch von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft das Zeitbewusstsein entsteht. Diese Skandha heißt Rupa.

 

  • Die nächste Funktion ist die Empfindung, Vedana, welche die Sinneseindrücke auslösen. Diese von verschiedenen Wahrnehmungskanälen empfangenen Sinneseindrücke werden in der Synthese zur Empfindung, zu Gefühlen, etwa angenehm unangenehm oder neutral. Bei gelungener Synthese ist die Wirklichkeit optimal (ohne Verzerrungen) wiedergespiegelt.

 

  • Die Wahrnehmung, Samya, kreiert und produziert die Welt. Wahrnehmungen sind Töne, Bilder, Gerüche, etc...Nach der buddhistischen Lehre von den Skandhas sollte diese Wahrnehmung frei von begleitenden Gedanken und Konzepten sein (welche sich vor allem in der Versprachlichung wahrgenommener Phänomene finden).

 

  • Die vierte ist der Wille (Samskara) bzw. umfasst Geistesregung, Begierden und Sehnsüchte.

 

  • Die fünfte Bewusstseinsfunktion ist dazu da, alles zu koordinieren und zu verknüpfen und hier werden zusätzlich alle klassischen Sinne erwähnt: Sehen, Hören, Schmecken, Riechen, Tasten und das Denkbewusstsein. Dieses 5. Bewusstsein repräsentiert die Verbindung zwischen Körper und Intelligenz und steht für das Ich-Bewusstsein.

In der Neurowissenschaft impliziert Sinneswahrnehmung keinerlei Formen des Bewusstseins. Allerdings decken sich die Kategorien der buddhistischen Lehre mit strukturellen Aspekten der Kognitionswissenschaft.

Diese Lehre ist ein Grundpfeiler des Buddhismus und hat seine Quellen im Tripitaka, in nach dem Tod Buddhas aufgezeichnete Lehrreden (etwa 500 vor Christus). 

China und TCM

In der traditionellen chinesischen Medizin sind die Sinnesorgane ebenfalls mit 5 Elementen assoziert. Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser.

 

Die Elemente sind verschiedenen Geschmacksrichtungen zugeordnet (Wasser= salzig, Erde=süß, usw.)

 

Außerdem stehen die Sinnesorgane mit den sogenannten Yin-Organen in Verbindung. (Das sind Organe des Oberbauchs, die innen nicht hohl sind und aus speziellem Gewebe „Parenchym“ bestehen). Dazu zählen: Leber, Herz, Milz, Lungen und Nieren. Das Gewebe hat die Aufgabe, zu „verarbeiten“ (die in Entsprechung zu den Yinorganen stehenden Hohlorgane oder Yangorgane sind Speicherorgane).

  • Die Leber ist mit dem Auge verbunden,
  • das Herz mit der Zunge,
  • die Milz mit dem Mund,
  • die Lunge mit der Nase und
  • die Nieren mit den Ohren.


Bei Ohrenleiden wird etwa die Niere mitbehandelt.

 


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