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Ziemlich utopisch!


Was ist eine Utopie?

Beispiele von Iambulos bis zum tausendjährigen Reich

  • Politeia
  • Utopia
  • Nova Atlantis
  • Macchiavelli
  • Charles Fourier

 

  • Taxile Delord
  • Jules Verne

Die Baumeister:

Filarete und Nicholas Ledoux

Die Chinesen:

Konfuzius Menzius und Xun Zi

 

Shangri La und Shambala

Aurobindo



Eines Jahres im April entstand Utopisches, denn das ist der Monat, in dem langfristige Wettervorhersagen meist utopisch sind. Es wäre spannend, herauszufinden, ob bestimmte äußere Umstände, wie besonders restriktive politische Verhältnisse, Utopien triggern. Vielleicht ist es ja einfach lohnend, sich mit Utopien zu befassen und eine Bilanz der Menschheitsträume zu ziehen.

Utopien sind nicht zwangsläufig utopisch, denn „utopisch“ meint in einer Gebrauchsweise etwas Nicht-Erreichbares. Rückblickend stellen sich oft langfristige Wetterprognosen als utopisch heraus, und manchen Hoffnungen und Träumen wird das Adjektiv „utopisch“ zum Verhängnis. 

Was ist eine Utopie?

UTOPISCHE ERKENNTNISSE UND BEISPIELE : von Iambulos bis zum tausendjährigen Reich

 

Utopie setzt sich  aus U- und topos zusammen. Es ist das Nirgendland bzw. der Nirgendort (nicht mit Neverland zu verwechseln).

 

Utopien entwerfen Visionen von Gesellschaftsformen und Staaten, die, obwohl nicht existent, meist flächenmäßig begrenzt und gerne überreguliert sind. Nichts ist dem Zufall überlassen und meist sind wirkliche, als unvollkommen erlebte Staatssysteme der Rohstoff für Utopien.

Sie zeigen die Reformbedürftigkeit realer Zustände auf. Als erster utopischer Staatsroman des Altertums wird im allgemeinen der »Sonnenstaat« des Iambulos angenommen vorausgesetzt, man findet nichts Anderes, denn wer weiß schon, was alles in der Bibliothek von Alexandria verbrannte. Auf Platon beriefen sich Viele, Thomas Morus (1478-1535) bediente sich der Satire um seine Utopa darzulegen, Bacon spann fast 100 Jahre später Nova Atlantis.

Als Trojanisches Pferd kann und konnte die Utopie nämlich der Öffentlichkeit unter Umgehung von Zensur politische und philosophische Ideen vorstellen.

 

Niccolo Macchiavelli (1469-1527) war kein Utopist, sondern Realist. Er entwarf nicht sondern analysierte mit derart scharfem Verstand, dass er teilweise zu Unrecht als Synonym für politisches Handeln ohne Moral verwendet wurde, was wohl daran lag, dass man seine Beschreibungen als Macht-Rezepte verstand, anstatt sie als Indikator für machtpolitisches Handeln nützlich zu machen.

Wenn hier von Ideen die Rede ist, soll die architektonische Ausgestaltung derselben nicht fehlen. Es ist nicht nur spannend, wie sich eine Utopie liest, sondern auch, wie sie aussieht.

Der Renaissancekünstler Filarete entwarf im 15. Jahrhundert Sforzinda und schrieb von der Idealstadt Plusiapolis, ein Bild für die gute Regierung eines autokratischen Herrschers.

 

Der französische Revolutionsarchitekt Nicholas Ledoux war im 18. Jahrhundert visionär, seine sprechende Architektur drückte geradezu expressiv seine Ideen aus.

Der Schriftsteller und Journalist Taxile Delord (1815–1877) hatte als langjähriger Chefredakteur von „Le Charivari“ mit dem Illustrator Grandville alias Jean Ignace Isidore Gérard zusammengearbeite. Delord schrieb „Eine andere Welt“, was unter anderem als sarkastische Utopie, als Warnung vor einer von Maschinen und Kapital beherrschten Zukunft betrachtet wurde. Oskar Ludwig Bernhard Wolff (1799–1851), Schriftsteller und vorübergehend Privatsekretär Goethes, übersetzte den Roman.

 

Charles Fourier (1772 - 1837) war ein französischer Gesellschaftstheoretiker. Mit seinen Beschreibungen inspirierte er Friedrich Engels. Seiner Überzeugung nach entsteht gesellschaftliche Harmonie nicht durch Unterdrückung von Trieben, sondern durch das Ausleben der verschiedenen, in jedem Individuum anders konzentrierten Talente und Geisteskräfte.

 

Er steht in jener Reihe von Utopisten, deren Werke von der industriellen Revolution angestoßen wurden. Davon wurde auch Jules Verne gepackt, der immer wieder Menschen zeichnete, die ihren eigenen Weg gingen und eigene Gesetze und sogar Sozialverbände schufen, und dafür neue Erfindungen und Zukunftstechnologien einsetzten. Bei ihm finden sich durchaus Sozialutopien.

 

Asien ist mit chinesischen Utopisten in einem Rückblick vertreten, Sri Aurobindos Zukunftstadt Auroville wurde tatsächlich gebaut und ist auch besiedelt, salopp gesagt ein Ashram mit gesellschaftsrelevanten Intentionen.

 

Eine „religiöse Utopie" ist eine Beschreibung einer Gemeinschaft, der ganz wesentliche widrige Züge abgehen. Es wird für diese eine Situation beschrieben, in der „grundlegende Defekte der Gesellschaft nicht vorhanden sind. (nach Hans G. Kippenberg anlässlich einer Sendung im Deutschlandfunk: http://www.deutschlandfunkkultur.de/religion-und-utopie-das-verheissene-heil-geht-in-erfuellung.1278.de.html?dram:article_id=374210

 

Religiöse Utopien waren Inspiration und Antriebskraft für weltliche Utopien, weil Religion und Gesellschaftsordnung in der Entwicklungsgeschichte von Zivilisationen miteinander eng verknüpft waren und noch sind. Das birgt und barg auch potenziell Destruktivität, wenn man an der Gottesstaat des IS denkt und sich fragt, ob derlei Utopien nicht ein besonderes Lockmittel sind, um Menschen zu bewegen, sich dem Machtstreben von Interessensgruppen unterzuordnen.

 

 

Die Suggestionskraft von gut erzählten Visionen aus göttlicher Inspirationsquelle ist nicht zu unterschätzen.

Etwa jene der Vision des tausendjährigen Reiches, einer neuen Welt nach der irdischen Apokalypse, die im Dritten Reich (ebenfalls ursprünglich eine theologische Vision von der Herrschaft des heiligen Geistes über die Welt) auf eine staatliche übertragen wurde, ohne je ausgearbeitet worden zu sein.

Der Anspruch der Errichtung eines tausendjährigen Reiches ist, einen politisch-gesellschaftlichen Bruch in der Geschichte und einen paradiesischen Zustand herbeizuführen, was als Ziel ziemlich utopisch, also unerreichbar ist.

 

Damit ist der Rahmen für diesen Essay über Utopien grob abgesteckt, in dem hoffentlich viele spannende Erkenntnisse enthalten sind.

 

Die Gegenwart ist mit filmischen Endzeitvisionen und Dystopien gespickt, wo aber bleibt die erstrebenswerte Utopie? Gibt es denn Utopien, die erstrebenswert sind?

Vielleicht werden utopische Gesellschaftsentwürfe ja salonfähig, wenn Gesellschaften sich nach einer Phase der Überregulierung nach alternativen Visionen sehnen?

Welche Ideen stehen jenseits ihrer Zeit und Entstehungsgeschichte, welche können in Wirklichkeit nicht aus dem System ausbrechen, das sie überwinden wollen?

Politeia: ein Staatsentwurf Platons

Bei Platons Politeia ist umstritten, ob es sich um ein rein utopisches Modell oder zumindest ansatzweise um ein politisches Programm handelt, meint Wikipedia. Jedenfalls fällt die Handlung in die Zeit zwischen 431 bis 404 v. Chr.

Der Philosoph Platon selbst war ein Zeitgenosse der Entwicklung und des Aufstiegs der Demokratie, die weder allen zugänglich war, noch die Gewaltenteilung kannte. Als höchster Regierungsbeamter (Archont) war nur wählbar, wer der höchsten Vermögensklasse zugehörte. Im Grunde also amerikanische Verhältnisse, möchte man sagen, aber damals nannte man das Timokratie. Nur wer Geld hatte, kam in die höchsten politischen Ämter.

Jeder Bürger war gesetzlich verpflichtet, bei einem Streit für eine Seite Partei zu ergreifen.

In Athen galt ein an politischen Fragen nicht teilnehmender Bürger als schlechter Bürger.

Das war also das Umfeld, in dem der aus athenischem Adelsgeschlecht stammende Platon aufwuchs. Mitte Zwanzig machte er unliebsame Erfahrungen mit Politik und der Tod Sokrates traf ihn tief, zumal dieser aus politischen Motiven zu Tode verurteilt und hingerichtet worden war. (D.H. er musste sich selbst durch einen Gifttrank in den Hades befördern).

 

Es ist nachzuvollziehen, dass sich Platon in Politeia mit Gerechtigkeit beschäftigt, aber auch mit der Seele des Menschen, denn Gerechtigkeit sei ihre Fähigkeit, das Leben ihre Aufgabe, und der Staat Abbild der Seele.

 

Ist es gerecht, die Ungerechten zu schädigen und den Gerechten zu nützen, lässt er Sokrates fragen. Ob man ein gerechtes Leben geführt habe, sei eine Frage, die sich die Meisten erst im Alter angesichts des Todes stellten. Der Disput darüber führt unter Anderem zur Aussage, dass überall das Recht der Vorteil des Mächtigeren sei, gleich welche Staatsform oder Regierungsverhältnisse herrschten. Gerecht zu sein bedeute stets, den Vorteil des Mächtigeren auszuführen (VGL Politeia 342 c). Schließlich gipfeln die Erörterungen zur Gerechtigkeit darin, dass diese Sache des einzelnen Menschen, wie eines ganzen Staates sei, und die eigentliche Staatsutopie kommt ins Rollen.

 

Die Gerechtigkeit sei der Ungerechtigkeit vorzuziehen, denn in einem gerechten Staat wird ein Mensch die Staatsverfassung nicht durch ein Zuviel und Zuwenig an Besitz in Unordnung bringen . Gerechtigkeit als Grundlage der Staatsgründung bedeute, dass jeder die Aufgabe durchführt, für die er geeignet ist. Gerechtigkeit sei zudem Wahrheit und Zurückerstattung des Empfangenen. Ein eigenartiges Paradox ist aber, dass sie bei Gebrauch unbrauchbar, bei Nichtgebrauch brauchbar sei.

Zu viele Gesetze zu erlassen, käme zum Beispiel, dem Köpfen einer Hydra (eines Ungeheuers, dem pro verlorenem Haupt zwei nachwachsen) gleich. (Da drängt sich unwillkürlich die Vermutung auf, dass heutzutage Platon tendenziell ignoriert wird).

In der Demokratie wirkten die Kecksten in Rede und Tat. Der Rest säße um die Rednertribühne und lasse infolge seines Gebrumms keine andere Meinung aufkommen. Das Prinzip der Demokratie sei die Freiheit des Wortes und die Freiheit der Tat, aber ein Übermaß der Freiheit führe zur Gewaltherrschaft.

 

Tyrannen, (Diktatoren, Gewaltherrscher) werden vom Volk gewählt, weil sie die Reichen im Staat beseitigen sollten. Die gewählten Gewaltherrscher treten zunächst als Gönner auf, beschwichtigten Gegner und zettelten dann Kriege an.

Den idealen Staat, gebe es auf der Erde nicht., sagt Plato fast am Ende seines Buches. Aber, möchte man hinzufügen, er hat in seiner Utopie in unzähligen Argumenten auf den Punkt gebracht, was zu vermeiden, und was erstrebenswert ist.

Thomas Morus´ utopia

Utopia erschien 1516.

Morus Roman beschreibt eine auf rationalen Gleichheitsgrundsätzen, Arbeitsamkeit und dem Streben nach Bildung basierende Gesellschaft mit demokratischen Grundzügen. Diese lebt auf einer künstlich vom Festland isolierten Insel, denn Morus deutet an, dass erst in der Isolation Kultur und Gesinnung einen Aufschwung nähmen. Aller Besitz ist gemeinschaftlich, Anwälte sind unbekannt, und unabwendbare Kriege werden bevorzugt mit ausländischen Söldnern geführt (was ja auch schon die Römer praktizierten). Quasi natürlich argumentierte er auch mit Platonzitaten, den dessen Politeia war sein großes Vorbild.

 

Das Buch war so prägend, dass man ab da jeden Roman, in dem eine erfundene, positive Gesellschaft dargestellt wird, als utopischen Roman bezeichnete. Morus begründete eine literarische Tradition der Ausarbeitung fiktiver Staatsmodelle, wofür er als Staatsmann, Rechtsgelehrter und Diplomat prädestiniert war. Sein Roman entstand auch als Kritik an den herrschenden Verhältnissen, womit er sich vor der eigentlichen Erzählung befasste, etwa mit der in damals in England üblichen Todesstrafe für Diebstahl. Er war Realist: „...unmöglich können alle Verhältnisse gut sein, solange nicht alle Menschen gut sind.“, aber das hinderte ihn nicht daran, Zeit einen kühnen Entwurf zu präsentieren.

 

Rationale Gesetzgebung und statische, prinzipiengeleitete Organisation der Lebensgemeinschaft wurden zu Garanten des Glücks erhoben. 

In seiner Vorrede schreibt er: „Wenn ich mich nämlich auch vor jeder falschen Angabe in dem Buche streng hüten will, so ziehe ich doch in Zweifelsfällen die Unwahrheit der Lüge vor, weil ich Tugend höher schätze als Klugheit.“ Das heißt, er deklarierte Utopia als Erfindung, weil er damit den Zweck verfolgte zu zeigen, wie man durch Tugend Glückseligkeit erlangen kann. Die erste und wichtigste aller Streitfragen der Moralphilosophie der Utopier war logischerweise die, worin wohl die Glückseligkeit des Menschen bestehe, die, ohne Verbindung der Religion mit Grundsätzen der Philosophie, nicht erforschbar sei.

Von Natur bereitet alles in der Ansicht der Utopier das Wohlbehagen, was man nicht auf dem Wege des Unrechts begehrt oder wodurch nichts anderes Angenehmeres verloren geht oder was keine Mühe und Arbeit im Gefolge hat; und danach verlangt nicht bloß das sinnliche Begehren, sondern auch die gesunde Vernunft.

 

Eine Insel der Glückseligkeit war aber Utopia keineswegs, denn es gab Sklaven, Mitbürger, die wegen eines Verbrechens zu Sklaven gemacht, oder, was weit häufiger der Fall ist, die in Städten des Auslands wegen irgendeiner Missetat zum Tode verurteilt worden waren. Wer reisen wollte, durfte das nicht ohne Genehmigung. Wer ohne eine solche unterwegs war, wurde ausgepeitscht. Der Staat regulierte selbst den individuellen Tagesablauf.

 

Kern von Morus Utopia und innovatives, Gedankengut war aber der Entwurf eines Staates, „...der mit vollem Recht die Bezeichnung »Gemeinwesen« für sich beanspruchen darf. Wenn man nämlich anderswo von Gemeinwohl spricht, hat man überall nur sein persönliches Wohl im Auge; hier, in Utopien, dagegen, wo es kein Privateigentum gibt, kümmert man sich ernstlich nur um das Interesse der Allgemeinheit“.

 

Es lässt sich nachvollziehen, dass er die kommunistische Idee von Karl Marx, die Idee der Vergesellschaftung der Produktionsmittel vorwegnahm. Der Marxist und Sozialdemokrat Karl Kautsky reklamierte gar Thomas Morus als "Vater des utopischen Sozialismus“ „Wir haben es hier nur mit dem Kommunisten More zu tun“, schrieb Kautsky 1888 etwa in „Thomas More und seine Utopie.“

Das eigentliche Fundament von Utopias  Verfassung, war „...gemeinschaftliches Leben und ... gemeinschaftliche Beschaffung des Lebensunterhalts, und zwar unter Ausschaltung jedes Geldverkehrs.“, was dem realen Sozialismus bekanntlich nicht gelang.

Als von der katholischen Kirche heilig gesprochener Märtyrer wurde der „Kommunist“ Thomas Morus übrigens Patron der Regierenden und Politiker. Ein  Paradoxon, das wohl durch seine Vereinnahmung durch verschiedene Interessensgruppen entstand.

Nova Atlantis von  Francis Bacon

Bacons Nova Atlantis zeigt Kreativität und Innovation in aus heutiger Sicht erstaunlichen Aspekten.

Francis Bacon (1561-1626) war ein englischer Philosoph und Staatsmann und entwarf in seinen Schriften eine Vision der modernen Wissenschaft. Er gilt als Begründer des Empirismus, der Wissenserlangung durch Erfahrung. Er inspirierten viele Menschen nach ihm, etwa den Naturforscher Isaac Newton oder den Aufklärer Voltaire.

 

Das Buch Neu-Atlantis führte ziemlich direkt zur Gründung der Royal Society, einer der ersten naturwissenschaftlichen Akademien.

Als Roman ist „Nova Atlantis“ ein Fragment geblieben. Der Titel erinnert an Platons Erwähnung einer untergegangenen Insel Atlantis in seinen Schriften „Timaios“ und „Kritias“. Letzteres ist das erstmalige literarische Konzept einer Staatsutopie, die für ihre fiktiven Gegenstände eine reale Existenz beansprucht.

 

Die Atlanter sind ein Volk, das unter göttlicher Obhut auf ihrem Stück Erde entstanden ist. Dabei besteht für Platon ein enger Zusammenhang zwischen den Eigenschaften des Landes und denen seiner Bewohner. Die Atlanter öffneten sich allerdings schlechten Einflüssen, was den Niedergang dieser Zivilisation einleitete. Lokalisiert war dieses Atlantis im Mittelmeer.

Bacons neues Atlantis lag in der Südsee und er berichtet, wie er dort, auf der Insel „Bensalem“ strandete. Er wurde gastfreundlich aufgenommen und lernte die Geschichte der Insel kennen: Durch ein mystisches Ereignis, das durch eine Lichtsäule angekündigt wurde, war eine Schrift eines gewissen heiligen Bartholomäus in einem schwimmenden Behältnis entdeckt worden, durch „die das Volk, das diese Schriften bekommt..am selben Tag göttliche Rettung, Friede und Wohlwollen“ erfuhr. Auch war ein legendärer König (Solamona) „darauf bedacht, sein Königreich und sein Volk glücklich zu machen, und kümmerte sich darum, dass dieses Land genügte, um sich selbst ohne Hilfe zu erhalten.“

 

Im Grunde lebte man als Bewohner in einem puritanischen Staat, konservativ, sittsam und ordentlich, patriarchalisch und monarchisch, wäre da nicht das Haus Salomos gewesen, eine Forschungsstation, wo Wissenschaftler allen möglichen Fragen nachgingen und alle möglichen neuen Dinge erfanden. Das war für das 17. Jahrhundert revolutionär. Genaugenommen erschien das Buch 1627, ein Jahr nach Bacons Tod, mitten im dreißigjährigen Krieg, sechs Jahre, bevor der Inquisitionsprozess gegen Gallileo Gallilei stattfand, der zum Widerruf seines heliozentrischen Weltbildes gezwungen wurde.

Außer dem Haus Salomos gab es Gesundheitslabors, Versuchsgärten, Zoologische Gärten, Wetterforschungsanstalten, mathematische Institute, mechanische Werkstätten:

 

Das finale Ziel unserer Gründung ist die Kenntnis der Ursachen und geheimen Bewegungen der Dinge und die Erweiterung der Grenzen des menschlichen Reiches, um alles mögliche zu bewirken...“ Es gab große und geräumige Häuser, „...in denen wir Meteore nachahmen...“, Pflanzen wurden unabhängig von Jahreszeit und Bedingungen gezüchtet, „Alle Gifte und andere Arzneien“ wurden an Versuchstieren erprobt, Mittel beschaffen, um Objekte fern zu sehen, in Klanghäusern wurden alle Klänge und ihre Entstehung demonstriert, Geräusche in seltsamen Linien und Entfernungen in Stämmen und Rohren transportiert.

Unbeschränkte Forschung bedeutet Reichtum, einen, der systematisch organisiert wird, denn es gibt Händler des Lichts, die aus anderen Ländern Bücher Thesen und Versuchsmuster aquirieren, Depredatoren, die Experimente sammeln, Personen, die auch Nicht-Anerkanntes horten (Mysterienmänner) und Innovatoren, die Neues versuchen und viele mehr.

Der Engländer war Urheber des Ausspruches: „Wissen selbst ist Macht“, bzw. er meinte, Wissen und Macht fielen zusammen. Den Technologiewahn und die kommerzialisierte Forschungshybris des dritten Jahrtausends konnte er nicht vorausahnen.

Bacon und Morus waren im Berufsleben Realisten, und als Schriftsteller Idealisten. Dem gegenüber steht einer, der emotionslos analysierte. Der nicht entwarf, sondern aus Beobachtung der politischen Wirklichkeit destillierte, und sich weniger dem Gemeinwohl als der Regierungsmacht widmete:

Macchiavelli

Niccolo Macchiavellis Machterhaltungsrezepte scheinen geeignet, jede wohlmeinende Utopie zu versalzen. Aber darum geht es nicht, denn eine Funktion der Utopie ist, Rohmaterial für seriöse Erörterungen über Formen und Funktionen vergangener und zuküntiger Gesellschaftsformen zu bieten.

 

Macchiavelli bietet Parameter für die Evaluierung von Regierungsstrategien – und Taktiken. Er verhilft, zwischen propagierten und tatsächlichen politischen Zielen zu unterscheiden. Er macht einen Unterschied, ob in Fürstentümern oder Republiken gewaltet wird. Er will nicht erörtern, sondern mit seinen Betrachtungen einen Anstoß liefern. Seinen Analysen folgt die Aufforderung an Lorenzo Pieri di Medici, Italien zu befreien, ja zu einen. Hätte er zu anderen Zeiten, als jenen, in denen er lebte, ebenso geschrieben?

 

Er war 1494 dreiundzwanzig Jahre alt, als er, der aus einer verarmten Beamtenfamilie stammende Florentiner, sich wie seine Zeitgenossen der Fremdherrschaft des französischen Königs unterwerfen musste. Danach erlebte er den radikalen Mönch Savonarola, der Abscheu vor der unermesslichen „Schwäche der Menschen, die Verge­wal­ti­gun­gen, die Ehebrüche, die Räubereien, der Hochmut, der Götzen­dienst und die Got­teslästerung und die Gewalt einer Gesellschaft, die jede Fähigkeit zum Guten verloren hat.“ hegte. Er untersagte Kaufleuten, Wucherzinsen zu erheben und 1497 ließ er Scharen von Kindern durch Flo­renz ziehen, die im Namen Christi alles beschlag­nahm­ten, was als Symbol für die Verkom­men­heit der Menschen gedeutet werden konnte: heidnische Schrif­ten, porno­gra­phi­sche Bilder, „Luxusgegenstände" wie Ge­mäl­de, Schmuck, Kosmetika, Spiegel, weltliche Musikinstrumente und -noten, Spielkarten, aufwendige Möbel oder teure Kleidungs­stü­cke. 

 

Nach der Verurteilung und Verbrennung Savonarolas wurde Macchiavelli eine Art diplomatischer Sekretär unter der republikanische Herrschaft des Rates der Zehn und richtete eine Bürgermiliz ein. Nach dem Ende der Republik geriet er in politische Gefangenschaft und wurde sogar gefoltert, aber schließlich als unschuldig freigelassen.

Mit solchen Lebenserfahrungen schrieb er sein „Il Principe“.

Unter anderem analysierte die Rolle der Freigiebigkeit in der Politik, versus der Unterstützung des Gemeinwohls, was ja in Utopien grundsätzlich gefordert wird.

Es sei gut, für freigiebig gehalten zu werden, aber wer freigiebig sei und nicht dafür gehalten werde, hätte großen Schaden. (Damit nahm er die Notwendigkeit der Imagepflege vorweg).

 

Ein Staatenlenker solle denen gegenüber freigiebig sein, „denen er nichts abnehme“ und geizig nur zu jenen, „ denen er nichts gibt“. Es drängt sich unwillkürlich die Frage auf, wem genau nichts abgenommen und wem genau nichts geschenkt wird…

 

Ein kluger Fürst dürfe sein Wort nicht halten, wenn es ihm schaden würde oder die Gründe entfallen sind, aus denen er es gegeben hat. Denn, „die Menschen sind so einfältig und gehorchen so sehr der Eingebung des Augenblicks, dass der Betrüger immer jemanden finden wird, der sich betrügen lässt.“ Macchiavelli lässt aber auch keinen Zweifel darüber, dass ein „Fürst“ gütig, treu, religiös, menschlich und ehrlich scheinen soll“ und sein müsse. Er sollte aber die Kraft und Klugheit haben, wenn es nötig ist, auch das Gegenteil zu sein.

Er muss vermeiden, verachtet und gehasst zu werden, etwa, indem er schwierige Angelegenheiten durch andere erledigen lässt und „Gnade“ und Wohltaten selbst in die Hand nimmt.

Auch die Rolle der Religion analysierte er zutreffend. Wolle man größere Dinge erreichen, müsse man eine „fromme Grausamkeit“ ausüben und Religion als Vorwand benützen.

Er tritt aber gegen Gottes- und Schicksalsergebenheit ein, denn er glaubt: „...dass wir einen freien Willen haben.“ Damit meint er jeden Einzelnen, Herrscher, wie Untertanen.

Wer sich ausschließlich auf das Glück stützt, fällt, wenn dieses wechselt. Derjenige werde glücklich sein, der sich der Lage der Zeit anpasse. Wenn das Schicksal sich wendet und Menschen auf ihrer Wesensart beharren, werden sie glücklich, wenn diese zu den Gegebenheiten der Zeit passt und unglücklich, wenn dies nicht der Fall ist. Es wäre interessant zu wissen, was Macchiavelli genau mit Wesensart meint: Meint er den Charakter, die Anlagen, die Werte oder das Verhalten?

Sicherlich hielt er nichts von nichtexistenten idealen Orten, an denen ideale Gesellschaften gedeihen. Wenn man sich die Utopien genauer ansieht funktionieren sie nur, wenn die Ansprüche der Menschen stets gleich bleiben, und alle Gemeinschaftsmitglieder eingefleischte Reaktionäre sind.

Macchiavelli zeichnete den Menschen, der geeignet ist, jedwede Gesellschaftsordung (oder Unordnung) zu regieren und jenen Menschen, der unter jeglicher Regentschaft glücklich zu werden vermag. Er sieht das Individuum, das sich durchsetzen muss und dessen Tüchtigkeit ihm zu einem Sonnenplatz im Leben verhelfen kann.

Charles Fourier der Antiutopist?

(Bild aus: Das Magazin, März 1926)
(Bild aus: Das Magazin, März 1926)

Charles Fourier schrieb ebenfalls keinen utopischen Roman, doch zu der Zeit, als er Szenarien entwarf, erschienen seine Gedanken utopisch. 1772 geboren, erlebte er als junger Mann die französische Revolution. Er hatte einen starken Gerechtigkeitssinn und beschäftigte sich intensiv mit sozialen Themen und Strukturen der Gesellschaft. Kein Geringerer als Friedrich Engels gab (im Deutschen Bürgerbuch für 1846) einige seiner Schriften heraus, immerhin sah er Fourier als einen Vorläufer der sozialistischen Bewegung an. Übrigens waren Kautsky, der Morus Liebenswürdigkeit ungemein anziehend fand und Engels, der mit ihm die Affinität zu Gesellschaftstheorien und Utopien teilte, eng befreundet. 

 

Fourier entwarf also keine Utopie, sondern kritisierte:

 

„Was konnte es Unvollkommeneres geben, als diese Zivilisation mit allen ihren Übeln? ...Wenn vor ihr schon drei andere Gesellschaften bestanden, die Wildheit, das Patriarchat und die Barbarei, folgte daraus, daß sie die letzte sei, weil sie die vierte ist? Kann nicht noch eine fünfte, sechste, siebente soziale Ordnung entstehen, die weniger verhängnisvoll sind, als die Zivilisation, die aber noch unbekannt sind, weil Niemand sich die Mühe gab, sie zu entdecken? Man muss also die Notwendigkeit, Vortrefflichkeit und stetige Dauer der Zivilisation in Zweifel stellen. Das haben die Philosophen nicht gewagt, weil sonst die Nichtigkeit ihrer bisherigen Theorien, die alle die Zivilisation verherrlichen, an den Tag kommen würde.“

 

Damit erteilt er Zivilisations-Utopien eine Absage.

Und doch skizziert er eine Sozialordnung, die utopisch war und Elemente beinhaltete, die erst das neunzehnte, zwanzigste und 21. Jahrhundert mit sich brachten. Zentrum seines Gesellschaftsentwurfes war die Idee, dass das Individuum seiner Natur gemäß seine Neigungen und Triebe ausleben dürfen sollte.

 

Eine Befreiung der Arbeit sei ohne eine Befreiung der Sexualität nicht möglich. Er gilt zudem als Vater des Begriffs Feminismus und beschäftigt sich mit der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau: „Die Harmonie entsteht nicht, wenn wir die Dummheit begehen, die Frauen auf Küche und Kochtopf zu beschränken.“ Außerdem arbeitete er eine Forderung nach bedingungslosem Grundeinkommen aus. Seit 2017 wird es in Finnland erprobt, jedoch mit bereits erfolgten Adaptionen, wie der Verschärfung der Sozialgesetzgebung Ende des Jahres.

 

Platon setzte sich mit der Gerechtigkeit auseinander, Morus mit dem Gemeinwohl , Bacon hielt die wissenschaftliche Entwicklung und den Fortschritt hoch, Macchiavelli erörterte Mechanismen der Macht und der Selbstermächtigung, und Fourier strebte wohl nach Erkenntnissen und „Rezepten“ „das materielle und moralische Elend der bürgerlichen Welt“, zu beenden. Taxile Delord und der Illustrator Grandville sind die Sarkasten in dieser unvollständig bleibend müssenden Aufzählung der Utopisten.

Taxile Delord und Grandville

Taxile Delord 1815-1875, war ein Schriftsteller, Journalist und Politiker. In „Eine andere Welt“ eine geradezu surreale Erzählung, in der drei Hauptpersonen durch Raum und Zeit wandern und Fantastisches erleben, gibt es auch ein Kapitel über „die beste Regierungsform“, die mit einem kühnen Zitat beginnt:

Die Kunst zu regieren ist die schwierigste von allen Künsten. Aus Sancho Pansa's Testament.

Nach der Kunst zu lieben . . . . . . Casanova.

Und der Kunst sein Halstuch zu binden. Graf d'Orsay.

 

Beim Nachdenken über die beste Staatsform lässt Delord einen seiner Protagonisten zu dem Schluss kommen, dass keine was taugte, weder Rousseau's Naturzustand, noch das Patriarchentum; die Aristokratie, Demokratie, Oligarchie, Monarchie entsprächen nur unvollkommen den Bedürfnissen der Menschheit.

 

Ohne Verbrechen und Krankheit fehlt zum Glück der Menschheit...? Nichts, „außer, das Gleichgewicht der Leidenschaften zu finden...“ Das Leben werde nur ein langer Schmaus sein, von dem man am Ende befriedigt, aber keineswegs übersättigt aufstehe und all dies geschehe vermittelst der Anziehungskraft, (womit Delord möglicherweise Fourier nicht nur zitiert sondern auch persifliert).

Jules Verne: Utopische Romane

Er verknüpfte Utopien mit Science fiction und verband dies mit dem Erzählschema der Heldenreise, wobei seine Romanfiguren oft Querdenker, Freigeister oder gar Schöpfer von Enklaven fortschrittlicher Gesellschaften waren oder wurden. Er selber erlebte noch die ersten 5 Jahre des 20. Jahrhunderts und gilt als Begründer des Science Fiction Romans. 

Jules Verne lebte von 1828-1905 in Frankreich. Zwar studierte er Rechtswissenschaften, doch er begann schon als Student zu schreiben und war sehr bald erfolgreich.

Die „500 Millionen der Begum“ entstand 1880, hat utopische Elemente und erzählt über den positiven und negativen Gebrauch von Kapital und Wissen. Zwei Wissenschaftler erben ein ungeheures Vermögen. Der Eine baut eine Musterstadt, die an Umweltfreundlichkeit kaum zu überbieten ist. So zum Beispiel verlaufen die Rauchabzüge jedes Hauses unterirdisch zu einem Zentrum, in dem schädliche Stoffe gefiltert werden, bevor der gereinigte Rauch in die Atmosphäre entlassen wird. Der zweite Erbe lässt eine Industrie aus dem Boden stampfen, die nicht nur umweltbelastend ist, sondern auch der Produktion gigantischer Vernichtungsmaschinen dient. Der größenwahnsinnige Schöpfer konstruiert dazu ein Projektil, das, sobald es explodiert, eine ganze Stadt auf minus hundert Grad einzufrieren vermag. Verletzte und Invalide gibt es nicht, nur Tote.

Verne spann die Wissenschaftsutopie von Bacon gewissermaßen weiter wenn er schrieb, dass „Alles, was ein Mensch sich vorstellen kann, „ andere verwirklichen werden können.

Kurz vor dem Jahrhundert, in dem die Technologien sich explosiv entwickelten und Entdeckungen schlichtweg alles, was jemals ethisch im Bezug auf Erkenntnisgewinnung und ihre Umsetzung bewertet und begrenzt wurde, nicht nur in Frage stellte, sondern hinwegfegte, schrieb er wie eine Vorahnung: „Die Naturwissenschaft soll die moralische Entwicklung nicht einholen.“, ein utopischer Gedanke...leider oder auch hoffentlich.

Wer sich als Utopist betätigt, ist gewissermaßen auch ein Architekt. Morus plante seine Orte ohne Ort ebenso architektonisch wie Bacon. 

Es ist spannend, die utopische Vision des Renaissance-Architekten Filarete jener des Revolutionsarchitekten Nicolas Ledoux gegenüber zu stellen. Beide sind visionär und utopisch und folgen in ihren Entwürfen strengen symmetrischen Gesetzen.

Die Baumeister Filarete und Nicholas Ledoux

Sforzinda: Turm
Sforzinda: Turm

Die Wende (vom Mittelalter) zur Renaissance hatte fast utopische Züge, auch wenn sie weit davon entfernt war, ein Gedankenspiel wie Utopia zu bilden, schreibt Hubertus Günther 2014 in “Utopische Elemente in Filaretes Idealstadt Plusiapolis”

Filarete (eigentl. Antonio Averlino) trat in seinem Architekturtraktat (1460-64) als Berater eines Fürsten bei der Gestaltung des Staats auf. Das Werk wirkt zunächst ziemlich phantastisch, aber es sollte zu einer politischen Wende im Geist der Renaissance beitragen, die Francesco Sforza ab 1450 in Mailand programmatisch herbeiführte. Für ihn plante Filarete die Stadt Sforzinda und schrieb auch über Plusiapolis, was zwar als Beschreibung einer historischen Stadt angelegt, aber rein fiktiv war.

Während in Sforzinda der Fürst in einem befestigten Kastell außerhalb der Stadt wohnt und den in der Stadt liegenden zentralen Palast nur für Repräsentation nützt, hat der Herrscher von Plusiapolis kein Kastell, sondern wohnt wirklich inmitten der Stadt. Sein Palast ist nicht einmal nach außen hin abgeschlossen.

Die Architektur ist hier Symbol für die gute Regierung eines autokratischen Herrschers. Plusiapolis hat auch laut Filarete nicht so viele Gesetze wie „heutzutage“. Allerdings ist hier lebenslängliche Haft die normale Art von Strafe für Verbrechen aller Art, vom Diebstahl bis zum Mord. Die Todesstrafe wurde durch Zwangsarbeit ersetzt, was vor mehr als 500 Jahren nicht alleine von Filarete, sondern auch von anderen Humanisten angedacht worden war. Bis heute werden in vielen Ländern, auch sogenannten zivilisierten, Menschen mit dem Tod bestraft. (Bekanntlich sind nicht alle davon Verbrecher).

 

Die Schule war für die Idealstadt Plusiapolis eine der wichtigsten Planungsfragen. Dort sollte alles gelehrt werden, von der Grundausbildung für Kinder über Handwerk bis zu den höheren Wissenschaften, die sonst den Universitäten vorbehalten blieben. Tanzen, Fechten, Musizieren, Zeichnen etc. sollten ebenfalls allen vermittelt werden, obwohl dies damals ausschließlich höheren Schichten vorbehalten war.

 

Wer sich höheren Wissenschaften zuwandte, durfte bis zum dreißigsten Lebensjahr in der Schule bleiben. Filaretes Idee der Gesamtschule war und bleibt hiermit utopisch angesichts der Tatsache, dass umfassende Bildung, die nicht nur der Sozialisation für Beruf und Gesellschaft dient, nicht wertgeschätzt und finanziert wird.

Nicholas Ledoux und seine Sprechende Architektur

Das Haus der Flusswächter von Nicholas Ledoux (Salinen von Chaux)
Das Haus der Flusswächter von Nicholas Ledoux (Salinen von Chaux)

Dreihundert Jahre nach Filarete entwarf Nicholas Ledoux die Idealstadt Chaux und die Salinen von Arc-et-Senans (1775-79) und errang damit den Ruf eines Architekturutopisten.

Einzelne Gebäude wurden tatsächlich errichtet, wie jenes des Salinendirektors, und zählen heute zum Weltkulturerbe.

Der Stadtgrundriss der Salinenstadt war ein Halbkreis, und verwies zum Einen auf die perfekte Form des Kreises, die Harmonie der Idealstadt, aber auch auf die zentralistische Staatsform des Absolutismus. Straffe Organisation und Überblick lagen dem Grundriss zugrunde, und Ledoux entwickelte hier auch seine Ideen einer Architektur, welche die Gesellschaft bessern sollte. Er verbarg darin auch Symbol und Bedeutung, und ließ so die Architektur sprechen. Daher nennt man diese Art der Architektur „parlante“/ „sprechend“.

 

Damit reiht er sich mit anderen Utopisten und mit Filarete in das Credo eines Ordnungswillens ein, der sich nicht nur durch die Form ausdrückt, sondern eindeutig Gesellschaftsstrukturen sowie deren Organisation von der Ebene der Ideen bis zur materiellen Gestaltung vorgibt. Die Erkenntnis, die bei Filarete und Ledoux herauszulesen ist, ist jene, dass die durchdachte Gestaltung des Lebensraumes für das Wohlbefinden und die Entwicklung einer Zivilisation wichtig ist. Ausgeführte Enwürfe wie Palmanova oder Brasilia  (im zwanzigsten Jahrhundert von Lúcio Costa und   Oscar Niemeyer entworfen) zeigen allerdings eindeutig, dass das Leben die Gesellschaft gestaltet, und nicht die Architektur...

Dass sie der Repräsentation der Mächtigen und weniger dem Selbstausdruck der Bewohner dient, liegt auf der Hand.

 

Die Chinesen: Utopien aus dem Reich der Mitte

Bacon nannte China eine seltsame, unwissenden, ängstlichen und törichten Nation und doch existierten auch dort Utopien.

Konfuzius, im 6. Jahrhundert vor Christus geboren, geht von der praktischen Lebensführung aus; die Tugenden Menschlichkeit, Rechtschaffenheit, Schicklichkeit und Loyalität finden unter Anderem Ausdruck in seiner Staatslehre. Für Konfuzius ist die Festigkeit des Staates in der moralisch richtigen Grundeinstellung des Einzelnen und der Familie begründet. (http://homepage.univie.ac.at/franz.martin.wimmer/stud-arbeiten/vo0304arbhubauer.pdf)

 

Der Philosoph Menzius (371-289 v. Chr.) ist der Ansicht, dass der Zustand eines Staates durch die moralische Qualität seines Herrschers bestimmt wird. Die Menschen seien grundsätzlich gut.

Xun Zi (313-238 vor Chr.) betrachtet den Menschen als grundsätzlich schlecht und böse, und nur durch Erziehung und Kultur kann dieser Zustand verändert werden

 

Ähnlich dachte übrigens auch Thomas Hobbes, der eine Zeit lang als Sekretär für Francis  Bacon arbeitete, in seiner staatstheoretischen Schrift „Leviathan“ (1681) beschäftigte er sich mit der Überwindung des von Furcht, Ruhmsucht und Unsicherheit geprägten gesellschaftlichen Naturzustands durch Staatsgründung, und der Übertragung der Macht auf einen Staatenlenker. Dies geschieht durch einen Gesellschaftsvertrag, in dem alle Menschen unwiderruflich und freiwillig ihr Selbstbestimmungs- und Selbstverteidigungs-recht auf „eine Person“ übertragen, die sie im Gegenzug voreinander schützt. Der Name Leviathan bezieht sich auf ein bibelmythisches Monster, vor dessen Allmacht die Menschen hilflos sind.

 

Es geht also in China nicht um Idealbegriffe wie Gerechtigkeit, Glück und Wohlstand, sondern um den menschlichen Charakter, der zwingend Maßnahmen für staatliche Strukturierung erfordert. Morallehre, gleich welcher Weltanschauung oder Religon sie erwächst, ist also auch ein wesentlicher Bezugspunkt für Utopien. Vorannahmen der menschlichen Natur werden verallgemeinert.

Shangri La und Shambala


Shangri-La

ist ein paradiesischer, fiktiver Ort, eine Enklave, die im Himalaya in Tibet, liegen soll  und einige wenige Menschen aus aller Welt beherbergt.

Der Name wurde durch den Schriftsteller James Hilton  1933 in die westliche Kulturgeschichte eingeführt. Shangri-La steht jedoch auch in der Tradition der europäischen utopischen Literatur (Thomas Morus’ Utopia gehört zweifellos zu den wichtigen Bezugspunkten für die Darstellung und Konzeption von Shangri-La; sie rückt nicht (wie sonst häufig) den Aspekt des Politischen in den Vordergrund, sondern das Problem der menschlichen Affekte: Wie die Insel Utopia ist auch Shangri-La ein Ort der „Leidenschaftslosigkeit“. Asiatisches Vorbild für Shangri-La ist

 

Shambhala 

(ein mythologisches Reich auf einer Hochebene versteckt und für gewöhnliche Menschen unsichtbar) Es ist von großer Bedeutung im buddhistischen Kalachakra-Tantra, (Tantra bedeutet Lehre). Es wurde im Mahabharatha, dem Heldenepos der Inder als erstes erwähnt und von Tibetern, Mongolen und Chinesen transformiert.

 

Im strengen Sinn ist es kein Gegenstand einer Utopie, denn dahinter steckt keine Idee einer fortgeschrittenen Zivilisation. Die Bibel kennt etwa das „Himmlische Jerusalem“, (Offenbarung 21), eine Stadt aus glasartigem Gold in strahlendem, gleißenden Licht.  Es sind religiöse Visionen, die nicht anders  als als Utopie formuliert werden können. Ort, Raum, Zeit sind ein physisch-physikalisches Konzept. „Metaphysische Wirklichkeiten“ brauchen Orte, an denen sie sich entfalten können.

Der Shambala-Mythos wurde für obskure Visionen und Utopien des Nationalsozialismus missbraucht. Viele hochrangige  Mitglieder des Naziregimes,  einschließlich Hitlers, hingen verschrobenen  okkultistischen Vorstellungen an. 

Zwischen  1938 und 1939 sandte man auf Einladung der tibetischen Regierung eine Expedition nach Tibet, um an den Losarfeierlichkeiten (Neujahr) teilzunehmen. (Vgl: Dr. Alexander Berzin, Die Beziehung der Nazis zu Shambala und Tibet). Es ist aber unwahrscheinlich, dass eine besondere Expedition ausgesandt wurde, um u. A. Shambhala zu finden, wie es oft in einschlägiger tendenzös okkulter Literatur behauptet wird.

 

Man muss sich von der Vorstellung verabschieden, Utopien seien paradiesische Entwürfe, frei von Konflikt und Gewalt. Brüche und Widersprüche lassen sich nicht vermeiden. Ebenso wurde die biblische Idee des „Dritten Reiches“ und des „Tausendjährigen Reiches“, wie schon in der Einleitung erwähnt, missbraucht.

Die usurpatorische Verwendung religiöser Visionen ist damit erklärbar, dass diese Jahrtausende lang Hoffnungen genährt und sich somit als Trost und Köder bewährt haben, denn sie beinhalten Heilsversprechungen in der Zukunft die dann für ewig erfüllt sein werden.

Jedes Mal, wenn die Menschen z.B. eine Kirche betraten, waren sie von bombastischen Darstellungen (oft über ihren Häuptern, sodass sie emporblicken mussten) umgeben und wurden an eine Herrlichkeit erinnert, derer sie teilhaben würden, sofern sie sich den Gesetzen ihrer Religion entsprechend verhielten.

 

Niemand muss sich bei einer plagiierten Heilsversprechung an eine neue Vision gewöhnen, sondern nur eine alte wiedererkennen, was ja nach den neuesten neuronalen Forschungen „Dopaminschübe der Wiedersehensfreude“ auslösen und durchaus Zweifel an der eigenen Unterordnung samt Konsequenzen dämpfen kann.

Aurobindo: Hindu-Utopist der Neuzeit?

Sri Aurobindo hat keine Utopien sondern eine Form des Yoga, des „integralen Yoga“ das den Menschen selbst „entwickelt“.

 

Aus seinem ursprünglichen Ashram ist ein Ort enstanden, eine internationale Stadt mit 2719 Einwohnern (2017), die einmal etwa 50.000 Bewohnern Platz bieten soll. Die Idee dieser „universellen“ Stadt basiert auf der Gesellschaftstheorie von Sri Aurobindo und wurde von Mira Alfassa, die seit den 1930er Jahren den Sri Aurobindo Ashram in Pondycherry organisierte, in die Praxis umgesetzt. Auroville wurde offiziell 1968 gegründet.

Die Charta Aurovilles beinhaltet:

  • Auroville gehört niemandem im besonderen. Auroville gehört der ganzen Menschheit. Aber um in Auroville zu leben, muss man bereit sein, dem Göttlichen Bewusstsein zu dienen.
  • Auroville wird der Ort des lebenslangen Lernens, ständigen Fortschritts und einer Jugend sein, die niemals altert.
  • Auroville möchte die Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft sein. Durch Nutzung aller äußeren und inneren Entdeckungen wird Auroville zukünftigen Verwirklichungen kühn entgegenschreiten.
  • Auroville wird der Platz materieller und spiritueller Forschung für eine lebendige Verkörperung einer wirklichen menschlichen Einheit sein.

Das ist in manchen Punkten (Jugend die niemals altert) ein schwer nachvollziehbares Postulat, es verlangt Unterwerfung; wer dient, unterwirft sich einem Dienstgeber, auch wenn dieser göttliche Attribute hat.

Die Mitglieder des Ashrams leben immerhin hinter Stacheldraht. “(So Tibor Bozi in: „Himmel hinter Stacheldraht“ http://www.merian.de/asien/indien/artikel/himmel-hinter-stacheldraht-in-auroville ) Zumindest sieht es aus, als ob auch diese urbane Utopie autoritäre Elemente nicht vermeiden kann und anstatt die Menschen sich selbst in den Mittelpunkt stellt.

Entworfen wurde die Stadt von einer Architektengruppe um den französischen Architekten Roger Anger, die in Form einer Spiralgalaxie um den Zentralbereich Lebensraum bietet. Das Projekt selbst befindet sich noch im Stadium einer Experimentalstadt. Es stellt ...den kollektiven Versuch der Realisierung einer Stadtutopie dar, mit neuen Wohn- und Lebensbedingungen zu experimentieren. (Soweit die Info der offiziellen Website)

Es gibt ein futuristisches Rathaus, Schulen, kleine Firmen, Landwirtschaft, Tourismus.

 

Jeder bekommt eine Art Grundeinkommen aber es ist zu wenig, um davon zu leben. Deshalb haben viele noch ein, zwei Jobs: Man macht das, was man kann. Was man sich hier aufbaut, gehört Auroville, das auch von Tourismus überflutet ist. Ein Bewohner meint in einer Reportage des Deutschlandradios: „Und so überholt uns die ganze Entwicklung – gut oder schlecht – von der Welt da draußen." (Deutschlandradio 18.09.2016). Etwas, was in Utopien strikt vermieden wird.

 

Ob und inwieweit Utopien (und Dystopien) Zeugen von tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen oder Widerstandsmomenten gegen eine wahrgenommene und/oder ausgesprochene Alternativlosigkeit sind, sollte anlässlich einer interdisziplinären Tagung zu Utopien 2016 an der Universität Hildesheim geklärt werden. Horkheimer und Adorno sahen Utopien primär als Ausdruck von Kritik, Bloch als jenen eines konkreten Möglichkeitssinns.

 

Utopien können auch als Bündelung von Bestrebungen begriffen werden. Sollen sie sogar zum Handeln zu motvieren?, fragte Dr. phil. Alexander Neupert-Doppler in der Tagungsankündigung.

 

Utopien sind also keine bloßen Fiktionen, die aus Fantasie und Spekulation aufkeimen, sondern eine Art Spiegelung von Bestehendem, Reflektoren gesellschaftlicher Gegenwart; genauer genommen ein Spiegel der vergangenen Gegenwart, als sie verfasst wurden. Sie können zur Reflexion der der Gegenwart, in der sie gelesen werden, instrumentalisiert werden.

Utopien leben von der Dualität, den Polen zwischen Gut und Schlecht. Vielleicht sollte man sie aber auch einfach im Reich der nützlichen Ideen belassen. Aus diesem Grund wurden hier Dystopien ausgeschieden, denn sie sind Angstszenarien.

Utopien bieten ohnedies erstrebenswerte wie auch weniger erstrebenswerte Impulse zugleich.

Der Topos der Utopie ist begrenzt und isoliert. Vielleicht hatten und haben deshalb Gesellschaftstheoretiker ihre helle Freude daran, weil sich aus solchen Gedankenformaten trefflich Modelle entwickeln lassen, ohne einer Bewährungsprobe unterzogen zu werden. Das hat dann schon (wie im Fall des NS- Staates, oder auch etwa des realen Kommunismus) die Geschichte besorgt.

Utopien schöpfen stets aus der Vergangenheit und entwerfen die Zukunft. Was in der Gegenwart gelebt wird, kann zwangsläufig nicht anders, als sich der Utopie zu entziehen.


Historiker verfälschen die Vergangenheit, Ideologen die Zukunft. 

 

Zarko Petan

 

 

Es bleibt nur noch die Gegenwart, denn da die Geschichte meistens Rohstoff für die Entwicklung von Ideologien ist...


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