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Eins weiter

Zeit und Zeitenwechsel


  • Die Physik und die Zeit
  • Momentaufnahme
  • Stilleben, still leben?
  • Uhrzeit
  • Kalender
  • Zeit bei den Griechen: Chronos und Kairos
  • Rom und das neue Jahr
  • China und Neujahr
  • Tsagaan Sar, Neujahr, der "dunkelste" Tag in der Mongolei
  • Die Maya und die Zeit
  • Psychologie des Zeitempfindens


Was schert die Schildkröte die Eintagsfliege?
Was schert mich die Eintagsfliege?

Eins weiter. Auf neunzehn folgt zwanzig. Zwanzigzwanzig: 2020. Jede Jahreswende läutet gewisserweise die Glocke zu einer neuen Runde. 

 

Selbst diese Schrift kann sich dem Zahn der Zeit nicht entziehen. Zeitlos bedeutet, sich dem gnadenlosen Abzählen der Augenblicke, Atemzüge, der Bewegungen der Sekundenzeiger und der Kalenderblätter zu widersetzen ohne Hoffnung auf Erfolg. Letztendlich kommen alle am selben Ort an, dem des Vergehens.

 

Dieses Posting stemmt sich gegen Vergänglichkeit und Zeitdiebstahl, befasst sich mit poetischen Zeitkapriolen die da Einsteins Gehirnaktivitäten und der verbrämenden Feder Alan Lightmans entstammen, und denkt nach, warum andauernder Fortschritt so ein labiles Gleichgewicht aufweist: Ganz einfach:  Wer  ununterbrochen  vorwärts  maschiert, steht  die Hälfte seines Lebens  auf  einem Bein.  (Martin Bieler)

 

Francis Lelord hat in seinem Buch Hector und die Entdeckung der Zeit vorgeschlagen, die eigene Lebensfrist in Hundeleben zu berechnen. Er sagt aber auch, und das ist das Spannende, dass ein Hund sich seine Zukunft nicht vorstellen kann.

 

Kein Wunder, dass das Thema Zeit uns herumtreibt, aber kaum ein Tier. Aber, Tiere, die sich selbst im Spiegel erkennen können, haben auch ein Zeitbewusstsein und entwickeln sogar ein Zukunftsselbst.

Die Physik und die Zeit

 

Zeit ist eine physikalische Größe und sie ist unumkehrbar. (So Wikipedia). 

Newton postulierte, dass die Struktur der Raumzeit vorgegeben ist.

Einstein meinte, es gäbe eine Relativität der Gleichzeitigkeit, aber nachdem die Zeit fließe, hat die Physik Schwierigkeiten, dies in der Sprache der Physik oder Mathematik genau zu beschreiben. Zudem vergeht die Zeit für zwei Personen völlig unterschiedlich, sobald sich eine davon (allerdings sehr schnell, schneller als Licht) bewegt. Mit Atomuhren ließ sich dieser Effekt schon messen. Seit 1984 gilt die sogenannte „dynamische Zeit“.

 

Zeit wird in der Physik speziell mit der Entropie in Verbindung gebracht, salopp gesagt, strebt auch wirklich Alles von der Geordnetheit zur Unordnung. Entropie verbindet man mit der Entstehung des Universums, da waren alle wichtigen (elementaren) Kräfte im Gleichgewicht und mit dem Urknall gings dahin….

 

Wer hätte aber gedacht, dass Physik  poetisch, romantisch und magisch zugleich sein kann? Wer glaubt, dass Physiker staubtrockene, berechnende Menschen sind, wird in folgendem Buch eines Besseren belehrt: Alan Lightman:

UND IMMER WIEDER DIE ZEIT. EINSTEIN`S DREAMS

ISBN3-453-09241-4

 

 Phantasie, die Fähigkeit zu träumen, kann die Grenzen des bestehenden Wissens über die Welt und ihre Gesetze sprengen.

Wer die Phantasie in konkrete Sprache umsetzen kann und für sie Formeln findet, die sie in ein konstituierendes Element der Realität verwandelt, erweitert die Grenzen des Wissen um ein gutes Stück. So tat es Albert Einstein.

Träume schöpfen aus dem Ozean aller Erfahrungen, allen Wissens jenseits aller Zeiten (die Aboriginees  haben sogar die Traumzeit, in der alles Seiende entsteht).

 

Einstein´s Dreams erzählt davon, was kühne Physikmodelle in der Wirklichkeit und ihrer Wahrnehmung bewirken könnten. Im Jahr 1905 sitzt der junge Patentexperte Einstein an seinem Schreibtisch im Berner Patentamt. Sein Kopf sinkt auf den Tisch und er beginnt zu träumen. Bilder ziehen vorbei: Wie die Welt aussehen würde, wenn die Zeit anders funktionieren würde, als wir es kennen.

 

Lightman dichtet quasi Einstein neue „traumhafte Thesen“ zur speziellen Relativitätstheorie und zu dem, was Zeit physikalisch betrachtet ausmacht, an.

 

Zeit wird unter Anderem als wachsende Ordnung und Struktur, als durch Bilder ersetzt, als rückwärts fließend, als dreidimensional, als absolut, als mit Geschehen ident betrachtet.

 

Eine der schönsten Passagen ist folgende, gekürzt zitierte: "In einer Welt, in der Zeit eine Qualität ist, prägt man sich die Ereignisse ein, indem man sich an die Farbe des Himmels erinnert,...an das Gefühl des Glücks...Die Geburt eines Kindes...die Begegnung zweier Menschen sind keine fixierten Punkte in der Zeit, die sich mit der Angabe von Stunde und Minute festhalten ließen. Alle Ereignisse gleiten vielmehr durch den Raum der Imagination, materialisieren sich durch einen Blick, ein Begehren."

Der Autor ist sowohl Astrophysiker, der seine Ausbildung in Princeton erhielt, als auch Essayist. Wenn Kunst und Wissenschaft sich vereinen, dann scheint diese Verbindung tatsächlich in der Lage zu sein, Zeit und ihre ungeliebte Begleiterin, die Vergänglichkeit, zu überwinden.

 

 

Momentaufnahmen

Wenn man nachdenkt, welche Gegenstände die Zeit symbolisieren, so fallen einem als Erstes die Uhr, alte Gesichter, oder auch das Stundenglas ein.

 

Alles was Zeit misst, steht für Zeit und was definitiv nicht mehr der Jugend zuzurechnen ist, ist alles, was Falten hat, weiße Haare und eine Anmutung von Gebrechlichkeit.

 

Dabei steht jedes Abgebildete /Fotografierte für Zeit, weil jedes Bild einerseits konserviert und andererseits die Zeit überdauert.

 

Das gefurchte Hühnerei lässt unwillkürlich an Benjamin Button denken, der als alter Mensch geboren wurde und sich gegen den Zeitstrom verjüngte, ebenso, wie eine vor sich hin rostende Maschine den Zahn der Zeit assoziiert. In Märchen überdauern versteinerte Lebewesen die Zeiten. Das Flugzeug verkürzt die Reisezeit, wie es vor mehr als 150 Jahren die Eisenbahn tat.

 

 

stilleben, still leben?

Es sind Stilleben, welche in der Kunst einen Moment der Zeitlosigkeit einführen. Gebrauchsgegenstände des Alltags sind immer kurzlebiger geworden. Sie halten grade so etwas länger als Trends… Dabei ist der Ursprung des Stillebens durch eine lange "Brutzeit" geprägt (seit der Antike) und geboren wurde es im 17. Jahrhundert in Holland.

 

Zur Welt gebracht aus dem Innehalten, Festhalten und der Schöpfung der Illusion der naturgetreuen Wirklichkeit, denn auch unsere Sinnesorgane sind nicht in der Lage die Wirklichkeit 1:1 wiederzugeben. Was wir wahrnehmen, ist die großartige Rechenleistung des Gehirns und damit ein Bild der Vergangenheit.

Anhalten, still- stehen lassen in wahrer Größe können das wohl eben die traditionellen Stilleben mit Blumen, Früchten und Vanitasmotiven.

Der Zug steht für Geschwindigkeit, aber der Bahnhof für Warten und Erwarten . Bahnhöfe sind im 19.Jahrhundert die einzig wirklich repräsentativen Bauten...sie müssen jederzeit bereit sein, das Besondere zu erwarten und zu empfangen. Und das im Strom der beliebigen Masse derer, die unterwegs sind und nicht anders können als mit der Zeit zu fließen obwohl sie gegen sie ankämpfen...

die uhrzeit

Für die Uhrzeiten waren die Klöster zuständig. Gebete wurden in einem bestimmten Stundenrhythmus abgehalten, wobei man sich mit Hilfe von Wasseruhren vom Sonnenstand unabhängig gemacht hatte. Und die Zeit gehörte Gott; quasi ganz allein.

Die Menschen in Europa richteten sich nach dem Schlag der Kirchenuhr. Das änderte sich in der Renaissance in Italien, wo die Kaufleute (an der Spitze der Einkommenspyramide standen die florentinischen Tuchhändler) zivile Turmuhren finanzierten.

 

Diese Wirtschaftsleute waren von Fristen und Geschäftszeiten abhängig. (In Florenz schlug die erste Uhr stündlich ab 1325 vierundzwanzig Stunden lang). Zeit ist Geld, stammt also von damals. Und in diesen Glaubenssatz hat sich die Gesellschaft mittlerweile ganz schön verstrickt...

 

Die Räderuhr war Ende des 13. Jahrhunderts aufgetaucht, ohne dass man ihren genauen Entstehungsort kennt. Die Konstruktion der Uhr hatte nichts mit primär handwerklicher Kunst zu tun, sondern mit der technischen Umsetzung eines abstrakten Modells von Prozessabläufen des Sonnen- bzw. Sternensystems und kulminierte im Chronometer Giovanni di Dondis, eines Mathematikers an der Universität Padua 1330-35.

Er zeigt 24 Stunden digital in einem Sichtfeld an, Wochentage, Monate, Sonnenaufgang und Untergang, Tageslänge und den zuständigen Heiligen. Die Konstruktion der Uhr spricht den Anspruch der Mathematik und Astronomie an, als Leitwissenschaft sich durchzusetzen und die Theologie in Frage zu stellen. Die mechanische Uhr ist also ein Produkt der wissenschaftlichen Revolution, so Rudolf G. Ardelt.

 

Das Uhrwerk wurde später sogar zum Symbol des Staatswesens im 17. und 18. Jahrhundert, weil der Mensch wie jedes Rädchen und jeder Hebel einer Uhr in die Pflicht genommen wird.

Dass Die Zeit bis auf die Sekunde vereinheitlicht wurde, dauerte ziemlich lange:

In Deutschland war es der Ausbau des Eisenbahnnetzes, welcher die lokal unterschiedlichen Uhrzeiten der Städte gleichschaltete.

Kalender

Papst Silvester. Quelle: Wikipedia, gemeinfrei
Papst Silvester. Quelle: Wikipedia, gemeinfrei

Auch für den Kalender gilt: 

Nix ist fix, nicht einmal in Europa. Er orientiert sich ursprünglich nicht explizit an Sternen (ohne Sternguckerei kein Kalender!)...no na ned.

Es wurde erst im 18. Jahrhundert üblich, die Monatstage zu zählen. Vorher benannte man sie nach christlichen Heiligen und ordnete diese deren Geburts- und Sterbetagen zu. Das heißt dass man sich quasi 365 Heilige in der richtigen zeitlichen Reihenfolge merken musste.

In vielen Kalendern erinnert die Angabe der Tagespatrone daran.

 

Mit dem 15. Juli 1789 wurde das Jahr der Freiheit ausgerufen, zumindest in Frankreich, denn da brach mit der Erstürmung der Bastille das Jahr der Freiheit aus, das nur fünfeinhalb Monate dauerte. Man führte auch das Jahr II der Freiheit und das Jahr I der Gleichheit (1792) ein, doch dieser Kalender bezog sich nicht auf die Vergangenheit sondern auf öffentliche Angelegenheiten und Napoleon führte 1805 auch wieder den gregorianischen Kalender ein.

 

Einen weiß man immer noch ziemlich sicher: Papst Silvester begleitet den 31. Dezember.

Dass der erste Tag des neuen Jahres auf den 1. Jänner fällt, hängt aber mit Papst Gregor zusammen, denn ursprünglich war der letzte Tag des alten Jahres der 24. Dezember. Ab 1582 trat diese Korrektur des vorhergehenden julianischen Kalenders in Kraft.

zeit bei den Griechen

Kairos von hinten: am Rockzipfel erwischt man die Zeit nicht, nur an der Stirnlocke...
Kairos von hinten: am Rockzipfel erwischt man die Zeit nicht, nur an der Stirnlocke...(Zeichnung:ATH)

In verschiedenen Kulturen bedeutet Zeit Verschiedenes, wird anders wahrgenommen und sogar die kognitive Verarbeitung der Zeit unterscheidet sich. Doch auch unsere Kulturgeschichte hat sich nicht immer auf gleiche Art und Weise der Zeit angenommen.

 

Die alten Griechen kannten Chronos und Kairos.

Chronos ist für den Zeitablauf als auch die Lebenszeit zuständig. Leitet man den Namen von (KRAINO) ab würde dieser „der Vollender“ bedeuten. Das würde passen, denn Zeit empfinden wir erst, wenn etwas geendet hat (oder zu enden droht).

 

Kairos ist als personifizierte Gottheit für den günstigen Zeitpunkt einer Entscheidung, dessen ungenutztes Verstreichen nachteilig sein kann, zuständig.

Ein Epigramm des Poseidippos von Pella (3.Jhd. v. Chr.) erinnert daran, dass man Gelegenheiten beim Schopf packen muss: „Warum fällt dir eine Haarlocke in die Stirn?“

“Damit mich ergreifen kann, wer mir begegnet.“

Das ist nicht so leicht, weil Herr Kairos sich bisweilen mit Hormonen dopen lässt: Adrenalin verlangsamt die subjektiv empfundene Zeit und Dopamin beschleunigt sie. Alles was Freude macht, saust also dahin...

 

Die Griechen hatten, so der Historiker Alexander Demant, mit geschichtlichem Zeitempfinden nicht viel am Hut. Abgelaufene Ereignisse wurden nicht in den Ablauf der Jahre eingereiht. Ein Krieg hätte vor hundert Jahren oder tausend Jahren stattgefunden haben können. Der Jahresrhythmus wurde durch Feste eingeteilt und die Monate hatten zuvor die Babylonier eingeführt. (Das war ja ein Volk der Sternengucker, welches die Astrologie gleich mit aus der Taufe hob.)

Der antike Grieche verabredete sich nach dem Stand der Gestirne wie auch der alte Römer.

Rom und das neue Jahr

Bleigussformen-abgezeichnet
Bleigussformen-abgezeichnet

Politische Sitzungen wurden im alten Rom stets pünktlich mit Sonnenuntergang beendet. (Mit so einer Zeiteinteilung  würden unsere Legislaturperioden anders aussehen. Vielleicht lag es ja an der mangelnden Beleuchtung, in der man von den Gesichtern ganz schlecht die wahren Absichten ablesen konnte).

 

Das Datum des Jahreswechsels wurde in einer Regierungssitzung beschlossen. 

 

154 vor Christus verlegte ein Senatsbeschluss den Beginn des neuen Jahres von März auf den Jänner. Deswegen ist der Dezember erst der zehnte Monat, denn Deca (Decem) bedeutet zehn, Novem neun….man hat also die Monatsnamen schlichtweg bis heute nicht aktualisiert.

Der Grund für die Verlegung war, dass sich die Kriegsschauplätze mit der Ausdehnung des Römischen Reiches immer mehr von Rom entfernten. Die Konsuln mussten mit ihrer Ernennung zum Anfang eines jeden Jahres sich unverzüglich auf die jeweiligen Schlachtfelder begeben. Das dauerte bei entsprechender Distanz manchmal Monate. Waren die Konsuln also etwa Ende Mai endlich bei ihren Legionen, waren die Schlachten schon längst geschlagen. (Offensichtlich gab es in den Wintermonaten Kampfpausen).

china und das neue Jahr

Neujahrslampions in China, Foto: ATH.
Neujahrslampions in China, Foto: ATH.

Es lohnt sich, einen Blick zu anderen Kulturen zu werfen, zumal die Zeit nicht ohne ein Bewusstsein, das sie wahrnimmt, existieren kann.

 

Das chinesische Neujahrsfest richtet sich nach dem Mond. Genauer, nach dem Lunisolarkalender, einer Kombination aus Sonnen- und Mondkalender. Neujahr startet nach dem Neumond zwischen 21. Jänner und 21. Februar. Es ist auch eines der wichtigsten Feste und ganz China ist auf den Beinen.

Das Chinesische Horoskop richtet sich nach dem Jahresrhythmus und 2020 ist das Jahr der Metall-Ratte. Metall ist eines der fünf Elemente mit jeweils eigener Charakteristik (Metall bedeutet Sachlichkeit und die Ernte dessen, was man zuvor erarbeitet hat) und die Tierbezeichnungen gehen auf die zwölf Tiere zurück, die Buddha, bzw. der Jadekaiser zu einem Fest geladen hatte. (Ursprünglich waren es sogar 13 Tiere, aber die Ratte trickste die Katze aus, indem sie ihr vorlog, das Fest fände an einem anderen Tag statt). Chinesische Neujahrsbräuche dienen wie auch teilweise europäische Bräuche   zur Übelabwehr. (In Rom muss man dafür zu Silvester rote Unterwäsche tragen).

 

Einer alten Legende zufolge bedrohte alljährlich ein menschenfressendes Monster aus den Bergen bzw. aus dem Meer die Menschheit und wurde mittels Lärm, Feuer und den Farben Rot und Gold vertrieben. Auch der Löwen- oder Drachentanz wird gepflegt. Er geht auf den Traum eines Kaisers zurück.

 

Die Feiern zum Jahr dauern traditionell fünfzehn  Tage mit jeweils festgesetzten Ritualen. Man trägt an diesen Tagen kein Schwarz und kein Weiß. (Weiß= Trauerfarbe, Schwarz bringt Unglück).

Dafür aber nimmt man oft neue Hausschuhe , die am letzten Tag des Jahres gekauft wurden, um üble Nachrede abzustreifen. Am Neujahrstag hingegen darf man keine neuen Schuhe kaufen, das bringt auch Unglück, weil das Wort „Schuh“ genauso klingt wie das Wort für "schlecht- böse- bzw. kränkend".

Tsagaan sar, Neujahr, der Dunkelste Tag in der Mongolei

Segnung mit Milch, Bild aus dem Museum in Hovd, Foto: ATH
Segnung mit Milch, Bild aus dem Museum in Hovd, Foto: ATH

Die Mongolen feiern das Neujahrsfest laut buddhistischem Mondkalender im Februar und es richtet sich nach dem Neumond (Tsagaan-Sar= Weißer Mond).

 

Ursprünglich gab es große Feiern nur im Frühjahr und Herbst. Nach dem Mondkalender gibt es nur einen einzigen schlimmsten Tag im Jahr. Und man wollte, so eine mongolische Quelle, diesen schwarzen Tag mit viel „Essen, trinken, Ehre, Respekt und Freude versüßen.“ Der letzte Tag des Jahres ist der Bituun, der letzte Tag des letzten Wintermonats. An diesem Tag muss alles sauber und diverse Arbeiten müssen beendet sein. Man schichtet Essbares auf, wobei die gerade Zahl Unglück bedeutet. Das heißt man sieht zu, dass die Zahl der Schichten ungerade endet, denn auf Unglück folgt Glück.

 

Zeitempfinden ist also im Jahreskreis von wechselnden Gefühlen begleitet.  Die Bedeutung, die man bestimmten Tage zueignet, gehen auf magisches Denken zurück.  Es ist, als ob die Menschen den Jahresablauf möglichst auf Glück programmieren  wollten, aber anstatt das Unglück zu verleugnen, hält man es mit Ritualen und Symbolen in Schach und bindet wechselndes Schicksal an den Kalender.

Die Maya und die Zeit

Pop, der erste Monat des neuen Jahres ein pop-up...
Pop, der erste Monat des neuen Jahres ein pop-up...

Einer der Zeitrechnungen, die heute noch faszinieren, ist jene der Mayas.

Die Anfänge seien, so Wolfgang Cordan, der Herausgeber des Popol Vuhs,, schlicht gewesen. Der Mensch war das Maß aller Dinge. Hunuinik ist eine Runde, ein Zyklus und ein Mann mit 20 Fingern. (Also zehn Fingern und zehn Zehen).

 

Dann kam der Zyklus der Frau (21-28 Tage!), der in Beziehung zum Mond gesetzt wurde. Ein Kind wurde logischerweise Neunmondemann genannt.

Man nahm den Monat zu 29 Tagen, daraus ergab sich die Zahl von 261 Tagen (auf 260 abgerundet). Der Kalender war also antropholunar und der Mond hatte eine derartige Bedeutung, dass Kinder nur bei Neumond gezeugt werden durften. Um größere Zeiträume zu berechnen, mussten die Maya den Mondkalender mit dem Sonnenkalender kombinieren.

 

Da die Maya nicht mit Brüchen rechneten, zählten sie Einheiten dazu oder ab und regulierten so Kommastellen. Die Neun regierte über zwei mal 20 Tage und hatte (als Gottheit personifiziert) somit das Sonnenjahr (Haab) mit 360 Tagen in Griff.

 

Nur fünf Tage entzogen sich der Neun, die in den Schriftzeichen der Majas als Profil eines alten Herrn dargestellt wurde.

 

Die Urahnin der Azteken, Mam dreht das Rad der gezählten Tage (Tzolkin) durch die Ewigkeit. Sie beschützt diese unsäglichen fünf Tage in gewisser Weise.

 

Lustigerweise heißt der erste Monat des neuen Jahres Pop. Sein Symboltier ist der Jaguar, er steht auch für die sanfte Erde. Er ist der erste Monat des Sonnenjahres, der nur zivilen Zwecke (Ackerbau) gewidmet war.

psychologie des Zeitempfindens

Wenn Zeit stehen bleibt. Foto: A.Traugott-Hajdu
Wenn Zeit stehen bleibt. Foto: A.Traugott-Hajdu

Dass hier so geschrieben werden konnte, liegt an der Tatsache, dass das menschliche Gehirn ein Vergangenheits-Organ ist, denn es speichert und archiviert Bilder und lädt bei jeder Aktualisierung diese mit Emotionen auf.

 

Als Zukunftsorgan sammelt es Informationen über die Zukunft eines Ereignisses, bevor es sich entschließt, wie es das, was es zur Zeit eines Ereignisses an Input bekommen hat, deuten soll. Es macht so aus der Vergangenheit Zukunft.

 

Zeitempfinden, so eine Lehre des tibetischen Buddhismus, entstehe durch den Kontakt der Sinne mit ihren Sinnesobjekten, und so entstünden Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Es sei eine der fünf Funktionen des Bewusstseins (Skandha) und wurde schon im Bardo Thödöl im 8. Jahrhundert beschrieben.

 

Ohne Ich-Gefühl kein Zeitempfinden, (S. Blog: Keineswegs sinnlos- die gefühlte Zeit). wusste man schon lange bevor die Gehirnforschung dieses mittels technisch aufwendiger Untersuchungsmethoden und Experimenten in der Insula lokalisierte.

 

Wie der Mensch Zeit verarbeitet, ist auch kulturell unterschiedlich und hat nichts mit der Kulturgeschichte des Zeitmessens zu tun. Denn es gibt verschiedene Arten, die Zeit zu betrachten: Entweder man steht mitten im Fluss der Zeit und müsste sich, um die Vergangenheit zu betrachten, umdrehen, oder man steht am Ufer des Zeitflusses und könnte diesen mit einer Kopfwendung überblicken. Letzteres tun die meisten westlichen Menschen, während unter Anderem etwa Araber, bzw. Menschen des Ostens sich im Zeitfluss befinden. Probieren Sie es: Wie nehmen Sie Zeit wahr?

 

Englischsprechende haben die Zukunft vor sich und die Vergangenheit hinter sich. Ebenso übrigens die Gehörlosen, die zur Anzeige von Vergangenem die Handfläche über die Schulter nach hinten schieben.

Ein Stamm in den Anden sieht die Vergangenheit vorne und die Zukunft im Rücken. Aboriginees sortieren den zeitlichen Ablauf von Ereignissen stets von Osten nach Westen. Das heißt, unsere räumliche Orientierung in der Zeit, wo wir sie durch entsprechende Bewegung auch physisch zuordnen, indem wir uns beim Sprechen über Zukünftiges nach vorne neigen, hängt von der Sprache ab, die wir sprechen.

In der Sprache des Filofax und später des Outlook kennen wir Zeit als Qualität: dringend, und wichtig. Oder zusammengefasst: MUSS. Aber selbst das verliert an Bedeutung, wenn ein Kulturwissenschafter wie Martin Burckhardt feststellt, dass „der Mensch ein Nachzügler seines Tuns ist.“

 

Am besten wäre es, sich den Rat Abraham Lincolns zu Herzen zu nehmen:

„Halte dir jeden Tag 30 Minuten für deine Sorgen frei und in dieser Zeit mache ein Nickerchen“.

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