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Nosebook: Underdogs-ungeliebte Tiere

  • Underdogs
  • Hund, Wolf, Schwein und Ratte
  • Hyäne, Geier, Fledermaus
  • Haie, Piranhas, Krokodile
  • die Ekligen: Fliegen, Spinnen, Kakerlaken
  • Schlangen: s. Zeitschrift Nr. 12
  • Fazit


underdogs

Warnung: Zartbesaitete Gemüter, Phobiker, die Angst vor Spinnen, Ratten oder Schlangen haben, sollten vor Allem die Kapitel über die "Grauslichen" nicht lesen. Zwar ist Ekel kulturell bestimmt und teilweise auch anerzogen, aber es gibt ja wirklich Tiere, die dem Menschen schaden können, wenn sie es auch nicht aus Absicht tun, sondern, weil sie einfach so gestrickt sind.

 

Tierliebe pflegen wir ähnlich wie Menschenliebe. Die, die uns nahe stehen und uns irgendwie sogar ähnlich sind, die lieben wir. Und die, welche uns unsympathisch sind, oder die wir aus moralischen Gründen verachten, hassen wir mitunter sogar. Dabei gibt es im Reich der Tiere wie der Menschen  welche, die sie gebraucht hätten, oder brauchen: Wenn schon nicht Liebe, dann Akzeptanz.

Wir haben so viele Tiere getötet, die wir als Schädlinge, deren Verhalten wir als verwerflich betrachten, obwohl Tiere kein moralisches Empfinden, kein Gut und Böse kennen, außer dem, was ihnen und ihren Nachkommen schadet. Manch ein Tier ist uns in der bedingungslosen Liebe weit voraus. Raubtiere adoptieren ihre Beute und sogar Krokodile lieben mit Intensität und kennen Empathie. Wir haben scheinbar böse Tiere ausgerottet, die eine nützliche Funktion im Ökosystem haben, und mit ihnen übrigens auch jene, die wir mögen.

Genauso schlimm ist die Abwertung der Tiere durch Ausbeutung ohne Rücksicht auf Verluste. Dabei ist hier nicht nur die Rede von Eier,-Pelz- und Taschenlieferanten, Arbeitstieren, Potenzmittelinhabern oder Jagdtrophäen, sondern auch von all jenen Tieren, die die Egos ihrer Halter aufpolieren sollen. „Für seinen Hund ist jeder ein Napoleon. Deshalb sind Hunde so beliebt.“, schrieb Aldous Huxley

Underdog bedeutet „ein sozial Geächteter“. Einer, der als minder betrachtet wird, an dem sich andere abputzen. Woher das kommt, steht im folgenden Abschnitt.

 

hund, wolf, schwein und ratte

Zeichnung: AHA
Zeichnung: AHA

 

HUND

Das Wort underdog bezieht sich auf den ursprünglich der in einem Hundezweikampf niedergebissenen Kontrahenten (im Gegensatz zum top-dog). Er tauchte in Nordamerika im 19. Jahrhundert auf, als sich Menschen noch an Tierschaukämpfen vergnügten. Auch Polizisten und Feuerwehrleute hielten sie für einen „aufregenden Sport“.

Diese Hundekämpfe wurden erst 1976 als illegal erklärt, aber mehr als nachlässig verfolgt. Einer derjenigen Hunde, die nichts für ihren Ruf können, sind die nicht als Rassehunde anerkannten Pitbulls. („to pit“ aufhetzen und zwar gegen Bullen und gegen Ratten). 

Schon Aristoteles (4.Jh. vor Christus) schrieb in seiner „Tierkunde“, dass Hunde leicht erregbar, anhänglich und schmeichlerisch seien. Gleich welche Kultur man betrachtet, so ist/war das Verhältnis zum Hund in allen Religionen sehr schwankend, kein Wunder bei einander so widerstrebenden Eigenschaften.

Im Hinduismus etwa gilt es als große Strafe, als Hund wiedergeboren zu werden. Derjenige, dem dieses Schicksal widerfährt, hat einiges am Kerbholz gehabt. Der Hund wird mit dem indischen Totengott Yama in Verbindung gebracht, weil er sich wohl auf Suche nach Nahrung auf Friedhöfen herumtreibt.

Muslime sind (waren) übrigens nicht absolut hundefeindlich. Der Islam ist genauso gespalten wie die Judentum oder Christentum, was das Image von Tieren generell betrifft.

Gemäß der hebräischen Tora galten Hunde als unrein und durften nicht als Haustiere gehalten werden. In der christlichen Offenbarung werden Hunde als „Außenseiter“ mit Zauberern, Mördern und Lügnern erwähnt. Erst die franziskanische Bewegung hat die Beziehung zu Tieren (übrigens auch zu Jesus, der menschlicher wurde) verändert. Franz von Assisi (*1181)  war der Beschützer der Tiere. "Es werden mehrere Jahrtausende von Liebe nötig sein, um den Tieren ihr durch uns zugefügtes Leid abzugelten."

Die arabisch-islamische Welt ist Hunden gegenüber weit weniger verächtlich als gemeinhin kolportiert wird.

Sie werden von manchen Religionsvertretern als rein, von anderen als als unrein gesehen. Es gibt sogar einen dritten „theologischen“ Standpunkt: Ihr Fell sei rein, nur ihr Speichel wäre ein Problem. Immerhin, die Anwesenheit von Eseln, Frauen oder Hunden würden laut einem Hadith (Ausspruch Mohammeds) die Wirkung eines Gebetes zunichte machen.

 

In einer Legende, die auch Christen kennen, werden Siebenschläfer (verfolgte Religionsanhänger), von einem Hund bewacht. Allerdings nur in der muslimischen Überlieferung, nicht in der christlichen (außer bei Theodosius im 6. Jahrhundert!) Diese Siebenschläfer fallen in ihrer Höhle in einen 300 jährigen Schlaf, der ihnen nicht nur das Leben rettet, sondern sie in ihrer Religionsgemeinschaft, welche die feindliche Religion abgelöst hat, weiterleben lässt.

 

Das Kitāb al-Ḥayawān aus dem 9. Jahrhundert ist "Brehms Tierleben" der Araber schlechthin und basiert zum Teil auf der Tierkunde des Aristoteles. Demnach habe Gott keine unnützen Tiere geschaffen. So verteidigt in einem Streitgespräch der Hundeherr (Sāḥib al-kalb) den Hund gegen Sāḥib ad-dīk, den Herrn der Hähne. Der Hund sei dem Hahn an Nützlichkeit überlegen, lautet die Schlussfolgerung, was Hunde etwas aufwertet.

Immerhin "stürben Katzen nicht daran, dass die Hunde sie verfluchten", lautet ein arabisches Sprichwort.

 

Es gibt also noch Hoffnung, dass der Underdog in allen Kulturen zum Topdog aufsteigt, zumindest, was sein Image betrifft.

Bild: AHA
Bild: AHA

WOLF

 

Viele Völker, die in der Natur  von der Jagd leben,  bewundern den Wolf und identifizier(t)en sich mit ihm, wie der germanische Name Wolfgang zeigt.

Bewunderung zollen ihm heute noch die Mongolen, die ihn als heilig betrachten, ihn aber auch jagen. Einen wilden Wolf zu sehen, bedeutet ein ganzes Jahr lang Glück. Immerhin sind Dschingis Khans mythologische Eltern Hirschkuh und Wolf. Die Chinesen sahen das anders: Der Wolf symbolisiert Gefräßigkeit, Grausamkeit und Gier. Bei ihnen konnte er übrigens, wie im Märchen vom „Wolf und den sieben Geißlein“ Stimmen von Kindern, Kälbern und Lämmchen nachahmen.

Äsop  schrieb 600 vor Christus in seiner „Fabel vom Hirten und vom Wolf“, dass „schlimme Natur keine gute Gemütsart aufkommen lässt“. (Der Hirte hatte ein Wolfsjunges mit seinen Hunden aufgezogen, bei dem die Wildheit letztendlich durchbrach: Er raubte seinem Herrchen Schafe und verzehrte sie heimlich mit seinen Hundekumpeln).

Ovid und Pausanias erzählten die Geschichte Lykaons, der quasi, weil er mit einem Blutopfer in Berührung kommt aber auch wie wild Frauen „vernascht“, in einen Werwolf verwandelt wird, als Untier aber den Charakter behält, den er als Mensch hatte: Trotz und Wildheit und  sogar die Haarfarbe (!).

"Rotkäppchen" bezieht sich auf dieses Image des Wolfes als „Triebtäter“ zumindest in Charles Perraults Version von 1695. Er ist Sinnbild für Lustmolche (welche ja auch vor Großmüttern nicht halt machen).

Das Märchen hat aber noch viel ältere Ursprünge: Gefressen und wiedergeboren werden ist im Grunde die Metapher für einen Initiationsritus zur Aufnahme in die Erwachsenenwelt. Es ist eine Transformation, die sogar den Kosmos betrifft, wenn man die germanischen Mythen näher betrachtet. Die Wölfe Skalli und Hati etwa verfolgen Sonne und Mond und werden beide dereinst fressen. Der Fenriswolf, ein Kind Lokis und der Riesin Angerboda, wuchs auf unheimliche Weise und gewann an Kraft. Er würde den obersten Gott Odin verschlingen.

 

Der Aufstieg des Christentums ging einher mit der Abwertung der grauen, sozialen Jäger, denen wir letztendlich unseren liebsten Gefährten, den Hund, verdanken. Der "Wolf im Schafspelz" ist eine Metapher aus der Bergpredigt. Jesus bediente das schlechte Image des grauen Jägers, dem Aristoteles in seiner Tierkunde Kraft, Wildheit und Hinterlist zugeschrieben hatte.

Im 12. Jahrhundert schrieb wahrscheinlich ein Kleriker (ein Mann der Kirche) den Ysengrimus, in dem der Fabelname des Wolfes „Isegrim“ steckt. Dort wird der dumme und gierige Wolf vom verschlagenen Fuchs (Reinecke) immer wieder hineingelegt und kommt dann durch eine Schweineherde zu Tode. Die Inspiration dazu war Äsop.

Katholische Geistliche schienen Tierfabeln zu mögen, immerhin heißt es: „Fabula docet“, die Fabel (be)lehrt und so dürfte die Rolle des Wolfes auch aus pädagogischen Gründen festgeschrieben worden sein.

 

Viele Wolfsforscher beginnen die Tiere zu rehabilitieren, wie in Österreich Kurt Kotraschal. Immerhin wurde klar, dass Hunde die direkten Nachfahren der Wölfe sind und mehr mit ihnen gemein haben, als angenommen. Denn beide kooperierten mit Menschen und haben  ähnliche Kommunikationsformen. Wölfe sind sogar lernfähiger als Hunde.  

Immerhin tanzte Kevin Costner mit dem Wolf.

Leider wurde Isegrim auch gerne für nationalistische und faschistische Wahnideen in Anspruch genommen (Die Türken taten es genauso wie die Nazis). Dabei sind die gemeinen Wölfe nicht gemein, sondern sozial und klug und haben Respekt vor Menschen. (In der Mongolei gibt es folgerichtig nicht Vogelscheuchen sondern Wolfsscheuchen, welche die hungrigen Vierbeiner von  Schafherden fernhalten sollen).

 

 

Bild: AHA
Bild: AHA

SCHWEIN

Es ist sensibles intelligentes Tier, das zudem auch biologisch dem Menschen nahe steht, hat es doch unzähligen Menschen das Leben gerettet , z.B., weil aus seiner Bauchspeicheldrüse bis in die Achtzigerjahre Insulin gewonnen wurde, welche Diabetikern verabreicht wurde. Zudem haben seine Organe die Größe von Menschenorganen. Daher wurden mit ihrer Hilfe auch Organtransplantationen entwickelt. Seit 2019 darf es Mensch-Schweinchimären in Japan geben. Das heißt, dass etwa in Schweine-Embryonen menschliche Bauchspeicheldrüsen wachsen. Im selben Jahr reaktivierten laut einem Artikel in der Aargauer Zeitung, die sich auf einem Aufsatz in der Zeitschrift Nature beruft, Forscher nach 10 Stunden das Gehirn von toten Schweinen, in dem es zwar zum Stoffwechsel, nicht aber zu neuronalen Tätigkeiten kam.

 https://www.aargauerzeitung.ch/leben/forschung-technik/ist-der-tod-umkehrbar-forscher-reaktivieren-gehirn-von-totem-schwein-134361266

Zwar ist es auch ein beliebter Glücksbringer, aber wohl deshalb, weil man es aufessen und verwerten kann. So wertvoll das Schwein im Grunde ist, so sehr wird es geringschätzig behandelt, unter unerträglichen Bedingungen gehalten und in Massen umgebracht. „Schwein gehabt“ ist positiv besetzt  aber abwertend, was die Qualität des Glückes ausdrückt, es ereilte einen auf dem letzten Abdruck.

„Schweinerei“, „das kann kein Schwein lesen“, „kein Schwein kümmert sich um mich“ „Den Schweinen wird alles Schwein“, schwitzen wie ein Schwein“

Schon die alten Germanen verehrten das Wildschwein als Sinnbild kriegerischer Kraft und Fruchtbarkeit. Auch die Griechen und Römer der Antike bewerteten das Schwein überwiegend positiv und sahen es als ausgesprochen nützlich an. Es galt als Symbol der Fruchtbarkeit und damit als Zeichen für Wohlstand und Reichtum. Wer über viel "Schwein" verfügte, galt bei den Griechen und Römern als privilegiert und gut situiert. Bei den Chinesen gilt das Schwein, das letzte Tier im chinesischen Tierkreis, als Symbol männlicher Kraft.

„In Saudi-Arabien und im Iran hat es grundsätzlich Einreiseverbot, in Israel darf es nicht den Boden berühren, sodass es nur auf Rollbrettern durch das Heilige Land fahren kann.“ (Taz 2010 https://taz.de/Archiv-Suche/!5141509&s=In%2BSaudi-Arabien%2Bund%2Bim%2BIran%2Bhat%2Bes%2Bgrunds%C3%A4tzlich%2BEinreiseverbot/ ) Dass das Essen von Schwein verboten ist, liegt nicht daran, dass es gespaltene Hufe hat (was koscher wäre) und auch nicht, weil es nicht wiederkäut (was es unrein macht). Auch nicht daran, dass es auch Dreck frisst. Sondern einfach daran, um sich von anderen Völkern, die Schweinefleisch essen, abzugrenzen. Die Muslime, die sich bewusst in die Tradition des Judentums stellten, übernahmen das und grenzten sich dafür durch Alkoholverbot ab.

 

Doch das Schwein könnte imagemäßig Schwein haben, wie jene Ritter, die als die größten Verlierer eines Turniers ein Ferkel als Trostpreis bekamen, und das hat es dem amerikanischen Präsidenten Harry Truman zu verdanken, der meinte: „Niemandem sollte erlaubt sein, Präsident zu werden, der Schweine nicht versteht oder in der Nähe eines Misthaufens gestanden ist.“ Na ja, das gäbe eine schöne präsidiale Ausfallquote...

Foto: AHA, Muttersau in Myanmar
Foto: AHA, Muttersau in Myanmar

RATTE

Sie ist nicht nur das erste Tier im chinesischen Tierkreis, sie ist äußerst erfolgreich, kommt überall hin, lacht, wenn sie in entspannten Zustand am Bauch gekitzelt wird und kann alles fressen, sogar Pelze, Seife, Papier und Bienenwachs. Ihr schlechter Ruf ist sprichwörtlich: da ist die Rede vom Rattenpack und vom Rattenloch, von Ratten, die das sinkende Schiff verlassen und vom Rattenschwanz (der beiläufig gesagt, nicht nackt ist) an Problemen.

 

In der deutschen  Fabel gilt sie als feige, hinterhältig und verschlagen. In Indien werden Ratten allerdings verehrt: dem Glauben nach werden die Seelen der verstorbenen Kinder in den Tieren wiedergeboren. In China gelten Ratten als kreative, kluge Tiere und im alten Ägypten mumifizierte man sie: Sie äßen am Tag des jüngsten Gerichts die Herzen der Sünder.

1984 gab es übrigens in Ägypten eine verheerende Rattenplage, bei der sich die Nager nicht nur auf Baumwollblüten stürzten sondern sie dezimierten auch, so der „Spiegel“ vom 1. 10.1984 Kinderfinger und Kinderohren. Besonders arg soll es die alexandrinische Kletterratte getrieben haben und Schuld an dem Ganzen hatte der Mensch, von dessen Giftattacken die Viecher resistent wurden; der Assuanstaudamm hatte zudem verhindert, dass Nilhochwässer Rattennester ersäuften. Unter günstigen Umweltbedingungen können aus zwei Stück rein theoretisch innerhalb eines Jahres bis zu 2000 werden.

 

Brehms populäres Werk über „Tierleben“ perfektioniert den Rufmord: „...recht fetten Schweinen fressen sie Löcher in den Leib, dicht zusammen geschichteten Gänsen die Schwimmhäute zwischen den Zehen weg, auf den Eiern brütenden Truthennen Löcher in die Schenkel und auf den Rücken; junge Enten ziehen sie ins Wasser“ und sie „...geht auch an das, was der Mensch trinkt. Es fehlt bloß noch, dass sie sich in Schnaps berauschen.

Dabei soll die Infektionsgefahr nicht schön geredet werden, denn der Nager ist Überträger von Salmonellen und Leptospiren, welche grippeähnliche Symptome hervorrufen. Zudem ist er auch Zwischenwirt für Borrelien. Über den Rattenfloh können freilebende Ratten indirekt Überträger der Pest sein.

Zwei Rattenarten sind in Europa vorherrschend, die Wanderratte, welche erst im 18. Jahrhundert aus Asien Mitteleuropa erreichte und die vom Aussterben bedroht ist, und die Hausratte (welche die Wanderratte nun verdrängt). Die Hausratte folgte übrigens den Römern. (Sie ist eine sogenannte „Kulturfolgerin“ und machte so auch als Schiffsratte Furore).

Doch man sollte Ratten differenziert betrachten: Als hochintelligente Laborratte hat sie der Menschheit unglaubliche Verdienste erwiesen und ihre "Nachfolgerin" ist ein verspieltes, soziales und lernfähiges Haustier, das sogar stubenrein werden kann.

Hyäne, Geier, Fledermaus

HYÄNE

Bei ihr tut man sich schwer, ihr etwas Gutes abzugewinnen, obwohl es manche Völker tun: Die Hyäne. Ihr Kichern ist unheimlich, sie zerreißen während der Jagd ihre Beute bei lebendigem Leib, die Weibchen sind absolute Herrscherinnen und ihr Geschlechtsteil sieht aus wie das eines männlichen Tieres, weil sie soviel Testosteron haben. Deshalb glaubte man früher entweder, dass sie zweigeschlechtlich sind oder gar nach Belieben ihr Geschlecht wechselten, was damals unerhört und teuflisch erschien. Ihr Gebiss ist kräftiger als das von Tigern und Löwen und sie sehen hässlich bucklig aus, weil die Vorderbeine länger als die Hinterbeine sind.

Ihr Name kommt wahrscheinlich von griechischen hyis „Schwein“, wegen ihrer Borsten am Rücken. Sie gelten als verschlagen und als Reittiere von Hexen oder bei orientalischen Völkern als eine Erscheinungsform eines Dschinns (Gespenstes).

Doch ihr Kichern kommt aus der Not, nicht aus Belustigung. Lachen ist ein wichtiger sozialer Kitt und so wie das „Lächeln“ ursprünglich eine Demutsgeste, ein harmloses In -die-Luft- beißen.

Bernhard Grzimek versuchte 1968 die Hyäne etwas zu rehabilitieren. „Zahme Hyänen wollen gestreichelt, gekrault und geliebt werden.“ Doch im gleichen Artikel erzählt er auch, dass sie nicht nur Frauen auffraßen sondern auch Borsten Leder, Schuhe und sogar Fahrradsättel. Das sei nach dem Krieg in Uganda passiert, als die Schlachthöfe nicht mehr so viele Abfälle hinterließen, sondern sie lieber weiter verwerteten.

 

Beim Image des Tieres gibt es in Afrika ein Ost-West-Gefälle. Symbolisiert sie bei den Yoruba das Ende aller Dinge, hat die Tüpfelhyäne bei einem Volk im Osten, den Tabwa (ein Bantustamm) die Sonne geholt, damit sie die Erde wärme.

Nach einem Märchen aus Südwestafrika hatte die Hyäne ein schönes glattes Fell wie ein Hund und folgte Löwen, um zu fressen, was diese übrig ließen. Eines Tages aber legte sie ihr Fell ab, um einen Hasen zu erschrecken, der sie quasi hineingelegt hatte. Der rächte sich, indem er das abgelegte Fell mit Dung einrieb. Seither sollen Hyänen nach Dung riechen.

Foto AHA-Schmiding 2018
Foto AHA-Schmiding 2018

GEIER

 

Sein geknickter Hals und der markante Schnabel machen ihn nicht zum Hübschesten unter den Vögeln und wenn er sich vollgefressen hat und seinen Wanst über den Boden schleift, da er nicht mehr fliegen kann, ist sein Anblick im wahrsten Sinne des Wortes nicht erhebend.

 

Weder segelt er elegant, noch hat er das Erscheinungsbild populärer Greifvögel, die rund um dem Globus Menschen bei der Jagd unterstützen und ihr Prestige heben. Aristoteles schrieb, dass Geier in großer Anzahl als Begleiter von Kriegsheeren erschienen.

Mit ihm werden Gier und Geiz verbunden. Geier leitet sich vom Althochdeutschen „gir“ ab, das sowohl "begehren" als auch "gähnen/klaffen" bedeutet. Da hilft ihm nicht, dass kein Geringerer als Sigmund Freud (berühmter Psychologe des 20. Jahrhunderts) ihm eine geradezu tiefgehende  Symbolik zuschrieb (wobei er sich in seinen Deutungen irrte). „Aasgeier", "geiern", "hols der Geier“...und doch:

 

Ohne ihn gäbe es Krankheiten und Verderbnis, denn Geier sind die Müllmänner der Natur und verhindern so die Ausbreitung von Krankheiten. Auch deswegen sind sie gefährdet. Wenn sie über Aas kreisen, verraten sie Wilderer, deshalb präparieren diese die Tierkadaver mit Gift, um möglichst viele Geier gleichzeitig zu töten. Auch die „traditionelle Medizin“ in Teilen Afrikas und Asiens trägt zum großen Geier-sterben bei. Dort sei etwa ihre Zahl in den vergangenen Jahrzehnten um 95 Prozent zurückgegangen.

 

 

FLEDERMAUS

 

Fledermaus heißt auf schwedisch lustigerweise „lederlappen“ und der Einzige, der auf ihrer Seite steht, ist wohl Batman (und sie steht auf seiner Seite).

Dass Graf Dracula sich in eine Fledermaus verwandelt, hat ursprünglich nichts mit ihr zu tun, denn in der Überlieferung der Schauermärchen haben Vampire Menschengestalt. Vielleicht inspirierte den Autor von Dracula (Bram Stoker), dass Teufel und auch dämonische Wesen oft mit Fledermausflügeln (als Gegensatz zu Engelsflügeln) dargestellt wurden.

Erst später wurden bestimmte Arten der Flattertiere Vampirfledermäuse genannt. Es gibt nur in Südamerika drei Fledermausarten, die sich vom Blut anderer Tiere ernähren. 

Der Name Vampir kommt aus dem Slawischen, vielleicht auch Albanischen (das albanische Dhapir bedeutet Zahnflügler (dha= Zahn, pir =geflügeltes Wesen“). Außerdem gab es im Albanischen und im Slawischen den Volksglauben an die „strigoi“ (Untote).  

Nicht von ungefähr ist „strigoi“ und strega (italienisch) auch das Wort für Hexe.

So verwendete man Fledermäuse in einer Art Voodoo-Ritual in Europa zur Abwehr von Hexen. Die Flughunde hatten Pech, weil die Menschen jahrhundertelang Begriffe vermischten und sich Schriftsteller wie Polidori, der in romantischer Manier des 19. Jahrhunderts den Gentlemanvampir ersann, und nach ihm Bram Stoker mit seinem Dracula erzählerisch austobten.

 

Vielleicht beeinflusste das Schicksal der geflügelten Säugetiere, dass sie Kulturfolger sind, z.T. in menschlichen Behausungen nisten und etwa bei Lampenschein Insekten jagen.

 

Auf der Welt gibt es von ihnen 1000 Arten, in Österreich 28. Eine Kolonie von 50 Mückenfledermäusen kann im Sommerhalbjahr bis zu 15 Kilogramm Insekten fressen. Nicht nur aus diesem Grund sind sie nützlich. Sie sind wichtige Bestäuber, ohne die es weit weniger Bananen, Avocados oder Agaven gäbe; Südamerikanische Flughunde verhelfen z.B.  300 Fruchtarten zur Entstehung!

Für die Verbreitung von Coronaviren sind sie bedingt verantwortlich. Fledermäuse leben mit Coronaviren so wie wir Menschen mit Herpes. Sie verursachen keinen Schaden, außer, das Immunsystem ist, etwa durch Stress, geschwächt. (Wenn man massenweise Fledermäuse zum Verzehr fängt, sie lebend in Käfige sperrt und ihnen Lebensraum wegnimmt, bedeutet das Stress). Es gibt zehntausend andere Viren, die ähnlich, aber nicht von Fledermäusen übertragen werden.

 

Momentan klingt es wie Ironie, dass die Chinesen in der Fledermaus ein Symbol für Glück und Gewinn sehen, einfach weil das Wort Glück (fu´ und Fledermaus (fu´) die gleiche Aussprache haben. Das ist schon wieder so eine Begriffsverwirrung!

 

Die Maya  hatten auch eine Fledermausgottheit, die sie sehr verehrten, wohl, weil sie ihnen eine Menge Früchte bescherte.

Übrigens, das Enzym, das die Vampirfledermaus im Speichel hat, um Blutgerinnung zu verhindern, wird auch in der Medizin eingesetzt. (z.B. Thromboseprophylaxe). Es heißt Draculin.

Haie, piranhas, krokodile

Foto: AHA
Foto: AHA

HAI

 

Anfang Juli 1916 tummelten sich tausende von Menschen an der Atlantikküste von New Jersey. Es herrschte eine Hitzewelle und innerhalb von 12 Tagen wurden vier Badegäste durch Haiangriffe getötet und einer schwer verletzt. Dieser Vorfall sollte den Menschen tief in den Knochen stecken bleiben, die bisher Haie für harmlos gehalten hatten. Bis heute ist es aber ungeklärt, wie viele Raubfische daran beteiligt waren und ob nicht auch ein Orca, der als einziger in der Lage ist, durch einen Biss ein menschliches Bein abzutrennen (was tatsächlich bei einem der Opfer der Fall war), aggressiv geworden war.

Ihren schlechten Ruf verdanken Haie ebenso Film und Fernsehen, wie Delfine ihren guten Ruf. Dabei passieren, nebenher bemerkt mehr (auch tödliche) Zwischenfälle mit Delfinen, als mit Haien.

Das oben erwähnte Ereignis veränderte die Betrachtung der Haie und Stephen Spielberg kreierte fast sechzig Jahre später daraus ein globales Ungeheuer. Bei der Verfilmung  des "weißen Hais TeilI" waren auch österreichische Taucher als Berater Spielbergs dabei, die in einem Vortrag in Linz Ende der Siebziger Jahre angaben, sie würden nie wieder für ihn arbeiten, da die Sicht auf die Meeresjäger extrem verfälscht wurde. 

Haibisse sind nicht immer ein Angriff, (bei dem hätte das Zuschnappen ausschließlich den Tod des Opfers als Ziel) sondern passieren aus Neugier. Für die meisten Attacken ist zudem nicht der weiße Hai, sondern der Bullenhai verantwortlich.

Nach neuen Erkenntnissen der Forschung sind Haie intelligente Tiere mit komplexem Sozialverhalten. Der graue Riffhai warnt, indem er mit gesenkter Brustflosse schwimmt und manche Bisse dienen wahrscheinlich dazu, Konkurrenten oder Störenfriede zu vertreiben, weswegen diese oft nur kleine Fleischwunden zur Folge haben.

 

Das Verhältnis des Hirngewichts von den Knorpelfischen mit dem Revolvergebiss zu ihrem Körpergewicht entspricht dem von kleinen Säugetieren (z.B. Ratte). Sie verfügen über ein Kurz- und Langzeitgedächtnis und können lernen. Grönlandhaie können bis zu 400 Jahre alt werden (müssten also eine Menge wissen!)

 

Haie sind im Meer das, was unter Anderem Geier in der Luft sind: Saubermacher. Sie verhindern, dass sich kranke, schwache Tiere fortpflanzen oder Epidemien ausbrechen.

1962 drehten Italiener in Französisch Polynesien einen Film: Ti-Koyo e il suo pescecane . Auf deutsch lautete er: „Mein Freund der Hai“ und erzählt die Freundschaft eines Jungen mit einem versehentlich gefangenen jungen Hai. Es geht auch anders.

PIRANHAS

Sie sind zwischen 15 und 40 cm groß, können 15 Jahre alt werden und haben ein furchterregendes Gebiss aus Sägezähnen. Über sie gibt es Schauergeschichten, obwohl es in deren Heimat Südamerika viel schrecklichere Fische gibt, etwa solche, die Männern in die Harnröhre springen, wenn diese unvorsichtigerweise ins Wasser pinkeln. (diese heißen übrigens Vampirfisch oder Candiru- und sind eine Welsart).

Alexander von Humboldt (1812) und Theodore Roosevelt (1914) die beide Südamerika bereisten, berichteten über Piranhas auf durchaus blutrünstige Weise. Immerhin wollte ein brasilianischer Fischforscher Roosevelt beeindrucken und ließ in einen abgeriegelten Abschnitt, in dem man zuerst unzählige Piranhas verfrachtet hatte, eine geschlachtete Kuh hinein schmeißen. Die panischen Fische boten ein entsprechend schauriges Schauspiel, das man wohl genauso mit Tieren erzielt hätte, die sonst als harmlos gelten. Und Herr Humboldt schrieb, „dass Menschen von ihnen beim Baden und Schwimmen angefallen werden. Gießt man ein paar Tropfen Blut ins Wasser, so kommen sie zu Tausenden“. Er bezog sich dabei auf Erzählungen von Einheimischen, ohne es je selbst gesehen zu haben.

Wenn sie unter Stress stehen oder die Männchen ihre Brut bewachen, können Piranhas natürlich aggressiv um sich beißen; wie erforscht wurde, leiden sie relativ schnell an Stress.

Zu viel Licht, zu heller Kies, zu viel Lärm und Tamtam... Piranhas sind nämlich konservativ.

 

Veränderungen schätzen sie ganz und gar nicht, berichten Aquarienbesitzer, die Erfahrung mit der Haltung der Südamerikaner haben. Diese Fische sind zudem nicht gern allein und fühlen sich nur gemeinsam stark: Vereinzelt verhalten sie sich schreckhaft und ängstlich, Rückendeckung von einem Schwarm Artgenossen beruhigt sie. Wenn allerdings in der Trockenzeit bei niedrigem Wasserstand, vom Fluss nur brackige Tümpel bleiben, der Sauerstoffgehalt im Wasser sinkt, die Temperatur steigt, die Nahrung zur Neige geht, stürzen sich Piranhas sogar auf Artgenossen. „Caribito“ oder „caribe“, heißen sie bei der indigenen Bevölkerung des Amazonas, was „Kannibale“ bedeutet.

Da kommt ihnen ihre extrem schnelle Wundheilung zugute. angebissene Schwanz- und Rückenflossen wachsen innerhalb kurzer Zeit wieder vollständig nach.

2011 berichteten brasilianische Zeitungen von besonders viel Bissverletzungen an Füßen von Flussbadegästen. An die hundert mussten im Krankenhaus behandelt werden. Der Grund für die ungewöhnlich hohe Anzahl an Verbissen war Überfischung. Die kleinen Angreifer hatten nicht genug zu futtern und sich zudem aus Mangel an natürlichen Feinden vermehrt. Dabei sind sie normalerweise eine Art Gesundheitspolizei. Weil sie auch Kadaver fressen, verhindern sie die Ausbreitung von Krankheiten...na ja, sie werden es diesmal wohl nicht auf Fußpilze abgesehen haben… Die Indios, gleich ob groß oder klein, baden unbehelligt in den Flüssen...weil sie sich wohl auskennen.

 

KROKODILE

Sie sehen unheimlich aus mit ihrer langen Schnauze, dem starren Blick, gebleckten Zähnen und den steilen Rückenschuppen. Sie gelten als gemein. Massenhaft werden sie auf Krokodilsfarmen zu Accessoires verarbeitet. Aber sind sie wirklich so gefühllos?

Muss Kasperle wirklich das Krokodil mit einem Knüppel verhauen, weil es so böse ist?

Beim Kasperletheater also beim Puppenspiel steht das Krokodil für den Drachen, der das Böse, Gefahr und den Trieb verkörpert (der heilige Georg kämpfte gegen ihn, weil er zu viele Jungfrauen forderte…oder so...)

 

In der jugendfreien Version des Hanswurst reicht es, dass die Panzerechse hinterfotzig ist. Ganz gewiss trifft das auf das indische Sumpfkrokodil zu, das Vögel anlockt, die nach Baumaterialien für ihre Nester suchen. Es balanciert ein Stöckchen auf der Nase und schnappt zu, wenn sich seine entfernten gefiederten Verwandten (beide stammen von Sauriern ab) es holen möchten.

Das altgriechische Wort kokodrilos bedeutet „Steinwurm.“ Viele Völker verehren das Krokodil, das in Ägypten etwa heilig war und eigene Tempel besaß. Es handelt sich dabei um Sobek, der mit einem Krokodilkopf dargestellt wird (übrigens sind es die hübscheste Krokodilsdarstellungen überhaupt).

Aristoteles schrieb, dass „...an einigen Orten selbst die Krokodile zahm gegen die Priester werden, welche ihnen ihr Futter darreichen.

Sobek ist ein Gott des Fortbestandes, des Wassers (das Wasser wurde als Schweiß der Krokodile gedeutet) und einer der 43 Totenrichter des Ägyptischen Totenbuches, der für die Beurteilung der Aggression zuständig war. Als Gott der Fruchtbarkeit, als Herr des Feldes" im Zusammenhang mit der Nilschwemme verehrt, stellte man sich vor, wie aus dessen Leib „die Speisen hervorquellen.“ Archäologen fanden entsprechend viele mumifizierte Krokodile. Die Ägypter kannten aber auch den krokodilfratzigen Dämon Sui mit „Zähnen wie Messer aus Kiesel.“

 

Auf Madagaskar meinte man, dass Krokodile nur dann Menschen töten, wenn diese zuvor ein Krokodil getötet hatten. Ein Mensch durfte ein Krokodil töten, wenn dies zuvor einen Unschuldigen gemetzelt hatte. Wer im Verdacht stand, ein Krokodil getötet zu haben, musste einen krokodilverseuchten Fluss unversehrt durchqueren, um seine Unschuld zu beweisen. (mehr im Wikipedia-Artikel über Krokodile). Die älteste Darstellungen der Panzerechse findet man bei den Aborigines in Australien, sie sind etwa 30.000 Jahre alt.

 

Nach neuesten Erkenntnissen sind Krokodilstränen ein ziemlich schlechtes Sinnbild, denn die Panzerechsen haben einen ausgeprägten Faible für Spaß und Spiel. Sie surfen, spielen Ball, tragen einander huckepack herum und klettern manchmal auch...auf Bäume. Sogar mit Menschen freunden sich die Tiere in seltenen Fällen an (was Aristoteles ja bereits wusste). Es wurde sogar beobachtet, wie junge Krokodile in eindeutig spielerischer Absicht mit einem Flussotter herumtollten. (VGL die Veröffentlichungen des Krokodilforschers Vladimir Dinets von der University of Tenessee at Knoxville 2015

https://www.morgenpost.de/schueler/leben/article209274075/Vom-erstaunlichen-Spieltrieb-der-Krokodile.html 

Foto: AHA, Südafrika
Foto: AHA, Südafrika

Die Ekligen: Fliegen, Spinnen, Kakerlaken

 

FLIEGEN

 

„Fliegengeschmeiß“ „Mach Fliege“ „Herr der Fliegen“, eine Bezeichnung für Mephisto in Goethes Faust und ein Romantitel, der die Bestie in Kindern zeigt, als sie sich auf einer Insel selbst überlassen sind. (Mittlerweile weiß man aus tatsächlichen Fällen gestrandeter Kinder, dass sie eher zu Kooperation neigen. Golding, der Autor vom Herr der Fliegen war ein ziemlich kaputter Typ, den die Schrecken des zweiten Weltkrieges mitgenommen hatten.)

 

Auch Beelzebub bedeutet Herr der Fliegen und ist eine Verunglimpfung des heidnischen Gottes Baal (Ba‘al az-Zubab).

Im Zoroastrismus wird die Dämonin Nasu als eine in Leichen wohnende Fliege dargestellt und verkörperte Verwesung Unreinheit und Zerfall.

Weil die Stubenfliege alles, auch Kot frisst und ihre Eier in Kot legt und daher Krankheitserreger wie Salmonellen oder TBC übertragen kann, ist sie mit Ekel behaftet. Setzt sie sich auf Menschen, weil sie das Salz aus seinem Schweiß braucht, ist das Grausen durchaus motiviert.

Sie frisst nämlich so, dass sie Verdauungsenzyme auf ihre Nahrung erbricht, die zersetzt und aufgeschleckt wird. Dazu ist sie schwer zu jagen, weil sie mit ihren Facettenaugen nicht nur 360° sieht, sondern auch alles in Zeitlupe wahrnimmt: Sie kann 300 Bilder pro Sekunde sehen, der Mensch nur 60. Selbst ein Zeitrafferfilm wäre für sie wie eine händisch abgekurbelte Diaschau mit ewig langer Verweildauer der Einzelbilder.

 

Aber immerhin: die Ägypter integrierten Fliegen in die Gestaltung ihrer Amulette, mit denen sie Krieger auszeichneten. Sie galten als Orden für Hartnäckigkeit. „Der“ Kunsthistoriker der Renaissance, Giorgo Vasari, erzählte (nach einer Geschichte von Plinius) dass der große Maler Giotto ( berühmt ist etwa seine Ausstattung der Scrovegnikapelle in Padua) als Lehrling seinem nicht minder berühmt gewordenen Meister Cimabue einen Streich spielte, indem er eine Fliege auf die Nase einer Figur in dessen Bild malte. Cimabue habe dann mehrmals versucht, die Fliege zu verscheuchen, bis er dahinter kam.

 

Fliegen sind unverzichtbar: Die Larven vieler Fliegen beseitigen als „Tatortreiniger“ tote Tiere und Kot. Außerdem sind sie Nahrung für viele andere Tiere, zum Beispiel für Vögel, Frösche, Spinnen und Fische, die ohne sie verhungern würden.

Etwa 10.000 Fliegenarten sind allein in Mitteleuropa bekannt, 100.000 gibt es weltweit. Zweien muss die Menschheit mindestens ein wenig dankbar sein: der Drosophila, der Fruchtfliege, die wertvolle Dienste für die Forschung geleistet hat: Durch sie verstand man etwa das menschliche Gehirn besser: Anstatt 100 Milliarden Nervenzellen (wie das Gehirn eines Menschen) hat sie nur 250.000 und funktioniert doch ähnlich wie er, wie etwa ein Stresstest beweist. Die Fruchtfliegen zeigen unter Stresseinfluss alle Anzeichen einer Depression. Was sie selbst machen muss und wofür sie Motivation braucht, lässt sie grundsätzlich bleiben. https://www.mdr.de/wissen/faszination-technik/fruchtfliegen-forschung-100.html

Die zweite ist die Schokolade-Gnitze, eigentlich eine Stechmücke, was eine Unterart der Fliege ist. Der Kakaobaum ist ausschließlich auf die Bestäubung der Gnitzenarten Forcipomyia (Euprojoannisia) angewiesen. Bei uns sind diese Mücklein äußerst lästig: klein, man hört sie nicht, aber sie hinterlassen fiese Stiche.

 

Fliegen sind also nicht appetitlich, aber weder können wir auf sie verzichten, noch dürfen wir sie ausrotten, weil sie Teil des Ökosystems sind.  Christian Morgenstern meint:Es ist ein wahres Glück, dass der Liebe Gott die Fliegen nicht so groß wie die Elefanten gemacht hat, sonst würde es uns, sie zu töten, viel mehr Mühe machen und auch weit mehr Gewissensbisse.“  

SPINNEN

 

Vor mehr als 2.300 Jahren schrieb Aristoteles über sie: „...auch unter den Spinnen sind einige sehr geschickt und in ihrer Lebensweise kunstreich... Die Spinnen können bald nach der Geburt ein Gewebe spinnen, nicht von innen heraus, wie einen Ausscheidungstoff, eine Meinung welche Demokritos aufstellt , sondern von der Oberfläche des Körpers , vergleichbar einer Rinde oder dem Fortschleudern der Haare, wie es bei den Stachelschweinen geschieht.“ Heute wissen wir: Demokritos  hatte fast 100 Jahre vor Aristoteles  recht.

Bei den Achtbeinern denkt man an Webspinnen (2/5 aller Spinnentierarten), zu den insgesamt 100.000 gehören; auch Pfeilschwanzkrebse.

 

Wer echte Spinnenangst hat, sollte hier zum Lesen aufhören, obwohl unter den rund 40.000 Arten weniger als ein Dutzend Arten für den Menschen gefährlich und nur in besonderen Fällen (Allergiker) tödlich- sind.

Während die Vogelspinnen seit 200 Millionen Jahren existieren, sind die Radnetzspinnen, Wolfsspinnen und Springspinnen erst nach dem Asteroideneinschlag vor 65 Millionen Jahren entstanden, der u. A. zum Aussterben der Dinosaurier beitrug.

In Teilen Südostasiens gelten sie als Glücksbringer und man veranstaltet sogar Spinnenzweikämpfe.

 

Acht Beine unfallfrei (noch dazu im Zweikampf) zu koordinieren, ist ein Kunststück, aber die Spinne kann jedes Bein einzeln bewegen, unabhängig von den anderen. Beim Gehen funktioniert es so: Das 1. und 3. Bein auf der einen Seite werden gleichzeitig mit dem 2. und 4. auf der anderen bewegt, immer abwechselnd".

 

Dass sie in freier Natur kämpfen ist zwar häufig, aber nicht alle Spinnen sind Einzelgänger. Soziale Spinnen bauen riesige Gemeinschaftsnetze, jagen zusammen und ziehen ihren Nachwuchs miteinander groß, alles ohne Königin oder Kasten immer mit der Möglichkeit, alleine zu überleben und in einer Arbeitsteilung nach Talent und Charakter. Aggressive Artgenossen werden etwa zur Jagd eingeteilt. (proceedings of thethetional Academy of Sciences http://www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.1400850111 )

 

Besonders in Afrika scheint man um die Qualitäten der Krabbler Bescheid zu wissen: Anansi gehört zum Folklore der Akan (Ashanti) und ist die Gottheit des Erzähl-bzw. Märchenwissens. Der Gottheit in Spinnengestalt gehören alle Märchen der Welt. Als gevievter Trickster (Mischung aus Joker wie in Kartenspiel und Schelm) reicht das erzählerische Wirkungsfeld Anansis von Westafrika bis Afroamerika und Karibik. Ja sogar im Voodoo hat sie einen Platz. Das Durchhaltevermögen afrikanischer Sklaven auf den Plantagen basiert auf der Motivationskraft der Spinnenerzählungen, denn Anansi hat in den Legenden oft schon durch seinen Einfallsreichtum das Blatt zu seinen Gunsten gewendet.

 

Im Koran ist sogar Sure 29 nach ihr benannt: (al-‘Ankabūt, "die Spinne"): Wer sich einen anderen Freund als Gott nimmt, ist einer Spinne zu vergleichen, die das schwächste Haus hat.“

Ovid stellt das Spinnendasein als Strafe dar. In seinen "Metamorphosen" erzählt er die tragische Geschichte der begabten Weberin Arachne, die Athene zu einem Handarbeitswettkampf herausforderte, sie besiegte und aus Frust von der Göttin in eine Spinne verwandelt wurde. (Arachne hatte die Sex-Eskapaden der Götter dargestellt, kein Wunder also.)

In Wahrheit hat sich Arachne sicher nicht fadisiert, denn die Vielseitigkeit der Spinne ist bemerkenswert: Sie weben, springen, zittern, tanzen, winken, trommeln, hungern, zischen, graben Tunnels, bauen Taucherglocken, speien Seide, rotieren und schlagen Saltos. Sie fliegen ohne Flügel oft bis 3000 Meter hoch, wo sie manchmal von Flugzeugen erfasst werden und schwingen an Fäden wie Tarzan von Ast zu Ast oder gleiten auf Seidenflößen hunderte Kilometer weit. Manche laufen auf dem Wasser, andere besitzen Augen, die wie Zoomobjektive funktionieren.

 

Sogar die Medizin interessiert sich für sie: man möchte Spinnenfäden für die Wundheilung produzieren und Wirkstoffe aus ihren Giften isolieren um physiologische Prozesse in menschlichen Körpern zu beeinflussen. Stabilität, Reißfestigkeit (zum Teil stärker als Stahl) und Elastizität der Spinnenfäden war bis jetzt künstlich nicht nachzuahmen, stattdessen setzte man in Schafen Spinnengene ein, um aus ihren Eutern Seide zu melken. Mittlerweile gibt es sogar Kleidung daraus.

Man kann aus Spinnenseide  auch schuss-sichere Westen, medizinisches Nahtmaterial oder gut verträgliche Hüllen für Brustimplantate machen.  Vgl. https://www.faz.net/aktuell/wissen/natur/spinnfaeden-reissfest-leicht-perfekt-13167822.html

„Spinnst du?“ wird ebenso völlig neu aufgefasst werden, wie das „Pfui Spinne“ (Besonders dann, wenn man mit Netzen aus Achtbeinergespinst sogar Flugzeuge einbremsen kann.)

KAKERLAKEN

Sieht man eine, kann man sicher sein, dass sie eine Horde hinter sich weiß. Rund um den Globus stöhnt man über sie, die lichtscheuen Urzeitinsekten, die gerne etwa mit harmlosen Waldschaben oder Asseln verwechselt werden. In Japan können sie sogar fliegen und sind trotz höchster Hygiene eine riesen Plage. Es gibt zwar 3.500 bekannte Schabenarten, aber nur fünf suchen gezielt unsere Nähe.

2001 fand man eine neun Zentimeter große versteinerte Schabe, die auf 300 Millionen Jahre geschätzt wird. Rupert Sheldrake merkte einmal respektvoll an: „Der Kakerlak ist 200 Millionen Jahre alt und hat sich nicht verändert. Er hat allerdings sein Verhalten so angepasst, dass er in New Yorker Wohnblocks leben kann.“ ...und Schaben können sogar in Tv-Shows singen... (2020 RTL, the Masked Singer).

 

In China erzielen Firmen mit „Kakerlakenmilch“ unglaublichen Umsatz, die größte Kakerlakenzuchtfabrik kommt über die letzten Jahre auf 684 Millionen Dollar. Sie befindet sich bei Xichang in Sechuan und produziert sechs Milliarden Kakerlaken pro Jahr. Nicht auszudenken, wenn die von künstlicher Intelligenz überwachten Tierchen freikämen. (2013 waren schon mal eine Millionen Kakerlaken aus einer Zuchtfarm entkommen: https://www.welt.de/vermischtes/kurioses/article119384043/Eine-Million-Kakerlaken-aus-Zuchtfarm-entkommen.html 

Kangfuxin ye oder „Trank der Genesung“, den man aus den getrockneten und zerquetschten Insekten erzeugt, habe eine teeähnliche Farbe, schmecke leicht süßlich, röche etwas fischig und werde bei Magenschmerzen, zur Stimulierung des Wachstums beschädigten-Haut und Schleimhautgewebes -auch bei inneren Organen- verwendet.

 

Die Kakerlake ist seit Tausenden von Jahren ein Bestandteil der traditionellen chinesischen Medizin. In einigen ländlichen Gebieten in Südchina werden Säuglinge gelegentlich noch mit Kakerlaken gemischt mit Knoblauch gefüttert, um Fieber zu behandeln, das durch eine Infektion oder Magenverstimmung verursacht wird.

Immerhin empfahl der griechische Arzt und Pharmazeut Dioskurides im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung Kellerasseln bei Entzündung der Schlundmuskeln und „das Innere der sich in Bäckereien findenden Schabe mit Öl zerrieben oder gekocht und eingeträufelt lindert Ohrenschmerzen“.

Schaben können eine ganze Reihe von Krankheitserregern an sich und in sich tragen und verbreiten, weiß die Wissenschaft. Dazu kommt, sie sind ziemlich intelligent, besonders die Deutschen Kakerlaken, die ganz gerne auch illegal in China importiert werden...

Sie können aufgrund zwei Informationen Entscheidungen treffen, wohin sie gehen und kollektiv für eine bestimmte Futterquelle stimmen, indem eine bestimmte Anzahl dort bleibt, sodass sich Neuankömmlinge keine andere Nahrung suchen.

Ihre Schnelligkeit verdanken Schaben der kurzen Nervenverbindung zwischen zwei kleinen Gehirnen und dem Bein. In einer halben Sekunde beschleunigen sie auf sechs km/h (ihre Höchstgeschwindigkeit). Da sie aber nicht bremsen können, rennen sie scheinbar kopflos umher, mit gesenktem Kinn krachen sie mit ihrer Knautschzone Chitinpanzer regelmäßig voll gegen jedes Hindernis.

Sie spezialisieren sich auf Lieblingsnahrung, verwerten aber in der Not auch Tapetenreste oder das Gummiarabicum, das an der Rückseite von Briefmarken klebt. Gut funktionierende Symbiose in ihrem Verdauungstrakt mit Bakterien ermöglichen diese große Flexibilität.

Alle vier Wochen legen Deutsche Schaben etwa fünfzig Eier. Dass Kakerlaken nach einer nuklearen Katastrophe die nächsten Herren der Erde sein werden, ist trotz ihrer hohen Resistenz gegen radioktive Strahlung nicht so sicher. Denn mehr als die fünzehnfache Dosis, die für Menschen tödlich ist, vertragen auch sie nicht.

 

Nicht nur dass sich etliche Tiere von ihnen ernähren, haben sie ausgerechnet Wespen als größte Feinde. Die Juwelwespe bringt die amerikanische Schabe um, indem sie ein Gift in ihr Gehirn injiziiert, welches ihren Fluchtreflex unterdrückt. Sie legt dann ein Ei auf den Körper der Schabe ab, die sie in ihrer Bruthöhle untergebracht hat. Die geschlüpfte Wespenlarve ernährt sich von den inneren Organen, bis die Schabe verendet.

Rein musikalisch betrachtet, ist „La Cucaracha“ die bekannteste Kakerlake; was ein Spottname für den mexikanischen General Victoriano Huerta (1860-1916) ist, der die indigenen Yaqui und Maya und dann Revolutionäre wie Pancho Villa bekämpfte. Aufgrund seines Alkohol- und Drogenkonsums konnte er angeblich ohne Marihuanarauchen nicht gehen. („La cucaracha, la cucaracha, Ya no puede caminar; Porque no tiene, porque le falta Marihuana que fumar“).

Jedenfalls erzeugt die Madagaskar-Fauchschabe zwar keine Ohrwürmer, aber durchaus kurzweilige Klänge: Schubst man sie, stößt sie Fauchgeräusche in acht verschiedenen Tönen aus und wird wohl auch deshalb gerne als Haustierchen gehalten.

fazit

Underdogs,

verachtete, gemiedene und massenhaft ausgerottete Tiere: Auch wenn man sich vor ihnen ekelt, sogar wenn sie Probleme bereiten, so haben sie stets auch nützliche Seiten. Die Geschichten zeigen: Nur in den Augen der Menschen sind sie Underdogs. In jenen der Evolution stehen sie auf der Stufe der Erfolgreichen und haben ihren Platz sogar durch Millionen Jahre verteidigt (länger als der Mensch).

Zudem ist der Wert aller Lebewesen kulturell höchst unterschiedlich bemessen und oft zu Unrecht haben religiöse Instititutionen Tiere als Sinnbild für Schlechtes benützt (und oft ebenso fälschlich positiv besetzt). Unser Verhältnis zur Fauna basiert auf Erziehung, auf Ammenmärchen, Legenden und in neuster Zeit auf Imagekampagnen der Medien, zu denen ebenso Werbefilmchen wie Tierdokus gehören. Manchmal werden sie auch für Falschmeldungen (etwa der Medizin- und Pharmaindustrie oder von Lobbys wie etwa aus der Nahrungsmittelindustrie) missbraucht. Sogar in der Kindererziehung benutzt man sie unmotiviert und fälschlich.

Man muss sie nicht alle lieben, aber respektieren, dass auch sie nicht ohne Grund ihren Platz in der Schöpfung bekommen haben. Auf das riesige Archiv der erfolgreichen Selbstbehauptungs- und Überlebensstrategien, über das nicht nur die genannten Tiere sondern auch viele andere in unserer Achtung weiter unten stehenden Kreaturen der Zoologie(etwa Würmer, Coyoten, Schlangen) verfügen, werden wir wohl nicht verzichten können. Und was wären wonnig-schaurige Dichtungen (z.B. Franz Kafkas „Verwandlung“) wert ohne sie? 

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