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Natürliches

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Was ist Natur?

Frühling ist da, zuerst dem Namen nach und langsam folgt normalerweise das Wetter. Die Natur erwacht. Natur: Ein Wort mit vielen Verwendungen.

 “Nichts beglückenderes, als dieses Zeitalter! Vereint genoss man die Natur. Sie genügte, Allmutter und Schützerin, sie, die Gewähr für sorglosen Besitz und gemeinsame Fülle. „ ...Unbearbeitet war die Erde selbst ertragreicher, freigiebig für die Nutzung der Völker ohne Raubbauwirtschaft“, schrieb Seneca im zweiten Jahrhundert nach Christus und erinnerte daran, dass Vergil dies fast zweihundert Jahre zuvor bereits gesagt hatte.

Ach ja, die Natur, ein Wort wie „Liebe“ oder „Glück“, kaum fassbar, nicht eindeutig verwendet, noch weniger klar definiert. Und irgendwie aktuell, auch in der Brisanz, ihrer verlustig zu gehen.

 

Der neue Herder schreibt in seiner neunten Auflage 1949, dass Natura, Physis auf Griechisch, Geburt, Wesen, Beschaffenheit bedeute. Sie umfasse Stoffe, Kräfte, Formen und Verhaltensweisen der gesamten materiellen Wirklichkeit, soweit sie nicht vom Menschen geschaffen sind. Weiters sei sie eine Wesensart des Seienden, urtümlicher Zustand, von unverfälschter Prägung wie auch die körperliche triebhafte Anlage des Menschen im Gegensatz zu Geist und Wille. Er zitiert Horaz: „Die Natur kehrt wieder, auch wenn du sie mit der Gabel verjagst.“ 

Bild: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11622063
Bild: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11622063

Frank Wedekind karikiert in seinem Stück Frühlings Erwachen den Trieb, den er sich, trotz seiner Auswahl des Umschlagbildes für sein Stück,nicht der Natur, sondern dem Egoismus unterordnen lässt.

 

Worüber ist also hier die Rede, wenn die wichtigsten Bedeutungen des Naturbegriffes:

  • das Sein im Ganzen, der Kosmos (Universum),
  • ein Teil der Wirklichkeit, der das Gegenteil zu einem nicht-natürlichen Bereich – z.B. dem Göttlichen, Geistigen, Kulturellen, Künstlichen oder Technischen, bedeutet,
  • eine Eigenschaft der Wirklichkeit bzw. eines Wirklichkeitsbereiches

und

  • das Wesen eines Gegenstandes  bezeichnen?

Eins ist klar, das hier Geschriebene kann nicht vollständig sein, denn dann müsste ein ziemlich dickes Buch daraus werden. Aber es will einfach bestehende Ansichten und bestehendes Wissen neu verknüpfen, aus dunklen Ecken hervorholen und aufzeigen, dass wir bei weitem in der Naturbetrachtung nie "modern" sein können.

Wenn was nichts miteinander zu tun hat, dann sind es Natur und Mode, denn die Natur hat sich noch nie verkleidet. Das hat der Mensch zwar versucht, hat damit aber viel Unheil angerichtet...

 

 

Foto: AHA
Foto: AHA

NATUR und RELIGION

Eine Kulturgeschichte der Naturgeschichte kommt ohne Klärung des Begriffes Pantheismus und Kosmotheismus bzw. Animismus nicht aus.

 

Im Pantheismus ist Gott eins mit dem Kosmos und der Natur. Es gibt also keinen personifizierten Gott, weder mit Rauschebart noch durch und durch blau... Wikipedia nennt unter den Pantheisten die Philosophen vor Sokrates, aber auch Naturvölker wie die Native Americans.

 

Im Kosmotheismus ist die Welt/Natur von alleine entstanden. (Etwa im Buddhismus oder Taoismus).

Polytheistische Religionen haben  Gottheiten, die für verschiedene Belange und eben auch Teile der Natur zuständig sind.

 

Im Animismus gibt es keine Götter oder Gottheiten, alles ist beseelt, auch Steine. Der Mensch kann sogar mit Naturerscheinungen, wie etwa einem Gewitter kommunizieren. Daher ist der Animismus mit schamanischen Traditionen verbunden.

 

 

Foto: AHA
Foto: AHA

Wer sich mit Natur-Geschichte beschäftigt, muss sich weit in die Zeit zurück ins Archaische wagen, denn wer der Natur ausgesetzt und ausgeliefert war, bedurfte der Mythen, um seine Ängste vor Naturgewalten zu besänftigen.

 

Gleich ob im finnischen Kalevala, oder ob im Altägyptischen in der chinesischen Legende von Pangu, oder bei den Dogon in Afrika: Das Universum entstand aus einem Ei, und die Welt aus göttlichen Körpern, oder, wie in der Edda, aus Körpern von Urriesen;

in Babylon aus dem Körper des Tiamat, bei den Griechen war´s Gaia; bei den Hindus Purusha. Die Welt ist also ein Körper und wir Menschen  ein winziger Teil davon. Natur ist also nicht einfach Verkörperung des Lebensprinzips sondern von Anfang an Körper. 

 

Bei den Pelasgern, den Vorläufern der Griechen, entstand die Welt aus dem Tanz der Göttin Eurynome, bzw. daraus, dass sie sich im Schlaf (auf) ein Ei gelegt hatte, nach dem sie es  als Taube verwandelt mit einer Schlange produziert hatte. Sie regierte, nachdem alles entstanden war, das Meer, aus dem, wie wir heute wissen, das Leben hervorging. Sie wird in Anatolien heute noch verehrt...

Das ist nur ein Vorgeschmack, denn in Schöpfungsmythen kann man sich verlieren.

 

In keiner der "Ur-Religionen"  fehlt das Prinzip Intelligenz und die Schöpfung war ein kognitiver Akt (der Verstand/Geist  spielte eine Rolle): Manchmal in der Form des Logos (des Wortes) oder im Prinzip des Mentalen (Kybalion). Das verkörperte bewusste Prinzip hatte die Gestalt des ägyptischen Gottes Atum; die Germanen pflegten eine pluralistische Auffassung, sie nannten ihre Götter nicht nur Asen, sondern Rater.

 

Die probabilistische Auffassung ist, dass die Natur von Haus aus zufällig ist…“, schreiben Rupert Sheldrake und Terence Mc Kenna in „Denken am Rande des Undenkbaren“, „...doch in der Natur begegnen wir dieser Zufälligkeit nirgendwo.

 

Man könnte aber meinen, dass der moderne Mensch das einzige Geschöpf sei, der dieses Postulat beharrlich ignoriert und mit seinen regulativen Maßnahmen wenn schon  nicht die Zufälligkeit, dann doch die Unabwägbarkeit auszutreiben versucht. Indem er den Blick auf Natur einengt, um es sich einfacher zu machen, sie mittels Regeln zu verstehen, scheint sich alles, was ausgeklammert wird, wie wild zu gebärden: zufällig und eben natürlich.

 

 

Wie der Homo Sapiens Sapiens (eine etwas anmaßende Bezeichnung) die Natur heutzutage sieht, hat eine Ursache in der Verknüpfung des „Weltzuganges“ der biblischen Religion „Macht euch die Erde untertan“ mit der antiken griechischen Philosophie, genauer genommen den Erkenntnissen des Aristoteles. Wären wir nämlich seinem philosophischen Antagonisten Platon gefolgt, der“ein wundergroßes Bestreben nach jener Weisheit“ hatte, welche man Naturkunde nennt.“, wie sähe unsere Umwelt heute aus?

Antike Naturgeschichte(n)

Ill.: AHA
Ill.: AHA

"Ob es das Blut ist, wodurch wir denken, oder die Luft oder das Feuer? Oder keines von diesen, sondern das Gehirn bringt uns alle Wahrnehmungen hervor...“ (Phaidon 96b), hat natürlich Einfluss auf die Wahrnehmung der Wirklichkeit, auch der Natur. Der Begriff Natur (Physis) ist aber bei Plato der Begriff der Wirklichkeit schlechthin.

Aristoteles

hingegen bekräftigt in seiner Metaphysik, Zahlen seien das Erste in der ganzen Natur und Zahlen seien das Wesen aller Dinge. Und eben die Mathematik und die Lehre von den Formen gehörten ausschließlich zur Naturwissenschaft, welche nicht die vergänglichen Wesen, nämlich Pflanzen und Tiere beinhalte.

Immerhin verfasste er eine Historia Animalum und versuchte, die Tierwelt zu klassifizieren, indem er Organe verglich und sich von Bekanntem zu weniger Bekanntem hantelte. Na, ja. In seiner Metaphysik behauptete er: „ Man darf freilich nicht fordern, dass alles so entstehe, wie der Mensch aus dem Menschen. Denn auch die Frau stammt vom Manne ab. Deshalb stammt der Maulesel nicht vom Maulesel...“

 Pliniushandschrift aus Florenz
Pliniushandschrift aus Florenz

Plinius der Ältere

ist der "Vater" der Enzyklopädien und gewisserweise auch der lexikalischen Aufbereitung der Naturgeschichte: Etwa 77 n. Christus schrieb er seine Historia Naturalis, die älteste vollständig überlieferte systematische Enzyklopädie mit 37 Büchern mit insgesamt 2493 Kapiteln.

Er handelte die Welt und ihre Elemente ab, sowie Luft und Steinregen, die Entstehung der Winde, das Wunder des Feuers an sich, Tiere, ob die Fische atmen oder schlafen, Bäumen und Pflanzen und Vieles mehr; alleine das Inhaltsverzeichnis erstreckt sich über zig Seiten.

 

In seinem Vorwort verneigt er sich vor der Natur: "Wir haben Ursache zu glauben, dass die Welt und das, was wir mit einem anderen Namen Himmel nennen, dessen Wölbung alles bedeckt, etwas Göttliches, Ewiges, Unermessliches sei, welches weder erzeugt ist, noch untergehen wird. Über dieses hinaus zu forschen, nützt weder dem Menschen, noch vermag sein Geist es deutend zu erfassen. Sie ist heilig, ewig, unermesslich, ganz in dem Ganzen, ja sie ist selbst das Ganze; begrenzt und doch scheinbar unendlich, sicher in allen ihren Teilen und doch scheinbar unsicher; sie umfasst alle Dinge in sich; sie ist zugleich ein Werk der Natur und die Natur selbst. "

Foto: ATH
Foto: ATH

 

Monotheistische Religionen tendieren dazu, Naturgewalten, welche die Menschen heimsuchen, als Strafe Gottes für Fehlverhalten zu interpretieren. Im Gilgamesch Epos ist die Sintflut nicht direkt Strafe, sondern ein Ansinnen der Götter, möglicherweise das Großreinemachen von veralteten Göttern, während etwa in der Sage von Deukalion und Pyrrhe die Götter sauer auf die Menschheit sind und daher eine Sintflut schicken.

 

Natur war also durchaus bedrohlich und das trübte lange Jahrhunderte das Verhältnis zu ihr. Die Sehnsucht nach derselben ist eine Erfindung des neunzehnten Jahrhunderts.

Lukrez meinte in seinem De rerum natura  "Über die Natur der Dinge"  im 1. Jahrhundert vor Christus, dass die Welt viel zu mangelhaft sei, um von Göttern erschaffen worden zu sein. Was ganz danach aussieht, dass er einer der ersten war, die der Ehrfurcht vor der göttlichen Schöpfung den Wind aus den Segeln nahm.

Denn wenn Herodot fünfhundert Jahre zuvor über hundsgroße Ameisen in Indiens Wüste einerseits schrieb, oder aus christlicher Sicht der Physiologus (eine frühchristliche Naturlehre aus dem zweiten Jahrhundert) über Pelikanmütter, die ihre Jungen, die sie selbst getötet haben, durch Blut zum Leben erwecken (analog zu Christus), dann verzerrte das den Blick auf die Natur gewaltig.

Auch wenn Plinius nur das schreiben konnte, was der Wissenstand seiner Zeit hergab und auch er nicht frei von kuriosen Irrtümern sowie der Denke seiner Zeit war, so zeigt doch die Beschreibung der Bienen, wie umsichtig er sich seinem Thema widmete:

"Doch wir wollen zu den Insekten übergehen. Die Insekten haben Augen, und von den übrigen Sinnen das Gefühl und den Geschmack, einige auch Geruch, wenige aber Gehör.  Unter allen diesen Tieren nun verdienen die Bienen mit Recht den ersten Platz und die meiste Bewunderung, weil sie allein um der Menschen willen geschaffen worden sind. Sie sammeln Honig, den süssesten, feinsten und heilsamsten Saft, bilden Wachsscheiben und Wachs, welches zu tausend Dingen nützlich ist; sind arbeitsam, vollenden ihr Werk, haben eine Staatsverfassung, halten einzeln Rat, stehen scharenweise unter Führern, und, was Ober alles geht, sie haben auch eigentümliche Sitten. Obgleich sie weder zahm noch wild sind, so ist doch die Macht der Natur so groß, dass sie beinahe aus dem Schattenriss des kleinsten Tieres etwas Unvergleichliches hervorgebracht hat."

Nachdem die Bienen früh ausschwärmen, ihre erste Nahrung in den Palmkätzchen finden, sei ihnen diese historische Ansicht gewidmet. Traurig, dass die Bienen durch Pflanzenschutzmittel ebenso bedroht sind wie durch hirnlose Genmanipulation von Pflanzenkulturen. Auf Sonnenblumenfeldern verhungern sie, weil die Pflanzen für die Samengewinnung optimiert sind, aber keinen Nektar mehr hergeben….

Jean Francois Millet: Schule von Barbizon 19. Jh.
Jean Francois Millet: Schule von Barbizon 19. Jh.

CHRISTENTUM

Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen nach unserem Bilde, uns ähnlich; die sollen herrschen über die Fische im Meer und die Vögel des Himmels, über das Vieh und alles Wild des Feldes und über alles Kriechende, das auf der Erde sich regt." (Buch Genesis 1,26 ff)

Ist das der klare Auftrag, die Natur auszubeuten und zu beherrschen? Nun, dem Wortlaut nach ja. Doch es gibt verschiedene Interpretationen.

 

In den zehn Geboten jedenfalls wird das Verhältnis zur Natur nicht geregelt. Im Tanach (jüd. Schrift) steht, dass Gott die Welt in sechs Tagen geschaffen, hat und dass er am siebten Tag davon ausruhen musste, deshalb sei dieser Tag als Ruhetag zu beachten. Woran sich die Natur bekannterweise nicht hält.

 

Das Buch der Weisheit macht mit Animismus und Pantheismus kurzen Prozess: „Töricht waren von Natur alle Menschen, denen die Gotteserkenntnis fehlte. Sie hatten die Welt in ihrer Vollkommenheit vor Augen, ohne den wahrhaft Seienden erkennen zu können. Beim Anblick der Werke erkannten sie den Meister nicht, sondern hielten das Feuer, den Wind, die flüchtige Luft, den Kreis der Gestirne, die gewaltige Flut oder die Himmelsleuchten für weltbeherrschende Götter. Wenn sie diese, entzückt über ihre Schönheit, als Götter ansahen, dann hätten sie auch erkennen sollen, wie viel besser ihr Gebieter ist; denn der Urheber der Schönheit hat sie geschaffen. „...denn von der Größe und Schönheit der Geschöpfe lässt sich auf ihren Schöpfer schließen.“ (Weisheit 13,1-13,5)

Das Buch der Weisheit wird zwar Salomo zugeschrieben und zählt zum alten Testament, wurde aber um 50 vor Christus wahrscheinlich von einem hellenistisch geprägten Juden (so Wikipedia) verfasst.

 

Sucht man den Begriff der Natur in der Bibel, so landet man bei einem digitalen Suchauftrag bei den Römerbriefen von Paulus.

Monotheismus schiebt also der unmittelbaren spirituellen Beziehung zwischen Mensch und Natur eine Barriere dazwischen. Natur-Geschichte ist sekundär, und kann leicht als Gotteslästerung gebrandmarkt werden.

 

Franz von Assisi schrieb zwei Jahre vor seinem Tod (1225) den Cantico delle Creature (Loblied der Geschöpfe), im deutschen Sprachraum Sonnengesang genannt. Franziskus lobt Gott als den Schöpfer, wobei die Schönheit der Natur den geeigneten Inhalt und Rahmen bietet. Dass Franziskus Beziehung zur Natur über ästhetische Bewunderung hinausging, kann man nicht nur daran ablesen, dass seine Franziskanische Bewegung knapp daran vorbeischrammte, als Ketzerei gebrandmarkt und daher zur Vernichtung verurteilt zu werden, sondern auch, dass er dem Sufismus sehr nahe stand, welche die islamische Form einer mystischen Beziehung zu Gott und Schöpfung ist.

Foto: AHA
Foto: AHA

ISLAM

Der sufische Dichter Dschalal ad-Din ar-Rumi fand im 13. Jahrhundert klare Worte: „Der Mensch hat viele Fähigkeiten, aber das größte Talent entwickelt er bei der Vernichtung der Natur.“

„Zwei Insekten essen und trinken am selben Ort, doch eines sticht, das andere gibt Honig. Zwei Arten von Damwild fressen Gras und trinken Wasser; das eine gibt Mist, das andere Moschus.“ Rumi nimmt die Natur, um seine Ideen zu verdeutlichen und sein Enwurf eines idealen Menschen ist Naturphilosophie. „Der Mensch ist ein redendes Tier.“ (ḥaiwān-i nāṭiq). Es gibt keine andere Welt, schrieb er, wir sollten darauf aufpassen, wäre die logische Folgerung, die wir daraus ziehen können.

Was allerdings die wissenschaftliche Arbeit über die Natur anbelangt: Das „Buch der Tiere“ (Kitāb al-Ḥayawan) ist eine Enzyklopädie über Tiere in sieben Bänden, die mehr als 350 Tierarten in der Form von Anekdoten, poetischen Beschreibungen und Sprichwörtern behandelt. Es gilt als das bedeutendste Werk von al-Dschahiz und wurde im 8./9. Jahrhundert geschrieben.

rENAISSANCE UND aUFKLÄRUNG

Naturstudie von Leonardo da Vinci
Naturstudie von Leonardo da Vinci

Humanismus und Aufklärung beeinflussten auch die Erforschung der Natur.

Leonardo da Vinci war ein engagierter Naturforscher, der keine Mühe scheute um genau zu beobachten.  Er gilt als Mitbegründer der experimentellen Naturwissenschaften: Seine Studien erstrecken sich auf den Gesamtbereich der Naturwissenschaften, insbesondere Anatomie, Embryologie, Paläontologie, Geographie und Kartographie, Mechanik, Strömungsforschung, Geometrie, Optik und Akustik und dies im Grunde im Fahrwasser von Aristoteles, was die mathematische Präzision betraf.

 

Nach der Renaissance kam die Verstädterung und verschoben, die Industrialisierung. Dem Verstand wurde mehr und mehr Bedeutung beigemessen, und so näherte man sich der Natur weniger mit Angst oder Ehrfurcht, sondern mit  dem Kopf.

Der Park von Versaiiles: Natur vom Reißbrett
Der Park von Versaiiles: Natur vom Reißbrett

René Descartes 1596-1650 wies die beobachtende Naturwissenschaft zurück.

Dafür „...bedarf es keiner Beweise, weil sie sich von selbst verstehen, und selbst wenn uns die Erfahrung das Gegenteil zu zeigen schiene, würden wir trotzdem genötigt sein, unserer Vernunft mehr als unseren Sinnen zu vertrauen.“, schrieb er und vertraute das Verständnis der Natur dem menschlichen (kulturell und von Sprache gefiltertem) Denken an.

Das drückte sich auch in den planvollen, aber naturfremden, geometrischen Barockgärten aus, die für urtümlichen Wildwuchs keinen Platz einräumten.

 

Gottfried Wilhelm Leibnitz 1646-1716

betrachtete die Natur als Maschine, was als mechanistische Auffassung der Welt interpretiert werden kann. Allein Materie existierte und funktionierte aufgrund strenger Gesetze. Insofern war alles in der Natur vorbestimmt/ determiniert. Alles war, scheinbar, berechenbar.

Indessen räume ich ein, daß die besondern Äußerungen der Natur mechanisch erklärt werden können und müssen, wobei jedoch ihr bewunderungswürdiger Zweck und Nutzen, den die Vorsehung zu erzielen gewußt hat, nicht außer acht gelassen werden darf.“

Die schöne Manier“ …“die Natur auf mechanische Weise zu erklären, entzückte mich, und mit Recht verachtete ich die Methode derer, die nur Formen oder Vermögen dazu benutzen, von denen man nichts erlernt“ (Gottfried Wilhelm Leibniz: Kleinere philosophische Schriften - Kapitel 4).  Die Prinzipien der Natur seien in der Vernunft begründet.

 

Jean Jaques Rousseau (1712 -1778) gilt zwar als Urheber der Aufforderung, zur Natur zurückzukehren, beschäftigte sich aber mit Fragen der Gesellschaft und Ethik. Selbstliebe sei naturgemäß, Egoismus aber naturfremd.

 

Nicht die Schöpfung, Flora oder Fauna waren Ausgangspunkt seiner Betrachtungen, sondern die gegebene oder erworbene Wesensart. Rousseau setzt den Instinkt vor die Vernunft, was menschliches Handeln betrifft, die Vernunft sei nur zur Unterscheidung zwischen Vorteilhaft und Unvorteilhaft zu unterscheiden.

Was das mit der Natur zu tun hat? Nun, so wenig, wie die Zeitgenossen Rousseaus offensichtlich die Natur wahrnahmen, die wir heute meinen. 

Es gibt Augenblicke,“ schrieb Friedrich Schiller 1795, „...wo wir der Natur….nicht, weil sie unseren Sinnen wohltut,... sondern bloß weil sie Natur ist, eine Art von Liebe und von rührender Achtung widmen....Was hätte auch eine unscheinbare Blume, eine Quelle, ein bemoster Stein, das Zwitschern der Vögel...für sich selbst etwas Gefälliges für uns?"

 

Schillers Überlegungen kreisten um die Frage, ob in der Kunst ein Potential zur Überwindung des Ganzheitsverlusts (* Wir als Teil des Kosmos ohne Trennungsgefühl) und der Naturwidrigkeit seines gegenwärtigen Zeitalters bereit lag.

 

Er meinte, es sei die durch die Natur dargestellte Idee, die wir lieben. Und mit dieser Ansicht ist er zeitlos.

Denn auch heute lieben wir die Idee einer unbeschädigten, nicht bedrohlichen Natur, wenn sie denn im Fernsehen in Dokumentationen gezeigt wird. Die Illusion, dass es sie irgendwo gibt, intakt, farbenfroh, abwechslungsreich, die lieben wir, bzw. der Teil der Menschen, der sich Dokus reinzieht, aber den Fuß kaum außerhalb von Stadtgrenzen in Naturgegenden setzt, was allerdings auch nicht leicht ist, denn die natürliche Natur gibt es faktisch nicht mehr.

 

Wer weiß, hätten wir die Naturbeziehung des Shintoismus (Religion in Japan) gepflegt, der das Universum nicht in eine naturgegebene physische Welt und eine übernatürliche transzendente Welt aufspaltet, hätten wir mehr auf die Erhaltung ihrer Ursprünglichkeit geachtet?

Das Gute ist, ähnlich wie bei Leibnitz, der Normalzustand. Dinge, die die Harmonie der Welt stören, die Natürlichkeit und Natur, seien schlecht, aber nicht naturgegeben, sie kämen von außen.

Doch sind das nicht auch schon müßige Spekulationen?

 

Die Natur so zu erhalten, dass sie lebenswert ist und noch künftige Generationen der Menschen und einer reichen Artenvielfalt an Lebewesen Existenz und Heimat bietet, klingt ganz einfach, ist aber schwer umzusetzen: Der Mensch müsste schlicht sein Ego, sein Selbst zurückstellen oder sogar austreiben. (Wobei keineswegs Ichverlust oder Selbstverleugnung gemeint ist).

Was macht, dass Himmel und Erde vermögen zu währen, zu dauern?“, schreibt Laotse  (vor 2600 Jahren) sinngemäß. „Weil sie sich nicht selber leben, darum vermögen sie ewig zu leben.

Mit oder ohne die sogenannte "Krone der Schöpfung", möchte man hinzufügen…

19. Jahrhundert

Zeichnung: AHA
Zeichnung: AHA

Ralph Waldo Emerson: Natur

ISBN: 978-3-257-21657-8

Ralph Waldo Emerson, 1803-1882 lebte in Amerika und war Philosoph und Schriftsteller. Er zählt zu den Transzendentalisten. Der amerikanische Transzendentalismus vereinigte Einflüsse der englischen Romantik, mystische Vorstellungen und indische Philosophien. Mit seiner optimistischen Weltsicht wandte er sich sowohl gegen dogmatische Religionen als auch gegen materialistisches und übertrieben rationalistisches Denken.

Die Transzendentalisten traten für eine freiheitliche, selbstverantwortliche und naturzugewandte Lebensführung ein. Transzendentalismus war eine nicht zu vernachlässigende Strömung der amerikanischen Geistesgeschichte.

Seine Texte beeinflussten die Naturschutzbewegung.

 

Emerson gibt an, Natur verfasst zu haben, weil sein Zeitalter retrospektiv sei, während die vorhergehenden Generationen die Natur noch von Angesicht zu Angesicht gesehen habe. Die Beziehung zum Universum könne doch ursprünglich und frei von historischem Ballast sein. „Warum sollten wir zwischen den trockenen Knochen der Vergangenheit tappen?

Alle Wissenschaft habe ein Ziel, nämlich eine Naturlehre zu finden. „Wir haben Theorien von Rassen und von Funktionen, aber kaum eine entfernte Annäherung an eine Idee der Schöpfung.“ Das habe die Menschen vom Weg zur Wahrheit entfernt.

Das Universum sei aus Natur und aus Seele zusammengesetzt.

Die Natur sei zwar zum Profit des Menschen geschaffen, aber der Mensch solle sich von ihr nicht um des Genusses willen ernähren lassen, sondern nur, damit er quasi seinen biologischen Funktionszustand erhalte.

 

Das Bedürfnis nach Schönheit würde durch die Natur gedeckt, weil die Welt für die Seele existiere, um den Wunsch nach Schönheit zu befriedigen. Das Vermögen des Menschen, das Vergnügen zu genießen, in der Natur zu sein, liege nicht in der Natur, sondern im Menschen oder in einer Harmonie von beiden. Die Natur habe immer jene Farben, die der menschliche Geist ausstrahle, seine Stimmungen färbten also ihre Wahrnehmung.

Im Kapitel über Disziplin spricht Emerson über die Aufgabe, die Natur so gut zu verstehen, dass die Wahrheiten, die sie verkörpert, gesehen werden können. Es erfordere Studium (ja, sogar der Wissenschaft) und spirituellen Fokus. „Raum, Zeit, Gesellschaft, Arbeit, Klima, Nahrung, Fortbewegung, die Tiere, die mechanischen Kräfte, geben uns von Tag zu Tag aufrichtige Lektionen, deren Bedeutung unbegrenzt seien.“ 

 

Auch wenn Emersons Euphorie und Engagement für die Natur sich manchmal in krude klingenden  Sätzen niederschlägt und sich nicht verleugnen lässt, dass er ein Kind seiner Zeit ist, (wenn er etwa Naturvergnügen außschließlich dem Mann zugesteht, und im Grunde sagt, dass die Schöpfung der Natur den Zweck habe, dem Menschen zu nutzen), so hat er doch beachtenswerte Impulse gegeben, die Natur mit anderen Augen zu betrachten, als denen eines Ausbeuters und Profiteurs. Er habe, so Marcel Proust über Emerson, selten zu schreiben begonnen, ohne paar Zeilen von Plato zu lesen.

Foto AHA/ Sticker aus Kalifornien
Foto AHA/ Sticker aus Kalifornien

Eine Autonomie-Bewegung der native Americans, der indigenen Völker der USA, nennt sich Self-Reliance, Selbstvertrauen. Ihr Anliegen ist auch der Schutz der Natur, besonders jener geheiligter Plätze. Die Bezeichnung „Self-Reliance“ ist der Titel eines Essays von Emerson, und wurde von den Native Americans spezifiziert, was ihn umsomehr den Katalog interessanter und lesenswerter Autoren einreiht.

20. Jahrhundert

Wie wir wissen, ist Natur ein vorzüglicher Werbeslogan, vor allem die, die es nicht mehr gibt. Und sie wird gerne auch für politische Rhetorik benützt, wie folgender Artikel beweist. Die Autorin dieser Zeilen fand ihn  in den 1990er Jahren in einer schwedischen Zeitung.

Mit der Expansion der EU wurden demnach manche Schweden nervös, denn die Massen an Fremden, die ihr Land zu überschwemmen drohten, gefährdeten die Natur, die quasi  als Erfindung eines gewissen August Palm angegeben wurde. Man überlegte sich, das Allemansrätt aus Sorge um die Intaktheit der Natur zu begrenzen:

 

Es war von schwedischen Sozialdemokraten um die Jahrhundertwende 19. /20. Jahrhundert eingeführt worden und regelt das öffentliche Recht für alle Menschen, zu privaten Grundstücken auf dem Land zu reisen, sich vorübergehend dort aufzuhalten und zum Beispiel Beeren, Pilze und andere Pflanzen zu pflücken. Es mahnt Rücksicht und Vorsicht gegenüber Natur und Tierwelt, Landbesitzern und anderen Naturliebhabern ein.

Das Wort Allemansrätt bezieht sich in erster Linie auf das Recht, wie es in Norwegen, Schweden, Finnland und Island vorkommt, auch wenn ähnliche Rechte in dünn besiedelten Gebieten in anderen Teilen der Welt existieren.

 

2011 gab es eine größere Diskussion in Finnland: Die großflächige kommerzielle Nutzung der Natur galt nicht als öffentlich-rechtlich. Natur im Rahmen des öffentlichen Rechts solle man genießen, aber nicht nutzen. Das Gesetz unterschied nämlich bis dato nicht zwischen privaten und kommerziellen Nutzungstätigkeiten.

Jedenfalls ist der Artikel aus dem Jahre 1991 ein seltsamer Zeitzeuge dessen, dass die Natur vor Nationalismen und liberalen Wirtschaftsinteressen nirgendwo gefeit ist.

 

Dagens Nyheter: 25 jul 1991, sid 12 Anderz Harning, Vem uppfann Naturen?

https://arkivet.dn.se/sok/?searchTerm=+Harning&fromPublicationDate=1990-12-23&toPublicationDate=1992-12-31&sortType=OLDFIRST&phrases=_Harning

 

Damit ist diese Reise durch die Beziehung des Menschen zur Natur zu Ende. Wie bei allen Reisen gilt, dass man stets wohl mehr nicht gesehen als gesehen hat.  Literatur, Philosophie, auch Esoterik, Anthropologie, Politikwissenschaft, man müsste viel mehr durchforsten und wahrscheinlich wäre das Bild nicht klarer... wie schon  Paramahansha Yogananda schrieb

 

"Suche keine absoluten Werte in der relativen Welt der Natur." 

 

 

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