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Kann denn Mode Sünde sein?

  • Kann denn Mode Sünde sein?
  • Die Geschichte der Mode
    • anfangs
    • Hochkulturen
    • Antike
    • Mittelalter
    • Renaissance
    • Barock
  • Aufbruch in die Moderne: Beginn der Couture

 

  • Keine Mode ohne Werkzeug und Handwerk
  • Der Stoff aus dem die Modeträume sind
  • Der Weg der Mode in die Gegenwart
  • Farben und Farbindustrie
  • Mode, quo vadis?


Kann denn Mode Sünde sein?

Foto: AHA
Foto: AHA

Nein, ich war nie ein Fashionvictim,

ja, es ist durchaus bereits viel über sie berichtet worden. Aus dem Stand fallen mir 15 reine Modemagazine ein, die Ableger wie Frauenzeitschriften nicht gerechnet. Und Ja, die neuen Medien bieten sogar noch visuelle Spektakel, welche kaum mehr gepflegter Konversation über jenen Teil des Savoir Vivre bedürfen, welches mit der eigenen Erscheinung spielt.

Gibt es heute noch Mode? Na ja, wie man es sieht. Jeder kann alles tragen, aber die Textilketten tragen dazu bei, dass sich das Aussehen der Meisten in grade eben noch überschaubaren Grenzen hält.

Parallel drücken Leute ihren Status aus, zeigen, dass sie Fans von bestimmten Popstars sind oder zu verschiedenen Gruppen gehören, deren Lebensstile so unterschiedlich sind, wie jene einer Feldmaus im Vergleich zu Fröschen oder Raubkatzen.

 

Seit Corona beschränken sich manche Modeschöpfer wieder auf Frühjahr/ Sommer und Herbst/Winter. Ohne Cruise Collection und Pre- Summer und Fall, kommen die Modefabriken nicht mehr so ins Schwitzen.

Mode nenne ich Egodeko. Denn das ist es, was Mode tut. Sie ist eine Dekoration für das Ego und darf auch so sein. Mehr kann sie nicht.

Anders, als sie propagiert, bringt sie keine Wesenskerne zum Vorschein, das tut nur allenfalls der persönliche Stil, selbst wenn er stillos wirkt. Im Gegenteil, sie verschleiert oder suggeriert Befindlichkeiten.

Man kann schüchtern, forsch, natürlich (gekünstelt natürlich) bescheiden oder protzig wirken, wenn man will, oder sich beim Shoppen vergreift.

Was Mode sicher kann, ist optisch Eindruck schinden. Sie hängt auch stets mit dem Körperbild zusammen, das zu einer bestimmten Epoche oder Zeit gefällt. Gebräunte Haut, helle Haut, betonte Gesichtszüge (Augen, Lippen), großer Po, kleiner Po, großer Busen, kein Busen, kleiner Busen, langer Körper, Körperformen wie Birnenkörper oder säulenhafter Körper, dünn oder üppig.

Kann Mode Sünde sein? Das hängt ab, was eine Gesellschaft als Sünde betrachtet: Wird diese Selbstdarstellung genannt, dann ja. Selbstdarstellung kann ohnedies kein absoluter Wert sein….höchstens eine falsche Illusion.

 

Mode kann auch Spaß machen, man kann sich ausprobieren und spielerisch neue Selbst- und Körperbilder ausprobieren.

Mode ist ein unverzichtbarer Teil der Kulturgeschichte und erzählt oft mehr als nur  vom menschlichen Erscheinungsbild einer Epoche.

Die Geschichte der Mode

Zweiteiler AHA, Foto AHA
Zweiteiler AHA, Foto AHA

Was gemeinhin in der Geschichte als Mode bezeichnet wird, ist nicht immer Mode sondern Tracht. Denn dass man für jede Saison jedes Jahr neue Bekleidungs-vorschläge machte, scheiterte schlichtweg daran, dass es keine Nähmaschinen gab und alles mit der Hand genäht wurde.

Stoffe/Rohstoffe wie Flachs Wolle oder Seide, Färbemittel, Webetechniken, zusätzliche Verzierungen waren teuer und reisten schon vor mehreren Milennien tausende Kilometer bis zu ihrer Endverarbeitung.

 

Trachten sind nicht nur die Bekleidungen der Landbevölkerung, sondern auch Standesbekleidung und waren strengen Vorschriften unterworfen. So durften im Mittelalter nur Adelige bestimmte kräftige Farben tragen und konnten sich Stoffe wie Seide leisten, die umständlich aus China importiert wurde.

Eine der teuersten Farben war Purpur, welche aus der Schleimdrüse der Purpurschnecke gewonnen wurde. (Man nannte eine dieser Schneckenarten auch Türkenblut  (Murex trunculus) und bei der Gewinnung verwendete man unter Anderem fauligen Harn. Für ein einziges Kleidungsstück mussten etwa 100 000 Schnecken ihr Leben lassen und ein Kilo Schneckenpurpur kostete dementsprechend. In der heutigen Währung wären das 25.000 Euro.

 

1,4 Gramm braucht man für ein Kleidungsstück. Allein das Färben des Stoffes für ein Kleidungsstück hätte 40 Euro gekostet. Phönizien und Syrien waren die wichtigsten Produzenten.

Kleid Design by AHA
Bild und Zweiteiler AHA

Anfangs

dienten Kleidungsstücke wohl tatsächlich allein dem Schutz vor starken Umwelteinflüssen. Mit dicken und kaum bearbeiteten Tierfellen bedeckt, konnten sich noch die Neandertaler gegen die enorme Kälte der Eiszeit schützen.

Bereits zu dieser Zeit, also vor ungefähr 35.000 Jahren, schien aber Kleidung nicht mehr alleine einen praktischen Nutzen zu haben. Wikipedia datiert den Beginn der Geschichte der Mode aufs Paläolithikum vor 25.000 Jahren, als man wohl begann, Felle zum Schutz des Körpers gegen Kälte zusammenzunähen. Während der Steinzeit wurden auch Pflanzenfasern oder Baumrinden verwendet und mitunter mit Fellen kombiniert, um praktischere Kleidung zu schaffen.

Mit der langsamen, aber stetigen kulturellen und sozialen Entwicklung des Menschen stiegen auch dessen Bedürfnisse und Ausdrucksformen.

Die unterschiedlichen Schnitte, Farben und Muster früher Kleidung zeigen, dass die einzelnen Stücke schon nicht mehr nur den Körper schützen, sondern ihn auch schmücken sollten – mitunter diente ein besonderes Fell oder die Kette mit den Zähnen eines seltenen Tieres als Auszeichnung, eventuell signalisierte sie die Stellung in der Gruppe oder einer Familie.

 

Sommerpulli Baumwolle
Strickpulli AHA, Foto: AHA

In den alten Hochkulturen

trug man, wie bereits erwähnt Trachten und Standeskleidung, nicht Mode. In Ägypten, wo es schön heiß war, machten saisonale Bekleidungsstilwechsel keinen Sinn und die Gesellschaftsordnung ließ das auch nicht zu.

Noch in prädynastischer Zeit (vor König Narmer vor 3000 v.Chr.) trugen Stammeshäuptlinge kaum mehr als einen Gürtel mit einem Stück Fell vorn und einen Tierschwanz hinten. Das übernahm die pharaonische Königstracht als Zeichen ihrer besonderen Würde und so baumeln bei den Pharaonen von kunstvoll gefältelten Schurzen aus Goldstoff mit Stickereien auf der Rückseite Löwenschwänze runter.

Frauen und Männer waren aufgrund des schweißtreibenden Klimas zumeist spärlich bekleidet. Minischurze waren allerdings Männern höherer Stände vorbehalten. Ansonsten sollten Kleider bei der Arbeit nicht hinderlich sein und es gab auch so was wie Dienstkleidung, wodurch die Träger ihre Funktion oder ihren Beruf optisch preisgaben.

 

Je höher der gesellschaftliche Stand einer Frau war, desto so komplizierter und hinderlicher war ihre Garderobe. An den Beinen konnten Kleider so eng geschnitten sein, dass Frau kaum gehen konnte. (Jahrtausende später erledigten das Bleistiftröcke und High Heels). Oftmals waren bei Frauen die Brüste nicht bedeckt und zu besonderen festlichen Gelegenheiten trugen die Ägypterinnen gern das plissierte, hautenge, knöchellange weiße Frauengewand, welches die Figur besonders betonte. Die ägyptischen Männer mussten sich übrigens bemühen, nicht über ihre Schnabelschuhe zu stolpern, welche Archäologen fanden und rekonstruierten.

 

Das kann man sich lustig vorstellen, wenn die Herren reihenweise dahinpurzelten, wenn sie transparent gewandeten barbusigen Damen nachschauten.

Foto/Handarbeit: AHA
Foto/Handarbeit: AHA
Kleid/Kette AHA, Foto: AHA
Kleid/Kette AHA, Foto: AHA

Die Römer

bevorzugten die einfach zu nähenden und wickelnden Tuniken und Togen.

Von den Tuniken mit ihren Clavi ( farbigen Streifen, die über die Schultern und Schlüsselbeine reichten) wurde die Priestertracht der römisch katholischen Kirche übernommen.

Es waren die Farben der Togen und das Material der Verzierungen, welche die Standesunterschiede zeigten. Nur dem Imperator war es erlaubt, mit teurem Purpur gefärbte Gewänder zu tragen.

An Accessoires kannte man schon die Stola und die Fibeln (Gewandnadeln oft aus Gold und es gab wechselnde Haartrachten.

Rasieren kam immer wieder in und aus der Mode, wobei das Sengen mit heißen Nusschalen die Giletteklinge ersetzte. Nachdem die Römer Ägypten einnahmen, beeinflussten sie später übrigens auch die Mode des Nillandes. Sie, aber auch die Griechen wurden dann immer mal wieder in der Modegeschichte zitiert. Jedenfalls hatten die Griechen die hübscheren Draperien.

Mittelalter und Neuzeit

Etwas fällt auf: Die Ägypter machten kein Aufhebens um den Körper, die Griechen zeigten ihn her oder profitierten von der vorteilhaften Drapage ebenfalls plissierter Stoffe und kunstvoll gelegter Haartracht, die Römer kleideten sich pragmatisch a´la.: Was dem Ami die Jeans ist, war dem Römer wohl die Tunika; im Grunde ein T-Shirt Hängerchen in unterschiedlichen Längen.

 

Aber die folgenden Modeepochen des entstehenden Europa begannen, zwischen Körpermodellierung und Betonung anatomischer Details sowie Schlabberlook zu pendeln. Und weil sich die Modebetrachtungen ziemlich weit nördlich abspielen, werden auch Kopfbedeckungen interessant.

Trugen junge heiratsfähige Mädchen oft keine Kopfbedeckung, weil schöne glänzende Haare Gesundheit als wichtige Werbemaßnahme auf dem Heiratsmarkt signalisierten und Feschake sehr wohl allerlei Mützen, war es für Frauen mit der Verehelichung aus mit wehenden Locken.

Heirateten sie, kamen sie unter die Haube und mussten fortan Hütchen und Häubchen tragen, damit ihre Haarpracht keine begehrlichen Blicke auf sich zöge. 

Männer, die absoluten Patriarchen und auch im alten Europa weit mehr wert als Frauen (zuerst kam der Mann, dann sein Pferd, dann sein Hund und dann erst die Frau), durften ungeniert ihre Potenz zeigen. Im Spätmittelalter etwa ragten aus der Beinkleidung Schamkapseln (Braguettes) , die das männliche Gehänge nicht nur präsentierten sondern auch aufmotzten.

Überhaupt kennt das Mittelalter heute vergessene Kleidungsstücke wie Beinlinge (der Neandertaler der Stütztstrümpfe), die Bruech, die Unterhose aus Leinen, an der dann Beinlinge angenäht wurden und wahrscheinlich bei der Namensgebung Vorläufer der englischen Breeches, der Reithose mit extrem weiter Oberhälfte und engen Waden.

Dann waren da noch der Bliaut, eine extrem variantenreiche Oberbekleidung, Chainse (das französ. Wort Chemise erinnert daran) und Cotte, im Prinzip einfach geschnittene Hemdkleidchen, heute würde man sagen T-Shirt-Kleid. Der Kittel war ein Überkleid und es gab noch bei uns lange den Begriff Bauernkittel, was eher Einfachheit denn modischen Schick beschrieb. Rock, Tappert und die schön gefältelte Schaube waren Vorläufer von Gehrock und Sakko. Das Wams war Prototyp des Gilets und diente ursprünglich dazu, die harte Rüstung der Ritter zu unterpolstern. 

Kleid/Foto AHA
Kleid/Foto AHA

Für die Damenwelt des Frühmittelalters war Byzanz das Stoffmekka, allerdings nur für die Reichen und Schönen, und ebenso zierten deren Häupter noch ausgefallenere Kopfbedeckungen als jene einfacher Mägde.

Der Schapel (chapeau,/sapka im Ungarischen) war die Haube der Männer, Barett war ein Unisexmützchen, wie heute die Baskenmütze, und Coif, oh ja, klingt wie Coiffeur, war eine Bindehaube.

Na klar, damals gab es keine Friseure, denn Damen kürzten ihr Haupthaar nur von Wegen Buße, Selbstkasteiung oder als Strafe. Da bedeutete das Gebende, ein fest ums Kinn gebundenes Leinenband für verheiratete Frauen sowas wie ein Keuschheitsgürtel fürs Gesicht, es erlaubte es kaum muskelbewegte heftige Aktionen wie Küssen oder Lachen. Das Gebende unterband im wahrsten Sinne des Wortes derlei weltliche Frivolitäten.

 

Haarbeutel und Hutformen wie der Hennin (der langgezogene Kegel mit einem Schleier, der vom der Spitze herabwehte, oder gar ein abenteuerliches Gebilde mit zwei Hörnern) und auch der klassische Hut erlaubten da mehr Koketterie.

Im Spätmittelalter wurde dann auch seitens der Damen mit den Reizen nicht mehr so gegeizt, Dekolletees eröffnete neue Einblicke in die Anatomie der Frauen. (Nachdem ja die hochmittelalterlichen Badeveranstaltungen wegen potenzieller Unzucht, die sich in den gemischten Badehäusern mit allen gesundheitlichen Konsequenzen ausbreitete, abgeschafft worden waren, konnten sich Männlein und Weiblein auch nicht mehr ungeniert taxieren.)

 

Das erste Modeopfer/ Fashionvictim ist literarisch bekannt. Es ist ein Mann.

Er lebte im Hochmittelalter und war der Sohn eines Bauern. Sein Name ist Meier Helmbrecht und seine Geschichte gibt es als Reclam Heftchen.

Er wollte unbedingt die bestickte seidene Haube eines Adeligen tragen, was er auch tat und was ihn nicht nur von seiner Familie entzweite, sondern letztendlich ins Verderben riss. Weil auch er wie ein Ritter sein wollte, welche solche Hauben tragen durften, wurde er gleich ein Raubritter. Im Mittelalter gegen die Gesellschaftsverordnung zu verstoßen, verstieß gegen die Gottesordnung. Er hätte sich kaum vorstellen können, dass heutzutage junge Mädchen Kleider kaufen wollen, die Herzoginnen oder gar Prinzessinnen tragen. Zu sehen bei Kate und & in den entsprechenden Klatschzeitschriften.

KLeid/Bild:AHA
KLeid/Bild:AHA

 

Ab etwa dem 15. Jahrhundert

entwickelte sich in Frankreich der Ausdruck der „Mode“ für eine bestimmte Kleidungsform, die immer ihre Aktualität betonte. Renaissance, das bedeutete auch ein neues Körperbewusstsein.

Das Selbstbild des Menschen veränderte sich. Nicht von umsonst zeigt Albrecht Dürer das erste spektakuläre Künstlerselbstporträt. Es begann das Ende der reinen Gottgefälligkeit, der strengen Klassenordnung zwischen adelig und nichtadelig.

Der Mensch rückte in den Mittelpunkt so wie es die Sonne im kopernikanischen Weltbild tat. (Vorher war ja noch die Erde Mittelpunkt der Welt und der Mensch ein voll abhängiges Gottesgeschöpf gewesen).

 

Die Renaissancemode schenkte mehr Bewegungsfreiheit und Farbe. Colourblocking durch mehrere teils durch Schlitzung freigelegte Schichten war angesagt, ebenso wie die Unterteilung in Hose und Kniestrümpfe bei Männern.

 

Andererseits gab es aber auch durch die Reformation (Martin Luther-) einen neuen Puritanismus, besonders in Spanien. Gut und böse- schwarz und weiß, klarer konnte man es nicht halten, als wie in der spanischen Mode.

 

Mode bekommt also ihren fruchtbarsten Nährboden, als Bürger mehr und mehr Rechte der Selbstgestaltung beanspruchen und sich in ihrer Kleidung darstellen können. Kleidung ist nicht mehr unverwechselbarer Ausdruck des Standes, sondern auch des Geldes. Nicht umsonst waren es Tuchhändler, die in italien Reichtum anhäuften. Sie finanzierten die ersten Kirchturmuhren und bereiteten der „Zeit-ist-Geld-Mentalität“ den Weg.

 

Denn wer Geld hat, kann es sich leisten, sich in einer teuren Limousine mit Hosenbodenheizung herumchauffieren zu lassen und braucht nicht die nackten Füßchen rauhen Winterwinden auszusetzen. Er/sie kann auch zeigen, dass es keine Notwendigkeit ist, den Lebensunterhalt auf eine Art zu verdienen, die funktioneller Kleidung bedarf.

 

Heutzutage ist es so, dass die funktionelle Kleidung nun auch als Überfluss dort präsentiert wird, wo man sie nicht benötigt: in der Großstadt. Da rennen manche Leute mit Markenbekleidung herum, die auch noch auf Dreitausendern recht passabel schützen würde oder zumindest so aussieht, als täte sie dies.

Thorstein Veblein schreibt in der „Theorie der feinen Leute“, dass es nicht ungewöhnlich ist, wenn sich Leute in einem rauhen und schlechten Klima ungenügend kleiden, um dafür gut angezogen zu erscheinen. So kommt es, dass man in Modeschauen Sommersandalen zu Pelzmänteln sieht. Veblens Satz, „billige Kleider machen billige Leute“ gilt allerdings schon lange nicht mehr. Zumindest nicht, was das Image im Auge der Konsumenten großer Bekleidungsketten betrifft.

Zweiteiler/Foto:AHA
Zweiteiler/Foto:AHA

Dass aber die modische weibliche Kleidung ihre Trägerinnen für alle nützliche Tätigkeiten unfähig macht, stimmt bis zu einem gewissen Grad zu gewissen Epochen.

 

Das zeigen Korsett und Krinoline in Barock/ Rokkoko.

 

Körperpflege und Erhaltung der Beweglichkeit waren sekundär. Man hatte ja Lakaien, Sänften, Perücken, Rückenkratzer gegen alzu beißende Flohstiche sowie Puder um die ungepflegte kaputte Haut zu kaschieren. Auch kam eine ausufernde Parfumierung in Mode. Man tat also nichts Pragmatisches zur Erhaltung der Schönheit, dafür aber verputzte man seine Fassade bis zum Schönheitspflästerchen und bedurfte bei der Anlegung der Garderobe komplizierter Handreichungen (wovon auch Männer teilweise Gebrauch machten).

Frankreich und England galten als Modemetropolen, an denen man sich orientierte.

Frankreich hatte nicht nur eine Sonderstellung sondern war auch führend in der Schaffung einer Modeszene, nämlich jener von Versailles, wo Ludwig XIV Hof hielt. Mode wurde zum Wirtschaftsfaktor, denn in Lyon wurde die Seidenproduktion angekurbelt. Man ließ Journale drucken, in denen man Abbildungen der neuesten Moden aus Versailles sehen konnte – wie z. B. der Recueil des modes de la cour de France –, und man kannte auch bereits Modepuppen, die als Anschauungsmaterial dienten und nach dem ‚letzten Schrei‘ gekleidet, regelmäßig an europäische Höfe und in die europäischen Hauptstädte versandt wurden, berichtet Wikipedia. https://de.wikipedia.org/wiki/Kleidermode_zur_Zeit_Ludwigs_XIV.

Es ist auch die Zeit, wo auf dem Lande gegen die Kleiderpracht vom Stande versündigt wurde und hier liegen die Wurzeln von Dirndl und Co: Eigentlich war es ja verboten, aber die Landbevölkerung nähte die hübschen Schnürcorsagen und gerafften Röcke der Adeligen nach, und so wird auf der Wies´n heute noch Adelscouture á la Pompadour und so zitiert. 

 

England gegen Frankreich, in der Modewelt nicht nur im 20. Jahrhundert mit Mary Quant und Carnaby Street gegen Saint Laurent, Chanel und Konsorten ein beliebtes Match.

 

Linksaußen waren die Holländer, die Lässigkeit in die Mode brachten. Bei ihnen wirkt sie so bequem wie heute weit geschnittene Schlafanzüge. Halskrausen wurden von kunstvollen riesigen Kragen abgelöst und große Schlapphüte standen Männlein wie Weiblein ohne große Handgriffe zu deren Installation gut.

England war immer schon Sonderwege gegangen, etwa jene bei der Erfindung des Dandys. Er erschien Mitte des 18. Jahrhunderts im Dunstkreis einer müßigen Gesellschaft und kommt möglicherweise aus dem Schottischen: " dandilly" bedeutet nämlich "Schoßtierchen, Liebling" kurzum auch ein verwöhntes Muttersöhnchen. Dandy ist auch  die Kurzform von Andrew.  Im Deutschen stehen dafür die Wörter Gigerl, Geck und Stenz.

Es war wohl eine liebgewonnene Rolle Englands, die Modewelt ein wenig durcheinander zu wirbeln, siehe Punk, irgendwie das ziemliche Gegenteil von Dandy.

 

 

Vor 200 Jahren hatten die Engländer die französische Hofkultur immer mehr abgelehnt. Dazu entwickelten die Schneider den Vorläufer des klassischen Herrenanzuges, der die V- Silhouette des Mannes betonte anstatt aus ihm eine seidenbestrumpfte Fregatte zu machen.

Dandy zu sein war allerdings nicht bloß Modeerscheinung, sondern eine höchst stilisierte Lebensform, die sich über Geist und Körper gleichermaßen ausdrückte. Beau Brummell, Beau Nash, Lord Byron, Giacomo Casanova, der Fürst Hermann von Pückler-Muskau, sowie später Oscar Wilde waren Dandys par Excellence.

 

Beau Brummel hatte drei Frisöre, einen für die Stirn, einen für die Seiten und einen für den Hinterkopf und zwei Handschuhmacher, die jeweils auf den Daumen bzw. den Zeigefinger spezialisiert waren.

 Beau Nash, seines Zeichens Zeremonienmeister von Bath Anfang des 18. Jahrhunderts beugte sich selbst der englische König: That gentlemen of fashion never appearing in a morning before the ladies in gowns and caps, show breeding and respect. „Modische Herren erscheinen am Morgen Damen nie in Morgenmänteln und Kappen…“, war eine seiner Regeln, die er auch ohne Skrupel bei Majestäten durchsetzte.

Durch Zeremonien, vor denen alle gleich waren, gelang es ihm, Klassenschranken zu reduzieren und unterschiedliche Stände zusammenzubringen. Gesellschaftliche Ereignisse, die auch Spiel und Sport samt regulierender Konventionen umfassten, wurden so zur einigenden Klammer. Mode war nicht wie heute ein Detail der Äußerlichkeit, sondern Bestandteil einer Lebenshaltung, welche sich über alle Facetten von Alltags- und Festritualen erstreckte.

 

Kaum überraschend, dass Haute Couture nicht von einem Franzosen, sondern um 1850 von einem Engländer begründet wurde. Als Urheber der „gehobenen Schneiderei“ – gilt nämlich Charles Frederick Worth, der das erste große Modehaus in der Rue de la Paix in Paris etablierte. Mit Worth kam es zur Unterscheidung zwischen dem unbekannten Schneider, der als reiner Handwerker die Kleidervorstellungen seiner Kundinnen verwirklichte, und dem gestalterisch tätigen Couturier, der namentlich bekannt war. Er präsentierte halbjährlich neue Kollektionen, die er von Mannequins vorführen ließ und aus denen seine Kundinnen eine Auswahl trafen. 1868 wurde mit der Gründung des Chambre Syndicale de la Couture et de la Confection in Paris der Modewelt eine „echte“ Institution geboren.

Doch letzteres ist ein Vorgriff auf die Etablierung der modernen Modeindustrie.

Damit zusammenkommt, was zusammengehört und auch hält, muss es zusammengefügt werden. 

Keine Mode ohne Werkzeug und Handwerk

Von der Erzeugung von Stoffen, der Zubereitung von Häuten und Fellen, bis zum Zusammenfügen und Verzieren bedarf es einer Menge Techniken und des dazugehörigen Werkzeugs. Unverzichtbar:

 

Die Nähnadel

Die ältesten Nähnadeln bestanden aus Tiersehnen, Knochen oder Elfenbein. Naturfasern aus Pflanzen, Lederstreifen waren das erste Nähgarn.

Hatte man ursprünglich in Klöstern oder zu Hause genäht (was vornehmlich Frauen bewerkstelligten), entstand das Schneiderhandwerk im Frühmittelalter.

In Frankreich unterschied man zu dieser Zeit die Berufe Schneider und Näher (Nähknecht). Nähknechte waren vielfach eher schmächtige, manchmal auch behinderte Menschen, die körperlich schwere Arbeiten nicht ausüben konnten. Dies trug viel zum schlechten Image des im „Schneidersitz“ mit unterschlagenen Beinen auf dem Tisch hockenden Schneiders bei.

 

Alleine weil Schneider Frauenarbeiten verrichteten, waren sie jahrhundertelang dem Volksspott ausgesetzt. Das Sprichwort: „Aus dem Schneider sein“ belegt dies unter anderem. Es besagt nämlich, dass man nichts mehr zu befürchten hat.

Auch das Tapfere Schneiderlein ist eine Geschichte, wo es um das Selbstwertgefühl eines Nadelschwingers mit maßloser Selbstüberschätzung geht. Die Moral von der Geschicht´ ist klar. Selbstvertrauen hilft sogar bei wenig Ansehen.

 

Der französische Schneider war im Unterschied zum Kleidermacher nicht in einer Zunft organisiert und hatte daher weniger Ansehen und Aufträge. Aus diesem Grunde wurde in Frankreich der Beruf häufig von Juden, denen der Zugang zu den Zünften verwehrt war, ausgeübt.

1588 wurden in Frankreich Textilverarbeiter, gleich ob sie Bekleidung produzierten oder Gebrauchsgegenstände wie Textilschläuche unter dem Banner der Maitres Tailleurs d’Habits vereint. 1789 wurden mit der französischen Revolution alle Zünfte abgeschafft.

 

Der älteste und längste Streik in der Handwerksgeschichte war übrigens der von Schneidergesellen in Deutschland 1398.

Schneider, das ist im Italienischen der sartore vom Lateinischen sartor, der Kleider flickte.

Bereits 1297 tauschte das Wort „taylor“ in England im Oxford-Dictionary auf, nicht von Ungefähr, da die Schneider von König Henry I königliche Privilegien erhalten hatten.

Schnittmuster gab es übrigens bis zum 18. Jahrhundert nicht, denn die waren Geheimnis der Schneidermeister und wurden nur mündlich an ihre Nachfolger weitergegeben. Deshalb bedurfte es für Bekleidung wesentlich mehr Anproben als heutzutage.

Der Stoff aus dem die Modeträume sind

Natürlich bedarf es bei der Mode nicht nur des Handwerks sondern der entsprechenden Roh-stoffe.

 

Die aufstrebende Menschheit hatte sich quasi von Anfang an nicht mit dem Zusammenschustern von Fell- und Lederstücken begnügt, sondern griff zu Pflanzensubstanzen. Die ältesten Textilien, die noch von Archäologen identifizierbar waren, wurden in Georgien in der Dzudzuana Höhle gefunden. Dort wurde eine Handvoll Flachsfasern entdeckt , die verdreht, geschnitten und sogar bunt gefärbt waren. Die Radiokarbondatierung ergab ein Alter zwischen 30.000 und 36.000 Jahren. Spinnen, Weben und Filzen sind uralte Techniken.

 

Baumwolle, Leinen, Wolle waren die ältesten Bekleidungsmaterialien, Seide ( als hauchdünner Stoff Zendal oder Sindon im Mittelalter genannt) war zunächst der Ausgangsstoff für Samt. Er entstand, in dem man die im Webevorgang größer belassenen Schlingen aufschnitt. Die Seide ist schon 5000 Jahre lang sowohl in Indien als auch in China bekannt. Die Römer unterhielten bereits florierende Handelsbeziehungen zu Ostasien, und so kamen die edlen Stoffe bald nach Europa.

Spinnen, zunächst mit einer simplen Spindel und Fingerfertigkeit und weben waren zwei unerlässliche Techniken.

Das Spinnen war bis Mitte des 18. Jahrhunderts ein mühsames Geschäft. 1764 erfand der britische Zimmermann und Weber namens James Hargreaves die Spinning Jenny. Seine Erfindung ermöglichte das gleichzeitige Spinnen mehrerer Spulen gleichzeitig.

Da jedoch jede Maschine die Arbeit von acht Menschen tat, waren die Spinner aufgebracht. 1768 brach eine Gruppe von Spinnern in Hargreaves Haus ein und zerstörte seine Maschinen. Darauf wanderte er mit ihnen in eine andere Stadt und entwickelte die Maschine, die bald bis zu 120 Garnspulen gleichzeitig spinnen konnte.

 

 

 

Set mit Textilapplikation: AHA
Set mit Textilapplikation: AHA

Picking, (das Säubern der Fasern), Kardieren (kämmen) Spinnen, Verziehen (gesammelte Garne als Kettfäden am Webstuhl aufbringen) und Weben waren die Schritte, derer es bedurfte bis ein Stoff entstehen konnte. Nicht umsonst heißt Stoff auf Englisch fabric.

Ursprünglich konnte jeder weben. Seit 32.000 Jahren zählt Weberei zu den Fertigkeiten des Menschen und somit erheblich länger als die Töpferei.

Die Erfindung des „fliegende Schützen“ 1733, (gemeint war das hin- und hersausende Weberschiffchen, das Webfäden mit Kettfäden zum Stoff verband) des Engländers John Kay erzielte etwa die dreifache Leistung eines herkömmlichen Webstuhls (ca. 40 m Schuss pro Minute).

 

Edmond Cartwright konstruierte im Jahr 1785 mit der power loom die erste mechanisierte Webmaschine. Die bisher ausschließlich verwendeten (Hand-)Webstühle wurden insbesondere in den Industrieländern verhältnismäßig schnell durch Webmaschinen ersetzt. Das begründete den Aufstieg der Textilindustrie.

Man darf die Rolle der Stoffe seit frühester Zeit nicht unterschätzen: Das zeigt die Geschichte des heiligen Homobonus, der nicht nur das Vorbild des Gutmenschen wurde, sondern auch der Patron der guten Geschäfte.

 

Der Kaufmannssohn und Kaufmann lebte im 12. Jahrhundert in Italien und Dank einer fetten Erbschaft und einer cleveren Geschäftsidee gelangte er zu Wohlstand, den er aber nutzte, um anderen unter die Arme zu greifen. Textilgeschichtlich war er ein cleverer Entrepreneur: Er verkaufte nämlich Stoffe anstatt fertige Kleider, da die meisten sich ihre Kleidung selber nähten. Mit 50 Jahren ward also dieser gute Mensch so reich, dass er fortan nie mehr arbeiten musste.

Der Weg der Mode in die Gegenwart

Bevor noch die Couture erfunden werden konnte, was nicht ohne Industrialisierung der Textilherstellung funktionierte, fanden schon Moderevolutionen statt.

So etwa in Frankreich. Als Sansculottes („Ohne-Kniebundhosen“) waren in der Zeit der Französischen Revolution (1789–1799) die Pariser Arbeiter und Kleinbürger bezeichnet worden, die im Gegensatz zu den von Adligen getragenen Kniebundhosen oftmals lange Beinkleider trugen. Was an die Monarchie erinnerte, nämlich seidene Knickerbocker, war verpönt.

 

Die Langhosenträger selbst waren eine Zeit lang politisch einflussreich, weil sie die Jakobiner unterstützten. Mode war schon öfters ein Mittel gesellschaftlichen Aufbegehrens, so parteiisch war sie allerdings selten. Und wenn, dann drückte sie sich durch Accessoires wie farbige Tücher oder weiße Socken (als Kennzeichen illegaler Nazi-Organisationen) aus.

Die Ära der langbeinigen Männerhosen begann jedenfalls, nachdem dieselben ihre politische Anrüchigkeit verloren hatten.

Nach der Revolutionsmode folgten Directoire und Empire, letztere sicher durch eine eine der bequemsten Damenmodebekleidungen gekennzeichnet, welche allerdings den weiblichen Körper versteckte. Die Krawatten für die Herren kamen auf, angeblich stammte die Bezeichnung von den Halstüchern kroatischer Reiterregimenter, die vor Ludwig XIV paradiert hatten.

Als Biedermeier einzog, bedeutete dies, zu zeigen, dass man konservativ und angepasst war. Betrachtet man bloß die komplizierten Biedermeierfrisuren mit Zöpfchen und Bändchen, in denen das Haar akkurat gebändigt war, ist das nachvollziehbar.

Die Frauensilhouette wurde vereinfacht, aber man erinnerte später auch an glanzvollere Zeiten mit Krinoline und gewagten Ausschnitten. Batist, Musselin, Taft und Atlas waren die Stoffe der Wahl.

Am Ende des Biedermeiers standen Revolutionen und Nationalbewegungen. Die Schienen für die Emanzipation der Frauen wurden gelegt.

Währenddessen trat die Männermode in den Hintergrund; sie entwickelte allerdings verschiedene praktische Mantelformen, wie den Raglan, dessen besonderer Schnitt an den Ärmeln das An- und Ausziehen erleichtern sollte. Für den Tagesanzug kamen Sakko, Cutaway und Smoking als charakteristische Jackentypen auf. Männer trugen ab da dunkle Anzüge, die in ihrer Grundform bis heute fast unverändert geblieben sind.

 

Welches Land in Europa nun führend in der Herrenschneiderei war ist strittig: Italien oder England waren ganz vorn im Kopf- an Kopf-Rennen.

 

Frankreich lag unbestritten in der Damenmode in Führung und beteiligte sich nicht am Wettnähen- und Pikieren. Es hieß zwar, dass die Londoner Schneiderei sich mehr an der militärischen Ästhetik orientiere und die italienische der Silhoutte mehr schmeichelte, aber das war eine Diskussion die im 20. Jahrhundert erst nach dem zweiten Weltkrieg stattfand.

 

 

Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in Westeuropa und Nordamerika erste Bestrebungen zur Gleichberechtigung der Frau, was auch von religiösen Vereinigungen, wie der Quäker mitgetragen wurde. Die schweren vielen Unterröcke, welche Frauen trugen, machten nicht nur Beschwerden, sondern auch krank. So entwickelte sich das Hosenkostüm mit der Bloomer, welche an die Tracht orientalischer Frauen erinnerte (Pluderhose plus Kasack).

 

Sie wurde sogar vorübergehend zum politischen Statement der Frauenbewegung. Die zunehmende Mobilität, körperliche Ertüchtigung durch Sport (Radfahren, Tennisspielen, Skifahren) förderten den Siegeszug weiblicher Beinbekleidung, was aber nicht ohne Skandal ablief. 

Das 20. Jahrhundert

mit einem Wechselbad der Ereignisse führte nicht nur zu einer großen Diversität in der Mode, sondern auch immer wieder zur Sprengung von Grenzen.

Angefangen von der Befreiung aus Korsetten in den 20er Jahren, über die Kürzung der Bekleidung (Shorts) bis zum Minirock und zur Umdeutung von Funktionalitäten: Boudoirkleidung wurde alltagstauglich, Mieder und Corsage schließlich im 21. Jahrhundert über der Oberbekleidung getragen.

Technische Feinheiten, wie die Einführung des Reißverschlusses, des elastischen Stoffes, dehnbahrer Kunststofftextilien, der Verwendung von Klebetechniken (etwa das Verstärken durch Aufbügeln von Vliseline statt dem aufwändigen Pikieren, dem Versteifen durch kleine, nebeneinander gesetzte Stiche), erlaubten eine Freiheit der Gestaltung, die erst durch den 3D-Druck nochmals erweitert wurde.

 

Bereits 1851 erfunden und 1890 vom Amerikaner Withcomb Judson patentiert, trat der Reißverschluss erst in den 1930er Jahren in der Alltagskleidung seinen Siegeszug an. Auch Jersey ist seit Ende des 19. Jahrhunderts bekannt, er wurde von Coco Chanel ab 1915 salonfähig gemacht.

Thomas Hancock war ein englischer Erfinder, der die britische Gummiindustrie begründete und 1820 elastische Befestigungen für Handschuhe, Hosenträger, Schuhe und Strümpfe patentieren ließ. Die ersten elastischen Fasern (Elastan) kamen ab 1959 auf den Markt.

All das vereinfachte und verkürzte nicht nur die Produktionsprozesse von Bekleidung, sondern beschleunigte auch das An-und Ausziehen. Mehrfacher täglicher Kleiderwechsel war nicht mehr wie im 19. Jahrhundert Dandys vorbehalten. Wobei heutzutage nicht mehr, wie etwa noch bis vor 70 Jahren in Vormittags- und Nachmittags-sowie Abendbekleidung, Straßen- und Hauskleidung unterschieden wurde. Man kann einen Tag das Gleiche angezogen lassen.

Farben und Farbindustrie


Warum passen die Farben einer Modesaison so schlecht zu den Farben in den Jahren darauf?

Wie geht es, dass man fast weltweit gekaufte Textilien miteinander kombinieren kann?

Nun, zunächst waren Farben ebenso ein gesellschaftliches Unterscheidungsmerkmal, wie die Qualität der Stoffe. Purpur war die teuerste Farbe und die Farbe der Prostitution war einmal gelb.

 

Rot war die Farbe des Mannes, blau die der Frau. Erst im 20 Jahrhundert wurden bei der Kinderkleidung die Farben nicht nur verniedlicht, sondern auch umgetauscht, wobei rosa eine Farbe ist, die nachweislich „schwächt“ aber auch Aggressionen beruhigen kann. Nicht von ungefähr fürchten sich „gestandene“ Männer vor Pink und Rosa.

 

Farben konnten allerdings auch lebensgefährlich sein. Kaiserin Eugenie sorgte mit ihrer Vorliebe für die Farbe Grün für einen Modeboom. Nur verwendete man für das Färben giftige Substanzen. Arsen spielte bei Farben nicht nur eine unrühmlich Rolle sondern forderte auch Todesopfer:

 

So starb 1861 eine 19-jährige Kunstblumenmacherin namens Matilda Scheurer – deren Aufgabe darin bestand, die Blumen mit grünem, arsenhaltigem Pulver zu bestäuben – einen qualvollen Tod. Sie hatte Schüttelkrämpfe, musste sich erbrechen und hatte Schaum vor dem Mund. Bei einer Autopsie fand sich Arsen in ihrem Magen, ihrer Leber und ihrer Lunge.

Doch wie sah es aus mit Farben und Färben? Früher verlegte man Färbereien an den Stadtrand neben Fließgewässer, weil für die Fixierung alter Urin verwendet wurde, der natürlich bestialisch stank.

Bereits im 17. Jahrhundert gab es Bemühungen, Farben auf synthetischem, chemischen Weg herzustellen um nicht mehr allein auf Pflanzenfasern und Naturpigmente zurückgreifen zu müssen. Die großen chemischen Revolutionen in der Farbenherstellung, welche erlauben sollte, massenweise Textilien in der gleichen Farbqualität einzufärben, fanden im 19. Jahrhundert statt. So entstanden Teerfarben, auch bekannt unter Anilinfarben, die zudem als lichtecht galten.

 

1858 wurde etwa das Fuchsein entwickelt, das das Mauvein (nach der Malvenblüte benannt) ablöste. Fuchsein wurde nicht nur zum Renner, sondern genau um diese Farbe entfesselte sich ein Rennen der Firmen um die Patentierung. Warum die Farbe Fuchsia nicht an die Naturrottöne eines Fuchses erinnert, sondern eine Mischung aus Blau und Rot ist, geht auf das 16. Jahrhundert zurück: Der deutsche Naturforscher Leonhart Fuchs (1501-1566), erforschte und katalogisierte eine bestimmte Art von Pflanzen, deren Farbe das elitäre Purpur mit Violett und der Verführungskraft von Rot verband. Sie ist unter Bezeichnungen wie Scharlachfuchsie bekannt. Erst Jahrhunderte später benutzte der Botaniker Charles Plumier, diese Farbbezeichnung. Übrigens fiel auch bei der Produktion dieser Farbe Arsen ab, welche am Hauptproduktionsort Basel ungefiltert in den Rhein gelangte.

1 Kilo synthetischen Farbstoffes kann etwa 42 Herrenanzüge einfärben.

Das ist ein gewaltiger Fortschritt, wenn man das etwa mit der Purpurgewinnung vergleicht, wo für ein Kleidungsstück noch 100.000 Schnecken ihr Leben lassen mussten. Als man 1880 Purpur synthetisch herstellen konnte, entfachte dies nachvollziehbarer Weise eine wahre Purpurhysterie.

Der erste auszumachende einheitliche Farbtrend breitet sich im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts aus, als Intellektuelle und Künstler auf die Verwässerung des christlichen Glaubens mit einem individualistischen Spiritualismus reagierten, der sich auch in der Kleidung manifestierte. Immerhin war das ja die Zeit der ersten Esoteriker, der Theosophen und Anthroposophen, Spiritisten und Okkultisten.

Wachsartige, gedämpfte, Farbtöne, teils düster und verwaschen wurden von ihnen favorisiert. (Ja, es war die Geburt des Gothic-style) Unter den verschiedenen Farbtönen dominierten die Violettöne - von Flieder über Lila bis hin zu Heliotrop -, die ebenso den Dandy Oscar Wilde, wie Gabriele d'Annunzio umhüllten und auch die Damen zu blassen Geschöpfen des Mysteriums machten.

Bis in die 20er- Jahre des 20. Jahrhunderts war man dann besonders mit hellen Farben sparsam, denn ein Kleidungsstück rein zu halten, so dass die Farben zur Geltung kamen, war extrem aufwendig. Zudem hatten aus den unteren Klassen nur Prostituierte knallige Farben getragen, um aufzufallen.

Wirklich bunt wurde es letztendlich nach dem zweiten Weltkrieg in den Jahren des rasanten Wiederaufbaus, als die neue Kaufkraft eine demokratischere Variation der Mode ermöglichte, einer Kreativität "von unten" Vorschub gab. Der Nachkriegsoptimismus der 1950er Jahre wurde von den fröhlichen Farben der Blumen und Früchte inspiriert. Ihre Namen waren"Roter Hummer, gelbe Zitrone, gelbe Narzisse, Mandarine, Erdbeere, Himbeere, Hyazinthblau, Pfingstrose“.

 

Klassische edle Farben waren hingegen „Bernstein, Beige, Champagner, Haselnuss- und Marron.“ Amerika verfiel jenseits des großen Teichs hingegen dem Rosa. Die Farben der 1950er verbreiteten positive Visionen, Fröhlichkeit und eine optimistische und konstruktive Haltung. Petrol etwa stieg zur elegantesten Farbe dieser Epoche auf und brillierte in der Abendmode der Damen.

 

Doch nun soll die Anfangsfrage Bezug genommen werden:

 

Wie kommt es, dass heutzutage jeder über bestimmte Modefarben rund um die Welt verfügen kann? Das hat etwas mit der Standardisierung der Farben zu tun. Es genügt ja nicht, Dingen eine bestimmte Farbe zu geben, man musste diese Farbe auch jederzeit abbilden und diese Abbildungen ohne Qualitätsverlust verbreiten können. Nichts wäre schlimmer, als wenn das berühmte Valentino-Rot in jeder Zeitschrift oder im Internet und im Fernsehen anders aussähe.

Um Solches zu verhindern, wurde in den 60er Jahren das Pantone-System in Amerika entwickelt. Lawrence Herbert kreierte eine Palette mit 10 Basisfarben oder Pigmenten, aus der jede Farbe gemischt werden kann. Durch entsprechend kluge Lizenzierung stieg Pantone zum Weltmarktführer der Farbgestaltung auf. Mit einer Pantonefarbe kann man die gleiche Farbe in verschiedenen Medien (z.B. Druck und Digital) und auf verschiedenen Unterlagen (wie z.B. auf Papier Fotopapier oder Textilien) am besten treffen. Das heißt noch nicht, dass sie auf verschiedenen Untergründen immer exakt gleich ist. Dennoch garantiert diese Technik die best mögliche Reproduktion der Farbe.

Seit 2000 kreiert das Pantone Farbinstitut eine Farbe des Jahres, die in der Modeindustrie entsprechend umgesetzt wird. Doch Pantone ist nicht die einzige Firma, die sich mit Vereinheitlichung von Colornuancen befasst.

In Europa ist DULUX bei der umfassenden Farbgestaltung vertreten. Dulux hat den Sitz in England, ist hauptsächlich auf Raumgestaltung spezialisiert und begann seine Erfolgsgeschichte in den 1950er Jahren. ( Das Vorläufer- Institut von Pantone stammt ebenfalls aus dieser Zeit.

Die Wurzeln der Standardiserung der Farbbezeichnungen liegen allerdings im 19. Jahrhundert, in dem etliche Farb-Wörterbücher erschienen. Hier waren die Deutschen federführend. Der deutsche Mineralologe  Abraham Gottlob Werner etwa erfand ein äußerst detailliertes Farbbeschreibungssystem, an dem sich sogar Charles Darwin orientierte, um etwa in der Natur vorkommende Farben zu beschreiben.

 

Friedrich Wilhelm Ostwald (1853 – 1932) ein Deutscher, der im Baltikum lebte, systematisierte ebenfalls die sichtbaren Farben und veröffentlichte seinen Farben-Atlas 1916. Diese Farb-Wörterbücher waren wichtige Nachschlagewerke für alle Branchen und alle Wissenschaften, die möglichst exakte Beschreibungen und Definitionen der Farben benötigten.

Mode, Quo vadis ?

Eigentlich ist ein Kleidungsstück nicht kompliziert, bedenkt man, was man alles braucht um ein Auto zusammenzusetzen, oder einen Computer. Andererseits  zeigen die vorhergehenden vielen Worte, wie viele unzählige Stationen der Weg zum Designerstück aber auch zur Stangenware beinhaltet.

Auch eine einfache Jeans, deren Rohstoff ursprünglich ein fest gewebtes, strapazierfähiges Material aus Genua in Amerika zuerst als Arbeiterhose und dann als Straßenunform rund um den Globus Karriere machte, hat einen klimatischen Fußabdruck, der sich gewaschen hat.

Vom Designentwurf in sagen wir Holland oder Italien bis zum Verkauf in Deutschland und der Altkleiderentsorgung in Sambia legt die Hose 40 000 Kilometer zurück - begonnen beim Baumwollanbau in Usbekistan über das Spinnen und Weben in Indien und das Färben in China bis zum Nähen in Bangladesch und der Veredelung in der Türkei.

 

Was Italien betrifft, gibt es eine Entwicklung, die zeigt, wie bei vielen Konsumprodukten auch in der Textilindustrie das lokale, geradezu anachronistische Image von british Design, french style, deutscher Wertarbeit hohle Fassade ist.

Ebenso wie die Milch der Kühe nicht auf der Alm gemolken wird, und die Tomaten nicht mehr in der Erde sondern in Substraten wachsen, ebenso ist als ein Beispiel die „klassische“ italienische Mode fest in der Hand von Maos Urenkeln.

Pronto Moda“ heißt deren Produkt : italienische Mode zu chinesischen Preisen ohne Wartezeiten. Modehändler aus Italien, Deutschland, Spanien und Frankreich sparen sich Einfuhrzölle, weil es keine langen Anreisen von Textilcontainern mehr gibt.

Fabriziert wird in Norditalien, etwa in Prato. Mehr als 2.500 chinesische Textilunternehmen waren im vergangenen Jahr allein dort gemeldet. Über 25 000 Chinesen leben mittlerweile in der 180 000-Einwohner-Stadt und produzieren billig Zeug zum Anziehen, dass sich die Kleiderstangen durchbiegen. Der Ausbruch der Corona Pandemie in Europa wurde auch mit den Vorgängen in Norditalien im Fahrwasser aggressiver Modefabrikation in Verbindung gebracht. Ob zu recht, lässt sich nicht nachvollziehen.

https://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/chinesische-textilunternehmen-die-unheimliche-toskana-fraktion-seite-2/2863318-2.html?ticket=ST-1564033-ea0eNgNTM6n6WjnsUHGx-ap1

 

Mode ist zweischneidig:

Auf der Ebene des Billigkonsums können Milliarden so tun, als ob sie sich extravaganten Selbstausdruck samt Imitation Prominenter/ Influencer leisten könnten. Der Preis ist dafür höher, als auf den Etiketten steht. Bezahlen tun ihn die Ärmsten, nicht die Reichen.

Auf der Ebene des Erfindungsreichtums, der Kreativität und Gestaltung, dort wo Designer sich Einiges einfallen lassen, entstehen singuläre Kreationen, die zwischen Kunsthandwerk und Kunst heimisch sind.

Sie erzählen von Menschen, die einerseits ihr natürliches Erscheinungsbild transformieren und Befindlichkeiten ihrer Zeit ausdrücken wollen, andererseits überwinden sie Notwendigkeiten und Alltäglichkeiten und verwandeln pures Dasein in Spektakel.

Letztendlich aber ist alles nur Verkleidung.  Das ist keine Sünde, sondern einfach ein menschliches Ausdrucksmittel.

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