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Die Sternenbrücke

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Es ist doch so: Sternengeschichten sind was für kleine Mädchen. Wenn die Glitzerdinger auf die Erde fallen, sich in Prinzessinnen verwandeln oder in Goldtaler; oder etwa in den Weltraum versetzt werden, dann bringt das gewiss Kinderaugen zum Leuchten. Bei Erwachsenen ist Sternenromantik was Persönliches oder vielleicht sogar Berechnung, um letztendlich jemanden rumzukriegen. Und doch sind wir aus Sternenstaub gemacht, wenn´s auch eine Ewigkeit zurückliegt.

Der Blick zum Sternenhimmel hat was Tröstliches, draußen in der Natur…wenigstens einmal im Leben hat doch jeder innegehalten, den Kopf in den Nacken gelegt und das Funkeln vor dem endlosen Nachtblau auf sich wirken lassen...

 

Aber nicht Karl, dem romantische Szenerien weder aufgefallen wären, noch jemals interessiert hätten.

Wie auch, in einer zugepflasterten Großstadt, vor deren grauen Häusersilhouetten alle anderen Dinge, etwa auch hastig vorbeihuschende Menschen und per kommunalem Auftrag gesetzte Pflanzungen- ja sogar an und für sich bunt schreiende Werbeplakate- in Eintönigkeit versanken? Wo in den Nächten die mannigfache Beleuchtung von Straßen und Gebäuden einen fahlen Lichterbrei in der ohnedies nicht klaren Stadtluft erzeugte, welcher die natürlichen Lichter der Nacht verschlang.

Karl führte das Allerweltsleben eines Geldverdieners, Ehemannes, Kindsvaters, Angestellten, Sportkumpels.

Sein Alltag zwischen zeitgemäß eingerichteter Dreizimmerwohnung, öffentlichen Verkehrsmitteln, Büroburg, Squashduellen mit Arbeitskollegen in nach altem Schweiß und Gummiabrieb riechenden Hallen hätte auch durch die Bewegung einer Karambole/billiardkugel beschrieben werden können: Ständig hin und her rollend, in ein Geviert gebannt, ab und an mit anderen Kugeln zusammenstoßend und bis zum nächsten Spiel unter Seinesgleichen verweilend.

 

Karl störte sein Leben nicht sonderlich. Er war ein pragmatischer Mann, der sich sogar in kurzen Momenten glücklich schätzte, eine eigene Familie zu haben: Frau und Kind, einen Sohn von acht Jahren und eine als attraktiv anerkannte Frau: schlanke Figur, dunkles Haar, schlicht und geschmackvoll gekleidet, so passte sie durchaus zur Erscheinung des Enddreißigers Karl, der dank Squash, Fußball und Fitnessstudio in Form geblieben war.

Nur die schütter werdenden Haare und die immer schärfer geschnittenen Gesichtszüge verrieten, dass das Leben von ihm Anstrengungen verlangte.

Hanna, seine Frau war zu den Anfängen ihrer Beziehung eine hoffnungslose Romantikerin gewesen, eine, die Spaziergänge unterm Sternenhimmel liebte, lauschige Plätze aufsuchte und später, als sich eine dauerhafte Beziehung abzeichnete und die beiden zusammenzogen, zeigten liebevolle Details in einer sonst recht praktisch und durchaus edel eingerichteten Wohnung, dass ein ein wenig steifes Design durch Blumenschmuck, farbige Stoffe und nicht genau rechtwinklig positioniertem Mobiliar durchaus fast freundlich wirken kann.

Karl nahm es als selbstverständlich hin, wie Hanna das gemeinsame Nest verschönte. Ihre Begeisterung an schönen Dingen federte an seiner freundlichen Gleichgültigkeit ab.

Sie liebte ihn gewiss völlig anders als er sie. Er fühlte, dass sie zu ihm gehörte, es versorgte ihn mit dem Bewusstsein, sein Leben richtig zu führen und dazu gehörte die Zuwendung einer Frau.

Sie bewunderte ihn, seine loyale Haltung (wie sie meinte) und das kleine Mädchen in ihr musste wohl im tiefsten Inneren geglaubt haben, er sei ein versteinerter Prinz, dem die Liebe wieder die Wärme entfachen würde, die er vielleicht mal als kleiner Junge gehabt hatte. Die erwachsene Frau jedoch, die Hanna war, fühlte sich einfach zu ihm hingezogen und sah darüber hinweg, dass er sie nicht an sich ließ.

Ihr gemeinsamer Sohn zog ihre Aufmerksamkeit von ihrem Mann ab, sodass sie nicht bemerkte, wie dürr seine Beziehung zu ihr war.

 

Doch als der Kleine sich langsam abzunabeln begann, die Volksschule besuchte und immer mehr Selbständigkeit zeigte, (er war für sein Alter erstaunlich organisiert), begann Hanna auch auf sich zu schauen.

 

Sie fing an, in einer kleinen Firma als Chefassistentin zu arbeiten. Sie konnte nun wirklich zufrieden sein: Der Mann verdiente genug, sie hatten ein schönes Zuhause, ihr gemeinsamer Sohn entwickelte sich prächtig und auch sie verdiente ihr eigenes Geld. Trotzdem erkannte sie mit Schrecken, dass sie nicht glücklich war, obwohl sie es hätte sein sollen. Ihr passierte, was in vielen Partnerschaften einem von beiden widerfährt: Man entwickelt sich auseinander.

Der Bub war keine elf Jahre alt, da kam es zur Scheidung.

 

Karl hatte die Veränderungen bei Hanna nicht wahrgenommen. In seinem Weltbild funktionierte das Leben, griffen die Zahnräder im Tages-Wochen-Jahreslauf ineinander. Da war kein Knirschen im Getriebe. Und jetzt?

 

Ohne Vorzeichen verließ ein Rädchen der Familienmaschinerie seinen angestammten Platz.  Und nahm auch den Sohn mit, in dem er sich widergespiegelt sah.

 

Karl bedauerte anfänglich nur, dass es nicht mehr so weiterlief wie bisher. Der Trennungsprozess verlief ohne größere Erschütterungen, zumal er ohne Murren Unterhalt bezahlte und auch Hannas Neustart ermöglichte.

Er merkte nicht, dass er litt, denn abends blieb er länger mit seinen Sportsfreunden beisammen und trank ein wenig mehr, er verausgabte sich in der Arbeit stärker und war da mal eine Lücke in seinem Tagesablauf, füllte er sie mit alkoholischen Flüssigkeiten. Was sich nach und nach steigerte.

Man hätte viele Indizien und Erklärungen noch dafür zusammentragen können, wie sich alles entwickelte. Doch wie manch andere Männer in Lebenskrisen schaffte er es schlicht und einfach, abzurutschen, seine Arbeit zu verlieren, sich zu vernachlässigen und in der Gosse zu landen. Ganz pragmatisch.

 

Zu beschreiben, wie er innerlich und äußerlich verwahrloste, sei hier erspart, denn es müsste ebenso von Schmutz, Gerüchen, aggressiven Ausfällen, Schwanken Grölen berichtet werden, wie von unschönen Konfrontationen mit der Umwelt, dem Entzug des Besuchsrechtes seines Sohnes...der Öde kurzer Phasen der Nüchternheit, dem Verlust der Gesundheit, dem Erlöschen des Glanzes in Augen und Haaren, dem Rausschmiss aus der Wohnung.

Nicht lange später stand er, nachdem er den letzten Freund vergrault hatte, der ihm noch eine Notschlafstelle angeboten hatte, tatsächlich auf der Straße.

Und weil eine Großstadt, besonders eine, die grau ist und funktioniert, weil es viele tüchtige Karls gibt, die zum urbanen wirtschaftlichen Aufstieg ständig was beitragen aber vergessen, in ihr zu leben, zu atmen, zu lachen und zu weinen, weil also eine Großstadt nicht wenig gescheiterte Existenzen generiert, fand sich Karl von anderen Verlierertypen bald abgedrängt. Denn die machten sich dort breit, wo von der Wohlstandsgesellschaft am meisten für sie abfiel. Und das war nun mal im Stadtzentrum.

 

Der ehemals erfolgreiche Selfmademann fand sich am Stadtrand wieder, dort, wo Häuser schäbig und lieblos hingeklotzt wurden, die Straßen manch ein Schlagloch haben, Müll am Boden herumliegt, die Bewohner billig gekleidet sind und sich mehr herumlungernd im Freien als in ihren Behausungen aufhalten.

Er hatte Glück, denn es war Sommer und er gelangte noch dazu an einen Platz in der Nähe einer Autobahnraststätte, wo Einiges abfiel.

 

Niemand beachtete sonderlich den abgerissenen, streng riechenden Mann mit beginnender Glatze, der bei einer Sitzbank hinter einem Busch sein Lager aufgeschlagen hatte.

 

 

 

 

Dort schlief er, wenn das Wetter gut war und dort nahm er in einer Nacht zum ersten Mal wahr, dass es einen Sternenhimmel gab. Er nahm ihn verschwommen wahr, den von billigem Fusel war er ständig ziemlich betrunken. „Ihr sseid au noch da.“, stieß er hervor. Und plötzlich rannen Tränen über das schmutzige, schweißverschmierte Gesicht. 

Karl wusste nicht warum, er konnte nicht klar denken, es passierte ihm. Etwas war aus den Tiefen seiner Erinnerung hochgestiegen und glitt wie eine zaghafte Rauchsäule vorbei am benebelten Verstand und wehte durch die Dumpfheit seiner Trunkenheit. Ihn überkam ein Zittern. War es vom Alkohol, oder war es auch eine leise Erschütterung seiner Seele?

Traurig und hilflos wie er war hätte ihn, wer ihn jetzt gesehen hätte, ihn bemitleidet, was vielleicht auch mit einer gewissen Herablassung geschehen wäre, oder hätte ihm auch den Rücken gekehrt, um sich nicht mit dem Elend des Mannes abgeben zu müssen.

 

 

 

Wäre er nüchtern gewesen, so hätte ihn jetzt eine leise Ahnung überkommen, dass vielleicht doch ein Zauber im Anblick taubenetzter Rosen liegt, dass das Rauschen des Meeres in salzig-kühler Nachtluft besänftigt, dass der Anblick eines sternenübersäten Himmels ein poetischer Moment sein konnte, einer, in der die Natur ihre eigenen Gesetze hätte überwinden können.

 

 Manche Menschen fielen dann  für Augenblicke in einen Schwebezustand zwischen Wollen und Lassen. Und genau in solch einen hatte einst Karls Mutter ihr Karlchen versetzt, als er nicht schlafen wollte und sich doch von ihren Worten in ein herrlich der Wachsamkeit entrücktes Irgendwosein tragen ließ:

„Schau auf die Sterne... siehst du die weiß gesprenkelte Straße? Das ist die Sternenbrücke. Alle deine Wünsche gehen über diese Brücke um sich dort einzufinden, wo sie erfüllt werden, all deine Träume gleiten über sie zu dir. Und auch die Seelen der Menschen müssen über sie wandern, wenn sie sich in andere Existenzen begeben. So sagen es alte Völker.

 

Wenn du dir was wünscht und deine Wünsche über die Brücke geschickt hast, musst du gleich fest schlafen. Denn nur wenn du schläfst, haben sie genug Kraft um den Weg auf die andere Seite zu schaffen.“, flüsterte sie lächelnd und zog die Decke über ihren Sohn ein wenig höher, bis zum Ohr.

 

 

 

Karlchen war dann gerne eingeschlafen, denn natürlich wünschte er sich allerlei.

Damals war er noch ein Kindergartenkind gewesen.

Als er elf wurde, glaubte er nicht mehr daran. Und eben, als er aufhörte, an Märchen zu glauben, wurde seine Mutter krank.

Die Krankheit  verwüstete ihren Körper aber hinterließ an der Oberfläche kaum Spuren. Langsam zog sich das Leben aus ihr zurück.

Dass die Krankheit gesiegt und der Tod sie geholt hatte, machte den Jungen wütend. Die Traurigkeit entfachte in ihm Zornausbrüche, zumal sein Körper immer kräftiger wurde und die Kraft, die ihn sich entwickeln ließ ,schob auch seine Aggressionen an.

 

Weder sein Vater noch sonst wer konnten mit seinen Gefühlsexplosionen umgehen. In der Schulstunde, wenn ihm was misslang, geriet er nicht nur in Wut, sondern in Rage, ebenso beim Essen, das nicht so schmeckte, wie seine Mutter es zubereitet hatte. Aber auch, wenn alles normal schien und besonders, wenn etwas so schön war, dass ihn seine Mutter darauf aufmerksam gemacht hatte wurde er traurig und dann gram.

Die Erzählung von der Sternenbrücke hasste er mittlerweile. Über die sollte die Seele seiner Mutter gegangen sein?

Nein, daran glaubte er nicht mehr, und es tat weh, an dieses Bild zu denken, wie ein Schatten oder vielleicht auch ein zarter Schimmer der Milchstraße folgte. Er entschied sich, alles, was erhebend war, was einen verzauberte, zu ignorieren. All dies erinnerte ihn an seine Mutter. Seine hoffnungslos romantische Mutter. Und irgendwann beruhigte er sich. Er schlüpfte in den Panzer des Rationalen.

 

Niemand erkannte, dass er den Entschluss gefasst hatte, sich mit trockener Vernunft zu wappnen, ja diese auch gegen bedrohliche Gefühle von außen einzusetzen, denn jeder war froh, dass er plötzlich ruhig und überlegt war, sich also gottseidank zu einem ausgeglichenen Menschen entwickelte.

Er wurde mit den Jahren der nüchterne Erwachsene, der Hanna heiratete.

Doch weil diese Nüchternheit eine Krücke war, ihm zwar durch die existenziellen Wirren des Lebens half, aber ihn nie für tiefe Erschütterungen des ganzen Seins rüsten konnte, landete er, wo er nun war: Auf der Straße.

 

Jetzt weinte er nur, ohne es zu wissen, ohne was zu fühlen, weil er viel zu sehr vom Alkohol benebelt war.

 

Unweit von ihm raschelte es. Ein junges Pärchen, eins, das sonst gewohnt war, gemeinsam in ihre Handys zu starren und sich lustige Dinge zu schicken anstatt miteinander sprechen, so ein junges Paar war also von der Sommerwärme und der Nähe des Anderen derart eingenommen, dass dessen Mobiltelefone in ihren Behältnissen steckenblieben.

 

Weil der Himmel an jenem Abend vom Sternenlicht unglaublich hell war, passierte ein Wunder, das für die Ära der Mobiltelefonie ungewöhnlich war: Die beiden schmiegten sich aneinander und guckten zu den Sternen, zu der Milchstraße, eben zu jener, die die Sternenbrücke bildete.

Sie, die sonst nur Augen für Displays und zeitweise  auch füreinander hatten, bewunderten etwas, was sie sonst nie sahen. Sie bemerkten nicht einmal, wie knapp neben ihnen ein abgerissener, verschwitzter und nach Fusel stinkender Mann schwer zu atmen begann.

 

Unter all dem Elend des Alkoholikers, unter den schäbigen Kleidern, unter der gequälten Haut, in seiner Brust sehnte sich sein Herz  plötzlich nach der Sternenbrücke.

Ihm wurde leicht und er fühlte, wie es ihn zum Lichtersprengsel hinaufzog. Der Nebel in seinem Gehirn lichtete sich.

Er war bereit, dieses Dasein zu verlassen. Endgültig der Welt den Rücken zu kehren...

.......

 So unvermutet, wie er sich als Kind gegen Wundersames, gegen Märchen, gegen Romantisches entschieden hatte...entschied er sich anders... 

Er bestimmte es nicht mit Willenskraft, nicht mit jener, mit der er früher etwa seine Geschäfte durchgesetzt hatte. 

Vielmehr fiel er in diese Wende hinein, kopflos und dennoch sich seiner vollkommen sicher.

 

Er würde noch hier bleiben. Würde die Unsäglichkeiten des Daseins eines Gescheiterten ertragen. Würde den an Alkohol gewöhnten Körper zwingen, sich vom Vergorenen und Gebrannten abzuwenden. Würde jeden Schritt tun, und sei er noch so mühevoll, wieder mit seinem Kind zusammenzukommen, ihm vielleicht sogar als geläuterten Menschen wieder zu begegnen.

Die Kraft würde er aus der Gewissheit schöpfen, dass 

er seinem Sohn noch nie von der Sternenbrücke erzählt hatte.


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