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Wenn Plato mit Churchill

In der Nacht, nachdem ich mich entschloss, ein Buch von Thoreau auf meine Liste von Büchern zu setzen, die ich nicht in Vergessenheit wissen möchte, hatte ich einen seltsamen Traum.

Im Grunde war meine Wahl auf Thoreau gefallen, weil sich ein Bekannter gebrüstet hatte , (mehr oder weniger) zivilen Ungehorsam zu pflegen. Dabei wollte er aber auf die Annehmlichkeiten, die eben jenes Staatswesen zur Verfügung stellte, welchem er zu trotzen vorgab, nicht verzichten.

Dieser Widerspruch mag ziemlich in meinem Kopf rumort haben, und so träumte mir von einer illustren Runde an Denkern, Staatsmännern und Philosophen, welche durchaus jovial meinem Pessimismus angesichts nicht gerade beruhigender Nachrichten zum politischen, sozialen und wirtschaftlichen Weltgeschehen mit sachlichen Argumenten Einhalt gebieten wollten.

 

Sie hatten sich in einem großen holzgetäfelten Raum versammelt, der wie eine Theaterbühne von dunkelroten Samtvorhängen begrenzt wurde.

 

Wir sitzen alle in einem Boot, nur angeln die einen, die anderen rudern“, hob ein Grafittisprayer an, der sich wohl in die Runde eingeschleust hatte, weil man seinen Sprüchen auch in den Achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts in literarischen Kreisen Beachtung geschenkt hatte.

Er trug eine jener unsäglichen Jeans, deren Bund irgendwo unterhalb des Bauchnabels sich am Oberkörper gerade noch festhalten konnte, während der Schritt bis zu den Kniekehlen herunterhing und schwang mit der Linken eine klackernde Sprühdose.

Politik besteht nicht selten darin, einen simplen Tatbestand so zu komplizieren, daß alle nach einem neuen Vereinfacher rufen.“ Das dürfte doch wohl immer noch aktuell sein, meinte Giovanni, der lustige Bücher über die Streitereien zwischen einem kommunistischem Bürgermeister und katholischen Pfarrer geschrieben hatte, und der in seinem weißen Hemd, dem grauen V- Ausschnittpullunder den grauen Hosen und der auf die Nasenspitze herabgerutschten Brille wie ein zu groß geratener Schuljunge, wohlgemerkt, italienischer Schuljunge, wirkte.

Im allgemeinen war der Staat früher anders. Damals zeigte er seine Macht, indem er anderen soviel als möglich gab, während er heute seinen Wert dadurch zu beweisen trachtet, anderen so viel als möglich zu nehmen“, hörte ich mit unverkennbar ungarischem Akzent, konnte aber den Sprecher nicht ausmachen.

Macht ist immer lieblos“, meinte da der Graffittisprayer und fügte leise hinzu „Liebe nie machtlos“. Tja, aber was hatte letztere in der Politik zu suchen, außer als Phrase.

 

Überall ist das Recht dasselbe, nämlich der Vorteil des Mächtigen.“ brachte sich der ehrwürdige P. Ins Gespräch ein und sein markantes Haupt nickte zur Bekräftigung während seine altersbleichen Haarsträhnen links und rechts der kahlen Schädelplatte sanft mitwippten.

Na, das kannst du als Grieche wohl laut sagen, dachte ich mir. Und übrigens interessierte mich im Traum brennend, ob er auch was zu den vielen Geflüchteten zu sagen hatte, welche seine alte Heimat überschwemmten.

Zu meinem Erstaunen ergriff ein Altitaliener das Wort, genaugenommen ein Bürger Roms, der schon zu seinen Zeiten in einer multikulturellen Gesellschaft mit einer Menge Glaubensrichtungen gelebt hatte.

 

Der Feind befindet sich in unseren eigenen Mauern. Gegen unseren eigenen Luxus, unsere eigene Dummheit, unsere eigene Kriminalität müssen wir kämpfen.“ Cicero sprach ruhig,aber etwas undeutlich, weil er wohl nach alter Gewohnheit an einem Kiesel in seinem Mund herumlutschte. Demosthenes hatte ihm das mal empfohlen, als sie im Elysium einander lustwandelnd begegnet waren.

Ja, ja, die Menschen schwärmen für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Das Problem liegt darin, daß zwar viele freier und gleicher sein wollen als die Anderen, aber brüderlicher will keiner sein.

Das konnte nur von einem Franzosen kommen. Schon wollte ich Romain fragen, ob wir es nicht der Demokratie zu verdanken haben, dass wir auf zivilisierte Weise die Freiheit anstreben, mit den Reichen gleichzuziehen.

 

 

George Bernhard  schüttelte den Kopf und zog seine hohe Stirn in Ich-habs-immer-schon gesagt-Falten: „Demokratie ist ein Verfahren, das garantiert, dass wir nicht besser regiert werden, als wir es verdienen.“ Der alte Grieche hakte nach: „Die demokratische Freiheit bordet über und führt zur Tyrannis. Tyrannen treten zuerst als Gönner auf, und zetteln dann Kriege an. Tyrannen werden gewählt, weil sie Reiche beseitigen sollen.

 „Pah“, warf ein dunkel gekleideter hagerer Mann, der wegen seiner stechenden Augen nicht gerade sympathisch wirkte, ein: „für eine bürgerliche Herrschaft braucht man weder eine herausragende Tüchtigkeit, noch viel Glück, sondern vielmehr eine von Glück begünstigte Schlauheit.

 

Ja, Niccolo, und dann werden die Leute reich, immer dekadenter und treffliche Leute geraten in Armut. Das Übermaß an Freiheit in der Demokratie führt den kecksten und besten Redner an die Macht.“ setzte der Grieche fort.

Regierungen führen uns vor, wie leicht man die Menschen betrügen kann, ja, wie sie sich sogar selbst betrügen- und zwar zum eigenen Vorteil.“, knarzte, hörbar ein Amerikaner mit wettergegerbter Stimme. Henry hatte das sicher aus Frust im Gefängnis gesagt, dachte ich mir im Traum und wunderte mich, dass mir sein Name so prompt eingefallen war.

 

"Was Amerika zerstören wird, sind Wohlstand um jeden Preis, Frieden um jeden Preis, Vorrang des Bequemlichkeitsdenkens vor der Pflichterfüllung, die Neigung zum süßen Leben und die Theorie vom schnellen Reichtum." beeilte sich ein Landsmann von Henry zu sagen. Eigenartigerweise hatte er einen Plüschbären unterm Arm. Na wenn das mal nur Amerika betraf?

 

 

Die Herrenrunde hatte mich, welche, wenn auch nur im Traum, die Schöpferin derselben war, mittlerweile ziemlich vergessen.

Ich war ja auch das einzig weibliche Wesen. Wenigstens etwas Gutes hatte dieses nächtliche Hirngespinst. Ich war weit weniger beunruhigt, als ich es bei wachem Verstand hätte sein müssen.

Meine Aufmerksamkeit wurde schon im nächsten Moment von einem Mann mit halblangen grauen Haaren, ergrautem Schnauzer und Intellektuellenbrille gefesselt.

Ja, ja, Illusionismus, würde der unselige Lenin sagen, ist das höchste Stadium des Kapitalismus.“

Wer nicht vorzeigt, was man begehren kann, bewirkt, dass des Volkes Sinn nicht aufsässig wird.“

Das sagst ausgelechnet du, du altel Chinese“, meinte Niccolo, welcher von Glück begünstigte Schlauheit als Erfolgsrezept für bürgerliche Herrschaft favorisiert hatte und gerade im Begriff war, mit seiner saloppen Art Laotse zu brüskieren, der jedoch, ganz Taoist, auch hier nicht die Contenance verlor, sondern sogar schmunzelte, was den Florentiner Niccolo das erste mal in seinem Dasein aus dem Konzept zu bringen schien.

 

Dabei waren die Florentiner das im alten Italien gewesen, was die New Yorker in Amerika waren, arrogant, relativ unhöflich und mit etwas zu großem Selbstverständnis.

Ja meine Herren, bei allem Respekt eurer fachlichen Autorität, ihr habt nicht bedacht, dass heutzutage alles in den Dienst gestellt wird, Begehrlichkeiten zu wecken. Das machen Illusionsmaschinen. Man nennt sie Smartphone, Tablet, Pc, Fernseher. Manche Maschinen sammeln auch Meinungen, mischen sie neu durch und verbreiten sie ganz automatisch.“, warf ich ein und war neugierig, was die Traumregie sich dazu einfallen lassen würde. Niemand wandte sich nach mir um, diese Gesellschaft war es wohl gewohnt, mit Surrealem konfrontiert zu werden, denn Träumern wie Geträumten ist oft das Abstruseste selbstverständlich.

Eine öffentliche Meinung gibt es doch nur dort, wo Ideen fehlen.“, bemerkte ein hochgewachsener Mann, offensichtlich ein Dandy der alten Schule, der auch hier auf seinen Samtrock, den Gehstock und sein Spitzenjabot nicht verzichten wollte.

Mag schon sein Oscar. Aber wenn sie die Politik betrifft, wird es schon brenzlig. Nicht? Also insgesamt meine Herren, sind wir auf keinen grünen Zweig gekommen. Das Einzige was ich aus Ihren Wortspenden entnehme, ist, dass die Welt nicht schlechter geworden ist. Sie war immer schon so. Aber offensichtlich kommen wir aus dem Jahrtausende alten Hamsterrad nicht raus. Und diesmal scheint uns das bedrohlich aus dem Gleichgewicht zu bringen. Was kann man also tun?“

 

Ich war ein wenig erstaunt, dass die Männer mir nun ihr Gehör schenkten, obwohl wenigstens 80 Prozent in ihrem Leben durchaus nie erlebt hatten, dass sich Frauen an ihren Disputen beteiligten. Aber es war ja mein Traum, nicht ihrer. Also stellte ich keck die nächste Frage:

Darf ich Ihre Beiträge im weltweiten Netz veröffentlichen? Wenn ich mir schon keinen besseren Reim daraus machen kann, vielleicht macht sich ihn jemand anderer?

Die Herren, welche in ihren unterschiedlichen Trachten und Kleiderstilen durchaus ein interessantes Bild abgaben, das ich zumindest mit dem Smartphone gerne aufgenommen hätte, sahen mich bis auf zwei drei Leute entgeistert an.

 

Das schien ihnen gar nicht recht zu sein. Ihre Worte sollten in einem Netz zappeln? Wie auf Kommando richteten sie ihre Blicke nach oben. Das hinterließ den Eindruck, als ob sie sich verabredet hätten, entnervt die Augen zu verdrehen. Doch ihr besorgter Gesichtsausdruck passte nicht zu meiner Theorie. Also wandte auch ich meine Augen nach oben.

Über unseren Köpfen hing plötzlich ein Fischernetz, das von den vielen Dingen, welche sich in ihm verfangen hatten, ganz ausgebeult war. Da und dort drohte ein ziemlich vermodertes, undefinierbares Objekt durch die Maschen zu schlüpfen. Oh, war das etwa mein Netz, mein sich manifestiert habendes Internet, das sich mehr und mehr aufzublähen schien? Es war meinem Traum zuzutrauen.

Was mir an dem Szenario nicht gefiel war, dass ich ebenfalls unter dem Netz stand, das sicher bald unter seiner Last reißen würde. Das Gewicht dessen, was meine illustre Runde jemals von sich gegeben hatte, würde nie und nimmer ausreichen, sich dem entgegenzustemmen, das das Netz mit einer unheimlichen Masse niederdrückte.

 

Der Traum entwickelte sich gar nicht zu meinen Gunsten. Wollte er mir sagen, ich solle diese Zitatperlen eines Nicolo Macchiavelli, Peter Sloterdijk, Laotse, Plato, Cicero, Roosevelt, kurzum die Creme de la Creme einer politisch gebildeten Gesellschaft, welche von pfiffigen Schriftstellern wie Mikzáth, Wilde und Guarreschi mit irisierendem Schillern bereichert wurden, nicht in einem Netz voller angeschwemmten Treibgutes verschwinden lassen?

Ich fand es nicht mehr heraus. Das Netz platzte und legte sich ziemlich schwer auf meinen Rumpf und meine Gliedmaßen. Ich kämpfte, um nicht darunter begraben zu werden.

Die Unförmigkeit der Dinge fühlte sich ziemlich ekelig an und hinterließ einen undefinierbaren Ein- und Abdruck. Ich wehrte mich heftig boxend und tretend, denn was sich da auch ziemlich schleimig über mich ergoss, war eine Menge unbedachter Äußerungen, Fäustchen mit gereckten Daumen, ach ich wollte gar nicht wissen, aus welchen Elementen sich diese Konsistenz zusammensetzte.

 

Als mich mein eigenes Strampeln schließlich aus dem Schlaf riss, bemerkte ich, dass ich mit meiner Bettdecke gerungen hatte.


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