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Wenn Epikur mit Lichtenberg: Glücksgespräche

Es ist doch so, nicht in den zehn Geboten und auch nicht in der Charta der Menschenrechte sind Pflicht oder Recht zum „Glück“ verankert. Ja, wahrscheinlich zum Glück, denn auf mein Recht auf Pech oder unglücklich zu sein, mag ich nicht verzichten. Wo käme dann die Menschheit hin, wenn alle immer glücklich wären? Oder gar glücklich sein müssten?

 

Unzählige mehr oder wenig teure Rezepte samt Glücksgehilfen mit mehr oder weniger hohem Stundenlohn wären mit einem Mal überflüssig. All die schönen Lebenshilfebücher, die irgendwo wohl dahinmodern würden...

Ist es in Wahrheit nicht schön, wenn jemand anderer deine hängenden Schultern und deine Leidensmiene durch Mitgefühl oder gar einem Lächeln aufrichtet, und dein ach so düsteres Dasein, wenn auch zeitlich begrenzt, erhellt? Aber, darüber wollte ich gar nicht sprechen.

 

Sondern, ich hatte in einer traumhaft schönen inspirierenden Landschaft einen hübschen Pavillion aufstellen lassen, nicht ohne Tischchen mit Leckereien. Denn ich wollte echte Experten über Glück diskutieren lassen. Sollten die sich den Kopf zerbrechen!

Wenigstens entfiel die Vorstellungsrunde, ich war ohnedies nicht der Typ charmante Gastgeberin oder Salondame, die der Eitelkeit prominenter Herrschaften assistierte.

 

Mann kannte sich vom jahrhunderte langen Echo, das der Ruf der Berühmtheit in Diesseits und Jenseits hinterlassen hatte.

 

Einer der Gäste schien sich allerdings etwas verloren im Gras im perfekten Lotossitz niedergelassen zu haben. Er sah hübsch und jung aus, mit dem lässig drapierten, safranfarbigen Stoff um seine schlanke Figur, aber wirkte auch irgendwie unerreichbar, besonders für Begehrlichkeiten des anderen Geschlechts… Schade... Ich wusste bald, warum.

Die den Leiden entfliehen wollen, eilen bloß auf das Leiden zu. Schon durch den Wunsch nach Glück zerstören sie, Feinden gleich, töricht ihr Glück.“ verhallten Shantidevas Worte, bevor sie die Herrschaften im Pavillion erreichen konnten.

„Mein Freund, kommen Sie doch zu den anderen und lassen Sie diese an Ihren Glücksgedanken teilhaben!“, versuchte ich ihn zu der Gesellschaft zu locken.

Wie viel du wünschen magst, der Wunsch wird weitergehn, und Glück ist da nur, wo die Wünsche stille stehn.“ unterbrach mich die Stimme Friedrich Rückerts, der wie schon zu Lebzeiten etwas asketisch wirkte.

 

„Ihr beiden Herren werdet euch blendend verstehen, und bitte nicht streiten, wer zuerst die Idee hatte, Herr Rückert, bei Ihrem Quellenstudium in 44 Sprachen?! ...Aber, leider, leider, lebe ich in einer Zeit, wo Wünsche gewaltig angekurbelt werden, ich befürchte Ihr Rezept wird heutzutage niemandem schmecken...ich lade Sie herzlich ein, mit mir mal fern zu sehen, vielleicht...verstehen Sie dann, was ich meine“

„Ach, Television, in die Ferne glotzen? Kein Wunder, die Herrschaften haben immer nur von Wünschen, aber nichts vom Tun gesagt.“, warf ein Herr mit scharf geschnittener Nase, üppigem Bart und mit einer, für einen, der auch über Glück bescheid wusste, eher finsteren Miene: „Vom Nichtstun wird man nicht glücklich.“

Unvermittelt musste ich an ein altes Märchen denken: „Eine Gegend heißt Schlaraffenland, den faulen Leuten wohlbekannt; Das liegt drei Meilen hinter Weihnachten…..?“

Mich durchfuhr es: Das war doch … das Märchen von dem Land, „Lubberland" in England, "Liulekkerland“ wo es so Orte wie Pralhausen,Rauschig, Reichseyn, das Ampt Sauffausen oder das Ampt Schwelgendorff gibt? Aber im ganzen Märchen gab es kein Wort von Glück! Hatte der Mann etwa recht?

 

Herr Epikur, er war es gewesen, der mit dem Nichtstun begonnen hatte, unterbrach mein Nachsinnen: „Man muß versuchen, den nächsten Tag immer besser zu gestalten als den vorhergehenden, solange wir noch auf dem Wege sind; sind wir aber ans Ziel gelangt, so dürfen wir gleichmäßiger Fröhlichkeit huldigen.

Na, wenn gleichmäßige Fröhlichkeit noch wen hinterm Ofen hervorlockt, dachte ich mir und verkniff mir die Erwähnung von Ballermann und Raveparties und so… jetzt,2020, erst recht während weltweiter Quarantäne von wegen frustrierend sich hinziehender Pandemie...Ich wandte mich von dem Herrn, der noch dazu mit pittoresken Gesten seine Aussagen unterstützte (war wohl damalige Rednermode), ab.

Ein tiefer Fall führt oft zu hohem Glück.“, schien mich ein spitzbärtiger Engländer trösten zu wollen, in dem ich zweifellos den alten William erkannte. Er musste wohl meine Gedanken gelesen haben, der alte Psychologe...„ Ich sehe wohl,“ fuhr er ungebremst fort, „...die sind ebenso krank, die mit dem Übermaß zu kämpfen haben, als die vor Hunger sterben. Es ist also kein mittelmäßiges Glück, im Mittelstand zu leben.

Sondern?

Eben wandte ich mich dem recht klein geratenen Mann zu, der mit seinen geschlitzten Puffhosen einen fröhlichen Kontrapunkt zu den bisher eher langweilig in Togen bzw. in schlichtem Grau gehüllten Männern setzte.

"Niemand kann mich zwingen, auf seine Art glücklich zu sein, sondern ein jeder darf seine Glückseligkeit auf dem Wege suchen, welcher ihm selbst gut dünkt, wenn er nur der Freiheit Anderer keinen Abbruch tut", deklamierte Immanuel aus einiger Distanz, während er mit großen Schritten (und das bei seinen eng geschnittenen Culotten und dem recht steif wirkenden Gehrock) unserer Gesellschaft entgegenstrebte. „Kein Problem“, erwiderte William Shakespeare, „Der Hütten kleinste hat immer Raum genug für's größte Glück.“

 

Kant wackelte mit dem Kopf, so dass wenigstens sein Zöpfchen glücklich hin und her zu wippen schien: „So wollte ich es nicht verstanden wissen...obwohl diese Auslegung durchaus über romantischen Charme verfügt.“ Kant musste wohl im Jenseits milder geworden sein und ich war fast gespannt, ob aus dem kategorischen Imperativ sich ein wohlwollender Konjunktiv destilliert hatte, doch, eine ungewöhnlich tiefe Stimme gesellte sich zum im Hintergrund rumorenden Männerchor:

 

Glück hängt nicht davon ab, wer du bist oder was du hast,sondern davon, was du denkst.

 

 

Ach, wieder ein Herr in Drapage, Herr Panta Rhei, alias Heraklith, durch den schmalen Bart und die breite Stirn gottseidank nicht allzu leicht mit seinem wesentlich jüngeren Landsmann Epikur zu verwechseln, beides übrigens Insulaner.

Manschmal bedöitet Glück, etwas nischt su begreifön.“, hallte es mit unverkennbar französischem Akzent von ziemlich weit her.

 

 

Die Herrschaften stutzten, sahen sich an und warfen mir fragende Blicke zu. Mit soviel Aufmerksamkeit hatte ich nicht gerechnet. Ich beschwichtigte: „Herr Lelord lebt noch, er hat ein ganzes Buch über Glück geschrieben, mit Lektionen…"

In ihren stummen Blicken lag ziemlich laut die eine Frage: „Glück kann man in Lektionen lernen?“

Na ja, er hat halt gemeint, Glück sei schwieriger in einem Land, das von schlechten Leuten regiert wird.“, antwortete ich leise und wand mich, um den Altherrenblicken weniger Angriffsfläche zu bieten. „Wer nicht von andern wird bewacht, und wer auch andre nicht bewacht, fürwahr der lebt, o Herr, voll Glück…“ sagen ja schon die Jatakas.

 

„Ehrwürdige Frau, du verstehst da was falsch,“ meinte da ein exotisch wirkender Mann mit schmalen Augen, langem schwarzen Zopf und einer durchaus farbenfrohen Seidentracht, mit der er sogar neben dem Engländer herausstach.

Die Hände innerhalb der langen, weiten Ärmel verschränkt, setzte er fort:

Wenn man Gerechtigkeit im Kleinen übt, so hat man im Kleinen Glück, wenn man sie im Großen übt, so hat man im Großen Glück. Mit dem Unheil ist es nicht so. Wenig ist immer noch schlimmer als gar nichts.“, äußerte er mit ruhiger Stimme, sich leicht verneigend.

„Herr Lü Bu We, da bin ich Ihnen aber dankbar, den bisher hat keiner der Herren von Unglück geredet. Herr Casanova zum Beispiel kriegt Frauen herum, indem er ihnen sagt, wie sie ihn glücklich machen könnten und säuselt dann noch, dass das Glück weder zu leicht noch zu schwer zu erlangen sein muss.

Ist doch klar: Frauen kümmern sich mehr um das Glück anderer als Männer…da hat er leichtes Spiel und zudem seid ihr lauter Männer, die sagen, wohin es lang geht zum Glück? Dabei ist doch Fortuna, die Glücksgöttin weiblich… warum wohl?"

 

 

Epikur belehrte mich freundlich: „Tyche/ Fortuna sind fürs Schicksal zuständig, nicht nur für Glück und wenn man Glück haben will ruft man ihren Zweitnamen Agathe, der „wohlan“ bedeutet.“

„Also lieber Agathe als Fortuna? Traut ihr eurem Glück etwa nicht?“

 

Ein bisschen wurde ich ja schon sauer, weil ich erkannte, dass es immer nur die Herren der Schöpfung gewesen waren, die einem ihre Glücksvorstellungen aufs Auge gedrückt hatten. Und solche Gefühle mussten mich ausgerechnet im Paradies überkommen. Das hier war doch das Paradies, wo sich die illustren Herrschaften herumtrieben, sollten sie sich mit ihren Glücksrezepten doch wohl verdient haben?

Uj, davon waren meine Zuhörer nicht sonderlich begeistert. „Des Menschen ganzes Glück besteht in zweierlei, dass ihm gewiss und ungewiss die Zukunft sei.“ ließ Friedrich der Sprachgewaltige nicht ohne Blitzen in den Augen verlauten.

 

Ich hätte schwören können, dass er sie in meine Richtung schoss. Da spürte ich hinter mir einen leichten Windhauch. Ich drehte mich um und sah einen gepflegten weißhaarigen Mann im Anzug im Stil des zwanzigsten Jahrhunderts mit leichten Schritten mir entgegen kommen.

 

Ach Paul, wie schön, er hatte mit der Anleitung zum Unglücklichsein gewagt, ein Gegengewicht in die Waagschale der Glücksdiskussionen zu werfen. „Es ist höchste Zeit, mit dem jahrhundertealten Ammenmärchen aufzuräumen, wonach Glück, Glücklichkeit und Glücklichsein erstrebenswerte Lebensziele sind.“ Das habe schon viel Unheil angerichtet, seitdem sie in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung aufgenommen worden seien.

Ein langes Glück verliert bloß schon durch seine Dauer.“ fügte Christoph Lichtenberg hinzu.

Was soll man ja auch noch zu fast dreihundert Ansichten über Glück hinzufügen, die ein gewisser Varro bereits vor 2200 Jahren gezählt hatte?

Es ist eine allgemeine Quelle unseres Unglücks, dass wir glauben, die Dinge seien das wirklich, was sie doch nur bedeuten.

Christoph, das solltest du mal den Werbefritzen erzählen, die ihre Filmchen für Produktplatzierungen drehen und damit echt nette Fernsehabende ruinieren.

Meine Herren! Sind Sie jetzt hier glücklich im Jenseits, ja vielleicht sogar im Paradies?

William näherte sich mir nun mit einer jovialen Geste. „Junge Maid, du wähnst dich im Paradies, oder gar im Jenseits von Gut und Böse? Vermeinst du in diesem unteilbaren Zustand das Glück zu finden?“

„Äh, nicht? Wo sind wir denn?“

„Nicht in der Hölle, nicht im Fegefeuer, da hätten wir wohl kaum unsere Gäste aus Asien oder aus der Antike empfangen können.“

William sah mich auf eine Weise an, die plötzlich auch die anderen Herren anscheinend der Situation angemessen fanden. Ich nicht. Das war nicht gerade gemütlich, obwohl in keiner Miene die geringste Unfreundlichkeit zu finden war. Möglicherweise befürchtete ich sowas wie einen leisen Vorwurf in einer Menge, die den von mir so schön gestalteten Pavillion in der so herrlichen Landschaft nun geradezu verdeckte.

Waren es grade bereits mehr als dreihundert ...MÄNNER? (seit Varro waren ja immerhin mehr als zwei Jahrtausende vergangen)

Paul übernahm nun das Wort. Erst später wusste ich warum. Weil er nämlich im Leben ein großartiger und berühmter und unkonventioneller Philosoph und Psychotherapeut gewesen war. Paul lächelte, wie er in seinem Leben in der Öffentlichkeit kaum gelächelt hatte (er soll nämlich recht schüchtern gewesen sein) und beugte sich zu meinem Ohr. Dann sagte er ganz langsam und leise: „Wir sind alle in deinem Kopf“.

 

 

Es ist wohl nachvollziehbar, dass ich mit einem lauten Schrei in meinem Schlafzimmer erwachte. Als nächstes schwor ich mir, nie wieder vor dem Einschlafen nachzudenken, ob ich denn am vergangenen Tag glücklich gewesen sei oder wie ich den nächsten Tag glücklich gestalten wollte. Das ließ ich ab nun einfach offen...


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