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Frauen über Liebe:

Ja, die Liebe. Was kann sie dafür, dass sie so oft in den Mund genommen wurde, dass man vergessen könnte, dass sie eine Praxis ist? Menschen haben über sie philosophiert, doziert, Gesetze aufgestellt, Formeln gesucht; noch ist kein Ende absehbar.

 

Menschen? Meist waren es Männer: Psychotherapeuten, Philosophen, Mystiker und Schriftsteller….er, er, er.

Die romantische Liebe soll eine Erfindung des späten 18. Jahrhunderts sein. Tim Ray meinte sogar, die romantische Liebe sei eine Erfindung des Teufels, in die er vier Lügen eingebaut habe: Dass sie außerhalb einem läge und von einer anderen, einzigen Person abhänge, sowie, dass sie natürlich ewig währen müsse und göttlich sei.

Man(n) solle sie kaufen können, kann man natürlich nicht.

Sprechen Männer von Liebe, meinen sie Sex... okay, ziemlich oft. Jesus hat auch von ihr gesprochen und es anders gemeint, die göttliche Liebe, möglicherweise auch nicht gegendert.

Dabei ist sie in den meisten Kulturen weiblich: Venus die Liebesgöttin, mit Söhnchen Eros/Amor, ein Kind, bestenfalls ein Pubertierender, der nicht weiß, was er anstellt. (Hat ja schon erfolgreich die Psyche völlig konfus gemacht mit seinen Verdunkelungen). Ishtar, Isis, Inanna, Astarte oder auch Freija waren lauter Frauen, die wilde Männer zähmten, indem sie das amouröse Ressort übernahmen. Alleine wie Zeus sich wie ein Vampir bei unzähligen Göttinnen bediente und ihnen nicht nur die Unschuld, sondern einer Menge Fähigkeiten beraubte! Bevor er nämlich noch je eine Frau gekannt hatte, war er bloß ein dummer geiler Junggott ganz ohne berufliche Praxis gewesen...

Aus diesem Grund dürfen sich hier nur XX-Chromosomenträgerinnen und Vagina-Besitzerinnen zu Wort melden.

Hier soll kein Handbuch zur Literatur über Amour(en) entstehen, sondern ein Szenario rauschender Röcke, androgyner Hosenanzüge, gestikulierender, meist zierlicher Hände, einer unglaublichen Vielfalt von Frisuren und auch einiger funkelnder Augen. Ein Stimmengewirr hoher Tonlagen, gemischt mit resoluten Frauenbässen.

Die ersten Wortmeldungen kommen von Französinnen, aus einem Land, in dem die Weiblichkeit selbstbewusst ihren Part in dem Hin und Her der Geschlechter gestaltet(e). Deren Vertreterinnen: Marguerite Duras, Simone de Beauvoir, George, Sand, Colette...

„Simone, ich darf Sie doch so nennen, würden Sie vielleicht einleitende Worte sprechen?“

Das Wort Liebe hat für beide Geschlechter keineswegs den gleichen Sinn, und hierin liegt eine Quelle der schweren Missverständnisse, die sie voneinander trennen.

„Wie wahr“,sagte ich, unversehens in die Rolle einer Moderatorin gedrängt, die sich angesichts solcher Kaliber von Intellekt, Bildung und Ruf einigermaßen klein und unwohl fühlte. Meinte sie so ein Missverständnis wie Colette es kokett formulierte? „Beim Flirt laufen nicht selten Männer einer Frau nach, die längst hinter ihnen her ist“….

 

Ich glaubte zu sehen, dass die französische Schriftstellerin,(1873-1954) ihre hübsche Augenbraue hochzog als sie süffisant hinzufügte: „ Liebe - eine der größten Banalitäten des Lebens. Sobald ein Mann anfängt, sich lächerlich zu benehmen, weiß man, er meint es ernst.“

Was tat Simone? Sie ließ sich einfach nicht beirren. „Wenn der Mensch verliebt ist, zeigt er sich so, wie er immer sein sollte.“

Oh, ich hatte nicht erwartet, dass diese Diskussion schon so bald drohte aus dem Ruder zu laufen. Ich musste ein Ablenkungsmanöver wagen: „Ja, aber Madame, bedenken Sie, wie lange hält denn schon Verliebtheit an?“

Es war eine Frau im Peplos, die mir aus der Verlegenheit half: Die fantastische Sappho von Lesbos hielt für mich die Stange, als sie meinte: „ Hält eine Liebe an, so deswegen, weil noch etwas in uns unbefriedigt ist.“

Das war wohl der richtige Moment, in dem ich mir vornahm, mich aus der Jahrtausende überbrückenden Diskussion möglichst heraus zu halten. Vielleicht war es ja auch die einzige und letzte Gelegenheit.

Helen Rowland, eine großartige amerikanische Aphoristikerin und Journalistin, übrigens dieselbe Generation wie Colette, sorgte nun für eine Gesprächswende mit der Bemerkung, in Liebesdingen könne jede Frau schneller zuhören, als der Mann zu sprechen vermöge.

Na, das stimme nicht ganz, meinte eine sehr geerdet wirkende englische Dame, deren literarisches Werk man immerhin mit Shakespeare verglichen hatte. „In neun von zehn Fällen sollte eine Frau lieber mehr Zuneigung zeigen, als sie verspürt.“ (Immerhin, nicht nur im 18. Jahrhundert brauchbar - danke Jane Austen!) Hatte also Helen weibliche Raffinesse unterschätzt?

Sie müssen wissen, was Sie wollen, um es zu bekommen.“ argumentierte nun eine resolute aber durchaus unkonventionelle und sehr reiche Amerikanerin, bei der es sich nur um Gertrude Stein handeln konnte (deren große Liebe eine Frau, Alice Toklas gewesen war).

 

Marguerite Duras schüttelte ihren Kopf, was ihr fragende Blicke der anderen Damen eintrug, eine wahrlich bunte Gesellschaft, die sich übrigens in einer Art Salon zum Gespräch eingefunden hatte. „Man muss schon sehr begeistert von Männern sein, sehr, sehr begeistert. Man muss sehr begeistert sein, um sie lieben zu können. Andernfalls sind sie nämlich einfach unerträglich.

 

Dass sie damit Öl ins Feuer der natürlich auch anwesenden Wiener Schauspielerin und ehemaligen Geliebten Arthur Schnitzlers goss, konnte sie nicht ahnen, denn Adele Sandrock, eine auf ihre eigene Art imponierende Erscheinung, die wie eine Schwester von Gertrud Stein gewirkt hätte, wäre sie nicht so donaumonarchisch fin de Siecle gewesen, richtete sich auf und brummte mit blitzenden Augen: „Hüten Sie sich vor den Männern. Fallen Sie nicht auf Ihre Tricks herein. Sie sind alle Schweine.“

Eine Frau, die wissen musste, wie geradezu magnetisch ihre Erscheinung auf Männer wirkte, gurrte: „Alle abgelegten Liebhaber sollten eine zweite Chance erhalten…“ Adele wandte sich Mae West mit gefurchter Stirn und zusammendrängenden Augenbrauen zu, als diese ihren Satz beendete: „aber mit einer anderen.“

Zunächst schwiegen beide, was auch alle anderen Anwesenden veranlasste, ihre Konversationen zu unterbrechen. Mae hatte schnippisch ihr Gesicht verzogen, während Adele ihre Nüstern blähte. Doch dann begannen die Leiber der resoluten Damen zu vibrieren und  im nächsten Moment brach befreites Gelächter aus, das bei Sandrock aufgrund ihrer tiefen Stimme wie ein abziehendes Gewitter klang, dem nun ein Sturm der allgemeinen Heiterkeit folgte.

Enttäuschungen töten nicht und Hoffnungen lassen leben.“, wurde der Gesprächsfaden mit sanfter Stimme von einer Dame in Straßenanzug und Zylinder aufgenommen, die Friedrich Nietzsche als „Milchkuh mit schönem Stil“ zu bezeichnen gewagt hatte. Es handelte sich George Sand.Unser Leben heißt Liebe, und nicht mehr lieben heißt nicht mehr leben. Es gibt nur ein Glück im Leben – lieben und geliebt zu werden.“, wagte sie einen versöhnlich klingenden Vorstoß.

 

Duras nahm ihr das laue Lüftchen (leider?) rasch aus den Segeln: „Es ist im Nachhinein, dass du erkennst, dass das Gefühl des Glücks, das du zusammen mit einem Mann hattest, nicht zwangsläufig beweist, dass du ihn geliebt hast.“

Das irritierte George Sand nun und veranlasste Marianne von Willemer, welche von Goethe schriftstellerisch ausgebeutet worden war (bleibt nur noch zu hoffen, dass er sie wenigstens zeitweise als Liebhaber beglücken hatte können) zu der Äußerung: „Macht uns nicht die Liebe reich? Liebe gibt der Liebe Kraft. Isoliert kommt der Mensch nie zum Ziele.“

 

Ich kam nicht umhin, mir meinen Teil zu denken. Letzteres hatte nämlich Goethe wohl auch überlegt und auf eigene Weise interpretiert. Denn es ist fraglich, ob letztendlich überhaupt herausgekommen wäre, was für eine wunderbare Dichterin sie war, hätte der Schwerenöter Johann-Wolfgang-von, sie nicht "plagiiert"?

 

Ob sie sich allerdings mit dem Freigeist Karen Blixen solidarisiert hätte?: „Von all den Idioten, die ich jemals in meinem Leben getroffen habe,“ (sie wusste wovon sie sprach, hatte doch ihr Ehemann Baron Blixen ihr höchstselbst die Syphilis angehängt) „...und Gott weiß, dass es weder wenige noch kleine waren, denke ich, dass ich der größte war.“ Das wagte ich zu bezweifeln.

Darf Liebe nehmen? „ fragte Paula Modersohn-Becker, eine deutsche Künstlerin, die es als Frau, die zwischen Selbständigkeit und Abhängigkeit zu lavieren gezwungen war, irgendwie auch wissen musste...

 

Germaine de Staël (1766 – 1817) löste elegant diese Frage, indem sie behauptete, dass Liebe Eigenliebe zu zweit sei. (Seitens des Mannes, hätte ich gerne hinzugefügt, was aber wahrscheinlich auf Germaine nicht zutraf).

Die wahre Liebe will nichts als lieben.“ warf beinahe trotzig eine eher männlich wirkende Frau mit ziemlich nordischem Zungenschlag ein. Es war die einzige Frau von königlichem Geblüt, die an der Diskussion teilnahm, allerdings vom Heiraten zu Lebzeiten nichts wissen hatte wollen und mit (abgelegten) Liebhabern nicht zimperlich umgegangen war: Christina von Schweden (1626 – 1689).

Die größte Gewalt über einen Mann hat die Frau, die sich ihm zwar versagt, ihn aber in dem Glauben zu erhalten weiß, dass sie seine Liebe erwidere.“ meinte Marie Ebner von Eschenbach mit einem vielsagenden Seitenblick auf Christine.

 

Wären die beiden im Laufe der Geschichte aufeinander getroffen, wären sie sich wohl nicht grün gewesen, aber Gott sei Dank hatten sie gute zweihundert Jährchen getrennt. Auch, dass die meisten Menschen mehr Liebe brauchten, als sie verdienten und, dass Liebe Qual sei, Lieblosigkeit aber Tod., hätte ich der Schwedin gegenüber als ziemliche Breitseite empfunden.

 

Ebner Eschenbachs Zeitgenossin Adele Sandrock allerdings nickte heftig, doch bevor sich zwei Lager bilden konnten, schritt Eleonore Duse, die grandiose italienische Schauspielerin ein: „Wer stärker liebt, ist immer der Schwächere.“

Es war nicht zu übersehen: Da waren auf der einen Seite Romantikerinnen…; diese aber fanden sich einer Überzahl von Realistinnen gegenüber. War ich froh, keine Männer eingeladen zu haben, obwohl es spannend gewesen wäre, wer sich dann wie geäußert hätte!

Helen Rowland gelang aber nun ein Ausgleich: „Um mit einem Mann glücklich zu sein, muss man sehr viel Verständnis für ihn aufbringen und ihn außerdem ein wenig gern haben.“

Freundschaft ist sicherlich der beste Balsam für die Wunden einer enttäuschten Liebe.“ nahm Jane Austen die Kurve mit derselben Neigung.

Mit der Freundschaft ist es wie mit der körperlichen Liebe: Da­mit sie authentisch ist, muß sie zunächst frei sein. Freiheit bedeutet nicht Laune. Ein Gefühl ist eine Verpflichtung, die den Augenblick überschreitet.“, steuerte Simone de Beauvoir in die nächste Gerade.

 

Liebe ließe sich nur mit Liebe erlangen, meinte Katharina von Siena.

 

Oh ja, aber auch nur, wenn es alle Beteiligten tun und sie in etwa das Gleiche darunter verstehen...dachte ich mir und da landete ich doch glatt wieder beim Anfang, nämlich dass Männer und Frauen eben nicht das Gleiche darunter verstünden.

Sie habe viele Arten der Liebe kennengelernt: die Künstlerliebe, die Liebe als Frau, als Schwester, als Mutter, die Liebe zu Gott, die Dichterliebe und „..was weiß ich nicht alles. Manch eine Liebe ist noch am gleichen Tag, an dem sie das Licht der Welt erblickt hatte, gestorben, ohne sich demjenigen zu offenbaren, der sie erweckt hatte. Manch eine hat mein Leben zur Qual gemacht und mich in eine Verzweiflung gestürzt, die dem Wahnsinn nahe war. Einer anderen zuliebe führte ich jahrelang in der Abgeschiedenheit ein völlig dem Metaphysischen zugewandtes Leben. Mit alledem habe ich es wirklich ernst gemeint.“, präzisierte George Sand, was in meinen Augen die Anzahl der möglichen Missverständnisse und Unglücksseligkeiten beträchtlich erhöhte. Wäre man nun in diesem Gespräch darauf eingegangen, hätten sich die Meinungen tausendfach aufgesplittert, befürchtete ich.

 

Helen Rowland griff rhetorisch zum Wink mit dem Zaunpfahl: „Der Mann weiß nicht, wie er Schluss machen soll. Die Frau weiß nicht, wann sie Schluss machen soll.“

 

Okay, okay, ich hab verstanden! Was bleibt mir übrig, als es mit Colette zu halten, die schon eingangs erwähnte, Liebe sei eine der größten Banalitäten des Lebens. Und, an Banalitäten soll man nicht zu viel Zeit vergeuden. So viel also zum Thema.

Aber Leute, diese Banalität kann was, wenn sogar Plato ein aufwendiges Gastmahl brauchte, um sie zu erörtern!

 

Wir, meine Damen, haben es jedenfalls kürzer und prägnanter in einer Gesprächsrunde bewältigt. Ich danke für die rege Anteilnahme (glaube aber nicht, dass ich bezüglich Liebe klüger geworden bin).

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