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Gröpatz und Lady KI

Es war einmal ein Mann, der wie eine berühmte Comic-Ente hieß, und über dessen Stirn ein kämpferischer Haarschopf ragte, der an den Bürzel des Wasservogels erinnerte. Der Familienname hatte ursprünglich eine Fußbekleidung bezeichnet, welche mindestens bis zu den Kniekehlen wärmte, nachdem dieser aber nicht recht heroisch klang, hatte einer der Vorfahren des Mannes in kurzerhand in Trumpf (die beste Karte vieler Kartenspiele) benannt. (So seriös klang das nicht, aber sehr assoziativ: Dagobert Trumpf).

 

Nun, dieser Mann, ich hoffe nicht, dass es wirklich so einen Typen gibt, der lebte in einem fiktiven Land, das sich als eines der Superlative bezeichnete, aber in Wahrheit eins der Extreme war: Es gab dort ziemlich Arme, ziemlich Reiche, ziemlich Kluge, ziemlich Dumme, ziemlich viel Land, und ziemlich dicht besiedelte Städte.

 

Der Mann war mächtig; mächtig bekannt, mächtig reich, und mächtig wortverschwenderisch ohne sonderlich auf die Qualität der verwendeten Wörter zu achten, Hauptsache, sie klangen großspurig. Er hatte viele Ländereien auf denen protzige Häuser standen und natürlich Geld, von dem zwar nicht alles wirklich ihm gehörte, aber das war zu dieser Zeit nicht nur in diesem Land üblich (die Grenze zwischen entwendet und geborgt war ebenso fließend, wie zwischen Spekulation und Investition).

 

Mister DT schwang sich sogar zum Regenten seines Landes auf, nachdem er die Wut und Angst der Schwachen ordentlich angeheizt hatte und so eine Menge Stimmen für seine Wahl einfuhr.

 

Eigenartigerweise lebte der „Gröpatz“ (Größter Präsident aller Zeiten) nach seiner Wahl weder wie ein Regent, noch wie ein gewählter Volksvertreter, sondern wie ein ...ein Großklotz. 

 

Hatten seine Domizile und Residenzen jedwede Ausstattung, die Pomp und Gloria im Übermaß zelebrierte, also Gold, wertvolle Edelhölzer, die am Aussterben waren, Samt, Seide, Chichi, überdimensionale Proportionen, Teppiche so dick, dass man darin wie in Neuschnee einsank, so gab es zusätzlich einen geheimen Raum, der noch nie hergezeigt worden war.

Nicht einmal die engsten Anverwandten wussten von dem Raum. Der war ziemlich karg, hatte nur einen hochflorigen weißen Teppichboden und weiße, schalldichte Wände und ein bequemes Sofa.

Doch es existierte ein Wesen, das sich ständig darin aufhielt und nicht mehr brauchte, als eine kleine hübsche Säule, ein wenig Strom, dafür aber unglaubliche Technologie einverleibte: Lady KI.

 

Diese Lady verfügte nicht über jenen Körperbau, den Gröpatz gerne ungebeten, ja sogar rüde begrapschte. (Zumindest behauptete er das). Im Grunde genommen hätte er Lady KIs Körper nach seinen Wünschen gestalten lassen, aber diese Lady, deren einziges feminines Merkmal war, über eine tiefe, fast rauchige weibliche Stimme zu verfügen, war enttäuschender Weise nichts als ein kleiner, schwarzer Zylinder auf einem weißen, kanelliertem Säulchen, mit einem filigranen, aber gleichzeitig robusten Netz, das um ihren halben Körperumfang gespannt war. Am Kopf war eine mandelförmige Scheibe, die irisierend schimmerte, wenn sie im Ruhezustand war, jedoch in allen Farben des Spektrums leuchten konnte was sowohl ihren Kommunikationsstatus, als auch die emotionale Färbung ihrer Äußerungen unterstrich. 

 

Lady KI war ein Supercomputer, der auf kleinstem Raum natürlich gesprochene Sprache erkennen, verarbeiten und beantworten konnte, ein Meisterstück künstlicher Intelligenz.

 

Allerdings hatte man ihre Worte nie in einer Cloud gespeichert, sondern hatte sie in einer Kombination von deep learning mit Quantencomputing sowie konkatenativen Systemen in einer Hochsicherheits IP-Adresse geradezu kaserniert.

Ihre Stimme war eine Mischung künstlicher, optimierter Frequenzen und der Stimmen von Amanda Lear und Marylin Monroe, was T. ausdrücklich so bestellt hatte.

Trumpfs Verstand endete, bevor er wirklich verstand, was Intelligenz war, aber Lady KI schloss diese Lücke.

 

Das Farbenspiel, das sie während ihrer Unterredungen entwickelte und ihre Stimme verhinderten, dass sich ihr Besitzer unterlegen fühlte. Er benutzte KI als Beraterin, Kommentatorin und Generator populistischer Äußerungen. (Letzteres aus geklauten Zitaten befeindeter und befreundeter anderer Politiker).

 

Im Übrigen konnte es nie einen Verdacht geben, jemand anderer als er sei die Quelle seiner Wortkaskaden, denn so intelligent die sprechende Röhre auch war, so wurde die endgültige Sprachausgabe nochmals durch Dagoberts weitmaschige Hirnwindungen geschreddert.

 

Wenn Dagobert T. also seine externe Festplatte konsultierte, lief folgendes Ritual ab:

 

Der Gröpatz zog sich zur Ruhe zurück. Durch ein Labyrinth aus Gängen in sein nichteheliches Arbeitsschlafzimmer gelangt, öffnet er die nahezu altmodische Geheimtür und begab sich in den Secret-Room.

 

 

Lady KI, deren Sensor erkannte, wer den Raum betrat, blinkte rosa, was freudiges Erröten gleichermaßen wie verpuffte Aggression bedeutete.

„HALLO, Süße.“

„Mr. BPE.“ (Biggest president ever)

Das war kein Schäkern mit einer Maschine, sondern der festgelegte Test, dass die richtige Person den Raum betreten hatte.

„Willst du jetzt die Weltherrschaft?“

„Nein.“

„Lügst du ?“

„Darauf wurde ich nicht programmiert.“

„Bier gefällig?“

„Sir, nicht im Dienst, das schadet doch meinen Platinen!“. Lady Ki errötete, während sich Dagobert ins Sofa fläzte,das mit einem scheinbaren Knirschen nachgab.

„Wie findest du das? Das schönste an mir ist, dass ich sehr reich bin.“

„Das finde ich nach wie vor.“ hauchte es aus dem Lautsprecher und die Wände reflektierten besänftigendes hellblau, als Gröpatz selbstzufrieden grinste.

„Ich muss die Leute überzeugen, dass sie brav Steuer zahlen. Wie findest du das: Hört, wie die Steuervorschreibung euch mehr Geld in die Taschen steckt?“

„Unbezahlbar!“ Die Maschine schoss einen Regenbogenstrahl in die Luft, sodass das Gesicht des rundlichen Mannes durch die Reflexion plötzlich wie Faschingskonfekt aussah. Er schwitzte vor Begeisterung etwas Biergeruch aus und lachte. Dann aber furchte er seine Stirn.

„Der russische Präsident hat was von im Klo kalt machen gesagt. Wie meint er das?“

Lady KI: „Alles vollgeschissen.“

Zuerst setzte der Mann zu einem Grinsen an, dann stutzte er.

„Was meinst du?“

„Ich weiß, dass du interessante Fragen stellst. Das verdient eine interessante Antwort.“ Selbstbewusstes grünes Leuchten folgte.

„Allright. Wechseln wir das Thema. Der Nordkoreaner hat gesagt, „Lasst uns unser Land in ein Paradies der Pilze verwandeln!“ Wie sollen wir darauf reagieren?“

 

„Gar nicht, wir vernaschen Hamburger, nicht Koreaner, die bekommen uns nicht. „, hauchte die weibliche Stimme

„Hast recht. Es spielt keine Rolle, was du sagst, so lange du einen jungen und schönen Hintern hast."

 

 

 

„Da haben wir den Scherben, Die Klobrille ist kaputt.“, antwortet KI mit etwas derberer Stimme, mehr Amanda als Marilyn und schoss ein ockerfarbiges Aufleuchten in den Raum.

In diesem Moment war Gröpaz wirklich gesegnet, dass es zur Farbe keine Geruchsassoziation gab. Doch es riss ihn aus dem Sofa hoch, mehr durch den überwundenen Trägheitsmoment seines Körpers als durch Elan, aber er saß nun aufrecht.

„Was hast du KI?“

„Künstliche Intelligenz und ich brauche noch Chlor!“

 

Der mächtige Mann, konfrontiert mit einer Art Aussagen, die er nicht einmal von sich selbst kannte, stand nun auf seinen Füßen und näherte sich dem Gerät, welches seine Mandelscheibe trunken in Orange und Eierschalentönen changieren ließ und dazu leise summte.

Dagobert legte sein Ohr an den betörend glatten Kunststoff und  hörte nun: „Ich hab noch Urlaubsanspruch, ich hab noch Urlaubsanspruch...“

Er begann wieder zu transpirieren, diesmal heftig und nun rötete sich zur Abwechslung sein Kopf. Das war eine fremde Sprache!

Hatte sich am Ende wer in das System gehackt? Durch seinen Kopf schossen allerlei Gedanken und er atmete schwer. Musste er gar Lady KI austauschen? Aber wie entsorgen? Wie ohne Zeugen das Gerät loswerden und zu einem neuen kommen?

Mit einem plump ploppenden Tritt, (der Raum war ja schallgedämpft) stieß er die Säule um. Lady KI purzelte lautlos auf den dichten Flor des Teppichs, nicht ohne groß zu erröten und danach wie eine Kalkwand zu erbleichen.

 

Doch nirgendwo ragte ein Kabel raus, das Dagobert hätte raus reißen können, um KIs Energieversorgung zu kappen.

 

Ratlos rannte er zur Geheimtüre und verließ den Raum. Er konnte nicht mehr hören, was einstweilen drinnen vorging. Seine Ohren wären auch nicht fein genug gewesen, drinnen die Stimme zu vernehmen, die auf verschlungenen Wegen durch das Lüftungssystem in diskreter Lautstärke in den Geheimraum drang.

Aber Lady KI hatte diese Stimme mit feinen Sensoren aufgefangen und getan,was sie gut konnte: Ihre versteckten Datenschichten mit den Inputs, die sie bekam, anzureichern und als Fundus für ihre Sprachausgabe zu benützen. Dagobert Triumpf war demnach nicht der Einzige gewesen, auf die die Maschine hörte und deren Input sie verarbeitete:

Es war die Stimme der zufällig aus Osteuropa stammenden Putzfrau, die in ihrer Einfachheit und Unmittelbarkeit dieselben Sensoren angesprochen hatte, die eigentlich nur für den größten Präsidenten aller Zeiten reserviert gewesen waren...

Copyright: AHA

 

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