· 

Pferdestärken

  • Rösser im Höhenflug
  • Was antike Naturhistoriker von Pferden zu erzählen wissen
  • Pegasus, das Pferd der Dichter
  • Gestutzte Pferdeflügel im Hinduismus
  • Das Windpferd, ein Seelenvehikel
  • Inspirierende Pferde bei den amerikanischen Ureinwohnern


Pferd an der Kathedrale von Reims. Foto: AHA
Pferd an der Kathedrale von Reims. Foto: AHA

Rösser im Höhenflug

Vor 5000 Jahren begann der Mensch Pferde zu zähmen und sich nutzbar zu machen. Er züchtete die Tiere und war so erfolgreich, dass es nach neuesten Erkenntnissen gar keine ursprünglichen Wildpferde mehr gibt, alle Wildpferde dieser Welt sind also verwilderte Hauspferde.

 

Doch es wurde schon in frühester Zeit als etwas Besonders betrachtet. Das Pferd beflügelte im wahrsten Sinne des Wortes in allen Kulturen, die mit ihm zu tun hatten, die Menschen. Als Schimmel mit Schwingen versehen, nahm es den Homo Sapiens mit auf seine Höhenflüge. Das war inspirierend, herzerwärmend und seelenstärkend. Dieses besondere, bei Plinius als „edel“ bezeichnete Tier überwand Grenzen, auch in der Darstellung: Im Islam herrscht strenges Bilderverbot. Mohammeds weißes Reitpferd „Buraq“hat sogar ein Menschengesicht.

 

Weiße Pferde verkaufen sich als Poster, Puzzle und co. glänzend, wie man im Internet sehen kann.

Das Einhorn ist übrigens nicht zwangsläufig ein weißes Pferdchen mit Horn, wie man seit dem Film „Das letzte Einhorn“ und unzähligen Merchandise-Artikeln vermeinen mag, sondern erinnert laut Physiologus, einem fast zweitausend Jahre altem Handbuch über Fabeltiere, das seine Wurzeln im alten Orient hat, durchaus auch an einen Ziegenbock: „Es ist ein kleines Tier, ähnlich einem Böcklein, es ist aber sehr listig….“

Was  antike Naturhistoriker von Pferden zu erzählen wissen

Dartmoor-Pferd. Foto AHA
Dartmoor-Pferd. Foto AHA

 

Der Naturhistoriker Plinius (lebte etwa zur Lebenszeit von Christus) wie auch Aristoteles in seiner Tierkunde haben den Pferden große Nähe zu den Menschen zugesprochen, den neben dem Hund sei das Pferd dem Menschen am treuesten ergeben.

Beide erzählen vom Lieblingspferd Alexander des Großen: „...Alexander hatte auch ein äußerst seltenes Pferd, welches, entweder wegen seines furchtbaren Rufes oder wegen des ihm auf der Brust eingebrannten Bildes eines Ochsenkopfes Bucephalus hieß. Alexander war schon als Knabe von seiner Schönheit eingenommen. Es hieß, dass, wenn es mit dem königlichen Schmuck angetan war, niemanden anders als Alexander aufsitzen durfte...bei der Belagerung von Theben wurde es verwundet, duldete aber nicht, dass Alexander ein anderes Pferd bestieg.“ Die Königin Semiramis soll sich (laut Plinius) vor lauter Begeisterung für ihr Ross „...mit ihm vermischt haben.“ Babylonische Unsitten eben… Allerdings hat Plinius das vom Schriftsteller und Herrscher Juba, und das ganze klingt nach bösen Männerphantasien...

 

 

Pegasus, das Pferd der Dichter

Der Name Pegasus bedeutet „Quellenpferd“ und ist ein Geschöpf von Medusa und Poseidon aus der griechischen Mythologie.

Poseidon (nicht nur Meeresgott, sondern auch Gott der Pferde) vergewaltigte Medusa, eine Tochter des Meeresgottes Phorkys und des Meeresungeheuers Keto. Medusa (oder Gorgo, weil sie aus dem Geschlecht der Gorgonen stammt) gebar aber nicht einfach nach einer gewissen Tragezeit/Schwangerschaft das Huftier mit Flügeln.

Nein, Athene hatte nämlich vor Wut, weil die Vergewaltigung in einem ihrer Tempel stattfand, Gorgo verunstaltet und auf ihrem Haupt Schlangen wachsen lassen.

Jeder, der ihr ins Gesicht sah, erstarrte zudem sofort zu Stein. Nicht auszudenken, wenn diese gestrafte Mutter ihrem Neugeborenen erstmals ins zerknautschte Gesichtchen geblickt hätte.

Pegasos Geburt verlief also zwangsläufig dramatisch: Eine Version berichtet, er sei aus Medusas Nacken entsprungen, als diese von Perseus geköpft wurde, eine andere erzählt, er sei aus jener Stelle der Erde entsprungen, auf welche Medusas Blut getropft sei.

 

Perseus ist übrigens auch einer jener Helden, der nicht ohne Frauen Held sein kann. Die Frau habe jahrhundertelang als Lupe gedient, welche die magische und köstliche Fähigkeit besaß, den Mann doppelt so groß zu zeigen, wie er von Natur aus sei, meinte Virginia Woolf. Bei Perseus ziemlich nachvollziehbar...

 

Nach dem spektakulären Debut als Weltgeschöpf brachte das weiße geflügelte Ross fortan Blitz und Donner zu Zeus, bekanntlich dem Boss aller griechischen Götter.

Diese Verbindung zwischen Pferd, Blitz und Donner taucht übrigens bei den Dakota und Lakota auf, die sagen, das Pferd sei ein Geschenk der Donnerwesen….doch dazu später.

Sein Hufschlag eröffnete zwei Quellen: Aganippe und Hippokrene. Beide entsprangen auf dem Gebirge Helikon, der als Sitz der Musen galt, bis diese von Apollon selbst nach Delphi übersiedelt wurden. Außerdem flog Apollon standesgemäß auf Pegasus Rücken in den Olymp. Gute Voraussetzungen, um Dichter und Wortjongleure zu inspirieren. Apollon ist nämlich der Gott der Künste, des Frühlings, der Weissagungen und, klar, der Dichter...

Dann kam der Held Bellerophon ins Spiel, sowas wie ein Halbbruder von Pegasus, war er doch von Poseidon mit Eurynome gezeugt worden. Papa selbst oder vielleicht gar die versöhnte Athene führten ihm sein geschwisterliches Reittier zu.

Also trug Pegasos Bellerophon in seinem Kampf gegen die Chimäre und die Amazonen auf seinem Rücken.

Immerhin hatte Eurynomes Söhnchen auf seinem Reittier einen sehr kreativen Geistesblitz, wie er die Chimäre töten konnte. Der wäre eines Mac Gyvers würdig gewesen...

Nach dem Tod seines Reiters kehrte das fliegende Pferd zum Berg Olymp zurück, um den Göttern zu helfen. Es wurde schließlich Eos, der Göttin der Morgenröte zum Geschenk gemacht und in ein Sternbild verwandelt. Eine Feder seiner Flügel fiel nahe der Stadt Tarsos zurück auf die Erde und gab der Stadt ihren Namen.

 

Der geflügelte Pegasus wurde zum von Dichtern/Hobbyaphoristikern gerittenes Sinnbild der Dichtkunst. Eine Zeit lang (im 19.Jahrhundert) galt diese Redewendung sogar als abgedroschen und trivial. Wer dichtet, reitet Pegasus. Dabei geht die Mär anders: Wer aus der Quelle trinkt, die Pegasus mit seinen auskeilenden Hufen aus dem Stein befreit hat, wird mit Poetik begabt. (So leicht möchte auch die Autorin dieser Zeilen fliegende Pferde reiten lernen...)

 

Hippokrene, die Quelle des Pegasus als Quelle aller Weisheit, erwähnte schon Gottfried von Straßburg bereits im 13. Jahrhundert, als er dem gut 100 Jahre zuvor gewirkt habenden Heinrich von Veldeke die Ehre erwies: ich waene, er sîne wîsheit / ûz Pegases ursprunge nam, / von dem diu wîsheit elliu kam. „Ich wähne, dass er seine Weisheit aus Pegasus Ursprung nahm, von dem die Weisheit eilig kam.“ Mit dem Ursprung ist natürlich die Quelle gemeint. Und Gottfried und Heinrich sind berühmte Dichter .

Gestutzte Pferdeflügel im Hinduismus

In der hinduistischen Erzählung von der Weltschöpfung hatten im ersten Weltalter (wir sind jetzt im vierten, dem Kali Yuga) die Elefanten und sogar die Berge Flügel.

Auch die Pferde flatterten mit ihren Flügeln hin und her. Auf Befehl des Gottes Indra wurden ihnen die Schwingen mit einem Pfeil abgeschossen, sonst hätten sie sich nie zum Ziehen der Kampfwagen eignen können. In Rajastan sagt man: "Das Kamel für die Liebe, den Elefanten für das Glück und das Pferd für den Sieg". (Dafür können die rajastanischen Marwari-Pferde wie die Lippizaner tanzen)

Indra war übrigens der Gottkönig, der Ordnung auf der Welt schuf, aber auch den Rössern die Leichtigkeit nahm….

Uchchaihshravas hieß das siebenköpfige fliegende Pferd, das während des Butterns des Milchozeans entstand, bei dem die Elemente und auch Soma, der Göttertrunk gewonnen wurden. Dieses Ross war Indras Transporttier und welche Farbe sein Schweif hatte, wurde der Gegenstand prominenter Wetten.

 

Der böse Dämon Bali wollte übrigens das Reittier für schlechte Absichten missbrauchen und versuchte es zu klauen, was ihm misslang. Kein Wunder, wenn Indra das Monopol auf fliegende weiße Pferde tatkräftig beschränkte. Denn sein Ross war der König und Prototyp aller Rösser: Es, biss, hörte, witterte besser als jedes andere Reittier und verfügte über perfekte Schnelligkeit, Stärke, und Scharfsichtigkeit sowie geschärfte Instinkte..

Leider bescherte das Pferd der Göttin Lakshmi Pech, welche es  sogar hypnotisierte. Da Vishnu eifersüchtig war, weil sie Uchchaihshravas mehr Aufmerksamkeit schenkte als ihm, verfluchte er sie, sodass sie als Stute in ihrem nächsten Leben wiedergeboren wird.

Die wohlwollenden pferdeköpfigen Ashvins hingegen sind stark und schnell wie ein Adler oder Gedanke. Sie helfen in Not geratenen Menschen, und besitzen auch Heilkräfte. Sie sind die altindischen Entsprechungen zu den Zwillingen Kastor und Pollux.

Das Windpferd, ein Seelenvehikel

Mongolisches Nationalwappen
Mongolisches Nationalwappen

 

Weiße Pferde beflügeln Geist und Seele rund um die Welt: In der Mongolei und im tibetischen Buddhismus hat das Windpferd einen besonderen Platz. In der Mongolei ist es sogar das Wappentier des Nationalemblems.

Laut Erzählung der burjatischen Schamanen kamen die Menschen auf einem Windpferd von der Venus zur Erde. Sie landeten dort, wo die Kamelroute zwischen Lhasa und Ulan Bataar verlaufen sollte.

 

Eine mongolisch-türkische Legende erzählt ebenfalls von einem magischen Pferd. Mongolisch- türkisch, weil Turkvölker lange vor Dschingis Khan ein großes Reich auf dem Gebiet der heutigen Mongolei hatten. Das Windpferd wurde als Fohlen mit acht Beinen und der Fähigkeit zum Fliegen geboren. (Bei den acht Beinen muss man gleich an Odins Streitross Slejpnir aus der nordischen Mythologie denken, das übrigens vom Gott Loki zur Welt gebracht wurde, der sich in eine Stute verwandelt hatte.)

 

Das Windpferd also, war das geistige Kind einer Schamanin namens Chichek und sollte ihr helfen, der Herrschaft eines bösen Khans zu entfliehen. In ihrer Trance erschien es als reales Pferd , das sie davontrug.

Das Wappentier der Mongolei, ein gelbes Windpferd auf blauem Grund, heißt Chiimori und steht für die Seelenstärke eines Menschen.

Windpferd, das ist die persönliche, geistige Kraft und befindet sich in der Brust. Diese Kraft hilft dabei, das Gleichgewicht zwischen Vater Himmel und Mutter Erde zu finden. Gute Taten stärken die Seele und ihre Kraft. Jede Tat, die das Gleichgewicht der Welt stört, lässt die innere Kraft schwinden. Je nachdem, wie der Mensch sich und seine Umwelt im Gleichgewicht hält, ist die geistige Stärke bei jedem unterschiedlich groß. Ein sehr starkes Windpferd bewirkt, dass ein Mensch sehr klar denkt, sehr vorausschauend ist und stets die richtigen Entscheidungen trifft. 

Windpferd auf dem Flugzeug der MIAT, der mongolischen Fluglinie. Foto: AHA
Windpferd auf dem Flugzeug der MIAT, der mongolischen Fluglinie. Foto: AHA

Kleine Rituale und Gebete beflügeln übrigens die Seelenkräfte. Ebenso helfen Glücksbringer. Sieht man in der Mongolei einen Wolf auf freier Wildbahn, bekommt auch das Windpferd gewaltig Auftrieb und man ist ein Jahr lang von Glück begleitet.

Im tibetischen Buddhismus ist dieses Pferd unter dem Namen Lung Ta (Lung= Luft/Wind) bekannt. Es gewährt die schnelle Erfüllung aller Wünsche, was gewiss möglich ist, wenn man seine Seelenkräfte optimal gebündelt hat.

Rlung rta dar ba,bezeichnet die "Zunahme des Windpferdes", wenn die Dinge mit anderen Menschen gut laufen , rlung rta rgud pa , den "Niedergang des Windpferdes", wenn das Gegenteil passiert.

Auf tibetischen Gebetsfahnen und Papierabdrücken erscheinen Windpferde normalerweise in Begleitung der vier Tiere der Himmelsrichtungen: Garuda oder Kyung und ein Drache in den oberen Ecken sowie der Weiße Tiger und der Schneelöwe in den unteren Ecken.

 

In diesem Zusammenhang wird das Windpferd ohne Flügel gezeigt. Es soll Frieden, Wohlstand und Harmonie bringen. Die rituelle Anrufung des Windpferdes erfolgt normalerweise morgens und während des zunehmenden Mondes. Die Flaggen selbst sind übrigens auch als Windpferd bekannt. Sie tragen flatternd die Gebete in den Himmel wie das Luftross.

Im Chinesischen benennt „Vom Pferd absteigen“ einen Schamanen, der Gottheiten zu sich einlädt. Ansonsten sind Pferde im Chinesischen (außer das weiße Pferd aus dem Buddhismus, das Loyalität und Reinheit bedeutet) eher ein abschätziger Ausdruck für (Freuden)mädchen.

Inspirierende Mustangs bei den amerikanischen Ureinwohnern

Donnerwesen. Zeichnung von Black Hawk (Sans Arc Lakota (ca. 1832–ca. 1890) https://en.wikipedia.org/wiki/Wakinyan
Donnerwesen. Zeichnung von Black Hawk (Sans Arc Lakota (ca. 1832–ca. 1890) https://en.wikipedia.org/wiki/Wakinyan

Auf einem Kontinent, auf dem man ursprünglich das Pferd nicht als Reittier kannte, errang es Hochachtung und Verehrung: In Nordamerika.

Pferde werden von unseren Leuten nicht als Tiere angesehen. Die koloniale Sichtweise ist, sie Tiere zu nennen. Unser Verwandter, das Pferd, hat einen scharfen Verstand “, meint ein Blog der Native Americans über die sensiblen Vierbeiner. Der Lakóta-Name für ein Pferd ist šúŋkawakȟaŋ oder „heiliger Hund“. Die Dakóta und Lakóta glauben, das Pferd sei ein Geschenk der Wakíŋyaŋ ( Donnerwesen ). Tatsächlich sind Pferde alle Mitglieder der "Pferdenation", gelten also als ein Stamm bzw. ein Volk, wie etwa Irokesen oder Hopi... Die Pferdenation repräsentiert den Westen und eine Verbindung zur Geisterwelt. Pferde gelten unter allen Nationen (Stämmen der native Americans) als mächtige Heilquelle für die Befreiung von Traumata oder von der Belastung gehüteter Geheimnisse .

Das Pferd hört zu und urteilt nicht. Es fühlt den Schmerz und beruhigt seinen Verwandten. Wenn du vom Herzen eines Pferdes weißt, weiß es von deinem.“

https://blog.nativehope.org/native-american-relative-horse-%C5%9B%C3%BA%C5%8Bkawak%C8%9Fa%C5%8B

Pegasus, Zeichnung: A.Hajdu
Pegasus, Zeichnung: A.Hajdu

"Das Entzücken der Erde, liegt auf dem Rücken der Pferde“. Na, ja, heute wollen die Menschen lieber Glück als Entzücken. Immerhin verbinden sie rund um den Globus die Sehnsucht nach dem Durch-die-Lüfte-reiten mit dem großen Glück. Es ist schon erstaunlich, dass man auf der ganzen Welt, dort, wo Pferde Teil einer Kultur geworden sind, ziemlich ähnlich über diese empfindsamen Lebewesen denkt.

Sie werden ja auch tatsächlich in vielen Therapien zur Heilung und Stärkung von Körper, Geist und Seele eingesetzt.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0