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N.I.,Natürliche Intelligenz

 „Muss dich fressen, brauch dein Zucker und dein Honig“

„Werde bitter und bekommst Koliken, dann sich dein Verdauungssteine umdrehen.“

„Schaffe keine Geruchsspurdistanz mehr heute, kein anderes Futter zu finden“

„Wenn ich nicht überlebe, überleben du und andere du nicht.“

Dieser seltsame Dialog ist insofern schwer wiederzugeben, als er nicht in einer menschlichen Sprache gesprochen wurde. Dennoch entstand und wirkte er ähnlich wie beim Homo Sapiens Sapiens. Die Schwingungen dieses Idioms konnten gehört, gerochen und empfunden werden, denn alle diese Sinne waren an ihrer Produktion und Entschlüsselung beteiligt.

Die „Sprecher“ waren ein Schnauzenzwergbär, eine Mutation aus einer Kreuzung zwischen Polar-und Schwarzbären und sein Gegenpart eine besondere Pflanze.

Beide standen in einer von Millionen von Stürmen abgeschliffenen, fahlen gelbbraunen Steppenlandschaft am Rand des ehemaligen Nordpols.

 

Einstmals eine Plage in Gärten, sich dank Fallschirmchen vom Wind getragen verbreitend, hatte die Pflanze nach der „Großen Genetischen Umbauphase“ als quasi unfruchtbar gegolten, denn niemand hatte mehr beobachtet, dass die haarigen Samen jemals irgendwo aufgekeimt waren.

Diese Erscheinung aus rustikalem gelben Blütenstand aus Zungenblüten und eilanzettförmigen, gelappten Blättern welche auch noch gezähnt waren, hatte Bettpisser, Kuhscheiß, Pusteblume Pfaffenkopf geheißen und war gemeinhin als Löwenzahn oder Taraxacum bekannt gewesen; jedoch vor der großen Katastrophenserie, welche die Erde heimgesucht hatte.

 

Wetterumschwünge waren für sie eine existenzielle Bedrohung geworden, denn das Klima benahm sich, als hätte es jeglichen Charakter verloren. Einzig die Sturmböen, die seine wechselnden Launen ankündigten, hatten der Taraxacum das Überleben gesichert.

 

Eines der vielen wildlebenden Säugetiere, das ebenfalls den radikalen Wandel der Umweltbedingungen überlebt hatte, weil es sich anpassen konnte, war der Schnauzenzwergbär.

Nachdem die Pole zuerst verschwunden und an völlig anderen Stellen in Äquatornähe aufgetaucht waren, ohne dass das Magnetfeld wesentlich an Kraft verloren hatte, waren Tiere geschrumpft, um mit den dezimierten natürlichen Ressourcen auszukommen. Nur jene hatten überlebt, deren inneren Organe sich stark genug verändert hatten, um vom kargen, großteils denaturiertem Nahrungsangebot zu profitieren.

 

Gleichzeitig hatten alle Lebewesen in besonderen Aspekten der Intelligenz mehrere Entwicklungssprünge gemacht. (Außer Menschen, die in wenigen auf dem Globus verstreuten Oikosblasen lebten).

 

Auch Pflanzen hatten jetzt ein Bewusstsein von sich und ihrer Existenz entwickelt, und bis zur Sprache war es kein großer Sprung gewesen. Immerhin hatten Akazien schon mittels Äthylengas, das sie abgaben, mit ihren Artgenossen kommuniziert, aber ein Pheromon oder ein Duft hatten keine Syntax. Bis jetzt.

 

Unter allen Pflanzen hatte sich der Löwenzahn wie keine andere entwickelt. Wenn sie ihre Blätter bewegte, ihre Blüte öffnete, war sie sich dessen bewusst. Sie war eine rare und immer noch mobile Lebenskünstlerin der Flora, ja eine Intelligenzbestie mit manipulativem Vokabular geworden. Ihr Argument, jedes Antasten ihres Pflanzenkörpers würde das Überleben des Bären gefährden, saß. Im Größenvergleich zum Spielzeugteddy war der Löwenzahn ein kräftiger Jungbaum.

 

 

 

 

 

 

Vor ihr tapste eingeschüchtert der Schnauzenzwergbär herum. Er sah schon ziemlich sonderbar aus: Ein faustgroßes Fellbündel mit kurzen Beinen, von schweren weißen Ober-und Unterlidern bedeckten Knopfaugen und einer markanten Schnauze, welche zusammen mit den typischen rundlichen Ohren nur noch wenig an seine scharfriechenden, prankenbewehrten, honigliebenden Vorfahren erinnerte.

 

Sein Magen und Verdauungstrakt war auf  Verdauungssteine angewiesen,  es waren geschluckte Mineralien, die in ihren Poren Bakterien beherbergten, welche wiederum Lignin verwerten konnten.

 

„Bettpisser, mich du auch brauchen.“, äußerte der Bär.

Die Pfahlwurzel des Löwenzahns bohrte sich in den Boden. Ein klassischer Bär hätte jetzt gefiept.

 Die robuste Pflanze jagte den letzten Tropfen Feuchtigkeit ihres Systems in ihre Blattspitzen, um einen Duft aus den Spaltöffnungen zu pressen: den Duft der Angst. Wer ihn roch, suchte das Weite.

 

„Butterblume,   einen kleinen Tropfen Blütennass, ein wenig Milch bitte“, stieß der ulkige „Bär“ verdattert hervor und rollte hilflos herum.

 

„Ich nicht esse, ich nicht kote, du auch nicht Energie und Lebensessen. Boden karg.“, versuchte er den Löwenzahn umzustimmen, indem er andeutete, auf natürlichem Verdauungsweg keinen Dünger für die Pflanze mehr zu produzieren, was angesichts der bereits beschriebenen Öde eine ziemlich wirksame Drohung war.

 

 

 

 

Die Pflanze wusste, der Bär war im „Friss oder stirb“- Modus. Der raste immer wilder um den einsam dastehenden Löwenzahn und eine feine Staubwolke umwehte deren Spaltöffnungen. Das war gefährlich, denn in ihr gab es Kunsttoffpartikel, die sich festsetzten und von einem allfälligen Regen nicht fort gewaschen wurden. Dann konnte sich die Pflanze ihrerseits nicht mehr ernähren.

„Halt ein“, schien der Löwenzahn zu schreien. Den Bären rüttelte es ein wenig.

„Ein, ein, ein!“, wiederholte die Pflanze.

Der Bär stoppte, stellte sich auf seine Stummelbeine und öffnete sein Maul.

 

Doch da flog das Kindel einer sukkulenten Pflanze, genauer, einer Hybriden aus Cussonia und Absolmsia ihm direkt in den Rachen. Auch diese wasserspeichernde Pflanzenart hatte überlebt, obwohl sie stümperhaft genkonstruiert und dann sich überlassen worden war. Das Kindel, welches normalerweise in Reichweite der Mutterpflanze blieb, war dank feinen Haarwerks vom Wind fortgetragen worden.

Der Bär spuckte und hustete wie wild. Leider hatte diese Pflanze die Eigenschaft, seine Magenwände zu reizen, ohne selbst Schaden zu nehmen.

 Die Cussolnsia war auch nicht ohne biologischen Grund in diese Gegend gelangt. Die Sukkulente und der Löwenzahn hatten innerhalb, aus biozyklischer Sicht extrem kurzer Zeit, ein eigenartiges parasitär/symbiotisches Verhältnis eingehen müssen. Gegenseitige Vernichtung wechselte mit Unterstützung ab.

Begegnungen begannen damit, dass die Cusso Tetrachlordibenzodioxin ausschied, welche sie im Laufe von Chemieunfällen eingelagert hatte. Der Löwenzahn wehrte sich mit der Absonderung einer sehr fetten Pflanzenmilch, welche das Gift bis zu einer gewissen Menge binden konnte.

 

Geriet die Cusso damit in Berührung, so konnte sie ihrerseits kein Wasser mehr speichern.

 

Dann kam es meistens zu einer Pattsituation. Die Sukkulente rang sich nun ihrerseits eine Substanz ab, welche „Not“, signalisierte. (Sie war kein Kommunikationsgenie).

 

Der Löwenzahn antwortete mit der Einstellung der Pflanzenmilchabsonderung. Das leitete eine Phase friedlicher Koexistenz ein in der der symbiotische Aspekt zum Tragen kam: Die Cussonia versorgte den Asternabkömmling mit Feuchtigkeit und dieser revanchierte sich mit Nährstoffen aus vertrockneten Laub.

 

 

Das versprengte Cussoniakindl, das grade niemandem nützte, wurde durch einen gewaltigen Hustenanfall aus dem Maul des Schnauzenzwergbären gejagt. Wieder draußen, befand es sich in einer Lage, wo das Gleichgewicht zwischen Korbblütengewächsen und Sukkulenten gerade auf der Kippe stand.

Der Bär war gezwungen, abzuwarten, denn momentan war nichts zu holen. Aber sein eigentümlicher Magen knurrte, knirschte und litt.

Rückzug war ebenso fruchtlos, wie sich auf den Löwenzahn zu stürzen. Er hätte sich so oder so um seine eigene Nahrungsquelle gebracht.

 

Vor lauter Stress begann er, aus dem Maul zu sabbern. Ein feiner Faden glänzend transparenten Speichels strebte dem Erdboden zu, als das Tier den Kopf wendete und ein Tropfen abriss, der auf Cusso zustrebte.

Cusso war daraufhin konstruiert, alles, was irgendwie die Formel H2O erfüllte, in seinen Speicher einzuverleiben und blähte sich auf.

 

 Der aus verständlichen Gründen geizig gewesene Löwenzahn war von der Situation überfordert. Seine Blattspitzen standen kreuz und quer während der gelbe Blütenkorb von Schneisen durchzogen schien, weil sich seine Zungenblüten unkoordiniert in Gruppen umlegten, was aussah wie von Sturmböen in unterschiedliche Richtungen geknickte Baumgruppen.

 

 

 

 

 

 

Da erhob sich ein Wind, was ja bei den Wetterkapriolen dieser Epoche nicht unüblich war. Normalerweise war der Wind sehr heiß oder sehr kühl sowie trocken und trug nur Staub mit sich.

 

Diesmal aber tanzten kleine Fallschirmspringer und Kindel, von seinen Wirbeln getragen, in der Luft, als führten sie einen wilden Reigen auf. Es war ein seltsames Bild.

  

Mit dem Gemenge aus Steinchen und Sand der Polar-steppe, den irisierenden Kunststoffteilchen, den grünen Ablegern der Sukkulenten und den weißen Schirmchen entstand ein großzügiges, geradezu farbenprächtiges Muster am Himmel.

 

Dann setzte der Wind plötzlich aus.Einen Moment herrschte totale Stille. Wie in Erwartung schienen die Flugobjekte für eine Sekunde am Firmament festgeklebt. Zu tausenden quasi ausgeklinkt, sanken die Keimlinge, von zahllosen zierlichen Fallschirmspringern gefolgt, lautlos zu Boden. Kaum hatten sie den unwirtlichen Boden berührt, hob ein leichter Sprühregen an, der das Fell des Bären benetze und die Keimlinge beschwerte, sodass sie einsanken.

 

Die Streithähne wandten sich dem Regen zu. Der kleine Bär schloss seine dicken weißen Lider, sodass sein Gesicht mit der Kullerschnauze wie das eines lustigen Clowns aussah.

 

Der Löwenzahn dehnte sich und streckte seinen Stängel, sein sonnengelbes Haupt und seine gelappten und gezähnten Blätter in den Himmel.

 

Als die letzten Tropfen den Boden benetzten, neigte sich die Blume mit den vielen Namen zum Bären, der seinen Hunger ob der Wendung der Ereignisse vergessen hatte, streckte eines seiner beblätterten Hände aus und hauchte freundlich: „Komm, nehmen.“

„Dank.“, strömte aus dem zwergwüchsigen Bären.



3.4.2021: Die Geschichte schrieb ich 2019.  3.4. 2021 fand ich einen Artikel über  Ammenpflanzen: https://www.wissenschaft.de/umwelt-natur/pflanzen-helfen-sich-mehr-als-gedacht/#

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