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Mythen: HeldInnen mit Kultur


  • Mythologie, mehr als Helden-PR
  • Europa und die Schrift
  • Prometheus, der Vordenker, der das Nachsehen hat
  • Epimetheus und Pandora
  • Pandora, Göttin, die der Erde alle lebensnotwendigen Dinge schenkte


Mythologie, mehr als Helden-PR

Wenn überhaupt, dann kennen viele Menschen Mythen nur von ziemlich verfremdeten amerikanischen Verfilmungen, ungefähr in der Art von Western, nur eben mit anderen Protagonisten als Cowboy, Sheriff und Gesetzlose: Odysseus, Thor, Jason in Atlantis...

Leider instrumentalisieren viele amerikanische Filmstudios antike Helden, um amerikanische Kriegsrethorik vergnüglich und kurzweilig zu übermitteln. Gezeigt wird wahrlich antiquiertes Kriegsgemetzel, gleich ob Herkules, Alexander oder Siegfried.

Mythisch sind nur die meist unwahrscheinlichen übermenschlichen Kräfte, und da steckt auch übersteigertes Machotum drin.

Es gibt aber Erzählungen, in denen die tiefe Wahrheit steckt, dass der Fortschritt der Menschheit nicht nur sich in ihrer Kultur äußert, sondern die Menschheit erst durch kulturelle Errungenschaft um Stufen höher gelangt ist.

Folgende Auswahl an Erzählungen haben literarischen und künstlerischen Kultstatus gewonnen und stammen von bekannten Autoren: HESIOD und OVID

Der Römer Ovid Publius Naso lebte und schrieb um die Zeitenwende, war also ein Zeitgenosse von Christus. Er verfasste ein Buch über die Liebeskunst und ein Buch über Verwandlungen, welches man heute unter dem Titel „Metamorphosen“ kennt. Wegen seiner erotischen Schriften wurde er strafweise nach Constanza, heute in Rumänien am schwarzen Meer, verbannt.

In den „Metarmorphosen“ verwandelt sich z.B. Götterboss Zeus/der römische Jupiter in Adler, Schwan, Satyr, Amphitryon, Goldregen, Feuer, Hirte und Schlange, alles, um auserwählte Frauen herumzukriegen. (Eigentlich schäbig für einen Götterboss).

Allerdings hat wenigstens eine seiner Maskeraden sogar unser europäisches Selbstverständnis gestärkt. Der stets notgeile Zeus (römisch: Jupiter) hat die Namensgebung für unser geographisch definiertes Kontinentalgebilde ins Rollen gebracht und sich aus Angst (?) vor der Entdeckung durch seine Ehefrau in einen Stier verwandelt…das erzählt die Geschichte von...Europa

Europa und die Schrift

 

Die Erzählung der phönizischen Königstochter Europa, der Frau, ...“die weit sieht“ (Europa bedeutet nämlich Weitsicht) ist deshalb so spannend, weil unsere Schrift de facto aus dem phönizischen Alphabet entwickelt wurde. Griechisch, Lateinisch, Kyrillisch, sogar Aramäisch und Arabisch gehen auf sie zurück. 

 

Kurz die Geschichte:

Europa, eine phönizische Königstochter, spielt mit Freundinnen, als sie einen weißen Stier erblickt, der alles mit sich machen lässt, was so jungen Mädchen, die mit Tieren spielen, einfällt, sogar bekränzen.

Irgendwann setzt sich Europa auf den ach so sanften Bullen (ein fataler Irrtum) und schon galoppiert der weg, schwimmt mit ihr übers Meer von Afrika nach (noch nicht) Europa, und schwängert sie. Wie es halt so üblich ist bei Weiberhelden, lässt er sie auf dem fremden Kontinent zurück.

Auch wenn die phönizische Prinzessin im Bezug auf tierische Männer kurzsichtig war, wer die Schrift mitbringt, besitzt wohl Voraussicht, (was man dem gegenwärtigen Europa nicht immer nachsagen kann).

Das historisch fassbare Volk der Phönizier (auf dem Gebiet des heutigen Tunesiens ab 1600 v. Chr. lebend) trieb Handel mit der Ägäis und war auch Konkurrent der Griechen im Mittelmeerraum. Ihren Namen hat dieses Volk der Levante übrigens aus dem Mykenischen po-ni-ki-jo abgeleitet. Ethnisch waren sie wahrscheinlich Aramäer, ihre Sprache sprach auch noch der Galiläer Jesus Christus.

 

Es ist durchaus möglich, dass mit der Entführung einer prominenten Phönizierin quasi ein (okay, etwas krimineller) Technologie- und Wissenstransfer beschrieben wird.

Europa betrat zudem auf Kreta erstmals europäischen Boden (Spoileralarm); in der dortigen minoischen Kultur wurden Stiere verehrt. Der Gott, der sich in einen Stier verwandelte, klingt möglicherweise einfach besser als ein Mann, der als „kretischer Stier“ eine Prinzessin kidnappte.

Was aber die Schrift anbelangt: Auf Kreta gab es schon mehrere Schriften, unter anderem Europas älteste entzifferte Schrift: Linear B. (entwickelt um 1370 v. Chr.) Doch das praktikable phönizische Vorbild setzte sich letztendlich durch. 

 

Jedenfalls ist Griechenland die Wiege europäischen Selbstbewusstseins und eine der ältesten nachgewiesenen Kulturen die minoische auf Kreta. Daran können auch (hoffentlich überwundene) Bankschuldenkrisen nichts ändern.

 

Als Ovid die Geschichte schrieb, hatte sein Heimaterdteil bereits etwa ein halbes Jahrtausend lang schon seinen Namen:

Hekataios stellte um 500 v. Chr. in einem geographischen Werk den Erdteil Europa dem Erdteil Asien gegenüber. Dies ist auch das früheste erhaltene Zeugnis für die geographische Bezeichnung der alten Welt.

Erst im Spätmittelalter begann man übrigens, sich um Europa Gedanken zu machen, nachdem der Grundstein für die Staaten, wie sie heute existieren, gelegt worden war.

Wirkliche Helden und Heldinnen, die etwa menschlicher Kultur durch ihren Mut einen gewaltigen Aufschwung schaffen, werden nicht nur verkannt, sondern bestraft. So geschehen mit 

PROMETHEUS, der Vordenker, der das Nachsehen hat

Die Geschichte von Prometheus, Epimetheus und Pandora erzählt möglicherweise von der Zähmung der Naturgewalt Feuer für die Zivilisation in mehreren Versionen.

 

HESIOD hat als einer der Ersten mit dem bereits bekannten Mythos von Prometheus literarisch gearbeitet. Er floss sowohl in seine Theogonie, als auch in die Gedichtsammlung „Werke und Tage“ ein.

 

Hesiod wurde vor 700 v. Chr. vermutlich in Askra in Böotien (heute Mittelgriechenland) geboren und lebte als Ackerbauer und Viehhalter. Er ist eine der Hauptquellen für unser heutiges Wissen über die griechische Mythologie sowie das Alltagsleben seiner Zeit.

Hätte es damals schon den Kommunismus gegeben, er wäre einer der Vorreiter, denn er sieht die Arbeit als Hauptaufgabe der Menschen und schätzt durch Geburt erworbene Titel und Güter nicht. Allerdings hätte er die Geschichte von Prometheus weniger abschreckend erzählen können….

 

Nach ihm ist Prometheus durchaus ein Promisöhnchen: Der Papa war der Titane Iapetos, seine Mutter Klymene eine der dreitausend Töchter vom Gewässergott Okeanos (unser Wort Ozean stammt davon) und von Tethys, seiner Schwester und Gattin. Inzest ist auch dabei, wie es halt manchmal bei Adligen und Göttern vorkommt...

 

Die Brüder des Prometheus sind der trotzige Atlas (genau der, der dem Gebirge in Nodafrika den Namen gab und das Himmelsgewölbe trug), der gewalttätige und ruhmbegierige Menoitios sowie Epimetheus, der „Nachherbedenkende“, dessen sprechender Name seine Torheit anzeigt: Epimetheus handelt, bevor er nachdenkt.

Damit ist er das Gegenteil des Prometheus, den Hesiod als gewandten, listigen Planer charakterisiert. 

Prometheus, der Vor-Denker  (aus dem Griechischen übersetzt geht schon wegen seiner intellektuellen Fähigkeiten Risiken ein. Weil sein Bruder Epimetheus (der Nach-denker Epi=nach)  die Schöpfung des Tierreiches versaut, muss Prometheus etwa von den Göttern das Feuer stehlen, damit die Menschen überleben können.

 

Hesiod lässt in seiner Version der Geschichte Prometheus als Betrüger erscheinen, welcher Zeus und seine Götter um Opfergaben bringt. Ähnlich wie in der Bibel, wo der Baum der Erkenntnis Verderben bringt, werden auch hier Intelligenz, Neugier und Unternehmergeist so schwer bestraft, dass sie Folgen für das Wohlergehen der gesamten Menschheit haben.

Na, ja, wenn man dem Göttervater als Opfer einen Haufen mit Fett und Fell zugedeckten Knochen unter die Nase reibt, auf den der ziemlich sture Kerl selber zugreift, anstatt auf das kleinere Häufchen mit Filets und Co, muss man schon mit gehörigen Rachegelüsten rechnen.

 

Klar, dass er dann den Menschen das Feuer verwehrt, um ihren erschlichenen Anteil an köstlichem Fleisch madig zu machen. Wahrscheinlich wurden ab da Beef Tartar und Maggiwürfel erfunden...

 

Doch, die kulinarische Rettung nahte: Prometheus stahl im Himmel etwas Glut, und schon war die Grillsaison gerettet.

Zur Strafe musste der Feuerbringer einem Adler jeden Tag ein Stückerl seiner Leber spenden (ohne Narkose und am Sezierfelsen angekettet, versteht sich).

 

Die Leber galt als Sitz der Seele, Gefühle und Temperamente.

Kurzum, der Adler ging Prometheus an die Substanz, die sich jedoch täglich erneuerte, was die Leber bis heute gut kann: sich erneuern. Mit dem Fressen der Leber wurden also vitale Triebkräfte, ja metaphorisch sogar jener Trieb des Menschen verzehrt, der ihm seine Überlegenheit in der Schöpfung bescherte.

Prometheus hat gewissermaßen die Intelligenzentwicklung der Menschheit befeuert (wäre diese Legende wahr).

 

Der Sprung zum Homo-Sapiens- gelang vor allem durch gekochte Nahrung. Erst da wurden Kapazitäten für die Ausbildung zum heutigen Gehirn, das Mathematik, Physik, Sprache, Musik, ja sogar grade noch das moderne Bildungssystem bewältigt, frei.

Bevor der Mensch sein Essen kochte und garte, ging nämlich zu viel Energie bei der Verwertung der Nahrung verloren und die grauen Zellen in den Köpfen verhungerten. Dabei braucht das Hirn ein Viertel der Energie des gesamten Körpers, das es erst bekam, als die Nahrung durch Erhitzen leichter verdaulich wurde.

 

Da wird der Zorn der Götter und die Wahl der Bestrafung verständlicher. Immerhin brachte Grips die Menschen dazu, sich nach und nach der Götter zu entledigen, bis nur einer, und vielerorts keiner mehr übrig blieb.

Leider geriet bekanntlicherweise die Strafe für die Menschen noch viel schlimmer, als von Prometheus etwaig befürchtet., Umsonst hatte er seine Leber hingehalten. 

Für die aus schwerster Rachsucht geborene Unbill der Menschheit brauchte es nur zwei Unglücksraben als Vorschub:

Epimetheus und Pandora

Prometheus Brüderchen Epimetheus war leider Prototyp desjenigen, der zuerst handelt und dann denkt und im Nachhinein Ausreden erfindet. Er ist derjenige, der alle Ressourcen, die ihm die Götter zur Ausstattung aller Lebewesen zur Verfügung stellen, verschwendet, als er die Erde mit der Fauna inklusive Säugetiere und Menschen bevölkern soll. Er verhaut diese Aufgabe gründlich (Er ist also auch der Prototyp blinden Unternehmergeistes sowie aller Material und Ressourcenverschwender).

 

Ausgerechnet er bekam Pandora zur Gemahlin.

 

Pandora (griechisch Πανδώρα Pandṓra „Allgeberin“ aus pan „all-“, „gesamt“ und doron „Gabe“, „Geschenk“; traditionell jedoch als „Allbegabte“ übersetzt), ist die von Hephaistos, dem Gott der Schmiedekunst aus Lehm geschaffene erste Frau. Die vier Winde hauchten ihr Leben ein. Aphrodite gab ihr Schönheit Grazie und Begehren. Hermes hinterließ ihr Gewitztheit, die Neigung, andere aufs Kreuz zu legen und eine gewandte Zunge. Athene vermittelte ihr die Geschicklichkeit der Hände. Apollo lehrte sie die Leier spielen und den Gesang. Zeus gab ihr eine närrische, schelmische sowie müßiggängerische Natur und von Hera kam die Neugier.

(Da fragt man sich, warum die Menschenerschaffer den Mann so unbedarft in die Welt setzten und ihm noch dazu den Vorrang vor der Frau gaben.)

 

Der geistig so minderbemittelte Titane Epimetheus aus der Vorgängergeneration der Götter fuhr auf die reich ausgestattete Frau ab.

 

Vergeblich warnte Prometheus seinen Bruder, keine Göttergeschenke anzunehmen.

Sie hatte ja auch eine Büchse mitbekommen, in der alle Übel der Welt sowie die Hoffnung eingeschlossen waren. Einem so dummen Kerl wie Epimetheus hätte man die fatale Büchse im Grunde nur hinstellen müssen. Wahrscheinlich hätte er sie ohnedies geöffnet. Aber Zeus musste ja wieder klotzen.

Und so knackte nicht Blödmann Epimetheus die Büchse, sondern Pandora zog den Kürzeren.

 

Es hätte ihrer  nicht bedurft, um alles Übel über die Menschheit zu bringen…das hätte Epimetheus schon von selbst erledigt. Immerhin hatte er ja den Büchsendeckel wieder zugeschlagen, bevor die Hoffnung daraus entweichen konnte und der gegeißelten Menschheit wenigstens Lichtblicke gebracht hätte... sie würde ohnedies untergehen, wie das Ende der Geschichte zeigen wird...

Pandora, Göttin, die der Erde alle lebensnotwendigen Dinge schenkte

Die Ungereimtheit dieses Mythos zeigt sich im Namen Pandoras. Er bedeutet: „die Frau, die der Erde alle lebensnotwendigen Dinge schenkt“

 

Ursprünglich wurde sie nämlich nicht mit dem Übel, sondern mit den Gaben der Erde in Verbindung gebracht: Auf einem griechischen Gefäß sieht man Athene und Hephaistos, wie sie ihre Schöpfung der ersten Frau vollenden – betitelt ist die Darstellung jedoch mit dem Namen Anesidora („die Gaben sendende“).

 

 Hesiod hatte in der ersten Version Pandora noch ohne Namen belassen (er muss sehr mysogyn, also frauenfeindlich gewesen sein, schreibt er doch : "Weil aus ihrer Rasse ist die Rasse der Frauen und des Weiblichen, ihr entstammt die tödliche Rasse welche unter sterblichen Männern leben und ihnen Kummer bereiten: sie sind keine Gehilfinnen in hassenswerter Armut sondern nur im Reichtum“. Schließlich wurde aus Anesidora , der Geberin bei Hesiod die „Begabte“ bzw. „Beschenkte“ .

Pandoras Kiste war übrigens keine Kiste, sondern eine Vase, ein Übersetzungsfehler (statt pithos (Krug) übersetzte Erasmus das Wort pyxis (Schächtelchen)... auch ein weibliches Symbol, das durch Männliches ausgetauscht wurde.

 

Der Dichter Aristophanes ( der ein Feminist gewesen sein muss, schrieb er immerhin 500 v. Chr. „Lysistrata“) erwähnt sogar einen Kult der Pandora: Sie sei die Göttin der Erde, die alles Lebensspendende  schenke.

 

Vielleicht hätte es ja nicht einmal des Prometheus bedurft….

 

Hesiods Version soll laut der Altertumswissenschaftlerin und Linguistin Jane Ellen Harrison den Wandel vom Matriarchat zum Patriarchat in der griechischen Kultur markieren: Die lebensspendende Erdgöttin wird zur Todbringerin. 

Die Tendenz, die Frau nur als Sündenbock zu erfinden und zu benutzen, ist ja auch in der biblischen Genesis offensichtlich…

In der Renaissance wurde Pandora Eva gleichgestellt: Ein gewisser Bischof Jean Oliver aus Angers  schrieb 1541 ein langes lateinisches Gedicht namens "Pandora", in dem er das Frauenbild der Bibel und Antike verquickte. Er bewies damit, dass die Frau daran schuld hat, dass sie den Mann zur Sünde verführt. 

 

DAS ENDE der PROMETHEUSSAGE:

Deukalion und Pyrrhe, Sohn und Tochter von Prometheus und Epimetheus, schufen nach dem Ende des goldenen Zeitalters, in dem Götter und Menschen miteinander noch persönlichen Umgang gehabt hatten, aus Erde und Steinen eine komplett neue Menschheit. 

 

 Protogeneia war die erste Menschenfrau. (wieder einmal) Hinter ihr … die Sintflut… und endgültig jenseits…von Gut und Böse (?)... die Götter.

 


Europa hat den Stier bei den Hörnern gepackt, und einem Kontinent eine nachhaltige Schriftkultur gebracht.

Anisidora war eine Logistik-Spezialistin, die wusste, wie man die Menschheit versorgt, bis man sie auf Pandora umtaufte und mit dem Image der Femme Fatale strafte.

Es war also einer gewaltigen Geschichtsverdrehung zu verdanken, dass Prometheus seinen Auftritt haben durfte und alles vergeigte. Den Frauen  bleibt wieder mal nur die üble Nachrede.

 Wenn das keine Einsichten sind?

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