· 

Das Telefonat

Copyright: AHA

 

Nachdrucke bzw. Wiederveröffentlichungen (auch auszugsweise)

sind honorarpflichtig und bedürfen einer 

schriftlichen Genehmigung der Autorin.

Kontakt: hier klicken

Byambaa hatte mandelförmige Augen, breite Backenknochen und zu Raspelstoppeln geschorene dunkelbraune Haare. Er steckte gerade in einem wollenen rot gefärbten Tuch, das sich über einen sonnengelben Stoffüberwurf wand. Warm war es nicht in jenen hohen Tempelräumen, trotz hunderter Butterlampen, die vor sich hin flackerten. Byambaa war vierzehn, ein Mongole aus dem Gobi-Altai, einer unwirtlichen, gebirgigen Landschaft mit Wüstenstrichen die ihrem Charakter zum Trotz eine überwältigende Schönheit in sich barg. Sein Vater war Tuva, seine Mutter eine Dorgood. Das zählte zwar nicht unbedingt in der Stadt, aber in seiner Sippe sehr wohl.

 

 

Er war mit seinen zwei Geschwistern in der Jurte aufgewachsen und in der Gesellschaft einer Ziegen- und Schafherde, die an die 300 Huftiere gezählt hatte, bis der letzte Zuud sie um die Hälfte dezimiert hatte, ein extrem kalter Winter, mit oft weniger als minus vierzig Grad Temperatur am Tag.

Im darauffolgenden Herbst wurde Byambaa schweren Herzens vom Vater mit dem Motorrad in die nächste Kreisstadt des Aimags gebracht. Wenn der nächste Winter wieder so hart wurde, dass gar die Knochen von Rindern in der Kälte zersplitterten, hätte er wohl die Mithilfe sogar seines jüngsten Sohnes gebraucht. Doch der kam ins Internat und den Naturgeistern zum Dank wurde der folgende Winter mild.

 

Byambaa lernte ohne Unterbrechung das ganze Schuljahr die kyrillische Schrift und die alte mongolische Schrift, rechnen, die ruhmreiche Geschichte Dschingis Khans, die Geografie seines ohnedies bereits aus der nomadischen Lebenserfahrung endlosen Landes und davon, dass es noch viele andere Länder gab, was in seinem Kopf so unfassbar war wie die Unermesslichkeit des Weltalls. Dabei schien ihm der Sternenhimmel überschaubar, er kannte den Platz jedes Sterns und den Namen, und das waren nicht wenige, denn der Himmel über der Steppe war dicht mit Gefunkel übersät. Auch was er an Naturgeschichte lernte, war ihm nicht fremd, kannte er doch schon viele kleine und große Steppentiere, Gräser und Pflanzen genau.

 

Anfänglich hatte er seine Familie und die Berge vermisst. Er mochte die staubigen Straßen der Stadt und die Schuluniform nicht, allerdings war der kleine Supermarkt für ihn ein wahres Wunder, wo er viele Dinge mit chinesischer Aufschrift sah, die sich praktisch nie in die Jurte verirrt hatten. Außerdem gab es viele andere Kinder, mit denen er auf dem Schulhof spielte, was die Unbillen beinahe aufhob.

Aber eines Tages war in die Pausen plötzlich eine seltsame Ruhe eingebrochen. Man hörte keine ob der vielen mongolischen Hauchlaute in der Luft verpuffenden Rufe mehr. Statt kleiner Spielgruppen, die hin und her wogten, hing eine Menschleintraube in einem Winkel der Schulmauer.

 

Einer ragte daraus hervor: ein großer schlaksiger Junge aus Ulan Bataar, dessen Vater als Ingenieur in die Kreisstadt gekommen war. Er schien der Magnet zu sein, der die Traube anzog, in seinen schicken Jeans, dem Holzfällerhemd, das gerade groß in Mode zu sein schien. Doch die eigentliche Attraktion war... sein Mobiltelefon.

Wenn Batscha halb der lehmverputzten steinernen Schulhofsmauer zugewandt versuchte, neugierigen Zuhörern und Zuschauern den Rücken zu kehren, standen diese um ihn herum und machten lange Hälse.

 

Zwar war ein Handy nicht ungewöhnlich, aber in der Steppe gab es meistens nur pro Sippe eins und das funktionierte nicht immer, weil das Netz in dem riesigen Land recht lückenhaft war. Byambaas Sippe hatte keins. Man lagerte ohnedies beieinader und besuchte sich mit dem Motorrad oder zu Pferd. Byambaa hatte schon Durchreisende fasziniert beobachtet, wie sie mit ihren Mobiltelefonen auf die Dächer ihrer Kleinbusse und Laster kletterten, um einen besseren Empfang zu haben. Sie hockten zu Rastzeiten oft in Gruppen auf dem höchstmöglichen Punkt ihrer Vehikel, um gemeinschaftlich eine Verbindung mit ihren Lieben zu erhaschen.

 

Und nun stand ein Telefonierer greifbar mitten im Schulhof!

Byambaa gelang es, ganz nahe zu dem Jungen zu gelangen und er rief ihm, nachdem der ein Telefonat offensichtlich mit Freunden in Ulan Bataar beendet hatte, zu, ob er denn auch mal telefonieren dürfe. Gespannt harrte die ganze Schülertraube der Antwort.

 

„Wen willst du denn anrufen?“ fragte Batschaa ein wenig überrascht, denn Keiner sonst hatte gewagt, ihn zu fragen.

„Meine Mama.“

„Deine Mama? Wieso?“

„Ich vermisse sie.“

„Glaubst du, ich lasse dich anrufen? Wenn ich das mache, will jeder hier anrufen. Am Ende habe ich kein Handy mehr und niemand kann mich anrufen, weil ständig besetzt ist.“

„Was ist das besetzt?“ Byambaa hatte kein besonderes Wissen über Telefone, er hatte nur einmal seinen Vater begleitet als der vom Postamt aus einen Arzt anrief, damit er sich seine kranke kleine Schwester ansehe.

 

Wie das Ganze funktionierte, war ihm schleierhaft, aber damals war er erst fünf gewesen.

„Was ist das besetzt? Hat das was mit Sessel zu tun?“

„Klar. Wenn jemand auf dem Sessel sitzt, kann er nicht telefonieren.“, antwortete Batscha, so hieß der hochgeschossene Dreizehnjährige, mit fester Stimme.

„Das glaube ich nicht. Wenn jemand auf dem Auto sitzt kann er auch telefonieren. Das habe ich gesehen.“, runzelte Byambaa die Stirn.

„Ach geh. Man kann nicht gleichzeitig anrufen und angerufen werden. Besetzt bedeutet, ich rufe jemanden an, der schon telefoniert. Er hat die Leitung besetzt. Das ist so, wie wenn zwei Ziegen von beiden Seiten eine schmale Brücke überqueren wollen. Dann kann auch nur eine rübergehen.“

 

 

Aus der Traube der Schulkinder  erhob sich da und dort Kichern.

„Ach so!“ Ein Telefongespräch war also wie eine Ziege, die in eine Richtung ging und ein anderes wie die Ziege, die ihr entgegenkam.

„So ungefähr. Und jetzt stell dir vor, alle Leute hier sind Ziegen...“, meinte der Junge, und breitete erklärend seine Arme aus.

„Wir sind keine Ziegen!“, warf ein Mädchen ein.

Byambaa sank der Mut. „Kann ich nicht telefonieren, wenn nicht so viele ...andere... hier sind?“., flüsterte er verlegen und verschränkte die Arme hinterm Rücken.

„Vielleicht. Ich kann es dir nicht versprechen. Hat deine Mutter eine Telefonnummer?“

„Äh, ich weiß nicht.“

„Wenn du die Telefonnummer nicht weißt, kann ich sie nicht anrufen. Hat sie so ein Telefon wie ich?“.

„Nein, aber sie kann sich ja vielleicht eins ausleihen.“ Ein paar der Zuhörenden lachten auf, die welche sich mit Handytelefonieren auskannten oder auszukennen glaubten. Hier am „Land“ waren es nicht viele.

 

„Kleiner Bruder, so geht das nicht. Ich brauche eine Telefonnummer und deine Mutter braucht ein Telefon. Sie braucht es immer. Sie weiß ja nicht, wann du anrufst.“

 

Batscha, der sich zuerst noch über Byambaa ein wenig belustigen hatte wollen, wurde ernsthaft, denn nun hatte er ein wenig Mitleid mit dem Kleinen, der sich nach der Stimme seiner Mama sehnte.

„Ach so.“ Byambaa ließ den Kopf hängen und trollte sich ohne ein weiteres Wort. Er schob sich durch die Kindertraube und interessierte sich herzlich wenig dafür, was seine Gefährten davon hielten.

 

Was würde er dafür geben, ihre Stimme ganz nah durch ein kleines silbernes Gerät an seinem Ohr zu hören! 

 

Seine Sehnsucht begann an ihm zu nagen und der Wunsch, durch das Zaubergerät mit Mutter zu sprechen, dehnte sich wie der Schatten einer aufziehenden Wolke über ihn aus. Ja, sein Verlangen nach Zuhause, nach Nähe, nach dem köstlichen Geruch seiner Mutter nach ihrer Wärme wurde immer stärker, alles das könnte er durch dieses silberne Ding bekommen, ganz sicher, und all das... war ihm so nah und doch unerreichbar!

 

Sein Gemüt verdarb, verwehrte seinen Sinnen jeden Genuss, bedrückte seinen kleinen Kopf mit Dumpfheit. Mit einem Mal mochte er nicht mehr essen, nicht lernen, nicht spielen.

 

Seine Kameraden verloren nach Tagen unveränderten Verdrusses das Interesse an dem geistesabwesenden Buben, der sich nicht einmal durch freundliche Rempeleien aus seinem Kummer holen ließ. Seine Lehrer ermahnten ihn vergeblich. Er mochte nicht einmal mehr in den Supermarkt gehen, um die chinesischen Waren zu bestaunen.

 

Da entschied sein Klassenlehrer, nachdem sich Byambaas Laune auch nicht nach Wochen verbesserte, seinen Onkel holen zu lassen, der im nahegelegenen Kloster lebte. Er war abkömmlich, denn Byambaas Eltern hatten in der Steppe alle Hände voll zu tun, kein Hindenken Vater oder Mutter in die Kreisstadt zu rufen.

Die Natur forderte von den Nomaden tagein tagaus die ganze Aufmerksamkeit und neben dem Viehhüten, dem Abwehren von Wölfen galt es auch Geräte zu reparieren, Kleidung, Taschen und haltbare Nahrungsmittel aus dem zu fabrizieren, was die Tiere hergaben, denn derlei konnte man verkaufen und so finanzieren, was man sich sonst selbst nicht zu leisten vermochte, eben auch die Schulausbildung der Kinder.

 

 

 So tauchte ein kahlgeschorener etwa dreißigjähriger Mann, dessen Gesicht und nackte Arme windgegerbt waren, in safran- und karmesinfarbene Stoffe gehüllt, in der Schule auf.

 

Byambaa hatte großen Respekt vor Tsegeren, der noch nie die Hand gegen ihn erhoben hatte, aber sichtlich vor Kraft strotzte obwohl er ein kontemplatives Leben führte.

„Gebt ihn eine Zeit lang zu mir ins Kloster.“, meinte der Onkel. „Ich nehme ihn unter meine Obhut. Sehen wir mal, was ihm fehlt.“ Die Lehrer waren einverstanden, zumal der Junge ja im Kloster weiter lernen würde.

 

Byambaa folgte brav dem Mönch, der immerhin zur Familie gehörte.

Kaum hatten die beiden nach einem längeren Fußmarsch (was für Mongolen sonst eher ungewöhnlich ist, denn ein Mongole geht nicht zu Fuß) die Schwelle des Klosters überschritten, war Byambaa von der Atmosphäre gefangen genommen.

 

Innerhalb dem weiß verputztem Mauergeviert stand auf einem rechteckigen Platz der rote Haupttempel mit geschwungenen sich übereinander türmenden grünen Dächern und bunt verzierter Fassade. Daneben befanden sich ein kleinerer weißer Tempel, außerdem eine Stupa und Mönchshäuser. Die Klosterbewohner umgab eine Aura der Heiterkeit und Würde. Ein paar junge Novizen, etwas älter als er, tollten herum und flitzten, nachdem die große verzierte Glocke im Hof angeschlagen worden war, geradezu fröhlich aber durchaus pflichtbewusst sofort in den großen Tempel.

Byambaa blieb einige Zeit und nahm am Mönchsleben teil. Wenn Tsegeren nicht Gebete rezitierte, meditierte oder im Kloster mithalf, unterrichtete er seinen Neffen. Seltsamerweise stellte er ihn nie wegen seines Verhaltens in der Schule zur Rede. Doch die Zeit im Kloster schien Wunder zu wirken.

 

 

Jedenfalls aber ließen ihn die andere Umgebung, und die durchgängige Tagesroutine seinen Kummer vergessen. Bald konnte Byambaa an seine alte Lernstätte zurückkehren. Seltsam aber war, dass er nach seiner Rückkehr den Burschen Batscha, jenen, der immer von Kindern umgeben am Schulhof telefoniert hatte, nicht mehr sah. Die Episode mit dem Telefon schien nicht nur aus seinem Gedächtnis sondern auch aus der jüngsten Vergangenheit gelöscht worden zu sein.

 

 

 

Am Ende des Schuljahres bestand Tsegeren darauf, seines Bruders Sohn nach Hause zu begleiten.

 

Byambaas Freude war unermesslich, als er wieder bei den Seinen bleiben durfte. Tsegeren aber nahm seinen Bruder in der Jurte bei einer Schale Buttertee zur Seite.

„Bruder, ich denke es ist nicht gut, wenn der Junge in die Schule zurückkehrt.“

„So? Er braucht doch eine Ausbildung. Unser Nomadenleben wird immer schwieriger. Ich weiß nicht, ob ich ihm genug Tiere zur Verfügung stellen kann, dass er mit einer eigenen Herde überleben kann, wenn er älter ist.“

 

„Da gebe ich dir recht. Aber er kann auch im Kloster eine Ausbildung bekommen.“

„Byambaa, ein Mönch?“

 

„Vielleicht. Ich bin nicht befugt, in ihm die Wiederkehr einer besonderen Persönlichkeit zu erkennen, aber es gibt Zeichen, dass dem so ist. Er wirkt in klösterlicher Umgebung reifer für sein Alter, auch wenn er ganz Kind ist. Allein, dass sich sein heftiges Heimweh so rasch beruhigt hat...“

„Welches Heimweh?“

Tsegeren erzählte kurz seinem Bruder, was er ihm nicht hatte erzählen wollen, um ihn oder auch seine Schwägerin nicht unnötig zu beunruhigen.

 

Byambaas Vater räusperte sich und überlegte, ob er seiner Frau etwas mitteilen sollte. Warum sollte er sie aus der Ruhe bringen, da sich alles so gut aufgelöst hatte? „Ich verlasse mich auf dein Urteil, auch wenn mein Sohn hier abgeht, jetzt, wo er immer mehr mithelfen kann. Du weißt, wenn der nächste Winter wieder kalt wird, können wir jede Hand gebrauchen.“

„Wer seiner Bestimmung folgt, bringt auch Glück für seine Familie.“

„Seine Mutter wird nicht begeistert sein. Er ist ihr Lieblingskind.“

Als ob sie es geahnt hätte, betrat die Mutter den Ger und seufzte. Die beiden Männer wandten sich ihr zu.

 

„Du nimmst Byambaa ganz mit ins Kloster?“, fragte sie, als ob sie das Gespräch mit angehört hätte und stellte einen Krug mit frisch gemolkener Stutenmilch auf den Boden.

„Ja und meine liebe Schwägerin, er hat auch deine feine Wahrnehmung.“, sagte der Mönch lächelnd.

 

„Ja, mag sein, aber hat auch ein sehr verwundbares Herz.“ Boloroo, so hieß die Mutter, wusste um die Anhänglichkeit ihres Sohnes.

Auch wenn es Byambaas Vater nicht zugeben wollte, war er nicht minder als seine Frau bei dem Gedanken zerrissen, der Junge würde bald schon eigene Wege gehen, ohne das dies sein anhängliches Wesen gleichermaßen vermochte. Dennoch stimmten beide nach einer Nacht Bedenkzeit, wenn auch unter schwerem inneren Ringen zu. Ihr Junge konnte ja doch jederzeit in die Jurte zurückkehren und er würde ja so oder so genug lernen.

 

So kam Byambaa ins Kloster und wurde sogar ein paar Jahre später ins große Kloster nach Ulan Bataar geschickt. Am Tag der Abreise zog Tsegeren ein silbern glänzendes kleines Gerät aus einer Taschenfalte seiner Kutte. Es war ein kleines Mobiltelefon, eines, das man aufklappen konnte.

Byambaas Körper durchfuhr ein kleiner Schauder. „Junge, das gebe ich dir, damit du lernst, nicht anzuhaften. Lass dich von dem Ding nicht gefangennehmen, aber wenn es nützlich ist, in welcher Hinsicht auch immer, darf es so sein.“

So kam Byambaa mit wenig Hab und Gut, aber einem Mobiltelefon nach Ulan Bataar.

 

Das Kloster, in dem er Aufnahme fand, war riesig. Besonders beeindruckte ihn die große Chenresig-Statue im Haupttempel. Sie war, nach dem das Kloster 1937 unter kommunistischem Regime weitgehend zerstört worden war, dank Spendengeldern in ihrer ganzen Erhabenheit und goldenen Pracht wieder nachmodelliert worden. Anders als in dem kleinen Kloster in seiner Heimat in der Westmongolei gab es hier auch ständig Touristen aus aller Welt. Immerhin schrieb man bereits das Jahr 2009. Byambaa bemühte sich, in der beeindruckenden und so ganz anderen Umgebung als zu Hause Gleichmut zu bewahren.

Was ihn aber eines Tages erstaunte, war nicht das rege Leben im Kloster, nicht die großen Tempel und weiten Plätze darum, nicht der Verkehrslärm, der von der Stadt bis hierher brandete, sondern, dass ihm ein schlaksiger Mönch über den Weg lief, kaum älter als er, mit kahlgeschorenem Haupt und riesigen Ohren, wie ihm schien. Der andere stutzte: „Kleiner Bruder?“

„Ja“. 

Es war Batscha, der Mitschüler, der früher ein modisches Holzfällerhemd getragen hatte, der, der ihm nicht das Mobiltelefon hatte leihen wollen. Der, durch den er als Siebenjähriger in so große Schwermut gestürzt war.

 

Byanbaa wusste natürlich längst, dass er damals ohnedies seine Mutter nicht hätte anrufen können, aber dennoch malträtierte ihn die Erinnerung an die plumpe Scherzerei, die der Andere ihm zugemutet hatte.

 

Eben, als er gerade nachdachte, wie er Batscha begegnen solle (vorwurfsvoll? Verzeihend? Vergessen habend?) läutete die Glocke und rief zur gemeinschaftlichen Meditation.

Die jungen Novizen eilten in einen kleineren Tempel, setzten sich im Lotossitz um die Statue eines Boddhisattva vor der auch ein Geshe Platz genommen hatte und begannen eifrig Mantras zu rezitieren. Dass hinter ihnen Touristen spazierten und sie neugierig betrachteten, störte sie nicht, daran waren sie gewohnt. Mit teils hellen, teils schon im Stimmbruch ein wenig verzerrten Klang riefen sie im Chor ihren Boddhisattva an.

 

Plötzlich durchschnitt ein schnarrender Ton die zur Buddhastatue aufsteigenden Verse. Byambaa sprach weiter, spitzte aber die Ohren und schielte dorthin, wo sich der Sohn des Ingenieurs niedergelassen hatte. Der beugte sich blitzschnell vor und zog….sein Handy aus dem Ärmel.

"Hallo", hauchte er etwas verlegen. Eine Pause trat ein, während im Hintergrund das Auf und ab der Stimmen weiter strömte.

„MAMA?“

Batscha wagte nicht, sich umzublicken. Niemand sonst schien zu bemerken, wie er gerade aus der Kontemplation fiel. Er sah auch nicht Byambaas Augen, die unter gesenkten Liedern verfolgten, was geschah, während sich dessen Lippen weiter bewegten und aus dem Mund die Silben des uralten Mantras sich zu jenen des Chors gesellten.

„Mama.“, flüsterte der sichtlich verlegene Batscha mit rot gewordenen Ohren, „Ich kann jetzt nicht. Ich meditiere...“

 

In dem Moment mischte sich unter den wie ein Bach murmelndern Schwall geheiligter Worte Heiterkeit. Eine der Rezitationen stieg besonders fröhlich zur bereits lächelnden Statue des Erleuchteten hoch. Es war jene Byambaas.

Er hatte übrigens sein Handy wie immer an seinem Schlafplatz zurückgelassen. Für den Fall, dass einer seiner jüngeren Novizenkollegen Heimweh nach seiner Mutter bekam…


Kommentar schreiben

Kommentare: 0