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El Dorado, Schlaraffenland und so

  • Mythen von Reichtum und Wohlstand
  • American dream?
  • Eldorado oder der vergoldete Mensch
  • Überholt Schlaraffenland Eldorado?


Mythen von Reichtum und Wohlstand

Foto: Aha.
Foto: Aha.

Es gibt zweierlei Sorten von Erzählungen über nie enden wollenden Überfluss und Reichtum: Die eine moralische, die besagt, dass Müßiggang  und Völlerei verblöden. Wer das Schlaraffenland bewohnt, ist ein fauler Narr, meint das Wort „Sluraffe/Schlaraffe). Es gibt aber auch das Märchen von Eldorado, was definitiv Geldgier anzog und letztendlich für unbezahlbare Ressourcen steht. Oro, ist Gold, heute sind die Ressourcen allerlei Bodenschätze, oder einfach auch Konstruktionen. Eldorado ist ein Märchen von Eroberung und Goldgier, Schlaraffenland von Überfluss ohne Arbeit und beide mögen reizen. Immer wieder werden diese Märchen auf neue Gebiete projiziert. Wehe, wenn die Wirklichkeit enttäuscht. Doch wider besseres Wissen wird die Mär immer wieder neu geflunkert.

Dann gibt es auch einfach Propaganda: Dazu gehört der amerikanische Traum. Er ist eine Mischung aus Selbstbeweihräucherung, Schönfärberei und Imagepflege.

American dream?

Luxusmarkengeschäft NY. Foto: ATH
Luxusmarkengeschäft NY. Foto: ATH

 

Amerika galt für viele, die aus Europa Existenz- und Hungersnöten entfliehen wollten, als Eldorado, Schlaraffenland, Land der unbegrenzten Möglichkeiten und der (Wohlstands)träume .

Auch die, die dem kommunistischen Ostblock entfliehen wollten, sahen es als gelobtes Land. Die Tellerwäscher-Millionär-Saga zog.

Es gab da etwa einen jungen Flüchtling aus Ungarn, der in Amerika etwa 1960 ein Universitätsstipendium ergattern konnte und kaum angekommen, wie eine heiße Kartoffel fallengelassen wurde, weil man sich vor Kommunisten-Umtrieben noch herzlich fürchtete.

 

Also begann dieser Mann im Central Park in New York recht erfolgreich Schach zu spielen und boxte sich mit wechselnden Jobs Arbeit bis zum Umfallen  und Chutzpe bis zu einem gewissen Wohlstand durch. (Unter Anderem war er Bei Leonard Bernstein abgeblitzt, als er Zeitschriftenabos verkaufen wollte und die betagte Lady Eleanor Roosevelt hatte sich stattdessen seiner erbarmt).

Er wurde Geschäftsführer in einem renommierten Restaurant und gründete einen kleinen Baumarkt. Er hatte bald ein Haus, ein Motorboot und Kontakte. Um 1970 beschloss er, seine alte Mutter in seiner Heimat zu besuchen.

 

Vielleicht wollte er ihr auch beweisen, dass der American Aufstiegsdream  tatsächlich funktionierte. Jedenfalls; wer möchte nicht als das Kind zurückkommen, auf das die Eltern stolz sein müssen?

 

Mit seinem per Flugzeug nach Europa eingeflogenem BMW besuchte er sein Elternhaus in einer ungarischen Grenzstadt. Angekommen, war ihm der Kontrast zwischen den beiden Ländern wahrscheinlich gewaltig erschienen.

Fühlen jene sich besonders reich, die der Kontakt mit Armut schaudern lässt? Oder befeuert eine Begegnung mit beschränkten Lebensbedingungen, zwischen sich und dem Schreckgespenst die Distanz mit aller Macht zu vergrößern? Vielleicht aber wurde dem gemachten jungen Mann der Überfluss klar, über den er nun verfügte.

Zum Abschied hinterließ er immerhin allen Nachbarn und ehemaligen Freunden je eine Zehndollarnote, eine Menge Geld, in jenen Tagen …

In Amerika muss man jung, gesund und durchaus zur Selbstausbeutung bereit sein (manche auch zur Ausbeutung anderer), um den Aufstieg zu schaffen.

Ein paar Schicksalsschläge genügten,  den Wohlstand aus seinen Taschen und seinem Lebenststil zu beuteln.

 

Nachdem er sich in die kalifornische Provinz zurückgezogen hatte (geringe Lebenshaltungskosten, angenehmes Klima), erfuhr er, dass er noch in Europa eine Tochter gezeugt hatte, die ihn nach 35 Jahren Suche aufspürte.

Diese Tochter besuchte ihn und plante auch, seine Geburtsstadt in Ungarn zu bereisen.

Als er ihr Tipps gab, erzählte er, eingepackt in seine Lebensgeschichte, auch jene von der Rückkehr. Bei der Erwähnung des Zehndollar-Regens war diese hin und her gerissen. Denn so klotzen mit eingeflogener Prestigekarre und Dollarnotenwacheln war pure, platte Angeberei.

 

Andererseits hatte sie Verständnis. Womit hilft man in einem Land, indem es nur saisonal Dinge zu kaufen gibt, weil man ja nach Fünfjahresplänen produzierte?

 

 

Foto: ATH
Foto: ATH

Außerdem, wer sich aufmacht, um sein Glück in der Fremde zu suchen, will nicht zugeben müssen, dass er mittelmäßig herumdümpelt und schon gar nicht, dass er mit Wohlstandsträumen scheitert.

Menschen die emigriert sind, wollen grundsätzlich gegenüber zurückgebliebenen Freunden und Verwandten gut dastehen. Ich kenne kaum wen, der sagt, seine Neue Heimat sei besch…, außer er ist gezwungen, zurückzukehren.

 

Er ist menschlich und global verbreitet, der Zwiespalt zwischen hinüber gerettetem Alten und befremdlichem Neuem. Dass die Ambivalenz bei Enttäuschung sogar gefährlich werden kann, ist ein eigenes Kapitel; das führt hier zu weit.

 

Die erwachsene Tochter kam also in die Geburtsstadt ihres Vaters und suchte sein Elternhaus. Auf dem Stadtplatz sollte es gestanden haben. Sie betrat das nächste Geschäft bei der Adresse, wo sie das Gebäude vermutete. Es war eine Kürschnerei: Ein schlichter, ziemlich leerer Laden.

 

Der alte, weißhaarige Herr, der sich als Inhaber entpuppte, staunte nicht schlecht, als sie sich als Sprössling seines ehemaligen Nachbarn vorstellte. Es waren ja gut vierzig Jahre vergangen.

Natürlich erinnerte er sich an „Gyuszi“, was der Spitzname seines ehemaligen, jüngeren Spielgefährten gewesen war. Und auch an den Besuch mit dem teuren BMW. Während er eine Erinnerung nach der anderen hervorholte, begann er, in den Geschäftsregalen zu kramen, bis ein schlichter Bilderrahmen zu Tage kam. Als er den Rahmen auf den Ladentisch legte, waren es an der Tochter, zu staunen. Denn in dem Rahmen befand sich eine...Zehndollarnote. Gefühlskaskaden von Verlegenheit und Gerührtheit überkamen sie, als der Alte mit großem Respekt und viel Zuneigung von seinem ehemaligen Jugendfreund und wie er so viel Gutes in der schweren Zeit getan hatte, erzählte.

 

Diese Geschichte hätte die Befeuerung des Märchens von Eldorado, Schlaraffenland, oder dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten werden können. Doch sie traf auf einen, der sich mit seinem einfachen Dasein begnügte und letztendlich die erwiesene Wohltat der Finanzkraft vorzog.

Eldorado oder der vergoldete Mensch

Muisca_raft_Legend_of_El_Dorado_Offerings_of_gold.jpg ‎ gemeinfrei
Muisca_raft_Legend_of_El_Dorado_Offerings_of_gold.jpg ‎ gemeinfrei

Eldorados Geschichte begann mit der Überlieferung von einem Goldfloß, auf dem jeder neue Herrscher des kolumbianischen Stammes der Muisca nackt und mit einer Paste aus Goldstaub überzogen bei seinem Amtsantritt ein Opfer für den Sonnengott in einem Bergsee darbrachte.

Von spanischen Conquistadoren (im 16. Jahrhundert) gefangen genommene Indios erzählten wohl mehr oder weniger freiwillig diese Legende; wohl in der Hoffnung, die spanischen Plagegeister los zu werden.

EL Dorado ist also ursprünglich der „Vergoldete“, eine einzelne Person. (Nur so nebenher: Wie wir aus „Goldfinger“ wissen, fallen vergoldete Frauen dem gender-pay gap zum Opfer, sie überleben solche Prozeduren nicht.) 

Ein gewisser Rodriguez Freyle, Chronist aus Bogotá, und sein Zeitgenosse Juan de Castellanos verbreiteten quasi als erste öffentlichkeitswirksam per Buch Mitte des 17. Jahrhunderts diese Legende. Es war bei Chronisten übrigens durchaus üblich, Fiktion und Realität miteinander zu vermengen…Eldorado wurde alsbald zur Goldstadt an einem See.

 

Sir Walter Raleigh, englischer Seefahrer und Entdecker ließ sich auch von der Mär anstecken. 1595 folgte er mit vier Schiffen dem Lauf des Orinoco flussaufwärts bis zur Einmündung des Caroni, um Eldorado zu suchen,was auch Alexander Humboldt 1799 lockte, nach dem sagenhaften Ort zu suchen. Gefunden hat es keiner.

Fakt ist, dass die Mär vom Land, in dem Gold so normal sei wie für Ikea zusammengeleimte Holzabfälle, sich immer mehr aufblies.

El Dorado war einmal ein Kult um einen Herrscher gewesen, der sonnengleich als strahlende Leitfigur in sein Amt eingeführt wurde. Vielen Kulten und Religionen war die Kostbarkeit der Requisiten schon zum Verhängnis geworden: Im alten Testament wurde Gott sogar eifersüchtig auf fremde güldene Götzenbilder…

Immerhin; heutzutage spricht man schon bei schönen Schigebieten über ein Eldorado für Wintersportler und scheut auch sonst keine banalen Vergleiche...

Überholt Schlaraffenland Eldorado?

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Pieter_Bruegel_d._%C3%84._037.jpg?uselang=de
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Pieter_Bruegel_d._%C3%84._037.jpg?uselang=de

Es schaut aus, als ob mittlerweile Eldorado eine Menge Popularität an das Märchen vom Schlaraffenland abgegeben habe.

Ihr wisst schon: "Eine Gegend heißt Schlaraffenland,

den faulen Leuten wohlbekannt;

Das liegt drei Meilen hinter Weihnachten.

Und welche darein will trachten,

der muss sich großer Ding vermessen

und durch ein Berg mit Hirsbrei essen,

der ist wohl dreier Meilen dick.

Alsdann ist er im Augenblick

in demselbigen Schlaraffenland,

da aller Reichtum ist bekannt.

Da hat er Speis und Trank zur Hand;

da sind die Häuser gedeckt mit Fladen,

mit Lebkuchen Tür und Fensterladen…. Usw.

Nun ja, ein gutes Sozialsystem, bedingungsloses Einkommen, Gratis Gesundheitsversorgung, Essen und sogar Konsumgüter bis an die Haustür, klingt schon eher wie Schlaraffenland.

Slur-Affe Foto: ATH
Slur-Affe Foto: ATH

Man stelle sich vor

es gäbe eine Karte von Schlaraffenland, und keiner wollte hin!

Eine Karte gibt es tatsächlich und sie wird in der Universitätsbibliothek (UB) Graz. im "Atlas nous terrarum" (1716) gelagert. Sie stammt von J.B. Homann.

Der Zweck der Karte war allerdings, zu moralisieren. Laster und Tugenden wurden als geographische Begriffe versachlicht. Die Karte hat zwar nichts mit den Märchen zu tun, und in einer Vorläuferin in Buchform mit dem Titel Mundus alter et idem ...“ 1605 von Bischof Joseph Hall in England veröffentlicht, kommt das Schlaraffenland gar nicht vor.

Man könnte sagen, Schlaraffenland ist der Gegenentwurf zu Gesellschaftsutopien, die Arbeitsethik zum Gemeinwohl in den Mittelpunkt stellen. Und wahrscheinlich aus dem Grund nahm es Homann wohl auf, sich seinerseits wieder an einem Buch von Johann Andreas Schnebelin (1706) orientierend.

 

Der Titel lautet übersetzt und gekürzt "Erklärung der Wunder-seltsamen Landkarten Utopia, das neu entdeckte Schlaraffenland..mit vielen läppischen Städten/ Festungen/ Flecken und Dörfern/ Flüssen/ Bergen/ Seen/ Inseln/ Meer und Meerbusen...aufs deutlichste beschrieben; Allen törrichten Läster freunden zum Spott/ den Tugendliebenden zur Warnung/ und melancholischen Gemütern zur Ergötzung vorgestellt. Gedruckt zu Arbeitshausen/ in der Graffschafft Fleißig/ in diesem Jahr da Schlarraffenland entdeckt ist." 

 

Auf der Karte gibt es topographische Orte wie „Machsdufürmich“, „Leckeronia“, „Auf der Berenhaut M.“ (Bärenhaut), „Gernreich“. Außer dem Schlaraffenland gibt es beim Kartenmaterial aber auch ein Land der Faulen, oder auch das Unzuchtland.

http://sosa2.uni-graz.at/sosa/karten/schlaraffia/schlaraffia-info.php 13.12.20
http://sosa2.uni-graz.at/sosa/karten/schlaraffia/schlaraffia-info.php 13.12.20

Schon der Komödienschreiber Phrékratos, der im 5. Jahrhundert vor Christus in Athen lebte, beschrieb eine Art Hölle im Land der Toten, wo es Flüsse „voller Polenta und schwarzer Brühe“ gab.  

Lukian von Samosata („der Spötter“) beschreibt im 2. Jahrhundert n. Chr. eine Stadt ganz in Gold, umgeben von einer smaragdgrünen Mauer, innerhalb welcher die Ähren Brot statt Getreide tragen und es kein Alter gibt.

Aus dem 4. Jh gibt es Abhandlung griechischen Ursprungs , die dann im 6. Jahrhundert ins Lateinische übersetzt wurde. Mit dem Titel Expositio totius mundi beschreibt sie ein Land, in dem es keine Krankheiten gibt und die Bevölkerung sich von Honig und Broten ernährt, die vom Himmel fallen.

In dem Originalmärchen `Pinocchio" von Collodi ( Ab 1881) gibt es  "il paese delle cuccagne", wohin die faulen Kinder gebracht werden. Paese delle Cuccagne ist die italienische Version von Schlaraffenland und das Wort „Cuccagna“ leitet sich unter Anderem vom deutschen Wort „Kuchen“ ab, bezeichnet aber auch das provenzalischen Cocanha ,französisch Cocagne.

Pinocchio und seine Freunde spielen und essen dort den ganzen Tag, bis sie irgendwann merken, dass ihnen pelzige Eselsohren wachsen. Die Verwandlung setzt sich rasend fort, bis sie richtige Esel geworden sind, als Arbeitstiere verkauft werden und die schwersten Arbeiten verrichten müssen. Auf italienisch wird das Wort für Esel sowohl für solche verwendet, die sich zu Tode schuften, als auch für Schulversager, oder besser gesagt Schulverweigerer.

Collodis Version des Schlaraffenlandes besagt: Wer nichts tut, verblödet und muss letztendlich doch wie ein Esel (Ochse) bis zum Umfallen schuften.

Collodi, mit dem richtigen Namen Carlo Lorenzine war lange ein Satireschreiber und  politischer Feuilletonist gewesen, bevor er Kinderbücher verfasste...vielleicht hatte er ja ob seiner Satiren zu viel einstecken müssen.

 

Die auf antike und indische Quellen zurückgehende Wunderlandgeschichten waren also im Grunde verpönt. Müßiggang galt schweres Laster, Völlerei (Gula) und Wollust (Luxuria) galten gar als Todsünde. 

El Dorado oder Schlaraffenland sind Erzählungen , die leider immer wieder gern geglaubt werden wollen. Wer, der sich aufmachte, eins von beiden aufzusuchen, konnte Zurückgebliebenen aber je sachlich von der Wirklichkeit berichten, die er/sie dort vorfand…?

Der Film „Goldrausch“ von Charlie Chaplin erzählt wenigstens von den Mühen, zu Edelmetall zu kommen, verschweigt aber den Preis, den die indigene Bevölkerung zu zahlen hatte.

Wenn die Gebrüder Grimm oder Erich Kästner sich nicht des Schlaraffenlandmärchens angenommen hätten, wäre es vielleicht schon vergessen...Oder ist es nicht schon durch die Versprechen der schönen, neuen Konsumwelt verdrängt?

Zeichnung nach einem Filmfoto von "Goldrush"
Zeichnung nach einem Filmfoto von "Goldrush"

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