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Die Carrucho

für Magalis

 

 

Es geschah, noch bevor Guahayona und Anacacuya ihre Reise wagten, lange bevor die Genueser Taube* mit ihren Schiffen auf diesen Inseln landete und Tod und Zerstörung brachte. Noch niemand hatte das Lied von der schönen Alida mit den langen gelockten Haaren, vom liebenswürdigen Hatuey und natürlich von der Zaubercarrucho gesungen.

 

Alida war die Tochter eines Cachique, eines Chiefs, das zwölfte Kind und ihre Mutter die dritte und letzte Ehefrau, die der Häuptling in seine Sippe aufgenommen hatte. Man sagte, Alida habe die sanften, klugen Augen der Schildkröte Caguama gehabt, aus der die Menschheit hervorgegangen war. Ihre Haare flossen fast bis zum Boden und kleideten sie in schwarzglänzende Wellen.

Wie niemand aus ihrem Volk, den Tainos, verstand sie den Geist der Natur und wusste Leiden zu heilen. Noch gab es keine Behiques** die erst Cohoba rauchen mussten, um sich zu vergessen und Heilwissen zu erlangen.

 

Tagein, tagaus kamen Leute um sich von ihr helfen zu lassen, auch Hatuey, der nicht von Adel war, sondern ein einfacher, ein bisschen rundlicher Fischer, der viel lächelte und gerne seine markanten Nasenflügel blähte. Das erste Mal suchte er die Heilerin in ihrer Palmblätterhütte am Strand auf, weil er ungeschickt mit einem Fischhaken hantierend, sich an der Hand verletzt hatte. Die Innenfläche schwoll an und begann sich grässlich zu verfärben und so beeilte er sich, Hilfe zu suchen.

 

Alida wusste zu helfen. Sie strich sanft eine Paste über die Wunde und der pochende und brennende Schmerz verschwand und bald war auch die Verunstaltung wie weggeblasen.

 

Freute er sich, dass er bald wieder beidhändig auf seinem Fischerboot herumturnen konnte? Nein. Die Heilung geschah ihm zu schnell, denn... er hatte sich in Alida verguckt.

Also begab er sich wieder in ihren von der Sonne gebleichten Unterstand, vorgebend, dass er seine Hand noch nicht gebrauchen konnte.

 

„Deine Hand ist gesund, oder nicht?“, sagte Alida.

„Äh, ja... nein, aber da ist sie so...klumpig“. Er war froh, dass die Brandung an diesem Tag recht geräuschvoll das Ufer bearbeitete und so seine Worte etwas verwusch. Sie befühlte seine zögerlich hingehaltene Pranke.

„Alles ist gut. Tut dir was weh?“

Hatuey guckte komisch, irgendwie zwischen Verzweiflung und sich männlich zusammenreißend. „Nein, nein.“, seufzte er und es blieb ihm nichts anderes übrig, als aufzuspringen und davon zu eilen.

 

Doch alsbald zog ihn ein unsichtbarer Magnet wieder zu ihrer Hütte und er war so schnell dorthin unterwegs, dass der Sand vom Strand, über den er lief, nur so weg spritzte. Er hatte keine Zeit, sich ein Gebrechen auszudenken, das ihn nicht als wehleidig erschienen ließ und doch ernst genug war, um damit unter ihre Augen zu treten und so fiel er in respektvollem Abstand einfach auf die Knie und blinzelte verlegen.

 

Sie hatte bald längst begriffen, dass er ihretwegen kam, auch wenn seine Vorwände ein wenig einfallslos waren, so freute auch sie sich, ihn zu sehen. Doch war Alida für Verehrer nicht bereit. Das verbot ihr weniger ihr Stand (sie war ja eine adelige Cachikentochter) als ihre Sorge um die, denen sie sich als Heilerin widmete. Sich auf lange Sicht um Hütte, Mann und Kinder kümmern zu müssen, anstatt um Kranke, erschien ihr falsch. Aber, irgendwie mochte sie den etwas ungeschickten Hatuey, der sich ihr Herz geködert hatte, ohne zu ahnen, wie sehr es schon für ihn schlug.

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*Christoph Columbus (Colomba=Taube)

**Priester und Schamanen (männlich)

Also setzte sie sich an einem schönen Vollmondabend ans Meeresufer.

„Urgroßmutter Atabey“, seufzte sie, „Was soll ich tun?“ Das Meer rauschte leise, als ob Atabey, die Gebärerin der Menschen, Beherrscherin des Meeres und Hüterin der Mutterschaft sie mit leichter Hand glatt gestrichen hätte.

 

Alida verlor sich im Geflüster, Duft und im Anblick der sich auflösenden zarten Gischt und ein Ruck ging durch ihren Körper. Sie hatte nun einen Entschluss gefasst.

In jener Nacht war auch ein Ruck durch Hatuey gegangen, ein wenig anders, nicht so entschlossen wie bei Alida, sondern eher vergnüglich, denn immerhin tanzte durch seine Zellen, Muskeln und Gefühlswelt ein kleiner Wirbelwind der Verliebtheit. Auch er entschloss sich. Er wollte um sie werben.

 

Mit kleinen Fischen fing er an. Mit schönen, schmackhaften kleinen Fischen, die er ihr beiläufig vorbei brachte und hübsch in einem Korb aufgereiht vor ihre Hütte legte. Er blieb dann in respektvollem Abstand hocken und beobachtete seine Angebetete bei ihrer Arbeit, bis die kurze, rasche Dämmerung einbrach.

Alida tat so, als bemerkte sie nicht, dass die köstlichen Fische von ihrem Verehrer waren. Sie brachte sie zu den Frauen ihrer Familie, die der Sitte gemäß getrennt von ihren Männern mit ihren Kindern lebten. Das heitere und wohl auch ein wenig belustigte „Ah, Hatuey“, das wie ein Echo erschallte, sagte ihm jedes Mal, dass seine Gabe angekommen war.

 

Ihrer Sippe waren die Bemühungen des jungen Kerls, den alle mochten, nicht entgangen. Dass die begabte Heilerin sich darum wenig zu scheren schien, wunderte aber Niemanden. Es war ja Brauch, zunächst eine Werbung zu ignorieren, galt es doch herauszufinden, ob die heißblütigen Jungs es ernst meinten, oder nur ein Abenteuer wollten, (was auch nicht verpönt war).

Nach einiger Zeit nahm der älteste Onkel Alida zur Seite: „Wenn in meiner Hütte Platz für zwei mehr sein sollte, sag es mir, Nana´.“ (Verheiratete Paare leben zunächst beim Onkel der Ehefrau).

„Mach dir keinen Kopf, wir sind nicht soweit.“

Ihre hübschen kaffeebraunen Wangen röteten sich ein wenig. Doch es galt, durchzuführen, wozu sie sich entschlossen hatte.

Sie winkte eines Tages ihn zu sich, als er sie bei der Vorbereitung für Medizinen beobachtete. Seine Augen begannen zu glänzen.

„Ua´, nein, nicht was du hoffst. Du bist ein guter Mann, doch du darfst nicht und ich darf nicht.“

Hatuey blähte seine Nüstern. Hatte sie ihn nicht zu sich gewinkt? Und jetzt fragte sie auch noch seltsam: „Willst du denn mit mir ins Haus meines Onkels ziehen?“

„Na wenn wir nicht dürfen?“ antwortete er. „Du bist eine schöne, gute Frau und ohe´; ich möchte, dass du meine Nanichi und meine Siani bist. Willst du denn?“

„Ich, dein Schatz und deine Frau?“ meinte sie, während sie geschäftig Kräuter zermörserte.

 

Hatuey dachte, sie wolle ihn necken, aber zögerte nicht, trotz dieses seltsamen Spiels, das Alida mit ihm zu treiben schien, „Ja, Han-ha'n catu', so soll es sein!“ zu rufen.

 

„Wir dürfen...“, hob sie an, „Nicht.“ ergänzte er, „Ja ja.“ „Aber du willst?“ Alida lächelte.

„Ich will auch.“ Das war mal geklärt, aber keine befriedigende Antwort und schon gar keine Lösung ihres rätselhaften Zwiegesprächs. 

„Ja´, was machen wir da?“, hatte der junge Fischer den Geistesblitz, zu fragen.

 „Ich werde weiter heilen. Ich brauche was, was nur du besorgen kannst.“

„YUKE'IO HAN, BEIM GEIST DER WEISSEN BERGE, WAS IST ES?

„Eine Mondlichtcarrucho“.

 

Hatueys Augen weiteten sich wie auch sein Mund und seine Nasenflügel, obwohl letztere eigentlich schon ihren maximalen Umfang erreicht hatten. „Eine Mondlichtcarrucho?“

Er hatte von der Carrucho gehört. Jeder wusste über sie bescheid, über die Schnecke, deren Gehäuse aus Mondlicht gesponnen war. Wohl bewacht lag sie auf dem Grund der karibischen See. Diese zaubertätige Schnecke verlieh allem hundertfache Kraft, wenn man mit ihr berührte, was man bewegen wollte. Sie hatte zum Beispiel, bevor sie ins Meer gefallen war, viele Schichten Luft durchfahren, und so war Huracan, die „Mitte des Windes“ entstanden.

 

Alida wollte Krankheit und Gesundheit mit allen Kräften in Bewegung bringen, die Eine vertreiben und die Andere wachsen lassen, denn es gab auf ihren Inseln zu viele Gebrechen, die bisher nicht zu heilen gewesen waren.

 

 

Aber niemand hatte die Carrucho bisher geborgen, dieses prachtvolle silbernweiße Schneckentier. Vielleicht war es ja auch gut so, denn in die falschen Hände durfte sie nicht geraten: Ihre Kraft konnte Gutes schaffen oder vernichten, wie man ja beim Hurrikan sehen und fühlen konnte.

Hatuey hätte nicht im Entferntesten gewagt, daran zu denken, dieses Zauberwesen aus den Tiefen der See zu bergen, wäre Alida nicht so entschlossen gewesen. Es war doch kein böses Spiel, das sie mit ihm da so trieb?

Ein Blick in ihre Augen gab ihm Gewissheit. Auch wenn er nicht wusste, dass Atabey die Urmutter in Alida den Entschluss hatte reifen lassen, er würde tun, was noch kein Taino vorher gewagt hatte.

 

Hatuey, Hatuey, er würde es nicht leicht haben, der liebenswürdige Chaot, der es richtig machen wollte und manchmal einfach daran scheiterte, gut sein zu wollen.

 

Er war nicht so klug wie seine Angebetete und als Kind hatte er auch schon Unheil angerichtet, als er alles recht machen wollte.

 

Einmal hatte er aus lauter Eifer fast das Kanu versenkt, als er heimlich fischen gefahren war, weil sein Vater an jenem Tag keinen Fang gemacht hatte, ein anderes Mal hatte er seiner Mutter giftige Cassavas zur Nahrungszubereitung gegeben, weil er gemeint hatte, er könne schneller als sie diese Wurzel, die Blausäure und Azeton freisetzen kann, genießbar machen. Anstatt sie fein säuberlich zerkleinert sechs Stunden im Schatten ruhen zu lassen, hatte er sie im Ganzen ins Wasser geschmissen. Fast hätte seine Sippe dran geglaubt.

 

Und jetzt sollte er die mächtige Carrucho holen?

 

 

  

Jedenfalls musste er es wagen. Vielleicht wollte er bei dieser großen Aufgabe sich beweisen, dass er auch etwas erfolgreich zu Ende bringen konnte.

Also machte er sich an einem schönen Tag, an dem das Meer freundlich und ruhig war auf. Er war ja ein guter Schwimmer und Taucher. Wenn er Pech hatte, konnte die Zauberschnecke allerdings auch die See gewaltig aufwühlen. Doch wie sollte er die Mondschnecke finden? Das Wasser gab das Versteck des Meerestieres nicht preis und schon gar nichts wies auf die Stelle hin. 

 

Er paddelte einfach ins Azurblaue, sprang irgendwann, als er des Paddelns überdrüssig geworden war, aus dem Boot und schwamm mit kräftigen Zügen zum Meeresboden, der über und über mit Korallen und Seetang bewachsen war und eine eigene tanzende Welt barg.

 

Weiter unten, wo nurmehr weißer Sand leuchtete, war etwas, das pulsierte und wirbelte. Das tat sich aber auch in seinem Brustkorb, in dem es immer stärker pochte, was ihn an die Meeresoberfläche zwang. Mit aller Kraft sog er Luft ein, als er mit lautem Platschen den Meeresspiegel durchbrach. Mit Boot, in das er sich gehievt hatte, ruderte er nochmals an den viel versprechenden Fleck und hechtete nun mit einem gewaltigen Satz ins Wasser. So schnell er konnte, drang er in die Tiefe vor, bis ihm die Ohren und Lungen schmerzten. Als er die Augen öffnete, erblickte er das Seltsamste, das er je unter Wasser gesehen hatte. 

Ein Schwarm Haie führte dort unten einen Tanz auf, so perfekt im Reigen, wie es sonst nur seine Leute bei großen Festen taten. Sie wirbelten so gesittet wie ein Schwarm Makrelen in einer vollkommen gleichmäßigen Spirale um einen glänzenden, kleinen Punkt.

 

Wenn diese Raubtiere im Blutrausch waren, schossen sie wie verirrte Pfeile mit geblecktem Revolvergebiss durcheinander.

Dieser konzentrische Wirbel allerdings war Hatuey unheimlicher, als die wilde Jagd durcheinander schießender Haie. Dennoch tauchte er, magisch angezogen, mit kraftvollen Tempi tiefer, bis er zwei Mann hoch über den Raubtieren schwebte.

 

Das war die Carrucho, ohne Zweifel, welche die Meeresräuber in ihren Bann gezogen hatte! Doch weiter konnte er nicht, denn die Leiber der Säbelflosser waren so dicht aneinandergedrängt, dass er nicht durchkam. Es war, als ob die Schnecke eine Leibwache aus Knorpelfischen zur Rundumparade gebeten hätte.

 

Keine Chance, diese Barriere aus tanzenden Fischen zu überwinden. Hatuey musste unverrichteter Dinge auftauchen.

Er hievte sich ins Boot und paddelte nach Hause, wo er sich in ein dunkles Eck zurückzog. Er würde nie die Mondschnecke kriegen, wenn die Haie bei Tag….Da kam ihm eine Idee: Bei Tag! Eine Mondschnecke! Bei Nacht müsse er sie suchen. Vielleicht sogar in einer Vollmondnacht!

 

Ungeduldig wartete er Tage und Nächte, bis sich der Mond in vollem Glanz zeigte. Sein Dorf feierte, man aß und trank wie an allen Vollmondnächten während er sich davonstahl.

 

Unter dem von Mond und Sternen hellerleuchteten Nachthimmel schnappte er sein Kanu und fuhr wieder zu der Stelle, wo er den Haireigen gesehen hatte. Hatuey sprang ins Wasser und tauchte nach besten Kräften, als ihn von unten seltsame Wirbel kitzelten. Zwar konnte er dank der hellen Karibiknacht etwas sehen, aber weitaus weniger als am Tag.

 

Dunkle, verschwommene Fetzen wehten langsam im Gleichtakt mit den Spitzen. An einem Ende hatten diese seltsamen verzerrten Rauten, lange Schwänze. Es waren Rochen, und zwar viele Rochen! Die mystischen Unterwasserflugdrachen glitten flügelschlagend rund um einen kleinen, silbern leuchtenden Fleck, denselben, den die Haie umkreist hatten.

 

 

 

Hatuey hatte kaum Zeit, nachzudenken, weil ihm die Luft langsam wieder ausging. Er verfügte zwar über einen langen Atem, aber für solche Überraschungen, wie im Kreis tanzende Haie und Rochen reichte er nicht. Es war sogar gefährlicher, zwischen die Rochen zu tauchen, als zwischen die Haie. Rochen fraßen zwar keine Menschen (was Haie versehentlich taten, wenn sie Menschen mit Robben verwechselten), aber sie hatten am Schwanzende Giftstacheln und ihr Flügelschlag war äußerst bedrohlich, weil er starke Wirbel verursachte. Fischer waren weniger den Haien zum Opfer gefallen, als diesen Wesen, die sie, weil sie sich dem Meeresgrund anpassten, übersahen.

Es war also unmöglich, die Schnecke da rauszuholen.

 

Unverrichteter Dinge musste Hatuey ans Ufer zurückkehren. Er schmiss sich enttäuscht auf den kühlen feuchten Sand, als an sein Ohr eine Art Quietschen drang.

 

Es war ein Sternaugen-Einsiedlerkrebs, der sich eher unfreiwillig ans Ufer begeben hatte. Hatuey mochte seinen Ohren nicht trauen. Hatte dieses Schalentier nicht eben so was wie „Au!“ geschrien?

 

Er nahm den Gesellen und hielt ihn samt Gehäuse zwischen Daumen und Zeigefinger in die Höhe. Der Kleine ruderte und klapperte mit seinen Scheren. Außerdem klang es so, als ob dieses Meerwesen etwas flüsterte oder zischte. Mehr aus Spaß hielt er es an sein Ohr, nicht ohne darauf zu achten, dass der sicher erboste Kleine ihn nicht in dessen Muschel zwicken konnte. Doch Hatuey hatte vergessen, dass der kleine Linkshänder, pardon, Linksscherer war und so rief auch er „Autsch“! Da, tatsächlich hörte er sowas wie: „Lass mich runter!“ Er war verdutzt. Seit wann sprachen Tiere? Oder besser, seit wann konnte er die Sprache eines Krebses verstehen? 

Da dämmerte ihm, dass diese Nacht eine besondere Vollmondnacht war: die erste nach der Sommersonnenwende. Da, hieß es, da könnten Menschen Tiere verstehen und die Tiere die Sprache der Menschen.

 

Er hielt seinen Gefangenen nun vor sein Gesicht und sagte: „Warum soll ich dich runter

lassen?“

„Weil ich dir alles vom Meeresgrund bringen kann, was du willst.“

„Was soll ich wollen, was ich nicht selber heraustauchen oder herausfischen kann?“, antwortete Hatuey, der sich nach seinem Versagen besser fühlen wollte und nun vor einem Krebslein angab, das ihn mit blauen Sternaugen anglotzte, als er stutzte… Das war es!

 

„Kannst du mir etwa die silbernweiße Carrucho bringen? Nicht, dass ich das nicht schaffen würde...“

„Klar kann ich das.“, antwortete der Kleine, der mit seiner Rotfärbung ein wenig cholerisch wirkte . Er wollte ja freikommen.

„Schwörst du mir, das du das kannst und auch tust?“

„Ich schwöre.“ Nun ja, diese Krebsart war nicht als besonders zimperlich bekannt und trampelte auch schon mal zarte Seeanemonen nieder. Aber vielleicht war das ja eine Chance.

„Wie willst du das machen? Das ist ja eine Zauberschnecke. Sie holen ist nicht ungefährlich... hmm, für dich nicht ungefährlich.“

„Mir fällt schon was ein.“

„Wie weiß ich, dass du mich nicht austrickst?“

„Die Meeresgöttin steht auf deiner Seite. Ich darf dich nicht austricksen.“

 

Hatuey nahm sein Boot und brachte seinen gepanzerten Verbündeten etwa zu der Stelle, wo die Meeresjäger ihren Tanzboden hatten und ließ ihn ins Wasser gleiten. Der sank rasch tiefer und glitt auch zwischen den kiemenbewehrten Tänzern zu Boden, direkt vor das leuchtende Schneckenhaus.

Die Carrucho war über das unsensible Tier nicht sonderlich erbaut. „Was willst du?“,sang sie in dem ihr eigentümlichen feinem Ton.

„Carrucho, mein Haus ist zu klein geworden. Ich brauche ein Neues.“

„Ja dann such dir eins.“

„Hier?, Hier ist nichts Passendes.“

„Warum kommst du dann her?“

„Kann ich nicht bei dir wohnen?“

„Weißt du nicht, wer ich bin?“

„Nein“, log der Krebs und sah die Schnecke mit seinen unschuldigen blauen Augen an.

„Du kannst nicht bei mir wohnen. Ich bin dir gleich zu klein.“

 

Das stimmte, denn die Mondlichtcarrucho war nicht groß, nur irgendwie sehr stark.

„Ach ich muss aber bald unterkommen, sonst fressen mich deine Wächter.“

„Wächter?, Das sind nicht meine Wächter. Sie holen sich Kraft.“

„Kraft?“

„Ja.“ Warum glaubst du wohl, sind diese Fische so stark?“

„Weil sie dauernd im Kreis schwimmen?“

„Nein, weil sie seit Jahrtausenden in meinem Kraftfeld schwimmen.“

„Aha.“ Jetzt fühlte auch der kleine Dardanus Venosus (ein Name dem ihn viel später einmal Meeresbiologen geben würden) sich eigenartig stark.

Schlau, wie er nun einmal war, sagte er: „Lass mich ein wenig ausruhen. Dann bin ich kräftig genug, mir woanders eine Bleibe zu suchen.“

Die Carrucho hatte nichts dagegen, war sie doch selbst ein wohlwollendes Wesen, das im Grunde für seine besondere Stärke nichts konnte. Vielleicht aber war es ja auch das Mondlicht, das sein Gehäuse gesponnen hatte, das ihm Sanftheit verlieh.

Der kleine scherenbewehrte Geselle blieb also in der Gesellschaft der wunderschönen Schnecke, ohne in ihr Haus einzudringen.

 

Mittlerweile verging oben auf der Insel der Tainos die Zeit. Hatuey wartete und wartete. Tage und Nächte. Er hatte keine Idee mehr. Er aß nicht, und trank wenig und mochte sich nicht an den Gedanken gewöhnen, Alida zu verlieren. Ohé, Ein schönes Fest wäre das geworden, der Einzug in das Haus ihres Onkels. Viele kleine Prinzessinnen und Prinzen und Fischer hätte er mit ihr haben können. Mit der Carrucho hätte sie geheilt und viele Fische hätte er dank ihr an Land ziehen können.

 

Hatuey blähte keine Nüstern mehr, als er Trübsal vor sich hin blies. Er blieb an der Küste und die Sonne sengte seine Haut. Das merkte er kaum, der Schmerz in seinem Inneren war stärker.

Doch nach unzähligen Tagen kam plötzlich Wind, was zu dieser Jahreszeit ungewöhnlich war und ehe Hatuey sich versah, türmte sich vor ihm eine zwei Mann hohe Welle auf. Der Junge wäre sicher zu spät weggesprungen, doch machte der Wellenberg keine Anstalten, zu brechen. Aus seinem Grat hüpfte, nein flog ein kleiner Krebs heraus. In seiner linken Schere glänzte etwas weiß-silbern.

Hatuey sprang auf. Die Carrucho, das musste die Carrucho sein!

Der Krebs landete vor seinen Füßen. „Da hast du die Zauberschnecke. Was bekomme ich dafür?“

 

Hatuey überlegte. „Was kann ich dir schon geben?“

„Haha, nichts, mein Freund. Ich bin stark, sehr stark. Aber meine Genossen, die kannst du in Ruhe lassen. Fängt sich eine in deinem Netz, wirf sie zurück, lass sie ins Meer.“

„Okay. Aber wie hast du sie holen können?“

„Oh, das ist mein Geheimnis. Ich verrate nur so viel: Warten und Kraft sammeln.“

 

„Ohé, Nan.“ Hatuey verstand es noch nicht. Er ahnte nur, dass er selber zu schnell aufgegeben hatte. „Soll ich dich zurück ins Meer bringen?“

Doch der Krebs antwortete nicht, sondern raste geradezu ins Wasser.

Vorsichtig hob Hatuey die kostbare Schnecke auf. Als er sie berührte, fühlte er sich frisch und stark, als ob er die letzten Tage normal gegessen, getrunken und gearbeitet hätte. Als er so zu seiner Geliebten schritt, wunderte er sich, dass er noch nach vier Nächten den Krebs hatte verstehen können. Denn wie erwähnt, das geht nur in der Vollmondnacht nach der Sommersonnenwende.

 

Aber, Ohé, es ist ein Märchen und der Junge kriegte seine Prinzessin, die noch viele Menschen heilte. Sie gründeten auch eine glückliche Familie und Hatuey, der früher alles richtig machen wollte, hatte so großen Respekt vor der wundertätigen Schnecke, dass er sich beschied. Er tat nun, was zu tun war, gewissenhaft und ohne große Ergebnisse anzustreben.

 

Er war sich bewusst: früher war Einiges schief gegangen und nicht auszudenken, wenn die Carrucho die Wirkung seiner Taten verstärkt hätte.

Die Taino waren freundlich und ohne Gier, und dieses Verhalten besiegelten sie mit ihren Areytos: Liedern und Gruppentänzen. So passierte nichts Böses, solange die Carrucho in den Händen Alidas war.

Niemand darf sich wundern, dass Hatuey und Alida sich eines Tages einig waren, die Schnecke wieder zurück zu bringen. Es hätte auch das Gleichgewicht der Meere empfindlich gestört, wenn Haie und Rochen geschwächt worden wären. Auch hatte das junge Paar genug Kraft gesammelt, um sogar sein Volk anzuführen, aber es gab immer schon Menschen, die gerne noch viel stärker geworden wären, um viel Macht zu bekommen. Wie ein Hurrikan würden sie zerstören, was sie besitzen wollten.

Als 1492 große Schiffe im Osten auftauchten, kam das Ende der märchenhaften und paradiesischen Zeit. Daher kennt bis heute niemand mehr das Lied von Hatuey, Alida und der Zaubercarrucho.



Wie die Erzählung über die Carrucho zustande kam

 

 

Toni, ein lebhaftes fantasievolles Kind, das lieber Indianer als Cowboys mit ihren Freunden spielte und sich gerne Geschichten ausdachte, war abenteuerlustig wie ein Bub. Und das, obwohl sie, da sie zu früh den Bauch ihrer Mutter verlassen hatte, stets die Kleinste war und nur nicht übersehen wurde, weil sie quirlig herumwuselte und ihre weizenblonden Locken in rascher Abfolge an verschiedenen Stellen aufblitzten.

 

Sie war überaus neugierig auf die Welt, in der sie aufwuchs; auf die ganz große weite Welt, die sie zuerst nur durch Lesen kennenlernte und erst als sie erwachsen wurde auch reisend erfuhr. Was bringt es, wenn man über alles andere weiß und über sich nicht? Toni wusste über sich nicht alles Wichtige. Sie wusste, dass sie in einer Familie lebte, die aus Ungarn geflohen war, sie wusste, was sie mochte und was nicht. Aber sie erfuhr erst spät, dass ihr Vater nicht ihr Vater und ihre Mutter nicht ihre Mutter war und ihre Schwestern waren auch nicht….

 

Mit fünfzehn fand sie heraus: Ihre Großeltern mütterlicherseits hatten sie adoptiert und ihr Vater war ihr leiblicher Großvater und eine ihrer angeblichen Schwestern war ihre Mutter. Denn der Großvater hatte es als sehr schlimm befunden, dass seine erst zwanzigjährige Tochter Antonia empfangen hatte, ohne verheiratet zu sein und hatte sie schlecht behandelt. Jahrzehnte lang hatte er ihr vorgeworfen, der Familie Schande zu bringen, so dass Tonis Mutter irgendwann nicht mal für sich genug Selbstliebe hatte, geschweige denn ihrer einzigen Tochter jemals Liebe zeigen konnte.

Und so leugnete sie, ein Kind geboren zu haben, die Mutter von Toni zu sein, sogar, als das Geheimnis schon lange zerbröselt war. Doch wo war Tonis Vater? Wer war er?

 

Toni fand es erst heraus, nachdem sie, erwachsen geworden,  das „Elternhaus“ verlassen hatte. Mit 35 Jahren traf sie ihren Vater und ihre beiden Halbgeschwister erstmals in den Vereinigten Staaten. Deren Mutter war eine Puertoricanerin.

 

Antonia freute sich ungemein über „ihren“ Familienzuwachs und wurde von ihrer Stiefmutter und ihren Stiefgeschwistern herzlich aufgenommen. 

Aber, die puertoricanische Sippschaft strahlte auch etwas Besonderes aus. In Antonias Augen war etwas, etwas Altes, etwas, wie eine völlig andere Lebenserfahrung, ein Temperament, einen Nachhall... Antonia fragte nach, sich an ihre Vorliebe aus ihrer Kindheit für Indianer erinnernd. Ihre Stiefmutter erzählte ihr, dass sie noch etwas von den Taino in ihrem Blut hatte.

 

Taino. Das waren jene Indios auf den Antilleninseln, die als erstes Christoph Columbus und seinen Leuten begegnet waren und für die diese Begegnung ganz schrecklich endete. Jahrhunderte lang glaubte man sogar, dass sie ausgestorben waren. Niedergemetzelt von den Eroberern aus Europa.

Grade mal eben, als Antonia ihre Familie vollständig beisammen hatte, hatten Wissenschaftler, die sich mit Vererbung befassten, einer Wissenschaft, die aufspürt, was sich im Körper als Spur von Ahnen, die hunderte, ja tausende Jahre früher gelebt hatten, wiederfindet, entdeckt, dass die Tainos eben doch nicht ganz ausgestorben waren. In Antonias Stiefmutter waren sie immerhin zu einem Achtel repräsentiert.

In Antonias Augen aber war sie ein wunderbarer Zweig ihrer Familie an einem Baum, dessen Wurzeln den ganzen Erdball durchfurchten. 

Als dann eines Tages ihre Stieftante starb, berührte sie das zutiefst, obwohl sie sie nur einmal gesehen hatte. Sie gekannt zu haben und mit der Schwester, ihrer Stiefmutter befreundet zu sein, war ein großes Glück.

Das beste Mittel die Dankbarkeit auszudrücken, schien ihr, eine Geschichte zu erfinden, in der sie ihr liebgewonnene Persönlichkeiten eine märchenhaftes Erscheinung schenken konnte. Die Erzählung sollte eben auch an eine alte Kultur erinnern, die nicht nur in Vergessenheit geraten, sondern beinahe verdrängt ist.

 

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