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Das ASOI-Treffen

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Fast ein Deja-Vu. Nur, kein Sesselkreis, keine Person, die sich durch aufrechte Haltung und einem auf dem Schoß liegenden Block als Moderatorin ausweist. Kein Gemisch der Gerüche, jener, welche Körper entließen, vom vorhergehenden Aufenthaltsort mitnahmen, oder durch Parfümierung zu übertünchen suchten.

Niemand, der die Initiative übernehmen mochte und keine Teilnehmer, die durch in sich gekehrte Haltung die Absicht verrieten, sich vor Äußerungen zu drücken. Auch kein muffiger Teppichboden, und kein Parkett, auf dem Sesselbeine leicht ächzende Geräusche hinterlassen, wenn sie bewegt werden. Es handelt sich um ein Treffen, das nur virtuell stattfand.

 

Der Aufwand wäre überflüssig, ja persönliche Anwesenheit sogar irritierend, denn in gewisser Weise hätten sich alle Teilnehmer ähnlich gesehen. Ein Mann hätte dem anderen fast aufs Haar geglichen, trotz eigenwilligem Erscheinungsbild, trotz Kleidung, die sagen wollte, der Träger derselben sei definitiv individualistisch.

 

Ja, auch die Frauen hätten einander geglichen. Alles irgendwie dieselben Typen, einem Schönheitskanon folgend, in mathematisch exakten Verhältnissen proportioniert, symmetrisch bis zur Augenbrauenspitze und gewiss jugendlicher, als es das wahre Alter zugelassen hätte. Die gesamte Transgender-Community hatte die Individualität, die sie sich erkämpft hatte, verloren. Sogar die optische Grenze zwischen Androgynie und klassischem Geschlechtsstereotyp war verschwunden.

Vor allem aber waren alle mit ihrem Äußeren einem gewissen Anachronismus verfallen, hängen geblieben in einer Ära, in der einschlägige Berufsvertreter gut daran verdient hatten, Körper und Einbildung jener zu formen, die am Makel des gezeugten oder gewachsenen Schönheitsfehlers litten: Schlankheitsgurus, Diätspezialisten, Schönheitschirurgen, Make-up-Artists...

 

Kein Mitglied der elf Personen umfassenden Gruppe war also an demselben Ort anwesend, sondern in einem virtuellen Zirkel. Das Gefühl der Gleichwertigkeit ließ sich so am besten simulieren, dass der Kreis der vom selben Schicksal Betroffenen immer wieder auf einem Bildschirm beschworen wurde. Ausladende Armgesten, demonstratives Kopfdrehen, Phrasen wie:„...wir hier in der Runde“, es wandert herum“, zieht Kreise, ein geschlossener Ring“ kursierten durch diverse Lautsprecher und Ohrknöpfchen. Emotional bewegende Musik half, Gefühle zu vertiefen, die wohl bei vielen wegen partialer Gesichtslähmung nicht zum Ausdruck kommen konnte. (Nein nicht wegen Botox, das lange schon out war, sondern wegen epigenetisch programmierter Muskelerschlaffung). Natürlich gab es einen „Moderierenden“ dessen Aufgabe es war, trotz Gleichwertigkeit alle Teilnehmer sich besonders und ganz angenommen fühlen zu lassen.

Vor allem fiel er nicht sonderlich auf, denn er war einer von elf Avataren, recht realistisch anmutenden holografischen Repräsentationen.

Aber sie besaßen im Gegensatz zu ihren Schöpfern kleine, künstlich erzeugte Makel. Biologische Schemata männlicher und weiblicher Erscheinungsbilder, der Geschlechtslosigkeit waren, durch eine kleine Asymmetrie etwa der Münder, eine angedeutete Hautunreinheit, einer am Ende etwas entglittenen Kontur, verrückt worden. Diese Makel hatten die Teilnehmer des ASOI-Treffens als Teil eines therapeutischen Prozesses annehmen müssen.

 

Eben war „Liver“ am Wort, Liver hieß natürlich anders, musste aber als Nickname jenes Organ nennen, an dem er am meisten herumgedoktert hatte.

 

„Ihr wisst ja, alles fing an, als ich versuchte, meinen Körper aufnahmefähiger für Alkohol zu machen. Wo fängt man an?“ Eine kleine übertriebene dramatische Pause folgte. „Nicht beim Hirn, bei der Leber. Halleluja auf die Genombaukasten-Heimsets.“ (Die gab es gar nicht, nur Generica-Viren mit etwas zweifelhaftem Organprogramming, doch GVK-Home sprach das Bastlerherz im Manne an). „Optimierung mit maximalem Lustgewinn, wollen wir das nicht alle?“, fügte er, sich räuspernd, hinzu.

 

Die gesamte Runde gab sich unbewegt, er sah nur aufmerksame Gesichter, die alle irgendwie etwas hatten, was nicht perfekt war, phänotypisch leicht verunfallt, könnte man sagen. An die begann der Sprecher sich rasch so zu gewöhnen, als ob er sie nie anders als makellos wahrgenommen hätte.

 

Dabei weiteten sich eben im Gesicht eines anderen Teilnehmers die etwas zu breiten Nasenflügel, die sich aus Missproportionen ergebende Grimasse einer anderen Teilnehmerin schnitt noch tiefer in die Gesichtszüge ein. Die Avatare wanden sich auf ihren Sitzen, als wären sie betroffen. Ob die authentischen Personen die selben Gefühle hegten? Wir wissen es nicht.

 

Wer sich Muskelentspannung programmieren ließ, wusste zwar, dass er/sie nie eine Depression bekommen konnte, aber dem Gehirn wurde auch ständig signalisiert, dass das Leben unglaublich langweilig war oder unfassbar...

 

Der Sprecher selbst, Liver, hatte leichte Fettansätze, welche ihm Gemütlichkeit verliehen und die ursprüngliche Entschlossenheit ehemals filmreif scharf gezeichneter Körperkonturen verdrängt hatte. „Ja, mit der Leber begann es und nachdem ich meine Leber mit Frischzellen und Genscherenschnittchen optimiert hatte, bumm, was passierte? Meine Haut erblühte rot gesprenkelt.“

 

„Mmh“, äußerte der Moderator. „Nebenwirkungen, die dir gar nicht recht waren. Ich nehme an, nach der Leber kam die Haut zum Renovieren dran.“

„Ja, die Haut, und dann… wir sind heute beim Anfang, nicht? Also das war der Anfang.“

„Das war der Anfang, mehr vom Anfang? Genug bis jetzt?“

„Genug.“

 

„Söhnchen, du siehst aus, als würde es dich drängen…“, wandte sich der Moderator mit einer Viertelkreisdrehung des Kopfes an den Nächsten die Nächste?

Söhnchen nickte und stellte in typisch weiblicher Geste seine Beine parallel und schräg, so dass die hübsch geschwungenen Gehwerkzeuge so richtig zur Geltung kamen. Söhnchen war eine Frau und führte diesen den Namen, weil sie ihren männlichen Spross umformen hatte wollen.

 

„Angefangen hat es mit den Gentests bei mir und dem Vater von Lee.“, säuselte sie und ließ mittels Wimpernschlag ihre stahlblauen Augen blitzen: „Wir wollten das Beste aus unserem Material herausholen. Wir waren gleicher Meinung, dass, welche Mischung auch immer von uns Zweien unseren Jungen ausmacht, ihm der Gendoktor den letzten Schliff gibt.“ Ihre Stimme war natürlich ebenso optimiert, wie die anderer Teilnehmer. Es gab übrigens je zwei Qualitäten: „Flöte“ und „Organ“ für Frauen, „Öl“ und „Kraftmotor“ für Männer sowie zusätzlich „Mezzo“ für alle, natürlich an die ursprüngliche Stimmlage angepasst. Man wollte wenigstens akustisch unverwechselbar sein.

 

„Der Gendoktor. War eine Krankheit absehbar?“

„Nein, unser beider Erbgut war prächtig. Nur, als der Vater Charakterschwächen zeigte, die sich vielleicht vererbt hätten...“

„...Ah, das vererbt sich neuerdings… was vererbt sich genau?“

„Vielleicht nicht Charakterschwäche… ich wollte nur nicht, dass mein Junge...“

„Aha. Du wolltest nur das Beste, so fing es an...“

 

„Ja“, seufzte sie… „so hat der Wahnsinn begonnen. Keine Zelle mehr mein Junge.“

 

Ein(e) Transgender-Teilnehmer*in war unruhig geworden: Seine/ihre wohlmeinenden Erzeuger hatten beabsichtigt gehabt, ihm/ihr schon bei den Keimanlagen einen kleinen Vorsprung zuzuschanzen. Der sollte vom optimalen Genom kommen, wie er von Watson errechnet worden war. Quasi der goldene Schnitt für die Gesamtheit der Doppelhelices.

 

Forme dein Selbst zu Gold. hatte der Glaubenssatz aller Teilnehmer dieser Runde gelautet. Dieser Slogan hatte, nachdem er jene, die ihm hörig gewesen waren, mit sich unglücklicher als zuvor hinterließ, letztendlich die Selbsthilfegruppe vereint. Ihre Teilnehmer*innen hatten sich nun zum zweiten ASOI Treffen gesellt, wenn man diese Form der Zusammenkunft so nennen kann, dem Treffen der Anonymen Selbstoptimierer.

 

Sie waren bereits im zwanzigsten Jahrhundert aufgetaucht, gesellschaftlich durchaus akzeptiert und vergleichsweise harmlos Hand anlegend, denn das hatten nicht sie selbst, sondern Spezialisten besorgt, von denen schon die Rede gewesen war. Nach Fitnessberatern, ästhetischen Chirurgen et cetera tauchten jene Fachkräfte auf, die ins Bau- und Erbmaterial der Zellen eingriffen und aus hocheffizienten Forschungslabors für den Kommerz rekrutiert worden waren. Molekularästhetikambuanzen, kurz „MAIAs“ genannt, wurden ihre neuen, lukrativeren Arbeitsplätze. Klang wie Maja, schöner Schein, kam aber von „Aisthesis“.

 

Da gab es etliche, die das Gen-Reparaturset an sich gelegt, andere, die sich zu Schöpfer ihrer Nachkommenschaft aufgeworfen hatten und solche, welche dem Gestaltungswillen ihrer Erzeuger zum Opfer gefallen waren.

Nun war einer aus der letzteren Leidensgruppe an der Reihe, zu sprechen. Der Name: „So eins“. 

 

 „So eins“, „Liver“, „Söhnchen“; die Namen waren ebenso wie die kleinen Makel Teil des therapeutischen Prozesses und verschafften gleichzeitig jedem Teilnehmenden jene gewisse selbstironische Individualität, die er wegen seines Wahns, innerlich und äußerlich nicht nachvollziehbaren Kriterien zu entsprechen, verloren hatte.

 

Als Suchterkrankung war Selbstoptimierung erst erkannt worden, nachdem jeder/jede Zugang zu Werkzeugen bekommen konnte, die ursprünglich Spezialisten in wissenschaftlichen medizinischen Einrichtungen vorbehalten gewesen waren. Was natürlich einen Preisverfall in der Genmanipulationsbranche nach sich zog.

 

Nach dem großen Paradigmenwechsel hatte der Schritt zum kollektiven Gelassensein, was weniger eine spirituelle Qualität, als Enthaltsamkeit in der Selbstumgestaltung bedeutete, sehr sehr lange gedauert. Aber der Trend zum „Sosein“ war unaufhaltbar und hatte damit auch ASOI-Zirkeln zu einem Boom verholfen.

 

Am Ende würde das Ideal erreicht sein, das jeder Teilnehmende dieser Treffen anstrebte: die vollkommene Re-Naturalisierung, die perfekte Natürlichkeit, frei vom Makel künstlicher Eingriffe…

 

Die Umkehrbewegung ging so weit, dass viele begannen, alte Drucke ausdrucksstarker mittelalterlicher Porträtmalerei zu sammeln. Nicht Dürers Hase prangte auf Zeichenblöcken, sondern das Konterfei seiner alten, schielenden Mutter. Die grimassierenden Köpfe von Franz Xaver Messerschmidt erzielten auf Auktionen Preise, von denen Rembrandt- und Da-Vinci-Sammler nur hätten träumen können.

 

Doch der größte Traum in dieser final optimierten Gesellschaft war noch nicht erreicht: Einander in unmittelbaren, ja verfänglichen Situationen wirklich und tatsächlich begegnen zu können. In einem Alltag, ganz zufällig, wo Kleidung nicht mehr als Körperbedeckung war, weil sie die Funktion des Kaschierens abgelegt hatte, Haltung der simplen Balance diente, und die ureigensten Gesichtszüge, so wie die elterlichen Keimzellen sie durch Vereinigung geschaffen und das Leben sie geformt hatte, mit einer Vehemenz entgleisen durften, die schon lange nicht mehr erlebt worden war. Und sei es beim Durchgerüttelt-werden, wie es sich bei einem heftigen Niesanfall ergab.

 

Möge er bald in Erfüllung gehen. Schlafwandlerisch, bar jeder Kontrolle, ganz natürlich.

 

 

 

 

 



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